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Interviews & Artikel

BOYS

Verboten in China

Anfang 2015 machten sich die 1976 in London gegründeten THE BOYS auf, eine Tour in China zu spielen. Nicht die erste einer westlichen Punkband, und vor allem die einer Band, die alles andere als einen Ruf als Krawallmacher hat, doch die chinesischen Behörden sahen das anders ... Sänger und Gitarrist Matt Dangerfield erzählt, wie es zum Abbruch der THE BOYS-Tour in China kam.

Mittwoch, 14.01.


In Shanghai wird schnell klar, dass der Straßenverkehr hier anderen Regeln folgt: Schutzkleidung, Scheinwerfer oder Blinker, die die weitere Fahrtrichtung anzeigen, scheinen hier optional zu sein. Motorisierte Fahrzeuge ignorieren beliebig rote Ampeln und Fußgängerüberwege oder fahren auf dem Bürgersteig. Und die Fußgänger sind ähnlich unbekümmert, wenn es um ihre Sicherheit geht. So konnte ich einen sehr alten Mann beobachten, der schlurfend und in aller Ruhe eine stark befahrene Kreuzung diagonal überquerte. So läuft das hier nun mal: Niemand regt sich auf, und ich habe keinen einzigen Unfall oder Wutausbruch beobachten können.

Diese Kakophonie aus Hupen, Tuten und Gemecker ist so etwas wie die Hymne dieser Stadt. Auf eine seltsame Art und Weise ist das Ganze schon wieder symphonisch, und die Permanenz dieses Geräuschpegels sorgt im Endeffekt dafür, dass es dir nach einer Weile gar nicht mehr auffällt.

Dieser umtriebige und chaotische Charakter Shanghais passt gut zu der Geschichte dieser Stadt: Hier haben die Chinesen die Briten auf den Geschmack von Tee gebracht, und die Briten revanchierten sich durch die Einführung des Opiums. Auch der chinesische Kommunismus sowie Maos Kulturrevolution trieben hier erste Blüten. Heute sieht man Häuser im viktorianischen Baustil aus der britischen Kolonialzeit neben futuristischen Wolkenkratzern. Entlang der Straßen tun die Chinesen das, was sie schon immer getan haben – sie kaufen und verkaufen seltsame Dinge, kochen und essen seltsame Gerichte, spielen seltsame Brettspiele oder schauen einfach nur zu. All dies geschieht in einer gewohnt lauten, aber gleichzeitig ruhigen Atmosphäre. Trotz seiner über 23 Millionen Einwohner fühlt man sich bei der niedrigen Kriminalitätsrate recht sicher.

An unserem Hotel erwartet mich eine Willkommensüberraschung in Form meines alten Kumpels Mark Harrison. Ihn kenne ich seit 1978, damals war er Drummer bei der BERNIE TORME BAND, die uns auf unserer ersten Headlinertour durch Großbritannien als Support begleitet haben. Als er in Thailand von unserer Chinatour erfuhr, nahm er den 4.000-Meilen-Trip auf sich, um uns zu besuchen.

An diesem Abend nahmen wir die erste von vielen chinesischen Mahlzeiten zu uns. Wir trafen uns mit Chachy und Peter von der in Shanghai ansässigen multinationalen Punkband ROUND EYE, die die Tour für uns organisiert hatten und bei neun Gigs auch als Support spielen sollten. Insgesamt ein wirklich guter Abend, drei Dinge haben sich ganz besonders in meiner Erinnerung eingeprägt: Zum einen die lebenden Frösche im Schaufenster des Restaurants, die wohl drauf und dran waren, miteinander Sex zu haben – ähnlich wie Gefangene, die auf ihre Todesstrafe warten. Dann gab’s da noch einen Gang, der sich „Zertrümmertes Hühnchen“ nannte und zwar vorzüglich schmeckte, allerdings in Form eines kompletten Hühnchens serviert wurde, aus dem einzelne Knochen noch herausgepickt werden mussten. Zu guter Letzt eröffnete man uns, dass eins der Gerichte, die wir gerade so genossen hatten, Frosch gewesen war.

Donnerstag, 15.01.

Cas, John, Martin und ich waren ja bereits seit gestern im Land und hatten dementsprechend Zeit, uns an das hiesige Klima zu gewöhnen. Unser neuer Bassist Kent Norberg hingegen landete erst heute nach einem regelrechten Flug-Marathon: Las Vegas, New York, Amsterdam, Dubai, Shanghai. In der Hoffnung, dass er sich bis zum Abend ein wenig erholt hatte, schickten wir ihn schnell ins Bett.

An diesem Abend stand nämlich der erste von neun Gigs an. Da in letzter Sekunde gebucht, war dieser Auftritt als kurzes, akustisches Warm-up gedacht, das wir zur Not auch ohne den gejetlaggten Kent über die Bühne bringen konnten. Die Location war eine an die Universität angeschlossene kleine Live-Bar. Da der Gig durch mittlerweile vier Supportbands doch etwas größer geworden war, beschlossen wir, ein ganzes Set mit E-Gitarren zu spielen. Als wir uns gegen 18 Uhr in der Hotellobby trafen, erfuhren wir von Chachy und Peter, dass sowohl der heutige Gig als auch die eigentliche Shanghai-Show im YYT durch das Kulturministerium abgesagt wurden. Als Gründe wurden „Massenkontrolle und Sicherheit“ angegeben, denn bei einer Massenpanik in der Neujahrsnacht waren hier 36 Menschen gestorben. Später erfuhren wir, dass Chachy zu einem Treffen ins Kulturministeriums beordert worden war, und wir ihn an diesem Abend wohl nicht mehr sehen würden. Oder auch nie wieder? In so einem Fall hilft nur ein Drink. Peter von ROUND EYE nahm uns mit zur Shanghai Brewery, einer trendigen Bar in einem mindestens genauso trendigen Viertel der Stadt, das immer noch als French Concession bekannt ist.

Freitag, 16.01.

An diesem Morgen berichtete Chachy uns von seinem Gespräch mit dem Kulturministerium. „Die gute Nachricht zuerst: Es wurde niemand festgenommen ... bis jetzt“, begann er. Obwohl die beiden Gigs in Shanghai gecancelt wurden, hat man kein Wort über die Gigs außerhalb der Stadt verloren. Das war erst mal ein gutes Zeichen für den Rest der Tour. Darüber hinaus seien drei weitere Busse gemietet worden, um die enttäuschten Fans der gecancelten Gigs zum nächsten Konzert ins zwei Stunden entfernte Nantong zu bringen. Gegen Mittag bekam Chachy dann einen Anruf von den Veranstaltern aus Nantong, die einen Brief des Kulturministeriums sowie einen Besuch von fünf Parteioffiziellen erhalten hatten. Sie wurden ausdrücklich gewarnt, dass ihr Veranstaltungsort mit sofortiger Wirkung geschlossen würde, sollten THE BOYS dort auftreten.

Okay, also ein weiterer freier Tag für uns. Chachy und Peter nahmen uns mit auf eine Sightseeingtour durch die Stadt, auf der wir den Bund besuchten, ein Stück der langen Uferpromenade des Huangpu-Flusses, wo auch die Massenpanik in der Neujahrsnacht stattgefunden hatte. Während unseres Ausfluges rissen die schlechten Neuigkeiten nicht ab: Chachy war ununterbrochen am Telefon, da das Kulturministerium inzwischen auch den restlichen Konzertveranstaltern mit Konsequenzen gedroht hatte, sollten sie uns auftreten lassen. Also waren Shanghai, Nantong, Hefei, Wuhan, Xinxiang, Zibo und Qingdao abgesagt, blieb nur noch der Gig in Beijing. Von dort ließ man uns wissen, man habe noch nichts gehört ... bis jetzt.

Chachy schlug uns für den folgenden Abend vor, eine Secret Show zu spielen. Sie müsste nur in einem Proberaum stattfinden, da diese von den strengen Auflagen der Behörden bislang ausgenommen waren. Wir fanden Chachys Idee großartig, so würde Kent, der noch nie live mit uns aufgetreten war, immerhin seine Chance bekommen. An diesem Abend stand ein Meet and Greet in einer Bar namens Bike Shop auf dem Programm. Und die Bar hielt tatsächlich was ihr Name versprach: Ursprünglich als Reparatur- und Ersatzteilladen für Fahrräder eröffnet, entwickelte er sich schnell zum beliebten Treffpunkt, so dass der Besitzer tagsüber ein kleines Café betrieb und nachts den Laden in eine Bar verwandelte. Zum ersten Mal genehmigte ich mir zwischen Fahrradschläuchen und Bremsklötzen den einen oder anderen ordentlichen Drink!

Samstag, 17.01.

Diesen Abend spielten wir einen geheimen Auftritt im Left Rock Rehearsal Studio. Ein Untergrundkonzert im wahrsten Sinne des Wortes, denn es handelte sich um einen ehemaligen Luftschutzbunker. Durch das Meiden von chinesischen Chatrooms oder sozialen Netzwerken, die in China stark überwacht werden, schafften es Chachy und seine Freunde einige Bekannte und enttäuschte Fans aus Shanghai einzuladen, ohne dass unser Vorhaben aufflog. Es war ein sehr unterhaltsames Konzert mit einem hervorragenden Publikum. In den Raum passten außer uns gerade mal fünfzig Menschen. Es gab kaum Belüftung, somit legten wir aufgrund der Hitze einige Pausen ein. Wenigstens haben wir doch noch auf chinesischem Boden gespielt.

Nach dem Konzert in dem Bunker fand eine Party in der Live-Bar statt, wo wir eigentlich unseren ersten Auftritt hätten haben sollen. Kaum hatte ich ein Glas kaltes Bier in der Hand, kündigte der Barbesitzer an, dass ihm mitgeteilt wurde, die Polizei sei auf dem Weg und wir müssen gehen. Schnell hüpften wir in eine Handvoll Taxis und fuhren zum Neo, einer nahegelegenen Bar, in die wir auch eingeladen worden waren.

Ein Großteil unseres Publikums war uns gefolgt, und kaum waren wir drinnen, leuchtete uns in Neonbuchstaben „Fuck Me I’m Famous“ entgegen, was im Laufe des Abends zum beliebten Fotohintergrund wurde.

In der Bar befand sich eine Bühne, die so klein war, dass nur das Schlagzeug, ein Gitarren- und ein Bassverstärker darauf Platz fanden. Nachdem wir großzügig mit Drinks versorgt worden waren, fragte der Barbesitzer, ob THE BOYS nicht ein paar Songs spielen wollten. Wieso nicht? Für ungefähr eine Stunde spielten John, Martin und Kent ein paar BOYS-Songs und einige Cover, die sie – parallel zum steigenden Alkoholkonsum – kaum noch richtig spielen konnten. Chachy sang einen Song und ich gab „Brickfield nights“ zum Besten. Kurz darauf, als einige Bandmitglieder, deren Namen ich besser nicht nenne, begannen im John-Travolta-in-Pulp-Fiction-Style zu tanzen, war es zweifellos Zeit zu gehen.

Sonntag, 18.01.

Sightseeing stand auf dem Plan. Am Abend, als wir uns mit Chachy trafen, überraschte es uns wenig, zu hören, dass unser letztes Konzert in Beijing ebenfalls abgesagt worden war. Zur gleichen Zeit wurden wir von dem Fernsehsender LETV aus Beijing kontaktiert, der kommenden Freitag ein paar Live-Songs aufnehmen wollte. Außerdem wollte China Radio International am Samstag zwei Songs filmen. Wir sagten beiden zu, aber erklärten LETV, dass wir ein ganzes Live-Set mit Publikum spielen wollten, und sie willigten erfreut ein.

Montag, 19.01.

Wir beschlossen, in Shanghai zu bleiben und Freitag dann direkt nach Beijing zu fahren. Uns wurde mitgeteilt, dass THE BOYS die Schlagzeilen beherrschten und ein Kulturminister dazu im nationalen Fernsehen Stellung nahm. Wir entschieden, das beste aus unserer Zeit in Shanghai zu machen und waren einverstanden, dass Chachy noch einen Geheimgig organisieren sollte, bevor es nach Beijing ging.

Dienstag, 20.01.

Ich gab nach dem Frühstück ein E-Mail Interview mit „Smart Beijing“, in dem es in der Einleitung um die öffentliche Nervosität in Shanghai ging. Nachmittags ging ich mit Cas und Kent einkaufen. Wirklich alles ist in China so viel billiger als zu Hause –weil alles ausnahmslos hier hergestellt worden ist – und trotzdem wird noch erwartet, dass man den Preis runterhandelt. Das Einzige, was einen zurückhält, ist die begrenzte Menge Sachen, die du in deinen Koffer quetschen kannst.

Wir trafen Chachy und Co. zum Abendessen. Er hatte einen weiteren geheimen Gig für morgen Nacht organisiert. Dieses Mal wird es in einem Aufnahme- und Rehearsalstudiokomplex stattfinden. Wir beschlossen – wenn die Technik schon mal da ist – das Konzert auch aufzunehmen.

Mittwoch, 21.01.

Tagsüber führte uns Peter von ROUND EYE zum Propaganda-Museum, in dem es hunderte von Postern aus der Zeit der Kulturrevolution gibt. Sehr zu empfehlen und ein richtiger Augenöffner. Ich kaufte so viele von den kopierten Plakaten wie möglich und hoffte, sie würden alle in meinen Koffer passen.

Der Gig am Abend fand in den Post Tape Studios statt – wieder konnte es undergroundiger nicht sein –, in einem ehemaligen Luftschutzbunker unter einem alten Apartmentblock. Unsere Nasen informierten uns, dass wir uns etwa auf Kanalisationshöhe befinden mussten, während wir immer tiefer vordrangen und über einen Abwasserkanal stiegen, um ins Studio zu kommen. Wenn mal einmal im Studio drin ist, hat man das alles hinter sich. Bis man die Toilette aufsuchen muss ...

Vor dem Auftritt gab es noch etwas zu Essen, während Cas und ich ein weiteres Interview gaben, in dem unser Gesprächspartner uns die Vorzüge von Affenfleisch nahelegte („sehr lecker“).

Dann ein weiteres tolles Konzert! Es hat schon etwas, im Untergrund auf begrenztem Raum zu spielen, mit einer enthusiastischen Menge vor einem, die etwas Blitz-Spirit-ähnliches hervorbringt. Es war auch schön, Tex Doughty von TRANSVISION VAMP und X-RAY SPEX zu treffen, der zum Konzert erschien.

Donnerstag. 22.01.

Wir fuhren zurück zum Studio, um uns die Aufnahmen vom vorherigen Abend anzuhören, die übrigens außerordentlich gut geworden sind. Wir korrigierten ein paar kleine Fehler, fügten ein paar Spuren hinzu und damit war die Sache erledigt. Material für das erste THE BOYS-Live-Album!

Am Abend gingen John, Cas und ich in einen protzigen Club namens The Apartment, wo Chachys Freund Brian Offenther es eigens organisiert hat, den Film „The Great Rock’n’Roll Swindle“ zu zeigen. Im Anschluss war ein Q&A mit uns dreien geplant. Chachy erzählte mir: „Punkrock und Rock generell sind relativ neu in China – seit den späten Achtzigern – und Brian und ich haben immer gedacht, es wäre eine gute Idee, ein Q&A mit Bands zu machen, die ins Land kommen. Um alles in Kontext zu setzen, zeigen wir Filme, die zur Zeit und zum Thema passen. Es ist ein netter Weg für die Künstler und Menschen, sich auf einer persönlichen Ebene kennen zu lernen.“

Freitag, 23.01.

Wir nahmen den Zehn-Uhr-Schnellzug und befanden uns sechs Stunden später im unglaublich verschmutzten Beijing. Shanghai ist schon schlimm genug – in unseren zehn Tagen, die wir dort verbracht hatten, und während der 700 Meilen langen Zugfahrt habe ich kein einziges Mal blauen Himmel gesehen –, doch Peking, so faszinierend die Stadt auch ist, muss einer der ungesündesten Orte auf diesem Planeten sein. Sie haben einen Preis, die ganzen billig hergestellten Produkte, über sich alle Welt freut, und die Chinesen müssen ihn zahlen.

Der Studioauftritt für LETV wurde unser drittes Konzert in China, zu dem viele Zuschauer gekommen waren. Danach wurden wir interviewt und erfuhren, dass der Fernsehsender vorhatte, eine einstündige Dokumentation über uns zu senden, sobald wir das Land verlassen haben. Im Anschluss wurden wir auf ein paar Drinks in die School Bar eingeladen, in der wir eigentlich am darauffolgenden Tag hätten spielen sollen. Die Besitzer behandelten uns wie Könige und wir trafen viele enttäuschte Fans, die aber froh waren, die Möglichkeit zu haben, sich mit uns zu unterhalten und zu betrinken. Wir taumelten in den frühen Morgenstunden aus der Kneipe.

Samstag, 24.01.

Wir besuchten den riesigen Platz des Himmlischen Friedens, der in etwa so groß ist wie zehn Fußballfelder und den man mittlerweile nur durch Sicherheitstore betreten darf. Die meisten von uns konnten nicht widerstehen und kauften sich Mao-Kappen bei den wenigen Verkäufern, die die Erlaubnis hatten, auf dem Platz zu handeln.

Nachmittags fuhren wir in ein Studio, um ein Video für China Radio International aufzunehmen. Sie wollten folgende zwei Nummern haben: „I’m a believer“ und „Brickfield nights“. Wir dachten, das würde sicher nicht lange dauern. Falsch. Da sie keine Hilfsmittel oder Möglichkeiten hatten, ein richtiges Live-Video aufzunehmen, mussten wir jeden Song fünf Mal spielen, damit sie alle Kameraperspektiven und Schnittbilder hatten, die sie haben wollten und brauchten, um das Material mit den Songs synchronisieren zu können.

Wir hatten darauf bestanden, in Beijing die lokale Spezialität zu testen: Pekingente. Es stellte sich heraus, dass das leichter gesagt als getan war, doch letztendlich fanden wir ein Restaurant, das uns gefiel. Nach dem Abendessen und gaben wir in dem fast geleerten Restaurant noch ein Videointerview für China Radio International und gingen anschließend wieder auf ein paar Drinks in die Temple Bar.

Sonntag, 25.01.

Nachmittags um vier nahmen wir den Zug zurück nach Shanghai, aber wir konnten Beijing natürlich nicht verlassen, ohne einen Blick auf die Chinesische Mauer geworfen zu haben. Obwohl wir die Seilbahn nahmen, die einen genau vor den Fuß der Mauer führt, mussten wir uns, um auf die Mauerkrone zu gelangen, 45 Grad steile Rampen und anschließend noch steilere Treppen hochquälen, es hatte frisch geschneit und war vereist. Das wäre auch ohne Kater echt schlimm. Wir waren dankbar für die kurzen Pausen zwischendurch, in denen chinesische Touristen darauf bestanden, sich mit uns fotografieren lassen zu dürfen. Offensichtlich hielten sie uns Ausländer für eine weitaus spannendere Kulisse als ihre nationale Sehenswürdigkeit. Wir waren dennoch wieder rechtzeitig in Shanghai für ein letztes Abendessen mit Chachy und Co. und um uns herzlich zu verabschieden.

Alles in allem war China eine fantastische Erfahrung und ein wirkliches Abenteuer. Trotz der gecancelten Tour haben wir es geschafft, zwei Geheimgigs zu spielen, eine Fernsehdokumentation und zwei Videos zu drehen und ein Live-Album aufzunehmen. Abgesehen davon gab es hervorragendes Essen, wir trafen tolle Menschen und haben das Land und die freundlichen Leute sehr genossen

Okay, es ist ein kommunistisches Land, aber um einen Chinesen zu zitieren, der die meiste Zeit im Westen lebt: „In China haben wir eventuell mehr Freiheiten als ihr im Westen. Die einzige Freiheit, die wir nicht besitzen, ist die Meinungsfreiheit.“ Er könnte recht haben. Jemand anders sagte mir: „In China kannst du machen, was du willst, bis dir jemand sagt, du sollst damit aufhören.“ Das fasst unsere Erfahrungen ziemlich gut zusammen. Das Kulturministerium sagte den Clubs, sie dürfen uns nicht spielen lassen ... aber niemand hat uns explizit verboten zu spielen.

Ein aufrichtiges Dankeschön geht raus an Chachy, Pete, die anderen Mitglieder von ROUND EYE und all ihre Freunde, die da waren, um auf uns aufzupassen, obwohl sie sich damit selbst möglicherweise in Gefahr brachten.

Matt Dangerfield, THE BOYS

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #123 (Dezember 2015/Januar 2016)

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