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Interviews & Artikel

BROILERS

Es ist wirklich so!

Alles im Plan im Hause BROILERS. Exakt drei Jahre sind seit „Noir“ vergangen, der Nachfolger „(sic!)“ ist gerade erschienen, der Rhythmus von einem Album alle drei bis vier Jahre wurde eingehalten. Neu ist das Label, Skull & Palms, die bandeigene Firma. Absolute Freiheit, man ist mehr denn je Herr im eigenen Haus, obwohl sich die Band noch nie was sagen ließ. Seit „Noir“ wurden die Hallen immer größer, bei der Tour ab Ende Februar wird es vielerorts „ausverkauft“ heißen. Ein unglaublicher Erfolg für die einst rumplige Oi!-Band aus dem Düsseldorfer Vorort Hellerhof. Ich traf Sammy Ende November in seiner Düsseldorfer Wohnung, einerseits glücklich, dass das Album da fast fertig war, andererseits auch etwas angespannt angesichts eines engen Zeitkorsetts und noch reichlich anstehender Arbeit. Begleitet vom Schmatzen und Knurren von Sammys Hund Missy, der zu unseren Füßen ein Gummihuhn malträtierte, erzählte mir der BROILERS-Sänger und -Gitarrist die Entstehungsgeschichte von „(sic!)“

Sammy, die kompakte Hundedame, die mich eben an der Wohnungstür begrüßte, ist leider nicht mehr jene, deren Schmatzen und Bellen unser Interview 2011 begleitete.

Ja, Emma ist gestorben, und das war ein Baustein dafür, warum das „Noir“-Album so war, wie es war. Die Zeit um 2014 herum war für mich eine ganz schwierige Phase, da veränderten sich viele Dinge, und die Produktion von „Noir“ war auch viel schmerzhafter als die des neuen Albums. Diesmal ist alles viel erträglicher, obwohl noch der Stress mit dem neuen, eigenen Label dazukommt. Meine Freundin ist auch ganz überrascht, die meinte, ich würde mich ja echt noch ganz wacker schlagen gerade. Das ist sicher das Vitamin D, das ich nehme, haha.

Wenn man solchen Stress hat – du mit einem Album, ich mit einer Heftproduktion, nimmt man meist nur sich selbst und seine Probleme war, verliert den Blick auf andere.

Wir Künstler und du als Journalist, was ja auch eine Art Kunst ist, arbeiten in so einer Art Parabelrhythmus. Steht eine Produktion an, geht das Stress- und Arbeitslevel hoch, erreicht einen Höhepunkt, geht langsam wieder runter, und irgendwann fängt es langsam wieder an. Und so geht das ein Leben lang. Diese Auf und Ab erstreckt sich bei Musikern über ein paar Jahre, und bei dir ist es eben alle zwei Monate so. Dann kann es vielleicht noch so intensiv sein, aber dafür ist auf jeden Fall nicht so lange schlimm. In der Zeit, wo es richtig anstrengend ist, müssen meine Freundin und ich – sie arbeitet im BROILERS-Management – dann auch aufpassen, dass wir unsere Beziehung pflegen. In dieser Phase bin ich dann auch immer so dünnhäutig, das ist scheiße. Manchmal möchte ich abends einfach nicht mehr über Band und Musik reden.

Jetzt, Ende November, bist du mit fast allem durch, nur noch etwas Arbeit am Layout des Booklets steht an. Jetzt kommt der angenehme Teil, etwa die Interviews.

Nein! Unser Manager sagt auch immer, das sei doch schön, über seine Musik zu reden. Let the music do the talking, das wäre mir am liebsten. Interviews geben, das hat immer was von Selbstbespiegelung, Selbstbeweihräucherung. Das Erzählen von sich selbst, das ist mir unangenehm.

Ist mit einem Album also alles gesagt? Man will nichts mehr erklären müssen?

Am liebsten wäre mir, wenn jeder die Songs so interpretiert, wie es für ihn aus seiner Perspektive passt. Die Songs sind nicht komplett offen für jede beliebige Interpretation, aber sie sind auch nicht so konkret, dass man sich da nicht seinen Teil dazu denken kann. Die sind irgendwo in der Mitte. Findest du nicht?

Ich finde, du bist schon einer, der gerne Ansagen macht. Du hast was zu sagen, du willst was sagen, und du sagst es auch.

Ja, das ist richtig. Diese Platte ist vielleicht mehr in diese Richtung gegangen, weil das, was da politisch angesprochen wird, ganz klar gesagt werden muss. Da bringen zu viele Metaphern nichts. Andererseits muss bei einem Lied wie „Ihr da oben“ gar nicht klar sein, ob ich jetzt über Joe Strummer oder Wöllie singe, oder ob jemand das brauchen kann für einen verstorbenen Partner. Und das gefällt mir.

„Ihr da oben“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie man manchen eurer Songs sehr schnell anmerkt, wie die live funktionieren werden. Ich kann mir die Lichtstimmung vorstellen, die Stimmung im Publikum, die Inszenierung – ich sehe die Halle vor mir.

Ich weiß, worauf du hinauswillst, und die Antwort ist: Nein! Ja, ich weiß, was ich mit so einem Lied „anrichte“, und ich glaube zu wissen, wie die Reaktion auf eine bestimmte Stelle sein wird. Aber es steckt keine Blaupause dahinter à la „Ich muss das jetzt so und so schreiben, damit das und das passiert“. Wir haben das Glück, dass wir bestimmte Sachen in einer bestimmten Weise umsetzen können, mit all dem Pathos – und glücklicherweise gibt es Leute, die das abfeiern. Wir haben angefangen, unsere Live-Setlist neu zu schreiben und zu überlegen, welche Lieder von der neuen Platte wir auf jeden Fall spielen werden, und „Ihr da oben“ steht bislang noch nicht drauf. Wir können nicht abschätzen, ob es die Leute berührt, ob es sie abholt, ob sie darauf Bock haben.

Manche Bands haben eher „unauffällige“ Lieder, die in ihrer Gesamtheit wirken. Bei euch hingegen gehört jedes zum Typ „Hallo, hier bin ich!“.

Es gibt eine Zeit für unauffällige Lieder und es gibt Künstler dafür – und Platten, bei denen ich regelrecht wütend werde, wenn da so viel Potenzial ist, aber kein Hit, kein Refrain. Irgendwie gut, aber es plätschert so dahin. Ich frage mich dann immer, ob solche Bands bewusst um den Hit herumschreiben – oder es einfach nicht können. Und damit meine ich nicht so wundervoll unaufgeregte Platten wie die letzten Sachen von Nick Cave. Nein, ich ärgere mich über manche Bands richtig, da singe ich dann im Kopf bei manchen Liedern eine Zweitstimme mit und stelle mir vor, wie das den Song hätte boosten können. Wenn du solche Bands fragst, warum sie keine Hits schreiben, dann antworten die, dass sie keinen Bock auf Pop, auf populistische Scheiße haben – klar machen die das bewusst ...

Hast du das Schreiben von Hits gelernt, hast du dir das abgeschaut, stammt das aus dem eigenen Musik-Nerdtum und der Begeisterung für andere Bands?

Die Musik, die ich liebe, ist so. Pathos ist für mich überhaupt nichts Schlimmes, auch wenn ich weiß, dass der ganz schnell „klebrig“ sein kann. Ich muss da immer an einen meiner ersten Punk-Sampler denken, „Burning Ambitions Vol. 2“, und da sind vier Lieder drauf, die ich nachts auf meinem Sony-Walkman immer wieder in Schleife gehört habe: THE BLOOD mit „Megalomania“, NEW MODEL ARMY mit „Vengeance“, VIOLATORS mit „Summer of ’81“ und VICE SQUAD mit „You’ll never know“. In diesen vier Liedern steckt alles drin, was mich mitreißt, die haben mich abgeholt.

Und dann hast du dir geschworen, solltest du jemals selbst eine Band haben, nur solch starke Lieder zu schreiben?

Nein. Wenn man Musik macht, macht man Musik für sich – Musik, die man geil findet. Das war schon immer so. Bei „Fackeln im Sturm“ mussten unsere Lieder wie die der Oi!-Bands klingen, die wir abfeierten. Vor „Verlierer sehen anders aus“ hatte ich SOCIAL DISTORTION für mich entdeckt und habe sehr ungelenk versucht, bei uns mehr SOCIAL D. reinzubringen, und so ging das weiter. Was ich liebe, versuche ich, in die Musik zu integrieren. Und dann ist es gut, wenn eine Kontrollinstanz da ist – in unserem Fall wir selbst –, die sagt, das ist jetzt echt „white man playing reggae“, also nicht das Allerbeste.

Gibt es Menschen, deren Rat du auf deine Musik bezogen akzeptierst?

Die meisten Menschen fragen andere nach ihrer Meinung, um die eigenen Ansichten bestätigt zu bekommen. Wenn jemand mit „Hm, ist nicht sooo geil ...“ reagiert, dann ist mein erster Reflex eine Abwehrhaltung, aber ich denke über jeden Kommentar von Menschen nach, die ich mag und schätze. Menschen aus der Familie, bis hin zum Produzenten, den ich hin und wieder auch ernst nehme. Wenn alle sagen „Das is’ nix!“, dann mache ich mir Gedanken, dann fliegt ein Song unter Umständen raus oder wird geändert. Manchmal aber bin ich mir auch so sicher, dass ich sage „Arschlecken!“, und ich zieh das durch.

„Nur ein Land“ – ein Schlüsselsong für das Album?

Irgendwie ja, auch wenn es musikalisch für mich nicht der beste Song der Platte ist. Der steht deshalb an erster Stelle, weil er das ganze Album erklärt – die Situation, in der es entstanden ist. Und auch andere Songs kreisen um dieses Thema.

Bestimmte Aspekte des Albums kann man auf Trump, auf Populismus beziehen, aber als Trump Präsident wurde, war „(sic!)“ ja längst fertig. Welcher Zeitraum war relevant?

Das Album war zwei Jahre in der Mache, und es gibt Songs, die noch älter sind. Ende 2015 ging es so richtig los damit, dass ich mir Gedanken über die Stücke machte. Ich stieß neulich auf ein einige Jahre altes Interview, in dem ich mich über Xavier Naidoo und dessen Ansichten ereiferte, und da merkte ich, dass es seitdem nur noch immer schlimmer wurde. Und das Buch von Thilo Sarrazin, „Deutschland schafft sich ab“, kam auch schon 2010. „Santa Muerte“ stand bereits unter dessen Eindruck, und seitdem wurde es auch nicht besser. All diesen Krakeelern geht es nicht um etwas Konstruktives, nicht darum, sich zu engagieren. Die wollen nur kritisieren, einfach nur dagegen sein. So tickt heute der Mainstream, so ist der Wutbürger. Und den habe ich erst gestern wieder bei Aldi erlebt: Einen Gang weiter wurde gebrüllt, also ging ich hin, und da schrie eine stark blondierte Frau ein Ehepaar mittleren Alters an, es solle doch dahin zurückgehen, wo es herkomme. „Scheiß Ausländer“ fiel dann auch noch. Diese Frau traut sich, das zu schreien, weil sie weiß, dass da andere sind, die ihr offen oder heimlich applaudieren. Der Volkszorn kocht an die Oberfläche. Und nein, diese blonde Frau hat sicher keine Lust, sich zu engagieren, Flüchtlingskindern Deutsch beizubringen oder auf der Straße Papier aufzuheben. Die sagt, dafür zahle sie ja schließlich Steuern, dafür seien andere zuständig. Und deshalb räumt auch im Fitnessstudio keiner die Hanteln weg – weil es doch Leute gibt, die dafür bezahlt werden. Das ist scheiße, und diese Menschen sind im wahrsten Sinne des Wortes asozial. Die kümmern sich nicht umeinander, die halten sich nicht mal gegenseitig die Tür auf.

Und wir Punks sind jetzt die Hüter des guten Benehmens und müssen andere darauf hinweisen, wie man miteinander umgeht?

Ich habe festgestellt, dass mir Freundlichkeit und Respekt im Umgang mit anderen Menschen hilft. Eine Geste wie anderen die Tür aufhalten, jemanden anlächeln, was Nettes sagen, macht die Leute glücklicher, macht mich glücklicher, und das ist doch was Gutes. Die Menschheit geht vor die Hunde, per se ist sowieso erst mal alles Scheiße, und diese Freundlichkeit ist mein Weg da raus.

Klingt ganz schön erwachsen. Hat das der Sammy aus Hellerhof von vor zwanzig Jahren anders gesehen?

Kann sein, aber eigentlich wurde ich so erzogen. Wahrscheinlich hätte ich damals aber gesagt: „Türen aufhalten? Am Arsch!“ Und hätte es aus einem Reflex heraus doch gemacht. Damals war ich 16, und natürlich habe ich da Sachen kaputtgemacht. Aber die Leute, die heute besorgt sind und irgendwas herumgrölen, die sind keine 16 mehr. Das sind Erwachsene.

Also sind wir erwachsenen Punks, die wir gar nicht erwachsen sein wollen, erwachsener als die „richtigen“ Erwachsenen, die jetzt so besorgt sind?

Wir sind humaner, wir sind durch unsere Punk-Wurzeln sozialer. Und wir sind – das sage ich ganz bewusst so – gute Menschen. „Guter Mensch“, Gutmensch, das ist doch kein Schimpfwort. Was ist die Alternative? Schlechtmensch, Scheißmensch? In diesem ganzen Trump-Kontext habe ich eine Kolumne gelesen, deren Verfasserin sagte, unsereins müsse von seinem intellektuellen Thron runter. Wir besser Ausgebildeten, wir Belesenen, wir arroganten Fatzkes müssten auch mal zuhören. Und da dachte ich mir, dass die eigentlich recht hat, dass das Zumachen und Verurteilen nicht richtig ist. Doch dann fragte ich mich, wie lange ich zuhören soll, was soll ich mir anhören, und soll ich jedem Deppen zuhören? Soll ich mir dummen Rassismus anhören? Nein! Der richtige Weg ist, sich einzumischen. Jeder einzelne widersprechende Kommentar unter einem Scheiß-Posting bei Facebook hilft, auch wenn es dafür nicht viele Likes gibt. Aber einfach deshalb, weil so erkenntlich wird, dass da noch andere Meinungen sind, ist es wichtig.

Liest du nur oder kommentierst du auch selbst?

Ab und zu. Es juckt mich oft in den Fingern, ich versuche mich aber zu beherrschen. Das bezieht sich aber meist auf Menschen aus dem erweiterten Facebook-Freundeskreis, also Freunde von Freunden. Und dabei ist das in unseren Kreisen ja noch ganz okay, doch der Vater von Ines ist im Schlager-Business tätig, politisch aber ganz auf unserer Linie. Und wenn ich sehe, was ihm da an Kommentaren begegnet, wenn er mal einen entsprechenden Post teilt, dann muss ich auch mal was posten.

Ihr habt über 250.000 Freunde bei Facebook, und da hat man doch sicher auch ein paar Fans, die man eigentlich gar nicht haben will. Wie geht man damit um?

Erst mal geht es mir um den Freundeskreis. Sollte mir da was Zweifelhaftes auffallen, würde ich das Gespräch suchen, versuchen zu diskutieren, Argumente zu widerlegen, Ängste zu entkräften. Und wenn ich merke, dass man da nicht weiterkommt, dann muss man sich eben trennen. Nicht jede Freundschaft ist es wert, sehr gegensätzliche Meinungen aushalten zu können. Toi toi toi, bei Menschen, die mir wichtig sind, habe ich bislang nie was Problematisches feststellen müssen. Bei BROILERS-Fans wiederum kann ich nur Denkanstöße geben. Ich vermeide es, mich mit erhobenem Zeigefinger hinzustellen. Und ich hoffe, dass die Menschen auf Basis meiner Texte und in Kenntnis meiner familiären Wurzeln gewisse Ängste hinterfragen, die sie dazu bringen, dumme Sachen zu tun. Wenn jemand rassistisch, fremdenfeindlich unterwegs ist, dann ist es vorbei mit dem und den BROILERS. So jemanden will ich auch nicht auf den Konzerten haben. Das ist total dämlich, warum will uns so jemand supporten? Warum geben die uns Geld?

Kümmerst du dich noch selbst um eure Social Media-Kanäle?

Also 98% der Facebook-Sachen mache ich selber. Aber es gibt auch noch Marcel von unserem Management, der mich unterstützt, etwa beim „Aussortieren“ von Posts. In der Regel tun wir das aber nicht, auch nicht bei negativer Kritik. Es sei denn, jemand ist offenkundig Fascho. Wir machen in regelmäßigen Abständen eindeutige Postings, und dann kann man an der Reaktion schon erkennen, wie jemand drauf ist. Wir schreiben denjenigen dann an und sagen ihm, dass wir den Post noch zwei Stunden stehen lassen, damit jeder sehen kann, was für ein Depp er ist, und dann wird er gelöscht. BROILERS neben NPD stehen zu sehen, das brauche ich nicht. Allerdings kann man bei Facebook eben nur denjenigen löschen oder blockieren, der mit einem entsprechenden Kommentar „sein Visier hochklappt“.

Du erwähntest eben zwei alte Songs. Wie verbunden fühlst du dich jener Phase der BROILERS heute noch? Das war eine ganz andere Zeit – und ein ganz anderer Sammy?

Die Frage kann doch jeder selbst beantworten: Wie verbunden fühlt man sich mit der Person, die man vor zwanzig Jahren war? Das ist ein Teil von mir. Klar, bei mancher Aktion, die ich als junger Skinhead oder Punk gebracht habe, schüttle ich heute den Kopf. Aber damals fühlte sich das genau richtig an! Was die alten Platten betrifft, so hole ich die nicht regelmäßig raus, aber die sind da, wir spielen manche Songs live, und vor allem haben die uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Zur neuen Platte gibt es eine Fan-Box, und darin ist das allererste BROILERS-Demotape enthalten. Das Hören dieses „Schatzes“ war echt ... schwierig. Da sind Sachen drauf ... „Paul der Hooligan“ und „Weg von den Straßen“ kennt man, aber die anderen Sachen ... „Vergangenheit“, wir haben damals mit 15 ein Lied über unsere Vergangenheit gesungen, wie es „damals“ als Punk war. Da ist aber nichts dabei, wofür wir uns schämen müssten, es ist ein Teil von uns.

Wenn ich manche Sachen lese, die ich vor 20, 25 Jahren geschrieben habe, dann frage ich mich manchmal schon, ob das wirklich ich war, der das geschrieben hat. Also keinerlei peinliche Berührtheit?

Ich war 15, als das mit den BROILERS losging, und 12, als ich Punk wurde. Ich finde das ... süß, was ich damals gemacht habe. Wir haben uns seinerzeit aber natürlich als sehr hart empfunden. Als ich das alte Tape fand, habe ich mich gefreut, mir das angehört, und meine erste Reaktion war: „So scheiße ist das gar nicht.“ Wenn man will, kann man erkennen, dass diese Band damals ein gewisses Potenzial hatte. Wir haben das Tape damals mit dem Kassettenrecorder meiner Schwester aufgenommen, das klingt katastrophal, aber ... Ich glaube, ich schäme mich auch deshalb nicht, weil die Szenen, in denen wir uns bewegen, zeitlos sind: Punks sahen schon immer aus wie Punks, Skins sahen aus wie Skins. Wir hatten keine komischen Frisuren oder so. Schwieriger ist das doch für Leute, die immer mit der Mode gegangen sind. Als ich mir 2006 meine Scheitelfrisur gemacht habe – ich hatte die in der TV-Serie „Band Of Brothers“ gesehen –, wurde ich auf sämtlichen Konzerten angemacht, was ich denn für eine Scheiß-Nazifrisur hätte, aber ich habe einfach durchgehalten. Und irgendwann ist das dann eben vorbei. Doch um auf deine Frage zurückzukommen: So gewisse Pressetexte oder Poster wie „Oi! Dat is Düsseldorfer Punkrock!“ – weil ich früher immer in so einem Düsseldorfer Platt geredet habe–, das ist schon etwas befremdlich. Aber okay, das war eben unsere Zeit, wir fanden das geil.

Springen wir in die Gegenwart. Wieso der Albumtitel „(sic!)“? Das ist eine Formulierung, mit der in wissenschaftlichen Texten zum Ausdruck gebracht wird, dass das, was davor geschrieben wurde, zwar falsch aussieht, etwa von der Rechtschreibung her, aber genau so gemeint ist. Worauf bezieht sich dieses [sic!]?

Ich kenne dieses [sic!] durch meinen anderen Job, die Schriftsetzerei, die Grafik. Da tauchte das auf, damit der Schriftsetzer nicht auf die Idee kommt, das zu verbessern. Wir nutzen [sic!] metaphorisch. Diese 20, 22 Jahre Bandgeschichte mögen von außen betrachtet extrem crazy sein, mit vielen Fehlentscheidungen, aber all das ergibt Sinn, wir haben alles bewusst entschieden, auch wenn die Entscheidungen rückblickend nicht immer richtig waren, sie fühlten sich seinerzeit richtig an, vom Bauchgefühl her. Deshalb ist [sic!] der Ausdruck dafür, dass es so und nicht anders für uns laufen muss. Abgesehen davon ist es ein schönes Wort, wie LoFi und Noir auch. Sowieso war der Titel mal wieder ganz früh da. Wenn wir mit dem einen Album fertig sind, steht der Name vom nächsten als Arbeitstitel für mich im Geheimen schon fest. Irgendwann sage ich es dann den anderen, wir gehen dann damit schwanger, und dann machen wir das fest. Ich freue mich schon darauf, wenn der nächste Titel kommt. Bislang habe ich keine Idee, ich bin also gespannt.

Ich finde, Bandfotos sind eine spannende Sache. Die sind ja immer irgendwie inszeniert, etwa das auf dem Cover des neuen Albums. Wieso ist dieses so „komponiert“?

Ja, das ist komplett komponiert – und ich hasse, hasse Bandfotos. Es gibt fast nie gute. TOCOTRONIC hatten aber mal ein total schönes, auf dem sie sich alle berührt haben. Da war dieses „Stagen“, dieses Inszenieren, total überspitzt. Bei der letzten Platte hatten wir das Foto ja auch inszeniert, hatten uns angeordnet wie auf einem klassischen Gemälde. Diesmal wurden die Fotos fürs Booklet alle spontan aus der Hüfte geschossen. Wir sind nach London geflogen, haben da ein paar Tage verbracht und schnappschussartige Fotos gesammelt. Bei dem Coverfoto allerdings war das ganz anders. In einer Zeit, da die Bands nicht mehr aufs Cover wollen, weil die arty und verschwurbelt aussehen müssen, wollte ich das lieber oldschool machen, so „Blue Note in der Hölle“. Entsprechend überzeichnet ist das. Ich mag das Coverfoto sehr, eben weil es so anders ist. Rein zufällig liegt hier jetzt die HORRIBLE CROWES-CD, die hat auch so ein Blue Note-artiges Cover, nur dass es echt schlecht umgesetzt ist.

Mit Blue Note meinst du das legendäre Jazz-Label Blue Note und das Artwork von Hausdesigner Reid Miles. Was begeistert dich daran?

Das ist eine zeitlose Ästhetik. Du schaust dir das an und denkst: „Meine Güte, ist das schön!“ Typografie kann so geil sein, wenn du das richtig machst. Ich kämpfe gerade noch mit den letzten Seiten des Booklet-Layouts. Typografie braucht viel Zeit, Weglassen braucht Zeit und viel Mut – Kafka sagte: „Bitte entschuldige, ich hatte keine Zeit, dir einen kurzen Brief zu schreiben.“ Es wird also gerade etwas eng ... Nachher Probe, dann Sport, nächste Woche Promo-Reise ... diese Woche muss alles fertig werden. Das ist noch viel Arbeit.

Du erwähntest eben euren Bandausflug nach London. Hat euch als Band das Ausland nie interessiert? „The English Album“? Paris, London, Madrid? Andere Düsseldorfer Bands mit deutschen Texten kommen auch international herum.

Das werden wir auch mal mitnehmen, aber nur aus Spaß. Dabei werden wir draufzahlen, und wenn wir mal Langeweile haben, machen wir das auch. Ebenso ein Best-Of auf Englisch, doch momentan ist dafür keine Zeit. Wir wissen ja auch, dass da im Ausland niemand auf uns wartet. Außerdem sind unsere Texte sehr wichtig, und ich weiß nicht, was ohne die von uns bleibt.

Apropos Texte. Du machst es dir nicht leicht damit. Man merkt, dass an denen lange gefeilt und geschliffen wurde.

Es ist wie beim Artwork: Texte brauchen Zeit. Manchmal können drei Worte drei Wochen dauern. Weil ein Wort davon noch nicht passt. Texte sind mir wichtig, und weil ich gerade schon den heiligen Kafka zitiert habe: Du hast nicht viel Platz, deshalb musst du genau überlegen, wie du was sagst, wie konkret du es haben willst, was für andere Ebenen es noch gibt. Das ist für mich auch Kunst.

Die ja auch den Literaturnobelpreis bekommen hat. Mit Dylan wurde erstmals ein Rock’n’Roll-Songwriter geehrt und damit anerkennt, dass auch in Songtexten eine Menge Inhalt stecken kann.

Wenn du als Künstler bereit bist, dich damit zu beschäftigen und viel Zeit zu investieren, dann schon. Nur weil da Töne drunter liegen, ist ein Songtext ja nicht weniger wert als ein Gedicht. Beides kann sehr hochwertig sein, muss es aber nicht. Viele Bands interessieren die Texte aber nicht so, und bei manchen interessieren mich die auch nicht, da reicht es manchmal, wenn ganz klar gesagt wird, was los ist. Andererseits kann „Geschwurbel“ auch in die falsche Richtung laufen, wenn Texte eine Aneinanderreihung von totaler Scheiße sind und von irgendwelchen Redakteuren als was ganz „Heiliges“ wahrgenommen werden, weil sie es selbst nicht verstehen. Manchmal fühle ich mich da einfach verarscht.

Hast du da einen „Coach“, gibst du die Texte vorher jemandem zu lesen oder bist du da ganz selbstbewusst und verlässt dich allein auf dein Geschick?

Nein, ich möchte keinen Coach. Die Texte sind so persönlich, da möchte ich nicht, dass andere Einfluss nehmen. Ich bespreche aber alle Texte mit der Band, frage, wie sie die verstehen. Das interessiert mich, und nicht jeder Text bedeutet für jeden dasselbe. Und manchmal hängen wir auch mit Vincent, unserem Produzenten, an einzelnen Sätzen fest, wo wir nicht wissen, ob das so richtig ist, ob das grammatikalisch passt. Dann kommt als „Telefonjoker“ der Vater von unserem Booker Timo ins Spiel, denn der ist Deutschlehrer. Sprache ist nicht so einfach, wie man manchmal glaubt.

Wo wird es mit diesem Album für euch noch hingehen? Hätten sich die BROILERS zum, sagen wir, 30. Juni 2015 aufgelöst, wäre doch auf der Liste, was man als Band so erreichen kann, eigentlich überall ein Häkchen dahinter gewesen.

Wir haben unsere geheime Spaßliste, und auf der sammeln wir Punkte, hinter die wir mal ein Häkchen machen wollen. So viele Häkchen sind da nicht mehr zu machen, also müssen und wollen wir neue Punkte definieren. Abgesehen davon kann ich nicht abschätzen, wo es mit diesem Album hingeht. Ich kann nur sagen, es fühlt sich richtig und gut an. Und ich bin momentan immer noch gut drauf, obwohl alles so chaotisch und stressig ist. Ich bin gespannt, was die Leute sagen werden, glaube aber, dass sie es sehr mögen werden. Aber wo es hingeht ...? I don’t know.

Ein Soloalbum von Sammy Amara?

Das reizt mich schon irgendwie. Ich liebe auch Popmusik, weiß aber, dass wir mit „Noir“ das an Popmusik untergebracht haben, was für die Band okay ist. Mehr Pop wollen wir bei den BROILERS nicht haben, haben wir damals gesagt. Mittlerweile wurden einige Songs geschrieben, die für mich nur als Popsongs funktionieren, und die lege ich für mich auf die Seite. Vielleicht kommt also eines Tages so was wie ein Soloalbum. Kann ja sein, dass wir uns mal so auf die Nüsse gehen, dass wir eine Pause brauche. Ich möchte vermeiden, dass wir als Band mal an den Punkt kommen, an dem wir uns streiten. Oder dass wir uns langweilen. Dann muss man die Band eben mal eine Weile auf Eis legen und kann sich die Auflösung und später das „überraschende“ Comeback ersparen.

In Köln gibt es jede Menge schrecklicher Dialekt-Rockbands, die für unsereins völlig indiskutabel sind. Düsseldorf hat DIE TOTEN HOSEN, BROILERS, ROGERS und MASSENDEFEKT, die alle auf ihre Weise erstaunliche Erfolge feiern und durchaus stilistische Ähnlichkeiten aufweisen. Reiner Zufall oder irgendsoein „Düsseldorf-Ding“?

Ich weiß es nicht, das ist echt komisch. Ich weiß nur, dass die Düsseldorfer sich nicht so einen auf ihre Stadt abwedeln wie die Kölner. Diese Lokalpatriotismus-Nummer geht mir auf den Senkel, ich sehe da keinen Sinn drin – ich bin aber auch kein Karnevalist. Aber hier in der Stadt gibt es Kölsch-Kneipen, doch eine Altbier-Kneipe in Köln? Undenkbar. Was nun dieses Punk-Ding betrifft, so war Punk in Deutschland anfangs Punk in Düsseldorf und Punk in Hamburg. Tja, und welche bekannten Kölner Punkbands gibt es denn? KNOCHENFABRIK sind schon lange nicht mehr ... Ich kann mir das alles nicht erklären – finde es aber geil, haha.

Tauschen die erwähnten Düsseldorfer Bands sich auch untereinander aus?

Ach, wenn man sich sieht, trinkt man ein Bier zusammen, aber wirklicher Austausch ... nee. So viele Punk-Kneipen gibt es in Düsseldorf aber nicht, da läuft man sich immer wieder mal über den Weg.

Schädel und Palmen ... Skulls & Palms heißt euer bandeigenes Label, auf dem ihr das neue Album veröffentlicht habt, nachdem euer Vertrag mit People Like You Records ausgelaufen ist. Warum?

Wir haben Skulls & Palms ja schon vor einer Weile gegründet, nachdem die Rechte an unseren alten Platten an uns zurückgefallen waren und wir uns entschlossen, die selbst neu zu veröffentlichen. Totenköpfe und Palmen sieht man bei uns überall, also war der Name naheliegend. Wir hatten im Vorfeld des neuen Albums natürlich auch mit allen Majorlabels gesprochen, alle hatten Bock und ich habe überall coole, nette Leute getroffen. Letztlich haben wir uns aber entschlossen, alles selbst zu machen, aus dem einfachen Grund, dass wir jetzt niemanden mehr fragen müssen. Wir müssen nicht diskutieren, wenn sich irgendwas, das man uns vorschlägt, uncool anfühlt, und wir können alles machen, was wir wollen – auch wenn es sich vielleicht letztlich als Fehlentscheidung erweist. Das macht alles Arbeit, erleichtert aber vieles und man fühlt sich besser dabei.

Das selber zu machen, das ist der Schutz vor grauen Haaren. Und wenn wir jetzt Bock haben auf eine Großflächenplakatierung, dann machen wir das jetzt einfach – weil wir Bock drauf haben, ganz egal, ob das teuer ist oder was bringt.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #130 (Februar/März 2017)

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