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Interviews & Artikel

MIOZÄN

Positive Mental Attitude

„Deutsche Neunziger Hardcore-Band mit erdgeschichtlichem Namen mit sechs Buchstaben?“ „Miih-ohh-zäään.“ „Danke, passt!“. Neben den RYKER’S gab es seinerzeit gar nicht so viele einheimische Bands, die mit New Yorkern wie SICK OF IT ALL, MADBALL oder AGNOSTIC FRONT mitmischen wollten und konnten, doch irgendwann um die Jahrtausendwende war die Band aus Norddeutschland dann plötzlich verschwunden. Seit 2016 sind die 1991 gegründeten MIOZÄN in der Besetzung Kuddel (vocals), Kniffel (guitar), Tomek (drums) und Frank (bass) wieder aktiv. Soeben erschien ihr neues Album „Surrender Denied“.

Das letzte Interview mit euch erschien vor exakt zwanzig Jahren in Ox #26 Anfang 1997. Was habt ihr seitdem so getrieben?

Kuddel: Nach MIOZÄN haben Frank und ich mit Freunden SOULS ON FIRE gegründet und eine hochgelobte Scheibe namens „Collars Up“ rausgebracht. Die hatte bei euch damals in der Besprechung die Höchstnote von zehn Punkten! Musikalisch oder bandtechnisch war es dann bei mir auch vorbei, und das war für mich auch völlig okay. Platten kaufen und auf Konzerten rumlungern, zählt aber bis heute zu meinem Leben dazu. Und nun treten wir halt noch einmal gehörig Ärsche ...

Frank: Bei mir Mucke satt. „Surrender Denied“ ist jetzt die 13. Scheibe in 25 Jahren. Pausen gab es also zwischenzeitlich nicht bei mir. Okay, I DEFY, meine letzte Hardcore-Kapelle, liegt aber schon wieder etwas zurück. In den letzten zehn Jahren ist es überwiegend Streetpunk bei mir gewesen.

Wie kam es zur Reunion, wieso nach all den Jahren ein neuer Anlauf?

Frank: 2009 gab es zum vierzigsten Geburtstag eines guten Freundes und Wegbegleiters der Band eine einmalige Show im Conne Island in Leipzig. Eine Reunion war zwar damals nicht im Gespräch und wäre technisch wegen der Entfernung gar nicht möglich gewesen, aber da hat es zumindest bei mir schon wieder angefangen zu jucken. Im November 2014 gab es hier in der Gegend dann das erste „richtige“ Konzert. Da war für Kuddel und mich dann auf jeden Fall klar, dass wir da wieder Bock drauf haben und das halbwegs vernünftig durchziehen wollen. Für uns beide stand von Anfang an fest, dass wir keine Lust haben, nur die alten Kamellen hoch und runter zu zocken und auf jeden Fall eine neue Scheibe an den Start muss. Ich selbst finde Reunions nicht zwangsläufig schlecht. Ist schon ganz geil, ab und zu eine alte Kapelle zu erleben, die man ewig nicht oder vielleicht noch nie live gesehen hat. Wenn es dann aber die x-te Tour ohne neues Material gibt, dann hat das für mich schon einen faden Beigeschmack. Da hätte ich persönlich keinen Bock drauf. Neuer Anlauf also deshalb, weil tierisch Bock drauf, und neue Scheibe, weil ruhig jeder mitkriegen darf, dass das Feuer noch brennt.Und dann war da für mich natürlich noch der Punkt, dass mich das Schreiben neuer Songs über die wohl derbste Zeit in meinem Leben gerettet hat. Die Aussicht, mit MIOZÄN eine neue Scheibe zu machen, hat mir schlichtweg ein Ziel gegeben, das es zu erleben galt.

Du hattest die Diagnose Krebs erhalten. Ist „Surrender Denied“ also ein programmatischer Albumtitel? „Aufgeben gilt nicht“?

Frank: Wie Henry Chinaski zu sagen pflegte: „Aufgeben ist wie Pisse saufen am jüngsten Tag!“ Schwächen eingestehen allerdings geht sehr wohl. Wenn ich nicht nach dem Credo leben würde, hätte ich wahrscheinlich jetzt mit Wölli ein Projekt auf der anderen Seite am laufen, wäre aber zumindest mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr in der Lage, diese Frage zu beantworten. Als mir der Arzt die Krebs-Diagnose mitteilte, war ich nicht mal geschockt, weil mir zu der Zeit schon klar war, dass da etwas ernsthaft nicht in Ordnung ist. Da ging es von Anfang an nur darum: „Los geht’s! Wie kriegen wir das hin?“ Und diese Haltung, eine Krebs-Diagnose kurz vor Endstadium nicht zu akzeptieren, hat mir schlicht das Leben gerettet. Natürlich ist meine Krebs-Scheiße jetzt für mich ein großes Thema und ich kann es selbst schon bald kaum noch hören, allerdings sterben ja gerade in unseren Kreisen im Moment die Leute weg wie die Fliegen und meine Geschichte zeigt einfach nur, dass es verdammt noch mal sehr gut möglich ist, einer tödlichen Krankheit wie beispielsweise Krebs in den Arsch zu treten. Ein Großteil der Leute, die das hier lesen, wird wahrscheinlich irgendwen in der Familie oder im Bekanntenkreis haben, die genau das gerade selbst durchmachen, und für all die Leute wäre ich gern ein positives Beispiel.

Inwiefern?

Frank: Viele Ärzte sagen, dass 60% bei so was im Kopf entschieden wird. Klar, bei mir hat die Chemotherapie ein Wunder vollbracht, aber ich habe genau das auch zugelassen und wollte das so. Heißt, wenn ich mich selbst aufgebe und mir sage „eh alles zu spät“ und selbst nicht an Heilung und die Therapiemöglichkeiten glaube, dann wird es auch keine Rettung geben. Positive Mental Attitude ist das Zauberwort! Und großartigerweise habe ich bei diesem Kampf wirklich eine weltweite Unterstützung erfahren, die einem emotional die Schuhe auszieht. Danke an alle da draußen, die mir fast täglich einen neuen Fix „PMA“ verpasst haben und mir die Kraft gegeben haben weiterzugehen. Dadurch, dass die Geschichte jetzt öffentlich geworden ist, könnte man meinen es geht darum, Mitleid zu erhaschen oder so. Fuck off, ich brauche und will kein verschissenes Mitleid. Ich habe während der letzten zwei Jahre glücklicherweise auch nur mit wenigen Leute näher zu tun gehabt, die das wollten. Wenn es soweit ist, bedauert man sich selbst und hat schon verloren. Das Krasseste, was ich in diesem Zusammenhang mal aufgeschnappt habe, war von jemandem, der sich extrem selbst bedauert hat und dann einen Spruch rausgehauen hat wie: „Warum ausgerechnet ich, wieso nicht meine Schwester?!“ Schlimmer geht’s in meinen Augen nicht. Also nein, aufgeben gilt nicht und Selbstmitleid auch nicht!

Damals unterhielten wir uns nach einem Konzert in Essen beim Frühstück bei uns am Küchentisch. Was war das damals für eine Zeit, was bedeutete euch Hardcore, welche Erfahrungen fürs Leben nahmt ihr aus jener Zeit mit?

Kuddel: Hardcore war ja schon Ausdruck einer gewissen Einstellung vieler Gleichgesinnter und die Zeit damals fand ich schon verdammt groß. Du konntest ja hinfahren, wo du wolltest, immer waren gute Leute vor Ort, ob auf Shows oder auch nur so. Meine Werte und Vorstellungen haben sich in all den Jahren nicht wirklich geändert, diese „große Familie“ gibt es leider so nicht mehr. Obwohl es immer noch einige von der alten Garde gibt, die auch heute noch gut unterwegs sind.

Frank: Yup. Ich kann mich noch an deine opulente Vinyl Sammlung erinnern, Joachim. Gefühlt gab es in deiner Bude ja nur Vinyl und einen Trampelpfad an den Scheiben vorbei ... Ich habe mir in den frühen Neunzigern auch die erste Tätowierung stechen lassen, die Zeichnung haben wir dann später auch als Cover für die Benefiz-LP „Caught In Their Free World“ verwendet. Das war zu Zeiten der Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen etc. Jedenfalls hab ich mir das Teil damals nur stechen lassen, um mich, wenn ich mal alt und grau bin – also jetzt –, daran erinnern zu müssen, mal anders gedacht zu haben als eine Vielzahl an Menschen in diesem Land. Glücklicherweise war das nie nötig. Für mich bedeutet Hardcore auch heute noch, dass ich nichts blind fresse, was mir vorgesetzt wird.

Im Ox-Interview damals diskutierten wir über „Hardcore-Werte“, über Newschool, Oldschool, über zunehmende Metal-Einflüsse, über konservative belgische Straight-Edge-Bands. Spannend, wie sehr uns das beschäftigt hat. Was bedeutet dir, euch dieses Hardcore-Ding heute?

Kuddel: Es ist ein Teil von mir und wird es immer sein. Zumindest das, was ich ich als alte Werte oder Ideale bezeichnen würde. Aber eine oder die Hardcore-Szene sehe ich so heute nicht mehr ... Jedenfalls keine, mit der ich mich ausnahmslos identifizieren wollen würde. Es gibt alte Hasen und Jüngere, mit denen ich meine Vorstellungen oder Einstellungen und die Leidenschaft für diese Art Musik teile, und das ist das, was zählt und den Spaß daran am Leben erhält.

Frank: Zunehmende Metal-Einflüsse, das ist gut, harhar! Musikalisch gesehen war es für mich immer nur der Soundtrack zur Lebenseinstellung. Zwischen DAG NASTY und meinetwegen HATEBREED liegen ja nun mal Welten, trotzdem wurde beides als Hardcore „verkauft“. Das, was jenseits dieses Soundtracks liegt oder sich im Kopf abspielt, hat sich bis heute nicht so grundlegend geändert. Wobei ich den Hinweis „Zahl nicht mehr als 12 DM“ heute nicht mehr auf ein Cover drucken würde ... Andererseits haben wir gerade erst ein Konzert abgesagt, weil der Veranstalter der Meinung war, er müsste für MIOZÄN 16 Euro Eintritt nehmen.

„Arbeiten kann man später noch. Für mich kommt die Band vor dem Job“, sagtest du damals. Und dann ...?

Frank: Tja, das hat sich definitiv geändert. Zu meinen Zeiten als Dachdecker war das damals noch recht easy. Und mit Mitte zwanzig sowieso. Da war dem Chef auch irgendwie klar, wenn man keinen Urlaub für eine Tour kriegt, dass man eben einen Betrieb weiter geht. Die Prioritäten haben sich dann doch dezent verschoben. Kurz nach dem Interview damals habe ich eine Umschulung zum „Werbe- und Medienvorlagenhersteller“ angefangen – das ist übrigens der Oldschool-Begriff für „Mediengestalter“ – und seitdem immer in Agenturen und Verlagen gemuckelt. In Agenturen ist man allerdings ab Mitte dreißig im Rentenalter, da blieb dann nur noch die Flucht nach vorn in die Selbstständigkeit. Seit viereinhalb Jahren mache ich das jetzt und würde nicht mehr tauschen wollen. Ist eben schon ein anderer Schnack, ob man ausgebeutet wird oder sich selbst ausbeutet.

„Politisch zu sein heißt für mich, dass ich ganz pauschal das System ablehne“. Sagte Kuddel. Und heute ...?[/b]

Kuddel: Heute würde ich da sogar noch drei Ausrufezeichen dahintersetzen. Das kapitalistische System ist doch so brutal und zügellos geworden, dass jeder halbwegs denkende und fühlende Mensch mir Recht geben oder echte Veränderungen wollen würde. Dem ist leider nicht so und der Klassenkampf von oben wird noch an Härte zunehmen – bis zum unausweichlichen Ende.

Wie klar war die musikalische Ausrichtung des neuen Albums im Vorfeld? Und wo seid ihr letztlich in eurer Wahrnehmung mit der Platte gelandet?

Frank: Dass wir uns stilistisch nicht komplett neu erfinden wollen oder werden, war uns klar. Eigentlich war die einzige Vorgabe an uns selbst, eine Scheibe abzuliefern, die nicht nach „Altherren-Tennis“ klingt oder wo die Leute eventuell sagen: „Nicht schlecht für alte Säcke“... Ich denke, das ist uns ganz gut gelungen. Außerdem waren wir soundmäßig damals eigentlich mit keiner Platte so 100% zufrieden, das wollten wir mit der neuen Scheibe natürlich auch hinkriegen. Ansonsten gibt es für so was eigentlich keinen exakten Fahrplan, oder anders gesagt, man kann sich zwar vornehmen, lass uns mal in die und die Richtung etwas schreiben, aber am Ende kommt sowieso was anderes dabei raus. Und dann macht man sich so kurz vor dem Gang ins Studio auch noch mal reichlich Gedanken, ob da jetzt zu viel oder zu wenig Geballer zusammengekommen ist, ist das jetzt zu melodisch, muss das eingängiger sein? Jede Menge Kopfkino. Da muss man dann eben locker lassen. Letzten Endes empfindet das jeder Hörer sowieso anders.

Kuddel: Da wir ein paar neue Jungs dabei haben, fließen natürlich auch deren Verstellungen und neue Einflüsse mit ein. Tomek ist am Schlagzeug eine echte Maschine, musste sich aber auch erst zurechtfinden, da er seine musikalischen Wurzeln eher im Ska und Streetpunk hat. Kniffel war unser Glücksgriff, ein echter Ausnahmegitarrist, der Melodien satt reingebracht hat. Dass es IRON MAIDEN-artige Passagen gibt, verdanken wir ihm. Wenn du so willst, ist es ein wenig Youth-Crew-New-York-Oldschool mit Spandexhose geworden. Ich für meinen Teil bin mit unserem Ergebnis hochzufrieden ...

Gefeierte Festivalauftritte 2016, jetzt ein paar Wochenendshows zum Albumrelease – was wird 2017 bringen?

Kuddel: Bandtechnisch wäre es natürlich Hammer, wenn die Scheibe richtig gut ankommt – logisch. Showtechnisch gibts dann hoffentlich eine ganze Reihe gefeierter Festivals und Shows, die Bock machen und natürlich wäre toll, dort neben vielen neuen Gesichtern auch alte und vertraute Menschen zu sehen. Einfach eine gute Zeit haben. Weltpolitisch dürfte es eher ganz finster werden, da werden gute Stunden umso kostbarer sein.

Frank: Gesundheit wär ganz geil!

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #130 (Februar/März 2017)

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