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Interviews & Artikel

INTERRUPTERS

Interpretationsspielräume

Musikalisch sind die INTERRUPTERS mit das Frischeste, das mir in letzter Zeit untergekommen ist. Ihr zweites Album „Say It Out Loud“ hat wie das Debüt von 2014 keinen einzigen Ausfall. Inhaltlich habe ich aber so meine Probleme mit ihnen. Sängerin Aimee Allen trat als Solokünstlerin unter anderem mit Verschwörungstheorien und christlich-fundamentalistischen Positionen in Erscheinung. Da ich mich zuvor mit den INTERRUPTERS und der Verschwörungsaffinität im Punk kritisch auseinandergesetzt habe, wollte ich gerne die betroffenen Personen selbst zu Wort kommen lassen. Obwohl mir im Vorfeld ein Interview mit Aimee und Gitarrist Kevin zugesagt wurde, kam letztendlich nur ein Gespräch mit Kevin zustande. Im Essener Don’t Panic Club sprachen wir nicht nur über das neue Album, sondern auch über unsere unterschiedlichen Auffassungen zum Thema Verschwörungstheorien.

Kevin, kommt der Name INTERRUPTERS von dem gleichnamigen Film über Prävention von Straßenkriminalität?

Nein. Bei einem der ersten Bandmeetings blödelten wir rum und tranken Bier. Unsere Mutter war irgendwie aufgeregt und kam ständig dazu und Aimee nannte sie aus Spaß einen „Interrupter“. Und wir dachten, hey, das ist es, das ist der Bandname. Von dem Film haben wir erst später erfahren.

Eure zweite Platte „Say It Out Loud“ ist noch besser als das Debüt und besitzt euren typischen Trademark-Sound. Wie schafft ihr es, konstant auf diesem Level Songs zu schreiben?

Beim ersten Album hatten wir überhaupt keinen Plan. Wir haben es aufgenommen, bevor wir einen einzigen Gig gespielt hatten, und gingen dann erst mal fast drei Jahre auf Tour. Unterwegs haben wir dann neue Songs geschrieben. Das führte dazu, dass du beim Songwriting automatisch die Frage im Kopf hast, wie die Sachen live klingen. Dann braucht man nur noch eine Textidee durch einen Zeitungsartikel oder die Nachrichten und fertig ist das Stück. Wir haben wirklich sehr viel Liebe und Energie in jeden einzelnen Song gesteckt.

Und der Aufnahmeprozess war der gleiche?

Sehr ähnlich. Wir waren diesmal bei BLINK-182-Drummer Travis Barker im Studio. Er hat uns sein Equipment benutzen lassen und uns den optimalen Drumsound ermöglicht, aber der Ablauf war der gleiche. Alle zusammen in einem Raum, live eingespielt. Tim Armstrong hat die Platte mitproduziert. Einige Songs hatten wir ja schon auf Tour geschrieben, die restlichen dann im Studio. Die Vocals haben wir dann teilweise in Tims oder unserem eigenen Heimstudio aufgenommen. Einmal haben wir eine Studioparty gemacht und unsere Freunde haben dann die Backgroundstimmen eingesungen. Jeder Song hat seine kleine Geschichte. „You’re gonna find your way out“ zum Beispiel entstand, als LESS THAN JAKE bei uns zu Besuch waren und uns den kompletten Bläsersatz einspielten. Dann während einer Aufnahme mit RANCID hatte ich unseren Kram auf der Festplatte dabei und habe einfach gefragt, ob sie Lust hätten, etwas beizusteuern. Jetzt singen alle vier in dem Song „Loyal“. Dicky Barrett hat bei „The prosecutor“ mitgemacht.

Habt ihr bei „The prosecutor“ an eine bestimmte Person gedacht?

Ja. Wenn du dich mit altem Reggae auskennst, es ist ein bisschen an „Chasing the devil“ von Max Romeo angelehnt. Eine Geschichte über Gut und Böse. In jeder traditionellen Musik, eben auch im Roots Reggae, gibt es diese klassischen Themen und ewigen Weisheiten. Das wollten wir abbilden.

Ihr seid drei Brüder in der Band. Ist das nicht manchmal hart, die Familie niemals loszuwerden?

Es ist okay. Wir streiten nicht oft. Wir und Aimee wollen das Beste für die Band. Ich habe Bands gesehen, in denen alle etwas Gegensätzliches wollten und sich zusammenreißen mussten, um weiterzumachen. Für uns ist das einfach. Wir lieben, was wir tun, und sind glücklich, Musik machen und touren zu können. Egal, ob bei einem Krach in der Band oder der Familie – am Ende umarmen wir uns und sagen uns, dass wir uns lieben.

Ihr kommt gerade von der Warped Tour und spielt jetzt in den kleinen Clubs. Wie ist das für euch?

Um ehrlich zu sein, solche kleinen Clubshows sind uns am liebsten. Die Warped Tour hat ihre spezielle Atmosphäre, du bist viel draußen. Aber letztendlich fühlen sich die Konzerte in Bars und Clubs besser an.

In euren Texten sprecht ihr oft vom Verlust persönlicher Freiheiten und staatlicher Kontrolle in den USA. Andererseits lebt ihr den Traum vieler junger Bands mit einem großen Independentlabel im Rücken. Wie passt das zusammen?

Wir beschweren und ja nicht wirklich darüber. Aber jeder kennt das Gefühl, kontrolliert zu werden. Das muss nicht die Regierung sein. Es kann ebenso dein Freund, deine Freundin sein, die Lehrer, deine Eltern. Wir meinen das oft nicht so wortwörtlich wie die Leute, die unsere Musik hören. Es soll auch Interpretationsspielraum bleiben. Wir sind sehr glücklich mit Epitaph Records und haben absolute künstlerische Freiheit bei Hellcat. Aber Ungerechtigkeit gibt es ja trotzdem noch und das hält dein Blut in Wallung. Egal, wie frei du dich fühlst, es könnte immer noch jemanden geben, der dich kontrolliert. Du spielst bestimmt auf unseren Song „Control“ an.

Ja, es kommt mir schon so vor, als ob Aimees frühere und deutlichere Aussagen aus ihrer Zeit vor den INTERRUPTERS zum Thema New World Order in einer abgeschwächten Variante auch in euren Texten verarbeitet werden, die Dronenthematik etwa ...

Du beziehst dich auf ein Interview von vor sieben Jahren. In dieser Zeit kann sich ein Mensch persönlich und politisch verändern. Wir entwickeln uns alle ständig. Und wenn du es genau betrachtest, ist es ja tatsächlich eine kleine Gruppe von Menschen, die die Welt kontrolliert. Das ist eine Tatsache und keine Theorie. Es ist definitiv interessant und wir beschäftigen uns mit all diesem Zeug. Ich selbst auch. Man muss allem gegenüber aufgeschlossen sein. In „Control“ geht es um das sehr persönliche, auf konkreter Erfahrung basierende Gefühl, von einer bestimmten Person kontrolliert zu fühlen, da will ich aber nicht weiter ins Detail gehen. Die Referenz zu Dronen ist hauptsächlich eine Metapher für Überwachung. Big Brother is watching you! Wie in Orwells Buch „1984“. Wir sind nicht die Ersten, die diese Geschichte erzählen. Das interessiert uns jedenfalls. Muss ich deshalb mit jemandem streiten? Nein! Jeder kann glauben, was er möchte. Und das Schöne am Punkrock ist, dass es Menschen mit unterschiedlichen Ideen und Idealen gibt und man trotzdem zusammenkommen und die Musik genießen kann.

Mich interessiert generell, welchen Reiz Verschwörungstheorien für die Punk-Community haben. Meiner Meinung nach sind sie sehr vereinfacht und stereotyp. Eine wissende Minderheit entlarvt die Machtelite und versucht die verblendete Mehrheit aufzuwecken. Wie siehst du das?

Ich denke nicht, dass es wirklich Stereotypen sind. Der Song „Media sensation“ vom neuen Album handelt davon, dass in den USA jeder Medienbericht einem bestimmten Narrativ eines Senders folgt. Ich weiß genau, wie CNN oder Fox News über etwas berichten, sie präsentieren Themen leitbildgerecht. Auch das ist Fakt, keine Verschwörungstheorie. Sie stehen sich politisch klar gegenüber und bilden dabei unser Zweiparteiensystem ab. Wir als Band möchten uns da auf keine Seite schlagen. Die Menschen wollen sich aber differenzierter informieren. Ich muss mir letztendlich nicht zu allem eine genaue Meinung bilden, aber ich möchte Zugang zu allen möglichen Informationen haben und sie dann selbst bewerten. Ich finde es deshalb anstrengend, mit Leuten zu diskutieren, die meinen, schon Antworten auf alle Fragen zu haben. In der Band haben wir sehr unterschiedliche politische Ansichten. Erst gestern haben wir im Tourbus leidenschaftlich diskutiert. Nur zwischen Clinton und Trump wählen zu können – verrückt, keine wirkliche Alternative. Und ich denke, ich spreche da für die ganze Band. Aber für die Mehrheit der Amerikaner waren das die beiden einzigen Kandidaten. Die kennen die Alternativen wie die Green Party nicht einmal, oder es interessiert sie nicht. Sie wollen einfach ihre Ruhe haben. Und ich mache ihnen da keinen Vorwurf. Jeder hat seine Meinung. Natürlich steigern sich Leute auch in Verschwörungstheorien hinein. Für uns in der Band ist es einfach ein interessantes Gesprächsthema, nach dem Motto, wer weiß, was davon wirklich zutrifft. Wenn du Verschwörungstheoretiker als stereotypisierend bezeichnest, generalisierst du ja auch sehr stark. Allein der Begriff an sich ist schon ein Stereotyp. Dabei gibt es so viele unterschiedliche ... Ich kann damit leben, wenn du an nichts davon glaubst, und wir versuchen auch nicht, mit unserer Musik Menschen davon zu überzeugen. Wir singen einfach von Dingen, die uns bewegen. Der Song „Take back the power“ handelt auch davon, dass ich es geschafft habe, mit dem Rauchen aufzuhören. Im Text selbst geht es um staatliche Kontrolle und Kriegsrecht, aber das ist nicht die einzige Lesart. Das Schöne an Musik ist doch, dass du sie interpretieren kannst, wie du möchtest. Lies nur mal die YouTube-Kommentare zu dem Song: „Das sollte eine Bernie Sanders-Hymne werden“ oder „Ihr seid Sozialisten“.

Du sprachst eben die Massenüberwachung an. Dabei spielt der Mobilfunk eine wichtige Rolle. Ihr habt in den USA einen Song in einem T-Mobile-Werbevideo gehabt. Wie passt das zusammen?

Sprechen wir noch über die Platte oder willst du uns jetzt wie dumme Heuchler aussehen lassen? Folgendes ist passiert: T-Mobile kamen auf uns zu und fragten uns, ob sie einen Song für eine zwölfwöchige Kampagne haben können. Und für eine kleine Band wie uns ist es ein Traum, wenn so viele Menschen deine Musik hören können. Nur wenige Bands bekommen diese Möglichkeiten. Ich will nicht irgendwann mit 85 auf mein Leben zurückblicken und mich fragen, warum ich meine Chancen nicht genutzt habe. Ich glaube, es gab einfach mehr Gründe, die dafür als dagegen gesprochen haben. Es wäre dumm gewesen, es nicht zu machen. Dabei ging für uns auch gar nicht in erster Linie ums Geld. Wir touren immer noch im kleinen Van durch kleine Clubs. Und was die Massenüberwachung betrifft, trägt jeder von uns mit seinem Handy einen Peilsender mit sich herum. Es hat ein Mikro, eine Kamera und zeigt an, wo du bist.

Jesse Michaels von OPERATION IVY überschüttet euch mit Lob, Gastauftritte von gestandenen Bands, Tim Armstrong ist quasi euer fünftes Bandmitglied – was können diese Veteranen von einer neuen Band wie euch noch lernen?

Von uns? Wir lernen eher von ihnen. Höchstens, dass alle paar Jahre eine neue Generation kommt, die diese Musik wertschätzt und sie am Leben hält. Jeden Tag kauft irgendwo da draußen ein Teenager seine erste OPERATION IVY-CD. Oder „... And Out Come The Wolves“ von RANCID. Diese Musik eröffnet dir neue Welten, auch wenn sie zwanzig Jahre alt ist.

Daniel Schubert

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #129 (Dezember16/Januar17 2016)

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