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Interviews & Artikel

TELESCOPES

Wofür Hendrix gestorben ist

Bei ihrer Gründung vor fast dreißig Jahren wurden THE TELESCOPES von der englischen Musikpresse zunächst euphorisch abgefeiert, dann bald wieder fallen gelassen, weil die Band sich eben nicht um Trends geschert und ihr ganz eigenes Ding durchgezogen hat. Shoegaze, experimenteller Noise, Psychedelic, Drone, hier fand und findet alles seinen Platz. TELESCOPES-Mastermind Stephen Lawrie gibt anlässlich des neuen Album „Hidden Fields“, kürzlich auf Tapete Records erschienen, Einblicke in eine bewegte Bandgeschichte.

Die Anfänge (1987/88)


Ich habe THE TELESCOPES 1987 nach einem missglückten Selbstmordversuch gegründet. Ich bin in einem turbulenten Umfeld aufgewachsen, für mich gab es nur Musik oder Tod. Musik schien zunächst etwas Unerreichbares; die Künstler, mit denen ich aufgewachsen bin, schienen Wesen aus einer anderen Welt zu sein. Und als die Turbulenzen zunahmen, war Musik kein Thema mehr. Nachdem ich die Nacht mit den Tabletten im Magen verbracht hatte, wachte ich in einem Krankenhaus auf, mit Kabeln an eine Maschine geklemmt. In der Ferne konnte ich Musik im Radio spielen hören, ein weichgespülter Brei, absolut nichtssagend. Das hat mich dazu gebracht, etwas zu machen, das mich anspricht.

Am Anfang existierten THE TELESCOPES nur in meinem Kopf, aber schon bald gab es die ersten Songs, „Suicide“, „Kick the wall“, und ich begann, nach Gleichgesinnten zu suchen. Zuerst stießen David Fitzgerald und Joanna Doran dazu. Wir drei haben dann eine Menge Schlagzeuger und Bassisten verschlissen. Kurz vor einer Show in Nottingham hatten wir wieder einmal einen Drummer verloren. Ich lebte damals mit Dominic Dillon zusammen, der mit Robert Brooks spielte. Die beiden sprangen kurzfristig ein und waren schließlich eine ganze Weile mit dabei.

Als Nick Allport vom Sowing Seeds-Fanzine auf Einladung von Joanna eine unserer Shows sah, war er so begeistert von unserem Sound, dass er uns fragte, ob wir eine Flexi Disc auf seinem neuen Label Cheree Records herausbringen wollten. Unsere erste Veröffentlichung auf Cheree war dann eine Split-Flexi mit LOOP. Unseren Beitrag, „Forever close your eyes“ hatten wir auf einem Vierspurrekorder in der Wohnung aufgenommen, die ich mit Dominic teilte und die gleichzeitig auch unser Proberaum war. Ein seltsamer Ort, an dem man immer das Gefühl hatte, beobachtet zu werden, und wenn jemand einen Hund dorthin mitbrachte, ist der Hund total ausgerastet. Dort habe ich eine Menge Songs geschrieben. Um diese Zeit herum haben wir Mike Stout getroffen, der uns dazu einlud, mit ihm und seinem Mitbewohner Richard Formby in einem Studio in Leeds aufzunehmen. Wir haben dort „Kick the wall“ und „This is the last of what’s coming now“ aufgenommen, Cheree hat diese Tracks sofort als 7“ herausgebracht und John Peel hat die in seiner Radioshow abgefeiert. Schließlich bekamen wir auch mehr Aufmerksamkeit von der Musikpresse und der damals florierenden Fanzine-Kultur, und Cheree beschloss, dass wir eine EP herausbringen sollten. Auch für diese 12“, „7th# Disaster“, gab es viel gute Publicity. Damit wir ein Album veröffentlichen konnten, schlug Cheree vor, uns zukünftig nur zu managen und einen Deal mit einem größeren Label für uns auszuhandeln. Bei einer Show mit SPACEMEN 3 willigten wir ein, bei What Goes On Records zu unterzeichnen. Kurz danach lud uns John Peel zu einer Session ein. Also haben wir die Gelegenheit genutzt und vier Live-Versionen von dem Material eingespielt, an dem ich für unser kommendes Album arbeitete.

Darling der Indiemedien (1989/90)

In der Nacht, bevor die Aufnahmen für „Taste“ begannen, schrieb ich „The perfect needle“. Es war, als wäre ich verhext und der Song schriebe sich von selbst. Die lokale Musikszene bestand damals fast ausschließlich aus Junkies oder Popmusiknerds und sie alle hielten die TELESCOPES für einen Witz. Dieses Lied war wohl mein an sie gerichtetes „Fuck you“. Die eigentliche Session in einem kleinen Studio in den Midlands begann früh morgens mit den Pianoaufnahmen von Dominics Schwester Rose für „And let me drift away“. Wir nahmen insgesamt 16 Songs auf, genug für ein Album und eine EP. Zunächst waren wir in zwei Gruppen gespalten: Dominic und Dave fokussierten sich darauf, unseren Live-Sound einzufangen, Richard und ich widmeten uns den experimentelleren Sachen. Um den Sound hinzubekommen, den wir für „The perfect needle“ und „Sadness pale“ wollten, baute uns der Studiotechniker Ken MacPherson sogar Fuzzpedale nach unseren Wünschen. Wir haben eine Menge Gitarren overdubbed und alle möglichen Sachen darunter und damit abgemischt. Für das Ende von „Suicide“ haben wir einen laufenden Ventilator zwischen das Mikrofon und den Bassverstärker gestellt, um eine Vibration und einen Atemeffekt zu erzeugen, wenn der Bass gegen Ende des Albums in reines Dröhnen mündet. Auf der Vinylversion haben wir zusätzlich einen Lockgroove eingebaut, so dass der Sound so lange zu hören ist, bis der Hörer die Nadel anhebt. Das ist ein Spiegel unserer Live-Shows, bei denen wir die Gitarren immer an den Amps klirren gelassen haben, bis der Veranstalter sie ausschaltete. Ich nenne das gerne das TELESCOPES-Lebenserhaltungssystem. Manchmal dauerten diese Drone-Symphonien zwanzig Minuten oder länger!

Nachdem die zuerst erschienene „The Perfect Needle“-EP schon sehr gut angekommen war, toppte unser Debütalbum „Taste“ das sogar noch und schoss auf Platz zwei der Indie-Charts. Gelegentlich werde ich gefragt, warum die Drums und Vocals verhältnismäßig leise abgemischt sind. Meiner Meinung nach spiegelte dieser Mix genau den Klang wider, der entsteht, wenn wir alle zusammen in einem Raum spielen. Ich war nicht daran interessiert, es auszudünnen, damit es genau dem entspricht, was man im Radio hört.

Die nachfolgende „To Kill A Slow Girl Walking“-EP fiel noch eine Spur experimenteller aus und wurde um eine Art Drilleffekt gebaut, den ich mit der Gitarre und Kens selbstgebastelten Pedals erzeugte. Auch sie war recht erfolgreich und führte zu einem Melody Maker-Coverfeature und einer Vorstellung auf MTV, wir waren plötzlich Headliner und tourten durch ganz Europa. Im Mainstream hinterließen wir dennoch keinen bleibenden Eindruck. Als unsere nächste Platte, die „Precious Little“-EP, fertig war, war WGO pleite und wir gehörten einem Konkursverwalter, weswegen kein Label uns unter Vertrag nehmen wollte. Wir tourten zu der Zeit mit PRIMAL SCREAM und kamen so in Kontakt mit Alan McGee von Creation Records. Er kam zu unserer Show in Birmingham und fand es so laut und heftig, dass er wieder ging. Am nächsten Tag hielt er das für eine gute Sache und bat uns um ein Treffen. Er hat alle rechtlichen Dinge geklärt und uns bei Creation untergebracht. „Precious Little“ konnte schließlich doch noch herausgebracht werden.

Die Creation-Jahre (1990 bis 1992)

Nach „Precious Little“ waren wir eigentlich bereit, ein neues Album zu machen, aber bei Creation hatten sie andere Pläne. Man hatte uns bisher unser Ding machen lassen, aber vom Mainstream waren wir nach ihrer Meinung viel zu weit entfernt. An diesem Punkt änderte sich alles. Wir sollten uns darauf konzentrieren, ein Teil dessen zu werden, wogegen ich mit THE TELESCOPES ursprünglich aufbegehrt hatte. Richard und ich tauchten immer tiefer in unsere Studioexperimente ab, um nicht im Meer der Musikindustrie zu ertrinken. Wir mussten einen Weg finden, uns selbst treu zu bleiben und diese neue Richtung klanglich interessant zu gestalten, etwas weniger austauschbar.

Inzwischen waren unsere Live-Shows immer chaotischer und gewalttätiger geworden. Ich begann mich dem, was wir geschaffen hatten, fern zu fühlen, wie ein eingesperrtes Tier. Ernüchtert wandte ich mich von Noise ab und psychedelischeren Klängen zu. Auf dem Reading Festival 1990 haben wir unseren neuen Sound dann erstmals auf die Bühne gebracht.

Es folgten zwei weitere EPs, „Everso“ und „Celeste“, beides fein ausgewogene Kompromisse zwischen dem vom Label forcierten kommerziellen Erfolg und unseren Studioexperimenten. Der Mainstream begann uns wahrzunehmen und wir wurden in eher für Teenager gedachten Zeitschriften und Fernsehsendungen gefeaturet. Creation gab uns schließlich grünes Licht für die Aufnahmen eines neuen Albums, mit einer weiteren EP als Vorläufer. Alan schlug vor, „Flying“ mit Guy Fixsen in den Protocol Studios in London aufzunehmen und danach mit ihm an dem Album weiterzuarbeiten. Die „Flying“-EP wurde zwar auf einer Topliste des Radio-DJs Mark Goodier geführt und ein Teil des Songs „Flying“ wurde als Intro für eine Kinderfernsehsendung namens „Activ-8“ verwendet, dennoch schaffte sie es nur in die Top 70 der Mainstream-Charts. Guy hatte mein Interesse für den Bereich „Wärme des Sounds“ und verschiedene Verdichtungstechniken geweckt und wir willigten ein, auch für unsere Albumaufnahmen mit ihm zu arbeiten. Unser Auftrag von Creation war, ein Album voller Songs wie „Flying“ aufzunehmen, um möglichst viele Singles für einen Angriff auf die UK-Top-40 raushauen zu können. Stattdessen schnappte ich mir alle Demos und fing mit dem Hintergedanken, die Dinge, die Guy Fixsen ins Spiel gebracht hatte, einzubauen, wieder ganz von vorne an. Während der Sessions arbeiteten Guy und ich 24 Stunden, jeden Tag.

In den Aufnahmen werden alle möglichen Klänge verwendet: Es gibt zum Beispiel einen bekannten Langwellen-Radiokanal in England, der 24 Stunden am Tag eine Art Morsesignal überträgt. Ein Sample davon haben wir aufgenommen und als Intro für „Ocean drive“ verwendet. Wir haben auch einen Teil von „Kick the wall“, das auf dem ersten Stock gespielt und mit einem Mikrofon eine Etage darunter aufgenommen wurde, als Link zwischen „Please tell mother“ und „To the shore“ verwendet. Ein Aufziehspielzeugauto kam mehrfach zum Einsatz, in der ersten Strophe von „Spaceships“ ist ein zischendes Geräusch zu hören, das viele fälschlicherweise für Regen halten, das aber tatsächlich Guy ist, der Zucker in ein Glas Limonade kippt. Auch einige vermeintliche Gitarrenklänge (zum Beispiel auf „And“) sind eigentlich verbal von Guy produzierte Laute. Wir experimentierten auch mit verschiedenen Instrumentierungen, Aufnahmetechniken, Arrangements und Atmosphäre als solcher.

Im Vergleich zu der Wall of Sound der Vorgänger klingt „#Untitled“ viel offener. Es war ein Schock für viele Hörer und nahezu die gesamte Musikpresse hasste es. Steve Sutherland vom Melody Maker hat es zusammen mit anderen Platten, die er für Shoegaze hielt, verrissen. „It’s just not what Jimi died for“, lautete die Quintessenz seiner Rezension. Obwohl auch Jimi Hendrix es manchen Quellen zufolge gegen Ende seines Lebens leid gewesen sein soll, nur als Zirkusfreak wahrgenommen zu werden, von dem jeder verlangt, dass er seine Gitarre verbrennt. Er wollte, dass seine Musik ernst genommen wird, das war die Idee hinter der BAND OF GYPSIES. Wenn man die Dinge aus dieser Perspektive betrachtet, machten wir doch genau das, wofür Jimi gestorben ist.

Zwar kamen wir auf Tour dennoch gut an, mit der ganzen schlechten Presse ging es aber steil bergab. Die Plattenläden reduzierten ihre Bestellungen und das Album wurde ignoriert. Auch von dem vorgesehenen US-Deal war keine Rede mehr. Mein Vorschlag „You set my soul“ zusammen mit drei Studioexperimenten auf der B-Seite als Single herauszubringen, wurde als maßlos abgeschmettert, Creation forderte einen Hit. Zu dem Zeitpunkt hatten sich meine zwei erfolgreichsten Songs quasi selbst geschrieben. Ich mühte mich monatelang ab, bis die Plattenfirma mich schließlich fallen ließ.

Während der Albumaufnahmen waren mir die Spannungen, die sich in dem Haus, das wir gemeinsam in London bewohnten, entwickelt hatten, nicht bewusst gewesen. Als wir in die Midlands zurückkehrten, stellten Dominic und Rob mir ein Ultimatum: „Dave oder wir.“ Dave haderte zu der Zeit mit sich selbst und dachte, es sei das Beste, wenn er aussteigen würde, also zog ich mit. Nick Hemming stieg für Dave ein. Wir spielten ein paar Shows zusammen, bis Dominic und Rob ankündigten, dass sie ausstiegen. Der Split war eine Schlammschlacht. Wir hatten einen Proberaum und ein Studio an Dominics Haus angebaut. Ich verlor alles. Das einzige Materielle, das mir von den TELESCOPES blieb, war ein hoher Steuerbescheid, den zu begleichen aussichtslos war. Für weitere TELESCOPES-Aufnahmen fehlten mir die Mittel. Ohne eine Band, Management, Herausgeber, Booking-Agent, Aufnahmegeräte und einen Platz zum Krachmachen stand ich jetzt wieder ganz am Anfang. Nur, dass ich dieses Mal jegliche Perspektive verloren hatte. Es hat Jahre gedauert, damit fertig zu werden.

Der Neuanfang (2002 bis 2004)

Die Internetrevolution und Heimcomputer veränderten in den Mittneunzigern alles für mich. Ich begann mich für die Musik zu interessieren, die die Breakbeat-Kids in meiner Heimatstadt zu Hause in ihren Kinderzimmern bastelten. In den neuen Technologien, die sie benutzten, sah ich neue Experimentieroptionen für die TELESCOPES. Um diese Zeit herum begann ich mich per Mail mit Leuten wie Anton von BRIAN JONESTOWN MASSACRE, Randall von FÜXA und vielen anderen auszutauschen. Mit Randall nahm ich auch auf, er zeigte mir alle möglichen elektronischen Noise-Maschinen. Das waren inspirierende Sessions, wir haben wirklich großartige Musik zusammen gemacht. Schließlich war ich bereit für ein neues Album. Den Kern von „Third Wave“ nahm ich zu Hause auf, der Rest wurde im Studio eingespielt und abgemischt. Das Studio wurde meine Bleibe: Ich schrieb nachts mit Klavier, Hammondorgel und einer Beatbox, die ich mit einem AC30 fütterte. Anstatt einer Bassgitarre benutzte ich die Basspedale der Hammond, um eine Bassspur zu erzeugen. Dann lud ich verschiedene Musiker ein, die dazu improvisierten. Nur kleinere Teile, die absolut nicht funktionierten, schnitt ich heraus. Wie bei allen TELESCOPES-Aufnahmen gibt es eine Verdichtung von elektronischen und akustischen Lagen, nur dass dieses Mal die Gitarren fehlten und die Vocals auf ein Minimum reduziert waren. Live-Shows waren mit so vielen Musikern und so viel Equipment nahezu unmöglich. Wir haben eine Show mit 15 Musikern an Sitars, Hörnern, Piano, Laptops, Theremins, Casios, Tablas, Bohrmaschinen, Kontrabass, Schlagzeug, Basspedalen, Violine, Cello und allem, was sonst noch auf dem Album zu hören ist, gespielt. Es war ein großer Spaß, aber auf Tour nicht umsetzbar.

Also reduzierte ich die Band auf vier Mitglieder: Lorin Halsall und Jerry Hope von den DUST COLLECTORS, Jo und mich. Jerry hatte das Flügelhorn auf „Third Wave“ eingespielt, bei Live-Shows benutzte er Metallketten und verschiedene andere Gegenstände, um damit die gewünschten Texturen zu erzeugen. Lorin legte seine Gitarre auf einen Tisch und frickelte mit allen möglichen Dingen daran herum, außerdem spielte er das Theremin. Jo spielte die Basspedale und sang Harmonien mit mir, während ich einen EDP Wasp-Synthesizer, Gitarre, ein Theremin und ein DR-Sample spielte. So tourten wir und improvisierten verschiedenste Songversionen, alles sehr experimentell. Unser Sound wurde noisiger und dichter. In Chiasso spielten wir Versionen von „Winter“ und „The perfect needle“, die wir so auch aufnehmen wollten und schließlich als „The Winter“-EP auf Hungry Audio herausbrachten. Zu der Zeit hatte ich auch mein eigenes Label Antenna Records gegründet und bereits Platten von FÜXA, LOS PLANETOS DEL AGUA und einem französischen elektro-akustischen Duo namens O veröffentlicht und beschloss, das anstehende vierte Album selbst herauszubringen.

Dunkle Zeiten (2005 bis 2008)

„#4“ wurde komplett zu Hause mit dem um Randall Nieman von FÜXA und Tony Woodall von LPDA ergänzten Tour-Line-up produziert. Der Sound war eine konsequente Fortführung der „Winter“-EP: Zwar ähnlich wie „Third Wave“ aufgebaut, aber mit einem dunkleren Unterton. Es gibt eine Menge Gitarren auf diesem Album, aber nur sehr wenige werden auf konventionelle Art eingesetzt. Nach der Fertigstellung des Albums beschloss Jerry, dass er seiner Band DUST COLLECTORS mehr Zeit widmen wollte und stieg aus.

Wir tourten und brachten das Mini-Album „The Hungry Audio Tapes“ heraus, das auf der Idee basierte, Haushaltgegenstände als Instrument zu benutzen. „Where it comes from ...“ wurde um alte Bettfedern und ein Xylophon aufgebaut, „Household objective #2“ wurde um das Geräusch eines Teig mischenden Brotbackautomaten geschrieben. Um diese Zeit herum brachten wir die akustische EP „Auditory Illusions“ auf Double Agent heraus. In diesen Aufnahmen gab es einen Kontrabass, der mit einem batteriebetriebenen Handventilator an den Saiten zum Dröhnen gebracht wird, ein mit Schlegeln gespieltes Banjo, mit Bögen gespielte Akustikgitarren und eine mit Kugellagerkugeln gefüllte Steeldrum. Außerdem nahm ich die 7“ „Night Terrors“ auf, die sich mit der Schlafstörung „Nachtangst“ befasst. Ich leide seit Jahren daran. Die meisten Instrumente habe ich selbst eingespielt, Lorin hat einen Theremin-Part übernommen. Die zweite Seite war Teil der Haushaltsgegenstände-Aufnahmen, die hier in einer Kakophonie alle gleichzeitig spielen, während ein Moogerfooger-Pulsieren durch einen Pignose-Verstärker geschickt wird und jemand im Hintergrund Geschirr spült. Jo hat dazu einen Gitarrenpart beigesteuert.

Mit drei neuen Platten am Start wollten wir FÜXA für eine gemeinsame Tour aus den Staaten rüberholen. Ein paar Tage vor Tourbeginn spielten wir drei eine Warm-up-Show in Southampton. Auf unserem Weg zurück in die Midlands schlief Lorin total erschöpft am Lenkrad ein. Ich wachte gerade noch rechtzeitig auf, um zu verhindern, dass wir ein vor uns fahrendes Auto mit vollem Tempo rammten. Lorin lenkte gegen, verlor die Kontrolle und crashte. Sein Wagen war ein brennendes Wrack. Wir haben zwar alle überlebt, trotzdem war von da an nichts mehr wie vorher. Die Tour ging planmäßig weiter, die Shows waren großartig, aber danach gingen wir alle drei getrennte Wege.

Das Experiment geht weiter (2008 bis 2011)

Ich spielte alleine weiter, bis ich auf dem Audioscope-Festival in Oxford Bridget Hayden traf. Sie trat dort auf mit dem VIBRACATHEDRAL ORCHESTRA. Das Festival veröffentlichte eine Split-10“ unserer Performances, ich sah ihr Artwork online und fragte sie, ob sie ein Sleeve für eine Kompilation machen könnte. Neil von VCO schlug dann vor, dass ich doch einfach mal mit Bridget jammen sollte. Bei unserem ersten Zusammenspiel waren wir von dessen Intensität schon fast erschrocken und beschlossen, es aufzunehmen. Aus diesen Aufnahmen gingen „Infinite Suns“ und ein paar Singles („Psychic Viewfinder“, „Another Whip“ und „Landing Shadows“) hervor.

Unsere Aufnahmetechnik war denkbar einfach: Wir haben ein unidirektionales Mikrofon zwischen unsere beiden Verstärker gestellt und alles live auf eine C90-Kassette aufgenommen. Ich merkte bald, dass ich das Aufnahmelevel ein wenig zu hoch gesetzt hatte, weshalb die Spitzen überlastet waren und diesen großartigen übersättigten Aussetzereffekt erzeugten, den man nur auf Kassette hinbekommt. Es hat bestens zur Musik gepasst. Wir tourten eine Weile als Duo und wurden zum ersten Mal als TELESCOPES in die USA eingeladen, um mit FÜXA und LSD AND THE SEARCH FOR GOD zu touren. Die Leute dort hatten „Everso“ und „Celeste“ erwartet und bekamen stattdessen improvisierten Noiseterror. In Las Vegas stürmten sie die Bühne und schmissen Dinge nach uns, bis jemand den Hauptschalter fand und uns den Saft abdrehte. Auf Long Beach war es ähnlich. Die Leute liebten oder hassten es. Dazwischen gab es nichts. Von da an wurden sowohl akustische Performances von mir allein als auch Noise-Events zusammen mit Bridget gebucht. Außerdem begannen Bands anzufragen, ob sie ein paar Songs mit mir spielen könnten. Aus manchen dieser Sessions sind dann auch einzelne Shows oder ganze Touren hervorgegangen. Ich brachte das Live-Album „Aftertaste“ und eine weitere Single heraus.

Auf einer weiteren US-Tour auf der ich von Ricky von BJM und Mitgliedern von LSD unterstützt wurde, nahmen wir eine Session für die „Part Time Punks“-Radioshow in L.A. auf. Wir spielten dort eine Droneversion von „Black eyed dog“, die nur so nach neuen Lyrics schrie. Schließlich wurde „HELD“ daraus. Für den zweiten Track „TORN“ wies ich alle dazu an, sich das Riff zu „Suicide“ vorzustellen und drum herum zu improvisieren, ohne es zu spielen. Ich vereinfachte den Drumsound zu einem erbarmungslos primitiven Beat und sang darüber, keine Ahnung was, manche Wörter weiß ich selbst nicht. Zurück in England wurde mir bewusst, dass dies keine gewöhnliche Radiosession gewesen war, sondern ein Album, das ich schon immer machen wollte, bestehend aus zwei Stücken, jedes eine ganze Seite lang, total improvisiert ohne aufgeblasene Drum- oder Leadgitarrensoli, aufgenommen an einem Nachmittag. Neon Sigh wollte es herausbringen, also klärten wir das mit „Part Time Punks“ ab und veröffentlichten es als das TELESCOPES-Album „HARM“. Das Artwork für „HARM“ hat Bridget – wie auch die Sleeves für „Infinite Suns“ und die „Landing Shadows“-Single – handgedruckt. Musikalisch hatte Bridget sich mittlerweile von den TELESCOPES verabschiedet, um sich auf andere Projekte zu konzentrieren.

Zurück zur Band (Heute)

Zurück in Glasgow spielte ich „You know the way“ mit ST DELUXE ein. Nachdem mit Tapete ein neues Label gefunden war, beschlossen wir, gemeinsam ein ganzes Album aufzunehmen. Alle Songs auf „Hidden Fields“ außer „Absence“ wurden live als Trio mit mir an der Rhythmusgitarre, Brian McEwan am Bass und Ross Cameron an den Drums eingespielt. Lediglich „Every sense“ brauchte ein paar Takes, alles andere haben wir beim ersten Mal im Kasten gehabt. Wir haben kaum Equalizer beim Abmischen des Albums benutzt, den Sound haben wir schon vor der Aufnahme so eingestellt, wie wir ihn wollten. Das hat dem Ganzen einen viel volleren Klang gegeben.

Alle Lieder wurden auf der Akustikgitarre geschrieben. Inspiration fand ich in alltäglichen, aber nachhaltig beeindruckenden Geschichten: „Absence“ etwa ist eine Momentaufnahme, die ich von meiner Großmutter in Erinnerung habe. Gegen Ende ihres Lebens wurde sie so unter Tabletten gesetzt, dass sie in ihren eigenen Träumen zu verschwinden schien. Es ist ein Gefühl der Hilflosigkeit, wenn du jemanden so siehst und weißt, dass du nichts tun kannst. Einen Song darüber zu schreiben, gibt dem zwar auch keinen Sinn, aber ich habe oft das Bedürfnis, den Dingen, die mich nicht loslassen, eine Art kreatives Denkmal zu setzen.

Anke Kalau

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #122 (Oktober/November 2015)

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