Interviews & Artikel : Punk in der Oberpfalz :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

Punk in der Oberpfalz

Jugenderinnerungen

Im letzten Plastic Bomb las ich einen Artikel über das Juz in Burglengenfeld. Kurz darauf stolperte ich über die Reunion von ABGESTORBENE GEHIRNHÄLFTEN, einer Band aus Furth im Wald, einer Grenzstadt zur damaligen Tschechoslowakei und dem heutigen Tschechien, die bei mir in Sachen Punkrock-Sozialisation durchaus Einfluss hatte. Warum also nicht einmal über das Oberpfälzer Hinterland berichten? Neben meinen Erinnerungen trugen auch die von Stefan Zeller, der Sänger von ABGESTORBENE GEHIRNHÄLFTEN, dazu bei, gemeinsam in die trübe musikalische Vergangenheit der Jahre 1987 bis 1992 eines völlig unterbewerteten Landstrichs der Republik einzutauchen.

Ausschlaggebend für Punk in der Oberpfalz war meiner Meinung nach der in der hiesigen Bevölkerung allgegenwärtige Widerstand gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage für atomare Brennstäbe (WAA) in Wackersdorf. Keine zehn Kilometer Luftlinie trennten meinen Heimatort von dem Bau, den die CSU Mitte der Achtziger durchpeitschen wollte. Die Bürgerinitiative gegen die WAA hatte gemeinsam mit der Jugendorganisation des Bund Naturschutz ein Büro in den Räumen des Juz Burglengenfeld. In der Nähe fanden in den achtziger Jahren auch die großen Open-Air-Veranstaltungen gegen die WAA statt, unter anderem mit BAP und DIE TOTEN HOSEN.

Meine ersten Konzertbesuche in der hiesigen lokalen Musikszene hatten mit Punk wenig zu tun. Damals wurden Blues, Rock und Metal zelebriert und die etablierten regionalen Festivals und Open Airs hatten hippiesken Charakter. Punk lebte in den selbstverwalteten Jugendzentren und war abhängig vom Engagement der Jugendlichen. Das Juz Burglengenfeld war ein Garant für Punkrock, und ich wage zu behaupten, dass es sich damals keine aufstrebende nationale und internationale Punkband nehmen ließ, dort zu gastieren. Generationswechsel sorgen für Veränderungen, die mal mehr mal weniger hilfreich sind. Mittlerweile scheint es dort wieder eine ordentliche Mannschaft zu geben, so dass regelmäßige Punkgigs veranstaltet werden. Anders verlief es leider nördlich der Oberpfalz im Juz Weiden, das neben dem Schlachthof ein angesagter Veranstaltungsort war, wo regelmäßig Punk- und Hardcorebands spielten. Eher ländlich gelegen, gab es bei Nabburg die Schupfer. Dort sah ich auch das erste Mal ZENSIERT. Ich erinnere mich noch, wie die sich über die katholische Kirche lustig machten und „Hostien“ in Form von Backoblaten aus einem goldenen Kelch unter die Leute warfen.

In der Nachbarschaft aus Nabburg kamen JUGENDLICHER UNTERGANG – eine Anspielung auf die Jugendorganisation der CDU/CSU, Junge Union. Von ihnen gab es auch ein professionell aufgenommenes Tape mit dem Titel „Röcking Down The Naabtal“. Kurzzeitig sorgte man sogar lokalpolitisch als NAABTALSENSEN für Unruhe. In der Bezirkshauptstadt Regensburg hingegen passierte schon damals sehr viel. Das berühmt-berüchtigte Waschbrett war der Treffpunkt für alle, die irgendwie anders sein wollten. Punk und Hardcore lief aus scheppernden Boxen und manchmal spielte auch die eine oder andere Punkband aus Regensburg. Im konservativen Stadtteil Konradshausen organisierte die Punker-WG von der Danziger Freiheit regelmäßig Konzerte. Dort sah ich vor Jahren in einem Kellerraum beispielsweise CITIZEN FISH. Sänger Dick sprach damals vom „smallest gig ever“. In den Kellerräumen probten auch einige Bands. Regensburg kam auch ins Gespräch durch die jüngste Punkband Deutschlands: TOTALSCHADEN – die Teichmann-Brüder, damals neun und zwölf Jahre alt. Heute jetten die beiden als DJs um die Welt. Mit GROWING MOVEMENT bekam die Regensburger Szene dann so richtig Aufwind. Aus dem Umfeld der Amberger Kneipe Neodrom kamen Bands wie THE DALTONS, die es auch zu drei Alben brachten, oder SUBZERO, deren Mitglieder unter anderem aus Neunburg vorm Wald und Schwandorf stammten.

Auch wenn es im Schwandorfer Stadtteil Fronberg manchmal Punkkonzerte gab, sorgte die Kreisstadt mit dem traurigen Autokennzeichen SAD damals eher für Negativschlagzeilen. Vor allem durch den hierzulande leider viel zu schnell vergessenen Neonazi-Brandanschlag vom 17. Dezember 1988 auf das Habermeierhaus, bei dem vier Menschen ums Leben kamen. Im Landkreis selbst, in einer ehemaligen Dorfschänke in Kemnath bei Fuhrn, wurden internationale Punkkonzerte gefeiert. Da sich jedoch unter der Woche kaum jemand dorthin verirrte, mussten die Betreiber nach circa zwei Jahren den Laden wieder dicht machen. Dort entdeckte ich übrigens eine der ersten Ox-Ausgaben und ein altes Maximum Rock’n’Roll, die dort rumlagen. Von weiter östlich aus dem Landkreis Cham, in Richtung tschechischer Grenze und Niederbayern, kamen die Chaospunker BULLEN KIFFEN AUCH. Auch dieses Quartett hat zumindest ein interessantes Demo-Tape veröffentlicht.

Aus dem nördlich gelegenen Furth im Wald, manchen auch als Grenzübergang zur Tschechischen Republik bekannt, stammen die ABGESTORBENEN GEHIRNHÄLFTEN, die sich 1988 gründeten, 1990 mit „Sieben auf einen Streich“ und 1993 mit „Was soll ich euch sagen?“ zwei Alben veröffentlichten. Was war das doch 1994 für eine großartige Show im Gasthof Zum Steinbruch in Furth im Wald zusammen mit GAUNT und NINE POUND HAMMER. Studium und Arbeit sorgten bei den BandmitgliederInnen der ABGESTORBENEN GEHIRNHÄLFTEN dafür, dass der Proberaum 1998 nach Regensburg verlagert wurde. 1999 folgte die dritte und vorerst letzte Platte „Ohne uns sieht die Welt bestimmt nicht anders aus“. Es folgte eine lange Pause, deren Anfang Stefan so beschreibt:„Wir waren in mehreren Bereichen ziemlich desolat. Es war alles sehr mühsam. So traf man sich irgendwann einfach nicht mehr, ohne sich offiziell aufzulösen.“

Seit 2013 zucken die ABGESTORBENEN GEHIRNHÄLFTEN sporadisch wieder. Die ersten Ideen dazu kamen Stefan bei einem Aufenthalt in Andalusien: „Am Strand verkaufte ein Schwarzafrikaner mit unzähligen Hüten auf dem Kopf meist zu dicken Europäern irgendwelchen Schwachsinn. Auf dem Weg in die Berge sieht man hinter unendlichen Gewächshäusern die Wege, die zu den Baracken führen, wo die Illegalen hausen, nachdem sie tagsüber das Gemüse für den Export geerntet haben. Wenige Tage, nachdem ich zu Hause war, ging am 3. Oktober 2013 vor Lampedusa das erste Mal ein Flüchtlingsboot mit 600 Menschen unter. Einer größeren Öffentlichkeit wurde auf einmal bewusst, was wir schon lange wissen hätten können, aber nicht wahrnehmen wollten. So entstanden neue konzeptionelle Textreihen und ich hatte seit langem wieder Bock darauf, Musik zu machen. Ich traf mich mit Andy und wir riefen den Rest der Truppe an. Aktuell bestehen die ABGESTORBENEN GEHIRNHÄLFTEN aus Hein (Schlagzeug), Doris (Bass), von Anfang an dabei sind Andy (Gitarre), Uli und ich am Mikrofon. Mal abgesehen von Hans, der uns, falls es ihm möglich ist, als Mischer begleitet, ist das die ,Ohne uns sieht die Welt ganz bestimmt nicht anders aus‘-Besetzung.“

Die ABGESTORBENEN GEHIRNHÄLFTEN hatten schon immer einen sehr eigenen Charakter. Musikalisch war das mal mehr Rock, mal mehr Punk oder auch Hardcore. Trotz einer gewissen stilistischen Genrekennzeichnung bei abwechselndem Frau/Mann-Gesang haben die ABGESTORBENEN GEHIRNHÄLFTEN mit Anarcho- oder Crustpunk eher wenig zu tun. Seit Monaten arbeitet man am vierten Album, mit dem 2017 zu rechnen sein wird. Bis dahin sind die ABGESTORBENEN GEHIRNHÄLFTEN sporadisch unterwegs. Nach Fertigstellung des Albums versprechen die ABGESTORBENEN GEHIRNHÄLFTEN, auch live wieder aktiver zu sein. Zum derzeitigen Live-Set und zum musikalischen Entwicklungsprozess für das neue Album äußerst sich Stefan so: „An den alten Songs, die für uns Zeitdokumente sind, haben wir nur Kleinigkeiten verändert. Von anderen Versionen, Neueinspielungen oder neuem Mix halten wir nicht so viel. Ich denke auch, dass sich sukzessive mit jeder Platte unser Stil verändert hat. Von unserem dritten Album spielen wir live noch alle Stücke. Die neuen Songs knüpfen an diese an, ohne neue Elemente auszuschließen. Die Texte sind sehr politisch, übergreifend verbunden und universell konkret. Ich bin gespannt, wo man uns 2017 einordnen wird. 1999 waren wir Hardcorepunk.“

Binnen dreißig Jahren geht doch sehr viel verloren, was einige Menschen in einem Landstrich für eine gewisse Zeit begleitet hat, zudem damals Aufnahmen in Eigenregie, wie bei den ABGESTORBENEN GEHIRNHÄLFTEN eher die Ausnahme waren. Sachdienliche Hinweise auf die frühen achtziger Jahren in der Oberpfalz in Form von Demos, Tapes oder Vinyl gerne und jederzeit an mich.

Simon Brunner

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #128 (Oktober/November 2016)

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