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Interviews & Artikel

WALLS OF JERICHO

Keine Rettung

Acht Jahre nach „The American Dream“ (2008) haben die 1998 in Detroit gegründeten WALLS OF JERICHO soeben ihr neues Album „No One Can Save You From Yourself“ veröffentlicht, und man fragt sich verwundert, ob das wirklich so lange her sein kann. Doch, richtig gerechnet, allerdings lebten Frontfrau Candace Kucsulain und ihre Band nur in Sachen Studio abstinent, sie waren in all den Jahren regelmäßige Gäste auf europäischen Bühnen, nur mit einer kleinen Pause um das Jahr 2011 herum, als Candaces Tochter geboren wurde. Warum es letztlich so lange gedauert hat, bis ein neues Album erscheinen konnte, was das mit mit dem alten Label Trustkill zu tun hat und warum WALLS OF JERICHO jetzt beim österreichisch-deutschen Label Napalm Records unterschrieben haben, erklärte mir Candace via Skype.

Candace, den Grund dafür, dass dies nach acht Jahren das erste Interview im Ox ist, kann ich auf deinem Skype-Profilfoto erkennen: deine kleine Tochter. Oder liege ich da falsch?


Nein, das ist exakt der Grund, warum es so lange dauerte. Wir nahmen „The American Dream“ auf und tourten bis zum Sommer 2010 damit. Ich hatte den Jungs in der Band erzählt, dass ich eine Familie gründen will, nachdem es darum ging, ein neues Album in Angriff zu nehmen. Ich weiß ja, was das bedeutet: Studio, Tour – keine Zeit für die Familie. Mir war klar, wenn ich als Frau in der Band auf den richtigen Moment warte, um schwanger zu werden, dann warte ich für immer. Ich war verheiratet, wollte eine Familie, so traf ich diese Entscheidung und wurde auch ein paar Monate später schwanger. 2011 wurde meine Tochter geboren. Während der Schwangerschaft konnte ich nicht touren und nach der Geburt wollte ich auch bei ihr sein. Das erste Mal ging ich wieder auf Tour, als sie knapp ein Jahr alt war – das war die Persistance-Tour in Europa. Und seitdem waren wir wieder regelmäßig unterwegs, nicht Vollzeit, aber immer wieder. Seit vier Jahren fahren wir als Band also so eine Art Minimalprogramm, weil ich einfach so wenig wie möglich von meiner Tochter getrennt sein will in diesen für ihre Entwicklung wichtigen Jahren.

Über ein neues Album habt ihr aber trotzdem geredet.

Natürlich, die ganzen Jahre. Ich habe mich auch hingesetzt und wollte Songs schreiben, aber ich wusste einfach nicht über was. Ich war einfach total auf meine Tochter fokussiert, ich konnte mich auf nichts anderes konzentrieren. Vor einer Weile fing ich zudem an, mich für eine Aktion namens Relentless zu engagieren, es geht da um Powerlifting, um Kraftdreikampf zugunsten von schwerkranken Kindern. Und dieses Engagement hat mich dann so inspiriert, hat das Feuer in mir wieder entfacht, dass ich wieder den Antrieb hatte, neue Songs zu schreiben. Und das war die Geburtsstunde des neuen Albums. Ich schaffte es, die Jungs mitzureißen, auch Texte zu schreiben, und dann arbeiteten wir gemeinsam an der Platte, was eine neue Erfahrung war, denn so hatten wir das früher nicht gemacht. Wir inspirierten und pushten uns gegenseitig. Im November 2014 wurde dann aber bei meinem Bruder Larry ein Hirntumor festgestellt, er hatte nur noch ein paar Monate zu leben und starb Anfang 2015. An seinem Todestag am 11. Februar haben wir deshalb jetzt unseren neuen Song „Relentless“ vorgestellt, ihm zu Ehren. Das war damals eine finstere Zeit in meinem Leben, die aber letztlich der Startschuss für das neue Album war.

Acht Jahre sind eine lange Zeit zwischen zwei Alben, und so eine lange Pause kann die Karriere einer erfolgreichen Band massiv beeinträchtigen. Hat dich das umgetrieben?

Ja, aber wir standen ja vor dem zusätzlichen Problem, dass wir kein Label mehr hatten. Wir waren auf Trustkill, das seinen Betrieb 2010 einstellte, und mussten dann erst mal mit rechtlichen Mitteln um unsere eigene Musik kämpfen. Wir wollten also abwarten, bis wir endlich wieder über unsere Platten bestimmen können, um dann mit einem neuen Label zu verhandeln, aber irgendwie bewegte sich da nichts. Bis heute ist unklar, was mit den alten Sachen passieren wird. Aber uns war klar, dass wir als Band nun bereit sind für die neue Platte. Wir sahen das irgendwann pragmatisch: Wenn dich all das als Band killt, dann ist das eben so – und wenn nicht, geht es weiter. Und wir wollten ja immer, dass es weitergeht. Da muss man auch mit Rückschlägen umgehen können. Klar, einen gewissen Druck verspürt man immer, aber wir wollten auch, dass uns das alles Spaß macht.

Inwiefern hat sich mit der Geburt deiner Tochter die Bedeutung der Band in deinem Leben verändert? Hast du jetzt andere Prioritäten?

Klar, und die direkte Konsequenz ist, dass wir jetzt weniger touren. Ich bin eben nicht bloß die Gitarristin der Band. Unser Bassist Aaron hat auch zwei Kinder, und mit der Geburt des ersten ging er nicht mehr so oft mit uns auf Tour und wir suchten uns eine Vertretung. Leider kann man die Sängerin einer Band wie in meinem Fall nicht so einfach ersetzen. Ich musste also einen Schritt zurücktreten und meiner Familie Priorität einräumen. Ich habe durch die Geburt meiner Tochter eben Verantwortung übernommen. Jetzt, da sie etwas älter ist und bald in die Schule kommt, habe ich wieder etwas mehr Zeit für meine Leidenschaften. Es ist mir wichtig, ihr vorzuleben, dass man seine Träume nie aufgeben sollte. Mir ist bewusst, dass meine Entscheidung nach den Maßstäben des Musikgeschäfts nicht ideal war und auch nicht für unsere Band, aber ich brauchte das. Ich weiß sehr zu schätzen, dass die Jungs in meiner Band mich immer unterstützt haben.

Stand es zur Debatte, WALLS OF JERICHO ganz aufzugeben?

Nein. Wir wussten, dass wir im kleinen Rahmen touren können, gerade in Europa. Aus dem Grund waren wir in den letzten Jahren auch nicht in den USA auf Tour, das ist hier einfach zu kompliziert, ohne eine neue Platte im Rücken und wenn es weniger als vier Wochen sind. Eine Platte hatten wir nicht, und ich war nicht bereit, meine Tochter vier Wochen lang alleine zu lassen. Abgesehen davon zogen wir es nie in Erwägung, die Band aufzulösen, und es wurde auch nie diskutiert, mich zu ersetzen. Uns gibt es seit 17 Jahren, wir sind wie eine Familie. Chris, unser Gitarrist, spielt auch bei STICK TO YOUR GUNS, und in den zwei Jahren rund um Patsys Geburt konzentrierte er sich darauf – heute hat diese Band für ihn Priorität und das respektieren wir. Wenn er also mal nicht mit uns spielen kann, finden wir jemand anderen.

Werden Berufsmusiker Väter, geht das Leben in der Regel für sie fast normal weiter: die Frau und Mutter bleibt zu Hause, der Mann ist unterwegs, um Geld zu verdienen. Als Frau stellt sich die Situation existenz- und karrierebedrohend dar.

Ja, es ist eine besondere Situation, weshalb wir uns auch wirklich gut überlegen mussten, wie wir damit umgehen. In der Konsequenz entschied ich mich dafür, erst mal eine Pause einzulegen und abzuwarten, bis meine Tochter etwas älter ist und ich mich bei dem Gedanken wohlfühle, wieder etwas mehr und länger zu touren. Jetzt ist sie auch alt genug, um zu verstehen, warum ich sie für ein paar Wochen alleine lasse und wir uns eine Weile nur jeden Tage via Skype sehen. So fühle ich mich auch besser. Zudem bekomme ich all die Unterstützung von der Familie von Patsys Vater Frankie, und Patsy fühlt sich bei ihren Großeltern wohl. Und wenn ich jenseits von Konzerten etwas für die Band zu erledigen habe, Studioaufnahmen oder Videodrehs etwa, ist Patsy immer dabei. So sieht sie, was ich mache, und lernt es zu verstehen. Und eines Tages, wenn sie alt genug ist, wird sie sicher auch mit auf Tour kommen. Als Frau ist es auf jeden Fall schwer, mit diesem Schuldgefühl umzugehen, sein Kind für die Musik allein zu lassen. Das hat viel mit dem Erwartungsdruck der Gesellschaft zu tun: Für ein glückliches Leben musst du das, das und das tun. Ich bin sehr analytisch und versuche immer, das Richtige zu tun, denn ich will ja noch ruhig schlafen können, und so habe ich mir viele Gedanken über all das gemacht.

Der Albumtitel „Keiner kann dich vor dir selbst retten“ klingt programmatisch.

Wir wollen damit sagen, dass jeder von uns selbst dafür verantwortlich ist, wie viel Gutes es in der Welt gibt. Jeder von uns kann für Veränderung eintreten. Wenn dich etwas stört, liegt es auch in deiner Macht, etwas zu bewegen. Das neue Album ist wirklich anders als unsere bisherigen, wir wenden uns dem Chaos, der Dunkelheit, dem Schmerz in der Welt zu und rufen dazu auf, aktiv zu werden. Lasst uns darüber reden, was getan werden muss. Wir waren schon immer eine Band, die nichts unter den Teppich gekehrt hat, sondern vielmehr unter den Teppich geschaut hat. Wir sprechen offen an, was uns stört, sei es sexueller Missbrauch, sei es die Gewalt in der Welt – alles, was uns umtreibt.

Hast du noch ein „zweites Leben“ oder zahlt die Band die Miete?

Früher waren wir dauernd unterwegs und ich arbeitete zwischendurch mal als Piercerin. Zu Hause rumzusitzen ist nicht meine Art, ich muss immer irgendwas tun. Heutzutage arbeite ich als Trainerin für Powerlifting. Ich habe eine Weile in Ohio gelebt und arbeitete dort bei Laura Phelps – eine der stärksten Frauen der Welt – in deren Trainingszentrum The Sweatt Shop. Da habe ich meine Technik erlernt und verbessert, Spaß am Coaching und Personal Training gefunden und eine entsprechende Ausbildung gemacht. Kürzlich bin ich nach Boston gezogen, und da fange ich jetzt ein Praktikum bei Total Performance Sports an, einem sehr angesehenen Studio für Gewichtheben auf olympischem Niveau. Das ist meine andere große Leidenschaft neben der Musik. Abgesehen davon backe ich für mein Leben gern und ich habe viele Hobbys, liebe Kunst, bastle an alten Möbeln, mache immer irgendwas.

Kannst du zum Schluss bitte ein paar der Songs erläutern? Fangen wir mit „Illusion of safety“ an.

Es geht um die Idee, dass wir uns sicher fühlen wollen in einer Welt, in der wir niemals sicher sein werden. Wir opfern derzeit den Frieden für die Illusion von Sicherheit. Wir mögen übrigens keine vagen Texte, fordern unsere Fans aber dazu auf, sich ihre eigenen Gedanken dazu zu machen. Und da gibt es auch die Verbindung zum Albumtitel: Der Mensch ist von Natur aus selbstzerstörerisch, und dessen muss man sich bewusst sein, da jede Art von Veränderung bei einem selbst beginnt.

„Forever militant“.

Immer in Bewegung bleiben, immer sehen, dass alles ein permanenter Prozess ist. Es ist mir sehr wichtig, sich niemals auf etwas auszuruhen. Neulich fragte mich jemand, ob ich glücklich sei, und ich antworte, dass ich daran arbeite. Ich finde, schon der Weg dahin ist wichtig.

„Probably will“.

Der Song ist ein Cover von CONCRETE BLONDE. Ich liebe die, sie sind wirklich etwas Besonderes, und ich liebe den Text – der hat so viele Bezüge zu meinem Leben. Es geht darum, Stereotypen zu überwinden, selbstzerstörerisches Verhalten, und es jenen zu beweisen, die der Meinung sind, dass du sowieso scheitern wirst. Das hat viel damit zu tun, dass ich eine Frau in einer Band bin, die sich vor 17 Jahren gründete. Man hielt uns für einen Scherz, wir würden sowieso scheitern, keiner traute uns zu, was wir letztlich erreicht haben, ja, dass wir überhaupt so lange überleben. Es war eine lange Reise, um dorthin zu gelangen, wo ich heute stehe. Und genau darum geht es in diesem Song.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #125 (April/Mai 2016)

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