Gut einkaufen

Foto

Underdog Records, Köln

Ob Neuzugezogener oder Alteingesessener: in Sachen Punk, Hardcore & Artverwandtes ist Underdog Records (fast) am Hansaring seit zwei Jahrzehnten schon in Köln die erste Adresse. Inhaber Lars „Hoffi“ Hoffmann beantwortete meine Fragen. Nicht eingegangen sind wir auf das heute nicht mehr aktive Label Defiance Records, das von ihm und Roland betrieben wurde.

Wann, wo und von wem wurde Underdog gegründet?

Der Laden wurde 1997 von mir und dem Green Hell-Mailorder eröffnet. Ich führe den Laden auch heute noch und mache den Einkauf, Green Hell ist im Hintergrund für den Import zuständig.

Wieso machst du heutzutage noch einen Plattenladen?

Gegenfrage, warum machst du „heutzutage“ noch ein Print-Fanzine? Ich antworte, glaube ich, für uns beide, wenn ich sage: aus Leidenschaft. Ich beschäftige mich seit meiner frühen Jugend mit Musik. Mein Taschengeld ging immer komplett für Schallplatten drauf, später bin ich jeden zweiten Tag durch halb Deutschland gefahren, um irgendeine Band in einem Club, Jugendzentrum oder besetzten Haus zu sehen. Ich habe Konzerte veranstaltet und bin mit diversen Bands durch Europa getourt. Da war es früh klar, dass auch mein beruflicher Weg in diese Richtung gehen wird. Bei einigen Bieren mit meinen Kollegen von Green Hell entstand Ende 1996 die Idee für einen Plattenladen in Köln, quasi aus dem Bauch heraus. Drei Monate später habe ich dann den Underdog-Plattenladen in Köln aufgemacht. Diese Bauchentscheidungen ziehen sich durch die ganze Geschichte von Underdog Records und ich bin zum Glück bis heute immer gut damit gefahren. Natürlich wurde die ganze Sache dann irgendwann zum „normalen“ Job und es stellte sich ein gewisser Alltag ein. Das Gefühl, morgens aufzuwachen und keine Lust auf seine Arbeit zu haben, kenne ich zum Glück nicht. Ich denke, solange dies so ist, stellt sich für mich die Sinnfrage nicht. Und wenn freitags die Pakete mit den Neuerscheinungen eintrudeln, habe ich beim Auspacken noch immer noch das gleiche erwartungsvolle, kribbelnde Gefühl wie vor zwanzig Jahren!

Wie setzt sich das Angebot zusammen, also welchen Anteil haben Vinyl, CDs, Shirts, Ticketvorverkauf und was immer du sonst noch anbietest?

In den Anfangstagen war der Vinyl/CD-Anteil noch fifty/fifty. Das verschob sich aber immer mehr in Richtung Vinyl. 2014 lag der CD-Umsatz bei nur noch circa 10%, nahm aber fast 50% des Platzes in Anspruch. Da war der Entschluss klar und logisch, auf „Vinyl-only“ umzustellen. Das Schöne ist, dass wir fast alle unsere Stammkunden behalten haben, da die meisten wieder von der CD auf Vinyl umgestiegen sind. Das liegt natürlich auch an den Download-Codes, die seit etwa zehn Jahren den LPs beiliegen. Die haben wirklich die Türen geöffnet, um die LP für eine breitere Masse – wieder – interessant zu machen. Wir haben eine Zeit lang auch mit T-Shirts experimentiert, aber das war aus Platzgründen schon sehr schwierig umzusetzen. Sehr wichtig ist auch der Ticketverkauf, wir bieten so ziemlich für alle Konzerte in und um Köln Karten an.

Welche Genres deckst du ab, welche sind traditionell dein Schwerpunkt?

Indie, Hardcore/Punk/Emo, Metal sind die Schwerpunkte, nebenbei haben wir noch eine HipHop-, Garage- und Soundtrack-Abteilung.

Was ist mit Second-Hand-Ware? Verkaufst und/oder kaufst du so was?

Wir haben uns auf Neuware spezialisiert. Im Hintergrund bauen wir aber gerade ein Second-Hand-Programm auf, das wir hoffentlich im Laufe des Jahres 2017 anbieten können. Aber das muss schon Qualität haben. Auf Ein-Euro-„Ramschplatten“ haben wir keinen Bock. Wer seine Scheiben loswerden möchte, kann sich also gerne bei uns melden.

Spielt für dich der parallele Online-Handel eine Rolle?

Das spielt für uns gar keine Rolle, wir konzentrieren uns nur auf unseren Laden.

Dein Geheimnis: Wie überlebt man mit so einem Laden? Und wagst du eine Prognose, wie lange das noch gutgeht?

Ich glaube, eine Spezialisierung ist wichtig. Einige Plattenläden muten eher wie ein Gemischtwarenladen an. Hier ein paar Neuheiten und Second-Hand-LPs, da ein paar CDs und alte Tapes und zum Schluss noch die obligatorische Grabbelkiste. Wir sind vom Programm her dann doch eher strukturiert und haben uns seit jeher voll auf Neuware konzentriert. Neben allen relevanten Neuerscheinungen pflegen wir vor allem auch das Backprogramm bis ins Detail. Schnelligkeit ist in Zeiten des Internets auch ein Schlüssel zum Erfolg, denn wenn du die Platten nicht bei direkt zur Veröffentlichung am Start hast, kannst du gleich einpacken. Es ist für uns auch wichtig, immer am Ball zu bleiben. Neben dem Plattenladen veranstalten wir Konzerte und Partys. Sich einfach nur in unseren Laden zu setzen und in der Szene nicht aktiv zu sein, ist für uns keine Option. Meine Prognose? 2037 werden wir unser vierzigjähriges Jubiläum feiern. Kommst du vorbei?

Altert deine Kundschaft mit dem Laden oder gibt es genug Nachwuchs?

Das ist eine gesunde Mischung! Natürlich altert unsere Kundschaft mit uns, aber wir haben mega viele Junge Leute von Anfang zwanzig, die zu uns in den Laden kommen. Meistens kaufen die Jüngeren zuerst nur Tickets, dann mal eine LP und zack, siehst du die Leute regelmäßig im Laden. Es ist echt schön, wenn du zum Beispiel samstags in den vollen Laden schaust und siehst, wie sich dort eine krude Mischung aus zwanzig- bis sechzigjährigen Metalheads, Hipstern, Punks, Nerds und Normalos durch die Platten wühlt.

Bist du selbst noch Sammler?

Ja, klar!

Zum Schluss: Deine Top 3 der dummen Sprüche und Fragen?

1. „Was, ihr macht erst um 11:30 Uhr auf? Dann kann das ja nix werden!“

2. Typ kommt rein: „Warum gibt es so was noch?“ Underdog: „Was?“ Typ: „Schallplatten, ist das ein Fetisch oder so?“ Underdog: „ Ja, wir ziehen uns abends immer Lederklamotten an und hören Schallplatten!“ Typ unbeirrt: „Die werden aus Stein hergestellt, oder?“ Underdog: „Nein, aus Uran.“ Typ: „Ah, Danke für die Information. Auf Wiedersehen.“

3. Nach einem abgelehnten Second-Hand-Ankauf. Kunde: „Dann bestehe ich jetzt darauf, den Olli zu sprechen.“ Underdog: „Es gibt hier keinen Olli“. Kunde zeigt auf ein Olli Schulz-Konzertposter im Schaufenster: „Olli Schulz, der Geschäftsführer!“

Ritterstr. 52, 50668 Köln

Mo-Fr 11:30-19:00, Sa 12:00-18:00