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Interviews & Artikel

TURBONEGRO

Record Collection-Rock

Zwanzig Jahre sind seit „Ass Cobra“ vergangen, zwanzig Jahre seit meinem ersten TURBONEGRO-Konzert in Münster. Also auf nach Köln in die Live Music Hall, um zu sehen, wie sich die Norweger (und ein Engländer) so schlagen dieser Tage – zuletzt sah ich sie vor ein paar Jahren in Dortmund. Eine beeindruckende Rock-Show, perfekt inszeniert, erwartete mich, und genau diese mit Zitaten gespickte Inszenierung macht den Reiz der Band heute aus, auch wenn mich die gefährliche, wilde, unberechenbare Version der frühen Jahre mehr beeindruckte. Aber vorbei ist vorbei, und so schlich ich mich zusammen mit Ox-Kollege Frank Weiffen nach der Show backstage, wo wir mit Knut/Euroboy und Tony Sylvester über damals und heute sinnierten.

Knut, 2016 ist dein zwanzigjähriges Bandjubiläum. An was erinnerst du dich?

Knut: Ich kam im Sommer 1996 zur Band. Ich war auf der „Ass Cobra“-Tour erstmals mit ihnen unterwegs. Die anderen sind etwas älter als ich, fünf bis zehn Jahre, und als ich damals einstieg, war ich 18, und da machte das eine Menge aus. TURBONEGRO waren damals in Oslo, in Norwegen bereits eine sehr bekannte, sehr respektierte Punkband, und ich bewunderte die natürlich. Ich war damals gerade nach Oslo gezogen, freundete mich mit ihnen an. Ich hatte meine eigene Band, KÅRE & THE CAVEMEN, wir spielten Surf-Instrumentals, und Rune von TURBONEGRO wurde unser Manager. Ich studierte an der gleichen Uni wie Tom und Rune, und im Sommer 1994 war ich sogar Roadie von TURBONEGRO. Ich war dann immer öfter bei den Proben dabei, und Tom rief mich auch mal an, ob ich vorbeikommen könne, sie bräuchten Hilfe, sie wollten „Gimme danger“ von IGGY & THE STOOGES spielen und das müsse ihnen jemand zeigen. Damals hatte ich auch mit Tom zusammen eine Band, THE VIKINGS, er mochte meine Leadgitarre. Und die wollte er irgendwann auch bei TURBONEGRO hören. Und dann kam „Ass Cobra“ ...

Was passierte?

Knut: Nach der Veröffentlichung löste sich die Band auf, aber irgendwie hatte so ein gewisser „Buzz“ eingesetzt. Sie „mussten“ sich für eine Tour wieder zusammentun, und sie fragten mich, ob ich Gitarre spielen könne. So fing alles an.

Ein „Nebenjob“, um sich während des Studiums etwas dazu zu verdienen?

Knut: Haha, nein. Bei TURBONEGRO Gitarre zu spielen, war damals nicht gerade das, was man unter einer „Karriere“ versteht. Wir waren ja keine Profis.

Kannst du dich noch erinnern, was dein erster Eindruck von der Band war?

Knut: Mir fiel auf, dass sie zwar nicht die besten Musiker waren, aber wirklich intelligent. Intelligenter als Menschen, die man sonst so aus Bands kennt. Tom ist einer, der sehr gut kommunizieren kann, und das findet man selten bei Musikern. Er war von seiner Denke her eher ein Marketingfachmann als ein Musiker.

Tony: Ein Fachmann für Propaganda!

Knut: Außerdem hatte Tom schon immer ein gutes Gefühl dafür, was cool ist. In der norwegischen Kultur geht es viel darum, du selbst zu sein und ernsthaft, um Ehrlichkeit, seine Gefühle zu zeigen. Doch Tom ging es um Distanz, um Coolness – alles war Theater. Vielleicht, sogar wahrscheinlich hat das was mit seiner halb amerikanischen Herkunft zu tun.

Tony: Ich lernte die Band mit dem „Ass Cobra“-Album kennen, doch das erste Mal live sah ich sie erst zu „Apocalypse Dudes“-Zeiten. „Ass Cobra“ vermittelte genau den Eindruck, den Knut beschrieb, also dass da jemand sehr intelligent vorgeht. Das erinnerte mich stark an die Releases und Bands auf Amphetamine Reptile, das war ganz ähnlich: Too dumb to be clever, but too clever to be dumb. Irgendwo in der Mitte. Mir gefielen all die Zitate und Verweise bei TURBONEGRO. Und sie traten als Einheit auf, diese Typen in Denim und mit Schnauzbärten – es fiel schwer, eine einzelne Persönlichkeit auszumachen, sie traten als Gang auf, als gewalttätig, aggressiv wirkende Glam-Band. Knut mit seinem BAY CITY ROLLERS-Stil, das waren so viele Zitate und Anspielungen ... Was die machten, war Record Collection-Rock! Und so freundeten wir uns auch an, als sie nach England kamen: gleiches Alter, gleiche Einflüsse, die gleichen Sachen gut finden.

TURBONEGRO haben einen Trademark-Sound. Was macht den aus?

Knut: Es fällt mir schwer, das so einfach zu beantworten. Also ... Punkrock ist da im Spiel, die RAMONES, und natürlich Alice Cooper. TURBONEGRO sind die RAMONES AND ALICE COOPER GROUP. Dabei sind TURBONEGRO negativer als die RAMONES, in der Hinsicht sind sie mehr Hardcore-Punk. Ich komme selbst ja nicht aus dem Punk, habe aber auch Einfluss auf die Musik. Tom wiederum hat diese Wut in sich, und die kommt durch seine Musik, seine Kunst zum Vorschein. Mein Job nun ist, dies schön zu verpacken.

Tony: Es geht um den Downstroke, diese Gitarrenarbeit macht den Sound aus. So spielt heute kaum noch jemand.

Wie analytisch, wie planvoll geht ihr bei einer neuen Platte vor?

Tony: „Sexual Harassment“ zu machen, war einfach. Die Hälfte des Materials existierte schon, und die Begeisterung darüber, dass es weitergeht, erledigte den Rest, da kamen viele neue Ideen. Seitdem ist unsere größtes Problem, die Zeit zu finden, sich zusammenzusetzen und an neuem Material zu arbeiten. Was nun einen TURBONEGRO-Song ausmacht, das ist eine gute Frage. Will man „Ass Cobra“ wiederholen? Oder „Apocalypse Dudes“? 1977 wurden die EAGLES anlässlich „Hotel California“ gefragt, ob sie denn jetzt Dinosaurier seien, tot. Sie antworteten, sie hätten „Songpower“. Und wenn man sich jetzt so ein Szenario vorstellt à la „Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn das Attentat auf Hitler erfolgreich gewesen wäre?“, wenn man sich nun also vorstellt, jemand hätte die EAGLES damals gezwungen, sich die SEX PISTOLS anzuhören, damit sie endlich mal gutes Songwriting hinbekommen, dann kommt man der Sache mit TURBONEGRO schon näher, hahaha.

Hitler, THE EAGLES, SEX PISTOLS, TURBONEGRO – das ist eine beeindruckende Abfolge. Aber eure Beschreibungen passen zu meinem Bild von TURBONEGRO als einer Band, die Popmusik verstanden hat und daraus ihre eigenen schrägen Schlüsse zieht.

Tony: Es geht ums Songwriting! Und um Riffs, was viele Bands nicht verstehen. Wenige Bands da draußen wissen beides zu verbinden.

Knut: Was wir da machen, ist auf jeden Fall nicht so einfach, wie es aussieht. Im Studio probieren wir viel aus, und vieles verwerfen wir dann wieder, weil es sich einfach nicht gut anfühlt. Das „Turbo thing“ besteht aus einer Kombination vieler Elemente. Es darf nicht zu ernsthaft sein, denn wenn es zu ernst oder emotional ist, dann funktioniert es nicht. Manchmal würde ich mir wünschen, wir könnten auch mal eine richtige Ballade machen.

Tony: Wir haben es versucht, so im Alice Cooper-Stil, aber ...

Knut: ... wir haben das einfach nicht gut genug hinbekommen. Beim nächsten Mal klappt es aber sicher, hahaha.

Wie sieht es aus mit neuen Aufnahmen? Steht ein neues Album an?

Knut: Wir haben im Laufe des letzten Jahres schon einige Aufnahmen gemacht, dieses Jahr werden einige Studio-Sessions stattfinden, und dann müssen wir mal sehen, ob irgendwann ein neues Album kommt oder ob wir eher Singles und EPs veröffentlichen. Ich denke nicht, dass die Welt ein weiteres schlechtes TURBONEGRO-Album braucht.

Gab es welche?

Knut: Hoffentlich nicht. Ich meine das eher so, dass es ein Album sein muss, dass es wirklich wert ist, gehört zu werden. Wir haben die alten Hits, die wir spielen können, und einfach nur noch ein paar Songs zu machen wie die, die wir schon haben, ist nicht gerade interessant.

Tony: Die meisten Bands brauchen neue Songs, um die Zeit auf der Bühne zu füllen. Wenn wir hingegen nur die Hits spielen, die Stücke, die wir spielen „müssen“, dann ist der Abend schon rum. Zehn, zwölf Songs müssen wir wirklich jeden Abend spielen. Ich bin der Meinung, niemand braucht zehn neue Songs auf einmal von uns.

Knut: Gleichzeitig haben wir viel Spaß daran, neue Songs zu schreiben, und ich will wirklich mehr Songs mit Tony aufnehmen.

Womit hängt diese Entwicklung weg vom Album zusammen? Mit der wachsenden Bedeutung von Konzerten?

Tony: Absolut. Ein Album ist heute eher so was wie eine „Anzeige“ für dich als Live-Band, wohingegen man früher auf Tour ging, um ein Album zu promoten. Das hat sich komplett gewandelt.

Knut: Früher gab es den Ausdruck „recording artist“, aber wenn du heute professioneller Musiker sein willst, geht es darum, Live-Künstler zu sein. Du ziehst los und spielst deine Hits live vor deinen Fans. Was ja auch der Grund ist, weshalb all diese alten Bands wieder durch die Lande ziehen und Konzerte spielen. Das Musikgeschäft hat sich seit den Tagen, als ich anfing, Musik zu machen, komplett geändert.

Tony: Wenn man einmal die große Runde an Sommerfestivals spielt, stellt man fest, dass man selbst zu den jüngeren Bands zählt. SLAYER, METALLICA ... alle älter. Über uns, wenn man das so sagen kann, gibt es eigentlich keine Bands, die jünger sind als wir. Die Hierarchie ist da ganz klar. Und im Hardcore ist das ja nicht anders, scheinbar jede alte Band spielt mittlerweile wieder. Das ist also nicht nur in Rock und Metal so.

Aber wenn man schon von Kunst und Künstlern spricht, ist es da nicht ein ureigenes Verhalten, neue Kunst zu produzieren, statt nur zu reproduzieren?

Knut: Natürlich, als Künstler gilt es, über Grenzen hinauszugehen, sich selbst herauszufordern und auch sein Publikum. Was wir heute Abend gemacht haben, ist natürlich einerseits Kunst, andererseits aber auch Unterhaltung. Und es ist Arbeit – Arbeit, die Spaß macht.

Tony: Es ist keine Arbeit, die man leisten muss, weil man verpflichtet ist, sie zu tun, sondern die mit einer gewissen Verantwortung verbunden ist. Gerade ich empfinde das so, der ich neu zu einer Band gekommen bin, die so etabliert ist wie TURBONEGRO und so eine begeisterte Anhängerschaft hat. Ich war vorher nie in einer Band, bei der das Publikum bestimmte Erwartungen hatte an deren Auftritt. Wo die Menschen Geld ausgegeben haben und erwarten, dass sie jetzt in einer bestimmten Weise unterhalten werden. Bei meinen früheren Bands war es so, dass wir den Leuten zeigen wollten, was wir so draufhaben, und das ist etwas ganz anders. Das ist jetzt eine richtige Verantwortung, schon aus so simplen Gründen, körperlich fit zu sein und in der Lage, eine gute Show abzuliefern. Das ist auch der intensivste Teil unserer Arbeit, dass wir also eine ordentliche Bühnenpräsenz hinbekommen. Wir wollen, dass die Leute, wie heute Abend, von Anfang bis Ende Spaß haben.

Knut: Und wir lieben das. Und ich lüge wirklich nicht, wenn ich sage, dass mir die Band heute sogar noch mehr Spaß macht als 1997. Ich weiß heute viel mehr zu schätzen, was wir da machen, bin dankbarer, das alles so tun zu können. Ich bin jetzt erwachsen, ich fühle mich den Menschen im Publikum verbunden. Damals habe ich mich einfach besoffen und bin auf die Bühne gegangen, machte Lärm, ging wieder runter und interessierte mich nur dafür, wo die Party weitergeht.

Tony: Der größte Schock war für mich nach all den Jahren in Bands, die vielleicht mal zwanzig Minuten spielten, jetzt neunzig Minuten durchhalten zu müssen, also rein körperlich. Ich will andere Musiker jetzt nicht herabwürdigen, aber vom Physischen her sind das Singen und das Schlagzeugspielen die anstrengendsten Aktivitäten. Verkatert Gitarre spielen? Das geht, damit kann man mal durchkommen. Aber als Sänger? Keine Chance. Und so musste ich lernen, kontinuierlich besser zu werden in meinem Metier. Und ich lerne immer noch dazu.

Im Sommer spielt ihr wieder auf den Welturbojugendtagen in Hamburg. Was ist das für eine Erfahrung?

Tony: Für mich wird das immer ein ganz besonderes Erlebnis sein, denn mein erster Auftritt mit TURBONEGRO 2011 war bei dieser Gelegenheit. Ich kann also immer mit dem Jahr zuvor vergleichen und wie das so lief. Die beiden letzten Male war das körperlich echt brutal – Sommer, keine Klimaanlage, gefühlt sechzig Grad.

Knut: Hamburg ist einfach die Turbojugend-Hauptstadt. Die Stadt hat von Anfang an eine besondere Rolle gespielt für die Band. Mein erstes Konzert mit der Band außerhalb Norwegens war in Hamburg, im Sommer 1996. Seitdem waren wir da unzählige Male, unser einstiges Label hat dort seinen Sitz, wir haben da viele Freunde, die Turbojugend aus aller Welt trifft sich dort – es ist einfach schön. Dieses Festival ist eine Feier für alle, und wir haben da schon einige fantastische Auftritte gespielt.

Letzte Frage: Wie findet ihr die Serie „Lilyhammer“?

Tony: Ich hab sie noch nicht gesehen, aber da ein TURBONEGRO-Song da läuft, muss ich das wohl noch nachholen.

Knut: Schön, dass die gemacht wurde, aber ich bin dafür zu intellektuell. Kann ich das so sagen? Gut.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #126 (Juni/Juli 2016)

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