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Interviews & Artikel

RAMONES-Special: Marty Thau

THE RAMONES – wie alles begann

Es war gegen Ende 1975, als mich Jerry Nolan, der nach seinem Ausstieg bei den NEW YORK DOLLS mittlerweile mit Johnny Thunders’ HEARTBREAKERS unterwegs war, anrief, um mir zu sagen, dass im CBGB, einem neuen Club auf der Bowery, einige neue Bands mit eigenen Songs auftraten, und dass sich im Zuge dessen im East Village eine hippe neue Szene entwickele. Das war Musik in meinen Ohren, denn als die inneren Strukturen des bis dahin so wichtigen Mercer Arts Centers wortwörtlich zusammenbrachen und es seine Türen für immer schließen musste, waren die Künstler in Downtown New York mit einem Schlag heimatlos geworden und in New Yorks Rockszene kam es zu einem abrupten Stillstand.

Ungefähr zur gleichen Zeit erzählte mir auch Johnny Thunders von einer neuen Szene, die sich rund um eine kleine Bar namens Mothers im East Village entwickeln würde und dass eine Band namens RAMONES dort viel Aufsehen erregte. „Du solltest sie dir mal ansehen“, sagte er „die werden irgendwann ganz groß.“ Das weckte meine Neugierde, denn Johnny war definitiv nicht dafür bekannt zu übertreiben, und wenn er diese Band mochte, reichte mir das als Grund. Als ich endlich bei einer Show der RAMONES dabei war, stellte ich schnell fast, dass das eine Band war, die ich liebend gern produzieren würde. Auf eine Art und Weise, die nicht nur vollkommen neu, sondern auch potenziell kommerziell verwertbar war, hatten sie es geschafft, die Rock’n’Roll-Klischees und -Formeln auf deren Kern zu reduzieren. Sie besaßen dieses offensichtliche Gefühl für das, was auf den Straßen los war, verbunden mit einer Philosophie und Einstellung, die Begriffe wie Jugend, Sex, Drogen und Liebe gleichermaßen umfasste. Es war mir klar, dass diese jungen Rocker aus Queens die Musik, die Attitüde und das Köpfchen hatten, um die Speerspitze einer neuen musikalischen Bewegung zu werden, die dann als Punkrock bekannt werden würde.

Nachdem ich die RAMONES live gesehen hatte, wusste ich, dass ich gerne mit ihnen zusammenarbeiten wollte. Ich hatte mir zwar noch keinen Namen als Produzent gemacht, aber angesichts der vielen Stunden, die ich bei Aufnahmesessions von Bands, mit denen ich arbeitete, zugebracht hatte, war ich mir sicher, dass ich der Aufgabe gewachsen war. Zu dem Zeitpunkt war ich noch der Manager der extrem betreuungsintensiven NEW YORK DOLLS, die sich bereits im Anfangsstadium ihrer Auflösung als Band befanden. Ich wusste, dass es sich nur um eine Frage der Zeit handeln konnte, bis es vorbei war. Die RAMONES waren auf der Suche nach einem Manager und es gab das Gerücht, dass ich in der engeren Wahl sei. Aber eine andere Band zu managen war das Letzte, was ich machen wollte. Mein neuer Traum war es, Alben zu produzieren, besonders RAMONES-Alben. Als wir uns endlich trafen, redete ich nicht lange um den heißen Brei herum und stellte von vornherein klar, dass ich am Management einer Band nicht länger interessiert war. Was ich wirklich wollte, war die Möglichkeit, mit ihnen ein paar Songs zu produzieren, um herauszufinden, wie diese im Studio wirken, um mir darüber klarzuwerden, ob sowohl Songs als auch Band zur Arbeit im Studio und zur Aufnahme geeignet waren. Sollte sich dann herausstellen, dass wir musikalisch und menschlich kompatibel sind, könnten wir weitere kreative und/oder geschäftliche Optionen besprechen. Ihre Reaktion auf meinen Vorschlag kam prompt und fiel positiv aus.

Bereits eine Woche später waren wir auf dem Weg in die winzigen Ultima Studios in Blauvelt, NY, 26 Meilen nördlich des Big Apple, in dem schon Bruce Springsteen und Janis Ian einige ihrer frühen Werke aufgenommen hatten. Die RAMONES und ich hatten vor, die mittlerweile bekannten Punkrock-Hymnen „Judy is a punk“ und „I wanna be your boyfriend“ aufzunehmen. Die „Bruddas“, wie sie liebevoll genannt wurden, waren vier hartgesottene Stadtkids, die zur Blütezeit des Top-40-Radios mit den Hits der Fünfziger und Sechziger aufgewachsen waren und ganz genau wussten, was sie wollten – eine Studio-Umsetzung ihres Live-Sounds ohne viel zusätzlichen Schnickschnack, Overdubs oder sonstige Kniffe. Was den Erhalt dieser simplen Unverdorbenheit anging, waren sie sehr stur.

Am Anfang fragte ich mich, ob das in Hinsicht auf ihre musikalische Professionalität bereits alles war, bis mir bewusst wurde, dass es ihre Form von Ästhetik war, niemals den Beat aus den Augen zu verlieren und das Ganze ehrlich und unverfälscht zu halten. Dieser „High-Energy Big Beat“-Minimalismus war Teil der Philosophie der RAMONES und zugleich ihre Antwort auf all die übermäßig zeitaufwändigen und auf Hochglanz polierten Produktionsstandards, die sich in den späten Sechzigern im Rock’n’Roll breitgemacht hatten. Wonach sie strebten, war der gute alte Teenager-Sound der frühen BEATLES (noch vor „Sgt. Pepper“), mit Texten über Spaß und Rock’n’Roll. Einen Sound, den die amerikanischen Kids der Siebziger lieben würden, bei dem sie tanzen und mitsingen könnten und der sie, das war am wichtigsten, kollektiv in ihrem Innersten berühren würde. Zwanzigminütige, selbstverliebte Gitarrensoli oder komplexe Schlagzeugkapriolen würde man niemals auf einem RAMONES-Album hören, genauso wenig bei einer ihrer Live-Shows. Ähnlich wie schon bei den NEW YORK DOLLS in den frühen Momenten ihrer Karriere war ich beeindruckt von ihrem Selbstverständnis und ihrer präzisen Vorstellung davon, was sie erreichen wollten.

Tommy, der ursprüngliche Drummer der Band, war bereits mit den Abläufen während einer Aufnahme vertraut und half, seine Bandmates durch die Session zu leiten. Alles in allem waren die Mitglieder der RAMONES liebenswerte Charaktere, die wirkten, als seien sie einem Comic entsprungen. Allerdings schienen einige von ihnen leichte psychische Probleme zu haben und hätten eine intensive Therapie nötig gehabt. Johnny lächelte niemals und schien permanent kurz vor einem Wutausbruch zu stehen. Dee Dee war in gleichem Maße fröhlich und offenherzig wie ein pathologischer Lügner. Die Widersprüchlichkeit in all seinen Aussagen offenbarte sich meist innerhalb der nächsten Minuten. Joey, ein nervöser Typ und ständige Zielscheibe des Spotts seiner Bandkollegen, sagte nicht viel, aber zu meiner großen Überraschung lieferte er jedes Mal eine nahezu perfekte Gesangsperformance ab. Ich konnte aber nichts mit seinem extrem ruhigen Auftreten anfangen und kam zu dem Schluss, dass er einfach sehr schüchtern war. Jahre später erfuhr ich, dass er an einer Zwangsstörung litt, was sein lethargisches Verhalten größtenteils erklärte. Wir verbrachten ganze vier Stunden damit, diese zwei Songs aufzunehmen. So viel Spaß ich auch bei der Arbeit mit ihnen hatte, von Rockmusikern mit Persönlichkeitsstörungen hatte ich die Nase bereits gestrichen voll. Und man kann wohl sagen, dass jeder Einzelne von ihnen zumindest merkwürdig oder exzentrisch, wenn nicht sogar total durchgeknallt war. Alles in allem waren sie aber sehr liebenswerte Kerle, jedenfalls wenn man darauf steht, dysfunktionale, erwachsene Männer mit ausgeprägtem Zuneigungsbedürfnis zu beaufsichtigen. Nach vier Stunden waren die Aufnahmen fertig, doch leider wurden sie nie richtig abgemischt.

Ein paar Tage später schickte ich Craig Leon, einem jungen Mitarbeiter bei Sire Records eine der kratzigen Kassettenaufnahmen und er spielte sie seinem Chef Seymour Stein vor. Craig und ich waren gute Freunde und trafen uns fast jeden Abend im CBGB, um dort nach neuen Bands Ausschau zu halten. Wir wussten, dass wir mit Künstlern wie Patti Smith, SUICIDE, THE HEARTBREAKERS, RICHARD HELL & VOIDOIDS, THE CRAMPS, TALKING HEADS oder BLONDIE welche sahen, die in die Musikgeschichte eingehen würden. Alle diese Bands wurden später Stars der neuen Punkrock-Revolution. Nur einige Wochen später nahm Sire die RAMONES unter Vertrag. Meine Demos waren zwar nicht der einzige Grund dafür, aber sie hatten bewiesen, dass die RAMONES großartige Platten machen konnten.

Viele der sogenannten „sachkundigen“ Talentsucher dieser Zeit hatten zwar Spaß bei den RAMONES-Shows, waren sich aber nicht sicher, ob sie „kommerziell“ genug sein würden. Keine andere New Yorker Punkband hatte bis dahin einen Vertrag bekommen, und noch war sich niemand wirklich sicher, ob diese neue Bewegung überhaupt Bestand haben würde. Ein Majorlabel-Manager sagte: „Wenn dieser Punk-Schrott jemals Erfolg hat, hänge ich meinen Job an den Nagel.“ Leider stand er nicht zu seinem Wort. Das Musikbusiness verpasste seine Gelegenheit bei den RAMONES und viele Geschäftsleute, die es hätten besser wissen müssen, schauten blöd aus der Wäsche, als die Welt die RAMONES mit offenen Armen empfing. Mit BLONDIE war es das gleiche Spiel. „Sie sieht super aus, aber die Band ist scheiße, da hilft alles nichts“, sagten sie. Na ja, BLONDIE waren letztendlich gut genug, um mehr als 60 Millionen Platten zu verkaufen. Die RAMONES hielt man für eindimensional und dumm. Überraschung! Sie waren klug genug, um zwanzig Jahre durchzuhalten und in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen zu werden.

Craig war damals dafür zuständig, mit ihnen ihre Debüt-LP aufzunehmen, und leistete ganze Arbeit. Das Ergebnis war ihr zeitloses selbstbetiteltes Debütalbum. Natürlich war ich enttäuscht, dass ich nicht als Produzent beauftragt wurde, aber ich war froh, dass Craig dies übernahm, denn ich wusste, er liebte diese Band und würde wissen, was zu tun ist.

Meine Beziehung zu Joey war zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht beendet – es ging noch weiter. In den nächsten Jahren, in denen die RAMONES die Welt betourten und international bekannt wurden, freundete ich mich gut mit dem nun viel kultivierteren und selbstbewussteren Frontmann an. Wir trafen uns ab und an in einer Bar im East Village. um über ihre Berühmtheit, ihren Werdegang und unser Leben für den Rock’n’Roll zu reden. Diese Treffen waren immer ein großer Spaß und endeten meist damit, dass wir um vier Uhr morgens betrunken aus der Bar in die dunklen Straßen des East Village stolperten. Er war ein sehr scharfsinniger und sensibler Typ. Er hatte Verstand und war ein eigenwilliges Exemplar von einem Musiker. Als sich die RAMONES trennten, war er derjenige, der sich beherzt der Musikszene in Downtown New York widmete und vielen jungen und aufstrebenden Musikern beim Weierkommen half. Ich war untröstlich, als er starb, und ebenso die 3.000 Freunde und Fans, die seiner in einer Sommernacht in einer Konzerthalle in Manhattan gedachten.

Die RAMONES haben dem Rock’n’Roll die Energie und den jugendlichen Humor wiedergeben und sind dafür in die Musikgeschichte eingegangen. Noch heute sind sie eine große Inspiration. Die Stadt New York hat eine Straßenecke in dem Block, in dem die RAMONES damals wohnten, in „Joey Ramone Place“ umbenannt. Seine Familie kann sehr stolz auf ihn und sein Lebenswerk sein.

 


Über den Autor

Marty Thau, „the Pope of New York Rock’n’Roll“ (1938-2014), war ein Musikproduzent, der vor allem bekannt war für seine Rolle als Entdecker und Manager der legendären Proto-Punkband NEW YORK DOLLS und sein Label Red Star Records. In den Siebzigern begleitete er in New York die Entstehung des Punkrock, entwickelte ein Gespür für diese neue Musik und arbeitete im Anschluss mit Bands wie den RAMONES, SUICIDE, BLONDIE oder RICHARD HELL & THE VOIDOIDS zusammen. Das 1977 gegründete Label Red Star Records gilt als das erste Independentlabel überhaupt und hatte einige der einflussreichsten frühen Punk- und New-Wave-Bands unter Vertrag. Seine Memoiren unter dem Titel „Rockin’ the Bowery“ sind unglücklicherweise nie erschienen. Im Februar 2014 starb er im Alter von 75 Jahren an Nierenversagen. Diesen Text über die RAMONES sowie eine erste Fassung seiner Memoiren unter dem Arbeitstitel „The Red Star Chronicles“ übermittelte er uns noch zu Lebzeiten, wir fassten zwei Versionen seines Textes zu einer zusammen.

Marty Thau

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #125 (April/Mai 2016)

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D.I. entstanden 1983 in der Orange County Punk Szene zwischen Wegbegleitern wie SOCIAL DISTORTION, AGENT ORANGE und ADOLESCENTS. ... mehr