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Interviews & Artikel

NEW MODEL ARMY

Es geht um den Rhythmus

Seit 30 Jahren verehre ich NEW MODEL ARMY. „The Ghost Of Cain“ (1986) war eines der Schlüsselalben meiner musikalischen Sozialisation, die Vorgänger „Vengeance“ (1984) und „No Rest For The Wicked“ (1985) sind ebenfalls auf meiner Liste der besten Platten aller Zeiten. Mit ihrem Durchbruchsalbum „Thunder And Consolation“ (1989) fremdelte ich, erst mit „Today Is A Good Day“ (2009) fand ich zu ihnen zurück und bin seitdem wieder Fan. Mit „Winter“ erschien nun kürzlich das 13. Studioalbum der englischen Band, deren Line-up klar von Sänger und Gitarrist Justin Sullivan, dem einzig verbliebenen Originalmitglied, dominiert wird. Ich traf Justin Anfang Juli in einem Kölner Hotel für dieses Interview.

Justin, wie hältst du deine Ideen fest?

In Notizbüchern und mit der Aufnahmefunktion meines Smartphones. Ich setze mich nicht jeden Tag mit meiner Gitarre hin und schreibe einen Song. Früher schon hatten Robert und ich ein Diktiergerät, auf dem wir auf die Schnelle eine Melodie oder einen Beat festhalten konnten. Für Textideen habe ich aber immer noch ein Notizbuch, halte das mit Stift auf Papier fest. Auch die anderen halten ihre Ideen mit kurzen Aufnahmen fest, gerade Michael mit seinen Drumbeats. Jede Albumproduktion beginnt mit Drumbeats, und meist nehmen wir auch das Schlagzeug zuerst auf. Aber erst, wenn mein Regal mit Notizbüchern voller Ideen voll ist. Fangen wir früher an ... passiert das, was in Mitte der Neunziger bei „Strange Brotherhood“ passierte: Du sitzt im Studio und versuchst dir was einfallen zu lassen. Das Studio ist der schlechteste Ort, um auf Ideen zu kommen. Der Druck wirkt sich verheerend aus. Hat man aber genug Ideen gesammelt, ist es ein Leichtes, ein Album aufzunehmen, und basierend auf den vorhandenen Ideen kommen einem neue Einfälle.

Und du hast die Kontrolle über diesen Prozess?

Ja, ich füge alle Ideen zusammen, wobei Michael mir immer über die Schulter schaut. Wir beide haben also die Leitung, wir erstellen den Rahmen, und die anderen tragen dann ihre Ideen bei. Die Texte sind aber immer von mir.

Deine Aussage, dass bei NEW MODEL ARMY die Schlagzeugparts die Grundlage sind, überrascht mich.

Hör dir doch unsere Musik mal genau an. Was ist denn das zentrale Element? Die Drums, es geht vor allem um die Drums! Die meisten Songwriter allerdings fangen mit Piano oder Gitarre an. Und natürlich ist bei NEW MODEL ARMY der Bass wichtig, man hört ja wohl, wenn ein Album von einem Bassisten gemischt wurde, aber das passt eben zu uns. Bei den meisten Bands ist es so, dass es die Rhythm Section auch noch irgendwie gibt, aber bei uns steht sie im Vordergrund. Wenn wir live spielen, dann ist das, wie einen LKW auf einer steilen, abschüssigen Straße irgendwie in der Spur zu halten, während die Rhythm Section weiter antreibt. NEW MODEL ARMY sind eine starke Liveband, und deshalb war die Rhythm Section immer schon wichtig, wir hatten immer gute Bassisten und Drummer. Und weißt du, warum THE CLASH so großartig waren?

Sag es mir.

Wegen Joe Strummer? Nein, nein, nein. Sondern weil Bassist und Drummer verdammt brillant waren. Und die ROLLING STONES? Dito. U2? The Edge und Bono? Nein, die Rhythm Section. Warum ist „Rumours“ von FLEETWOOD MAC so ein grandioses Album? Weil die Rhythm Section so viel Raum schafft. Ich spiele selbst nicht Schlagzeug, kann auf einem Bass maximal etwas herumklimpern, und so bewundere ich Drummer wirklich. Es heißt ja immer, Drummer seien problematisch, aber nein, ich sehe das ganz anders. Manche halten den Drummer ja für eine Art seltsames Tier, das irgendwo da hinten sitzt, aber meiner Erfahrung nach sind das sehr empfindsame Menschen, die Musik sehr ernst nehmen. Außerdem sind Drummer meiner Erfahrung nach gute Produzenten, weil sie es von ihrem Drumkit her, das ja letztlich aus verschiedenen Instrumenten besteht, gewohnt sind, die verschiedenen Instrumente auszubalancieren. Ich selbst bin übrigens ein lausiger Produzent – Songwriter sind sowieso nie gute Produzenten. Wir haben immer große Vorstellungen von etwas, wohingegen ein guter Produzent nur mit dem arbeitet, was konkret vorliegt.

Gibt es eine spezielle Richtung, die ihr in Sachen Rhythmik für NEW MODEL ARMY verfolgt?

Robert liebte damals Tom-Toms, und Michael liebt sie auch, fast noch mehr. Bei „Dog And Wolf“ etwa sind die sehr markant. Und beim neuen Album merkte der Typ im Masterstudio an, er habe noch nie einen Drummer mehr Tom-Toms spielen hören als Michael. Wir mögen also schon diese speziellen Tribal-Tom-Tom-Rhythmen, ja, und wir haben den Bass-Sound nach oben hin gerne verzerrt, stehen auf die tiefen Gitarrensounds. Dazu kommt meine eher tiefe Stimme, und so kann man schon sagen, dass es einen Soundbereich bei NEW MODEL ARMY gibt, der etwas überladen ist. Damit kämpfen wir schon immer, aber das macht auch das Herz unserer Musik aus. Gehen wir da also ran, beschneiden wir auch unseren speziellen Sound. Ich mag den Sound unseres neuen Albums, er ist dick und aggressiv. Wir waren echt stolz auf „Dog And Wolf“, aber im Nachhinein finden wir, dass es etwas zu clean und studiomäßig klingt, und so strebten wir diesmal einen Sound an, der unseren Live-Vibe besser wiedergibt.

Ich finde ja, dass das Album so einen gewissen aggressiven Achtziger-Touch hat, an eure Platten von damals erinnert.

Das liegt vielleicht an den mächtigen Toms und dem verzerrten Bass. Und wir haben fast nie mit Click-Tracks gearbeitet, so dass sich die Tempi auch mal unterscheiden – und so arbeiteten wir eben auch damals. Das war keine bewusste Entscheidung, wir dachten wir machen was Neues, nicht was Altes, haha. Wir wussten nur, dass wir „Between Dog And Wolf“ nicht wiederholen wollten, egal wie gut die Zusammenarbeit mit Joe Barresi war. Es war Zeit für was anderes, und sowieso ist alles, was wir tun, eine Reaktion auf etwas vorheriges.

Habt ihr jemals eine Platte gemacht, bei der ihr versucht habt, den Erwartungen anderer gerecht zu werden?

Du machst Witze, oder? Nein, das haben wir nie gemacht. Nicht eine Note haben wir jemals auf Verlangen von irgendwem anderen gespielt. Und wir haben auch nie die Erwartungen und Reaktionen unseres Publikums im Sinn, ganz zu schweigen von denen eines Labels. Wir machen, was wir für gut halten. Anfang der Neunziger, es könnte zu Zeiten von „Impurity“ gewesen sein, kam der Typ vom Label ins Studio, hörte sich an, was wir bislang hatten, und sagte dann: „Ihr solltet eine Coverversion aufnehmen.“ Wir: „Warum?“ Er: „Die Radiosender lieben Coverversionen, das würde uns echt helfen das Album zu verkaufen.“ Wir schauten ihn nur an und sagten „Fuck off!“ Hahaha! Klar, live spielen wir auch mal einen Coversong, aber für die Plattenfirma ...? Wegen solcher Reaktionen hatten die Labels schon immer ihre Probleme mit uns, und in gewisser Weise ist das auch heute noch so. Das Label will viele Platten verkaufen, dafür ist es da. Und sie gehen davon aus, dass das Bands auch wollen. Dabei ist das für uns zwar okay, aber es ist nicht unsere Priorität. Dafür machen wir das nicht. Und wir haben auch ja den Ruf einer „Kultband“, die sehr nah dran ist an ihrem Publikum. Um ehrlich zu sein: Wir haben bei dem, was wir machen, nie unser Publikum und dessen Wünsche im Hinterkopf. So oft wurde uns schon viel Geld geboten für eine „Thunder And Consolation revisited“-Tour. Und würden wir das machen? Nie, niemals, kein Interesse! Mir fällt dazu ein Zitat von Neil Young ein, der sagte, man dürfe nur seinem eigenen Stern folgen und nur das tun, was man für richtig halte. Dann würden die Menschen einem irgendwann zu vertrauen lernen. Wir haben dem Publikum noch nie gegeben, was es wollte. Wenn du damit anfängst, ist es der Anfang vom Ende. Giving people what they want? Naaaa, not interested!

Und was bedeutet das für ein Album?

Dass wir da draufpacken, was wir für großartig halten. Und nur darum geht es. Ist „Winter“ nun ein großartiges Album? Ich weiß es nicht. Aber wir haben es zumindest versucht, und mindestens ein paar großartige Momente hat es auf jeden Fall. Zum Beispiel auf „Beginning“, den ersten Song, bin ich schrecklich stolz. Den schrieb ich auf einer akustischen Gitarre, es ein einfacher kleiner Song. Aber der verspricht von Anfang an, dass es irgendwo hingeht. Es wird lange dauern, aber irgendwann geht es los. Er wirkt zunächst angestrengt, dann kommt das Loslassen. Da passt einfach alles.

„We watched her as she faded away / Back down through thirty thousand days“ heißt es in „Beginning“. Worum geht es da? Meine erste Vermutung war: Die Queen.

Nein, diese Zeile habe ich über meine Mutter geschrieben. Demenz ... die Erinnerung wird rückwärts gehend ausgewischt. Ein Thema, das Menschen meiner Generation beschäftigt: Wir werden älter, unsere Eltern auch. Eine Demenz beginnt damit, dass man sich nicht mehr daran erinnern kann, was vor 30 Sekunden passiert ist oder gesagt wurde. Und dann geht das weiter, man kann sich nicht mehr erinnern, mit wem man da gerade spricht, und so geht das weiter. Zum Schluss konnte sich meine Mutter nur noch an ihre Kindheit erinnern, aber an nichts, was danach kam: nicht an ihre Familie, ihre Kinder, ihren Ehemann. Meine Mutter starb vor zwei Jahren. An „Burn the castle“ mag ich übrigens besonders die Stelle, wo der Refrain einsetzt. Musik besteht aus einzelnen besonderen Momenten, die miteinander verbunden sind, und es braucht diese Momente, damit Musik wirkt. Auch der Mittelteil von „Winter“ ist so ein Moment, wunderschön. Es gibt viele solche Stellen – bei anderen denke ich mir im Nachhinein, das wäre noch besser gegangen, aber egal. Wir nahmen das Album im Februar und im März auf, und dann hörte ich es eine ganze Weile nicht, ich konnte einfach nicht. Am Tag nach dem Brexit-Referendum hörte ich es dann erstmals wieder und merkte, dass diese Platte, obwohl sie schon vor einem Jahr geschrieben wurde, sich um die aktuellen Ereignisse dreht.

Wie schafft man das?

Weil bei diesem Referendum nichts Überraschendes geschehen ist, wir wussten schon vor einem Jahr, dass es zu diesem Referendum kommt und was das Ergebnis sein wird. Wer vom Ergebnis überrascht war, hat nicht darauf geachtet, was in der öffentlichen Diskussion läuft und was die Menschen wirklich denken und fühlen. Und diese Gefühle gibt es ja nicht nur in England, es sind beängstigende Zeiten. „Winter“ dreht sich um die Angst vor der Zukunft, „Burn the castle“ genau um das, was in Großbritannien geschehen ist. Die Regierung fragte „Wollt ihr ...?“, und das Volk brüllte zurück „Fuck off!!!“ Genau darum ging es, und das Ergebnis ist ein Desaster – eines, das vorhersehbar war. Die Tory-Partei war schon immer gespalten zwischen jenen Rechten, die einem alten „Little England“-Ideal anhängen, einer Zeit, in der angeblich alles besser war, und den Pro-Europäern. Cameron wollte die Wahlen gewinnen, indem er ein Referendum verspricht. Die Wahlen gewann er, aber dann musste er das Referendum abhalten ... Auf dem Album gibt es eine Zeile, die ich nicht darüber geschrieben habe, die aber dazu passt: „When noone listens much to what you say then all you’re gonna say is no.“ Wenn man dem Volk lange nicht zuhört und dann die Möglichkeit gibt, was zu sagen, dann ist das Ergebnis eben „Fuck off!“. Und dann haben sich die Anführer der Pro-Brexit-Kampagne gleich als erste aus dem Staub gemacht, weil sie keine Ahnung haben, was jetzt passiert. Die hatten keinen Plan, die wussten nur, was sie nicht wollen.

Den Mächtigen „Fuck off!“ ins Gesicht zu brüllen, das war auch mal, was Punk wollte.

Smash it up, Chaos, „I don’t know what I want but I know how to get it.“ Klar. Wenn man etwas Positives an dem ganzen Brexit-Ding finden will, dann ist es, dass das große Experiment der Neokonservativen – erlaube den Reichen superreich zu werden, und von deren Reichtum wird etwas nach unten durchsickern – jetzt als große Lüge entlarvt wurde. Der Crash 2008 zeigte bereits, dass das gesamte Finanzsystem korrupt ist und neu geordnet werden muss, aber keiner traute sich an diese Aufgabe ran. Mein Freund Tobi, ein Ostdeutscher, der auf dem Album Cello spielt, sagte 2008 mal: „Das ist wie das Ende der DDR. Jeder weiß, dass das System nicht funktioniert, aber keiner hat eine Idee, wie man es reparieren kann.“ Also machten alle weiter, als sei alles ganz normal. Punkrockern, die angesichts des politischen und sozialen Chaos jetzt „Anarchie!“ jubeln, entgegne ich: „Werdet erwachsen.“ Ich war nie ein Anarchist, denn ich weiß, dass alle Phasen von Anarchie, die es in der Vergangenheit gab, von Militärdiktaturen abgelöst wurden – in jedem einzelnen Fall. Erst kommt Anarchie, dann Militärdiktatur. Und das will keiner.

„Winter“ ist ein düsterer Titel, und der Titelsong selbst ist auch eher düster ...

... und wunderschön und ermutigend. Und deprimierend, haha. Es war einer der ersten Songs, den wir für das Album schrieben, und wir merkten, dass es ein Schlüsseltrack ist, was die darin beschriebenen und ausgedrückten Gefühle betrifft.

Dunkler Himmel, kreisende Vögel ...

Dieses Bild zieht sich ja durch alles von NEW MODEL ARMY. Nein, ich meine das konkreter, diese Angst vor dem, was kommen wird, und der Blick darüber hinaus. Der Wunsch zu sehen, was danach kommt. In „Eyes get used to the darkness“ singe ich „And maybe out beyond the blackest storms, we’ll see the furthest stars“. Keine Ahnung, warum ich das schrieb, die Zeile war einfach plötzlich da.

Bist du Optimist?

Ich habe tief in mir drin optimistische Züge, lass es mich so sagen. An sich bin ich zutiefst pessimistisch eingestellt.

Ein Grund, weshalb fröhliche Popsongs nicht euer Ding sind?

Ach, die haben wir schon auch. Auf „Between Wine And Blood“ gibt es einen, „Sunrise“, und „Poison street“ ist auch einer, ebenso „Seven times“. Aber auf dem aktuellen Album gibt es keinen, stimmt. Wobei „Burn the castle“ auch fröhliche Momente hat.

Hast du jemals bereut, einen Song geschrieben zu haben? Wegen eines Textes, einer Textzeile? Man wird ja älter, sieht vieles anders.

Bedauern würde ich das nennen, ich bedauere vieles. Aber nicht konkret auf Songs bezogen, sondern eher aus genereller künstlerischer Sicht. Oft hätten wir irgendwas viel besser machen können. Songs, bei denen wir etwas ausprobiert haben, was dann nicht hinhaute, textlich oder musikalisch. Wir probieren eben ständig Neues aus, pushen uns, und das klappt nicht immer. Aber es gibt nichts, was ich mal in einem Song geäußert habe und von dem ich jetzt wünschte, ich hätte es so nie gesagt. Nicht mal „Vengeance“, das oft kritisiert wurde. Ja, es ist ein politisch inkorrekter Song, vielleicht der politisch inkorrekteste Song, den jemals jemand geschrieben hat. Man kann behaupten, der sei rechts. Aber das suggeriert, dass NEW MODEL ARMY existierten, um eine politische Philosophie zu verbreiten. Das wird uns oft unterstellt, weil wir beschreiben, was in der Welt vor sich geht. Aber nein, wir stehen nicht für eine bestimmte Philosophie, ein politisches Programm. So was trifft auf CHUMBAWAMBA oder Billy Bragg zu, auf ein paar andere Leute, die Musik machen, um eine politische Meinung zu verbreiten. So eine Band sind wir nicht. Unsere Songs sind Momentaufnahmen, und „Vengeance“ schrieb ich in drei Minuten, nachdem ich einen Fernsehbericht über den Nazi Klaus Barbie gesehen hatte. Es ist ein wütender Song, der damals in einer Rezension als „Elefant im ideologischen Porzellanladen“ beschrieben wurde. Ja, „Vengeance“ und „Liberal education“ waren keine ordnungsgemäßen linken Songs. Gut! Aber darum ging es uns auch nicht, sondern darum, die Gefühle der Menschen zum Ausdruck zu bringen. Und das gilt auch für „Burn the castle“. Das könnte man als „Ruf zu den Waffen“ verstehen, aber das ist es nicht, sondern die Beschreibung von Gefühlen. Und genau dafür ist Musik da. Wenn man alles, was wir geschrieben hat, analysiert und ein Resümee zieht, wird man feststellen, dass wir als NEW MODEL ARMY grundsätzlich links stehen und für Friedfertigkeit, aber es gibt eben auch Widersprüchliches, das nicht ins Bild passt. In unseren Köpfen, unseren Herzen, stecken doch lauter Widersprüche, und ich kann nicht erkennen, was falsch daran sein soll, das auch in der Musik zum Ausdruck zu bringen. Ein Musikkritiker sagte in den Neunzigern mal zu mir, als wir darüber spekulierten, warum die britische Musikpresse uns weitgehend ignoriert, dass die meisten Journalisten uns zwar mögen, aber das nicht schreiben wollten, weil sie nicht wüssten, was wir nächste Woche tun. Als Künstler ist das eigentlich ein extremes Lob, es bedeutet, dass du völlig frei bist. Dazu passt, dass man uns auch sagte, Anfang der Neunziger seien wir kurz davor gewesen, eine ganz große Band zu werden, aber dann sei alles schief gegangen.

Und, siehst du das auch so?

Ich antwortete, dass wohl eher alles richtig gelaufen sei, denn wir seien 2016 immer noch da und hätten die Freiheit, zu tun, was wir wollen. Wir sind nicht gefangen in einem Korsett von Erwartungen.

Eine große Band seid ihr auch, nicht viele Bands schaffen es jedes Jahr aufs Neue, das Kölner Palladium auszuverkaufen, 4.000 Menschen kommen zu eurem traditionellen „Weihnachtskonzert“.

Da kann ich wieder nur das Neil Young-Zitat von vorhin anbringen. Irgendwann verstehen die Menschen, dass sie dir vertrauen können.

Wie ist euer Status in Großbritannien heute?

Wir sind Außenseiter, allerdings sind die Besucherzahlen in den letzten Jahren gestiegen. Wir sind nicht Teil des Mainstreams, nicht mal in jenen Randbereichen, über den Magazine wie Q oder Mojo schreiben, die ja zu den Guten gehören. Wir laufen da komplett außer Konkurrenz. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht ja immer noch deshalb, weil keiner weiß, was von uns als nächstes kommt. Aber ehrlich gesagt ist mir das auch egal, denn als ich das letzte Mal in meinen Kühlschrank schaute, war da genug zu essen drin. Ich mache mir also keine Sorgen, und sowieso war nie unser Ziel, in den Charts zu sein und möglichst viele Platten zu verkaufen. Popularität um der Popularität willen war nie unser Bestreben. Und sowieso, um eine große Band zu sein, muss man ja das Spiel der großen Bands mitmachen. Wenn du ständig vor tausenden Leuten spielst, musst du die Nummer bringen mit „Und jetzt rufen alle ,Yeah‘! Und jetzt alle die Hände in die Luft und klatschen!“ – aber das sind wir nicht! Wir haben ja auch solche „Four on the floor“-Songs, wo das ganze Publikum mitgeht, und ich erinnere mich an eine Show in den frühen Neunzigern, wo bei so einem Song plötzlich 6.000 Leute „Hey! Hey! Hey!“ machten.

Und wie ging es dir dabei?

Ich fühlte mich dabei nicht wohl und auf keinen Fall war ich begeistert. Wenn ich mich mit anderen Musikern und Sängern unterhalte, reden die über „das Publikum“ immer wie von einer Person, aber ich sehe das nicht so. Ich sehe da lieber viele Individuen, bei einem Publikum bis zu tausend geht das noch, so gesehen ist auch das Palladium schon etwas groß für unsere Verhältnisse. Ich will noch jedem im Publikum in die Augen schauen können. Jeder Besucher ist anders, hat andere Erwartungen und Lieblingssongs und Gefühle. Wollen die gesagt bekommen, an einem bestimmten Punkt alle gemeinsam klatschen zu sollen? Nein! Jeder soll so auf die Musik reagieren, wie er will. Andererseits vereinsamen wir immer mehr vor unseren Computern, Smartphones und Fernsehern, wir werden immer wütender. Da ist es auch schön, sich manchmal mit anderen Menschen verbunden zu fühlen. Ich war nach den Anschlägen in Paris, als zwei Millionen auf die Straße gingen, und das war ein beeindruckendes Gefühl. „Love can be stronger than fear“, singe ich deshalb in „Weak and strong“. Wenn tausend Menschen für die richtige Sache im Gleichklang klatschen, dann ist das ein starkes Gefühl, aber wir bei NEW MODEL ARMY sind von unserem Naturell her eher schwierige Persönlichkeiten und eher Außenseiter. Insgesamt waren im Laufe der Jahre 14 Leute Teil der Band, und alle waren und sind sich ähnlich, alle sind etwas ... eigenwillig. Wir fühlen durchaus, was ein Publikum von uns will, aber instinktiv machen wir dann immer das Gegenteil.

Boris Johnson, der ehemalige Bürgermeister von London und Pro-Brexit-Kämpfer, ist das genaue Gegenteil: Ein Populist, der den Leuten genau die Sprüche gibt, die sie hören wollen.

Das tut er, weil er geliebt werden will. Ich will auch geliebt werden, aber ich mag dieses Massenphänomen nicht, damit komme ich nicht klar. Mein Vater war genauso. Wir waren sieben Kinder, und wenn er nur mit einem von uns beschäftigt war, war alles gut, aber mit der ganzen „Gang“ kam er nicht klar.

Hast du Kontakt zu deinen Geschwistern?

Klar. Und auch wenn wir uns nicht oft sehen, sind wir uns sehr verbunden. Wir kommen alle miteinander klar. Wir sind uns alle insofern ähnlich, dass wir alle etwas „arty“ sind, Künstlertypen. Und eigenwillig. Meine ältere Schwester ist Künstlerin, meine jüngere Schwester ist Tänzerin, mein jüngster Bruder Schreiner, aber auch Musiker. Mein älterer Bruder ist Schriftsteller, war vorher Anwalt, ein anderer Bruder ist Grafiker.

Hatten eure Eltern einen künstlerischen Hintergrund?

Nein, vom Schreiben mal abgesehen, das in der Familie meines Vaters eine Tradition hat. Mein Vater hatte irische Vorfahren, wurde aber in Kanada geboren. Sein Vater schrieb Anfang des 20. Jahrhunderts Bücher, romantisierende Romane in der Art von Rudyard Kipling. Er schrieb romantische Geschichten, die in der Welt der Inuit und kanadischen Ureinwohner spielten, er liebte Kanada und die Inuit-Kultur. Musikalisch war mein Vater überhaupt nicht, aber meine Mutter. Sie liebte das Tanzen. In den frühen Tagen von NEW MODEL ARMY spielte ich meinen Eltern meine Musik vor: Mein Vater las sich die Texte durch und meine Mutter wippte mit dem Fuß im Takt. Er interessierte sich nicht für die Musik, sie sich nicht für die Texte.

Deine andere Familie ist die Band. Wie eng seid ihr musikalisch, könnt ihr euch auf bestimmte Bands und Platten einigen?

Mir gefällt, dass wir alle einen ganz anderen Hintergrund haben, das war bei allen bisherigen Mitgliedern so. Wir haben uns mal über unsere musikalischen Einflüsse unterhalten und versuchten uns auf ein Album in der Musikgeschichte zu einigen, das wir alle mögen. Keine Chance. Ich finde das ungewöhnlich für eine Band. Vielleicht klingen wir deshalb nicht wie eine andere Band. Man kann uns nicht einordnen.

Welche Bands hörst und verfolgst du?

Ich kaufe alles von PJ Harvey. Und ich war immer großer Bruce Springsteen- und KILLING JOKE-Fan, aber ich bin in beide heute etwas weniger verliebt, als ich es mal war. Und ich mag die Musik von Bertrand Cantat, einst bei NOIR DÉSIR – die waren die beste Liveband, die ich je gesehen habe. Nach seiner Gefängnisstrafe machte er das DÉTROIT-Album, und das liebe ich. Ich bin oft in Frankreich, weil meine Freundin von dort stammt, und verfolge sein Tun seit langem. An ihm scheiden sich die Geister, aus den bekannten Gründen, aber als Künstler mag ich ihn wegen seiner Kunst.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #128 (Oktober/November 2016)

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