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Interviews & Artikel

FLOGGING MOLLY

Feiert das Leben!

Was ist Folk-Punk? Die POGUES? Die DROPKICK MURPHYS? Die REAL McKENZIES? Die MAHONES? Oder FLOGGING MOLLY? Wenn man es genau nimmt, dann sind es vor allem FLOGGING MOLLY gewesen, die in den vergangenen Jahren den Folk-Punk erobert haben und seit dem Debüt „Swagger“ (2000) Alben herausbrachten, die sich millionenfach verkauften, ohne wirklich kommerziell zu sein. Und die bei Festivals die interessanten Slots ab dem späten Nachmittag bekommen und demnächst für Superstars wie VOLBEAT den Support vor 15.000 Zuschauern und mehr geben dürfen. Um es auf den Punkt zu bringen: FLOGGING MOLLY sind seit geraumer Zeit der heißeste Scheiß in Sachen Folk-Punk. Und der wollen sie auch mit ihrem neuen Album „Life Is Good“ bleiben, das nun erscheint und über das wir uns mit Frontmann Dave King – einem in den USA aufgewachsenen Iren aus Dublin – am Telefon in Detroit unterhielten.

Dave, Detroit ist also derzeit dein Wohnort?

Ja, ich lebe mit meiner Familie einen Teil des Jahres hier und den anderen in Irland. Das heißt, wir versuchen, so häufig wie möglich nach Dublin zu fliegen.

Weißt du, was meine schönste Erinnerung in Sachen FLOGGING MOLLY ist?

Nein. Ich bin gespannt.

Ich erinnere mich an ein Konzert von euch vor ein paar Jahren in Köln. Und das Besondere an diesem Gig war die Tatsache, dass während eures Auftrittes wirklich alle Zuschauer im Raum, gut anderthalbtausend, getanzt haben. Es gab keinen Platz, an dem jemand stillstand. Und das war etwas, das ich noch nie zuvor erlebt hatte.

Das höre ich sehr gerne. Das ist großartig. Denn es geht doch letztlich vor allem um eines: um das Feiern. Um das Abfeiern des Lebens. Darum drehen sich unsere Songs. Dafür stehen unsere Songs – auch diejenigen, in denen es um ernste Themen geht. Und dafür stehen wir. Wir versuchen, das Leben maximal zu genießen.

Ist es angesichts dieser Feierwut denn sehr schwer, bei Konzerten auch Songs mit ernstem Inhalt zu spielen? Denn möglicherweise hören die Leute in diesen Momenten gar nicht auf den Songtext, weil sie mit Tanzen und Ausflippen beschäftigt sind.

Nein. Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich denke, das beweist nur, dass man im Leben das Positive mit dem Negativen vereinbaren und kombinieren muss. Wenn ich beispielsweise in dem einen oder anderen Song über meinen früh verstorbenen Vater singe und die Leute dazu tanzen und lachen sehe, dann weiß ich: Das ist genau das, was er sich gewünscht hätte. Es gibt doch nichts Schöneres, als Leute zu sehen, die das Leben genießen und ausgelassen tanzen. Zudem entdecke ich im Publikum immer wieder auch Menschen, die bei bestimmten Songs Tränen in den Augen haben. Feiern, Weinen – das zeigt einem Künstler doch, dass er die Menschen mit seiner Musik berührt. Und ich denke, das kriegen wir als Band ganz gut hin. Das zeigt sich übrigens auch an dem Querschnitt der Fans, die zu unseren Shows kommen. Während der letzten Tour durch die USA etwa hatten wir jeden Abend Kinder im Publikum, die vielleicht zehn, elf Jahre alt waren. Und sie standen neben ihren Eltern und Großeltern. Da sind ganze Familien, in denen die Liebe zur Musik, zu unserer Musik, offensichtlich weitervererbt wurde. Das ist unfassbar.

Und das passt bestens zu eurem Genre, dem Folk-Punk und dem Folk irischer Prägung. Es gibt seit jeher Massen von Fans, die diese Musik hören. Bands wie ihr ziehen sie seit Jahrzehnten in ihren Bann – und ihr seid dabei noch nicht einmal allein auf weiter Flur. Die Anzahl an Bands ist weltweit riesig. Irish Folk und alle seine Spielarten sind anscheinend unzerstörbar und überleben andere Trends und jeden Hype. Warum eigentlich?

Weil Folk nichts anderes ist als Soul-Musik. Und damit meine ich nicht alleine das entsprechende Genre. Damit meine ich: Es ist Musik, die aus der Seele, aus der Tiefe deines Herzens kommt und die daher anrührend ist. Und mich begleitet diese Musik schon mein ganzes Leben lang. Ich erinnere mich daran, dass meine Eltern mit mir als Kind sangen. Sie gingen regelmäßig in den Pub und sangen dort. Sie kauften mir meine ersten Instrumente. Die Musik war einfach überall. Auch wenn ich gerade als Jugendlicher vor allem Rory Gallagher und dann THIN LIZZY hörte und immer versucht habe, wie David Bowie oder Freddie Mercury von QUEEN oder wie Marc Bolan von T. REX auszusehen und total auf dieses Glamrock-Ding abgefahren bin. Und dann zogen wir irgendwann eben in die USA, an die Westküste. Da war ich in meinen Zwanzigern. Und dort traf ich dann Bridget, meine heutige Frau, die ja ebenfalls Bandmitglied von FLOGING MOLLY ist. Sie saß in einer Bar und hörte einer Akustikshow zu. Wir kamen ins Gespräch und landeten schnell beim Thema Musik. Ich fragte sie, ob sie ein Instrument spiele. Und sie sagte: „Ja, die Fiddle.“ Ich war sofort angefixt. Wir sahen uns schon am nächsten Tag wieder – und sind seitdem unzertrennlich. Denn Bridget führte mir meine Herkunft wieder vor Augen. Sie änderte meine Einstellung zur Musik noch einmal radikal und brachte mich back to the roots. Natürlich hörte und höre ich auch weiterhin Rock. Rock ist fest in meinem Kopf. Aber ich entdeckte damals die irische Musik, den Folk, den ich ja immer schon gekannt hatte, weil man in Irland automatisch damit aufwächst, noch einmal neu für mich. Ich entdeckte eben diese Seele darin. Diese Musik treibt mich wie viele andere Menschen auch an. Ich spiele und höre sie tagtäglich. Wenn ich in einen Pub gehe, singe ich sie. Wenn ich danach nach Hause komme, mache ich weiter. Für mich ist Irish Folk nichts anderes als Punk. Er lässt die Emotionen frei, er kehrt dein Innerstes nach außen. Und eigentlich ist das doch nichts anderes als Punk.

Aber ist es nicht seltsam, dass du – als gebürtiger Ire – erst einmal ans andere Ende der Welt ziehen musstest, um dich wirklich der Musik deiner Heimat zu widmen?

Ja, aber ich war damals eben noch jung, in einer fremden Umgebung und ein wenig orientierungslos. Da kam Bridget gerade recht. Ich hatte all diese Songs ja schon in meinem Kopf. Sie mussten nur irgendwie wieder in mein Bewusstsein geholt, wieder geweckt und mit Leben gefüllt werden. Hinzu kam aber auch, dass ich mich damals – worüber ich mir anfangs gar nicht so im Klaren war – illegal in den USA aufhielt. Die Aufenthaltsgenehmigungen von mir und meiner Mutter waren nämlich recht schnell erloschen. Und wir durften das Land mehrere Jahre lang nicht mehr verlassen, weil wir sonst nicht wieder hereingekommen wären. Das hieß: Wir durften auch nicht nach Irland reisen. Das machte mir sehr zu schaffen. Und all die irischen Songs, das Spielen dieser Stücke, half mir ein wenig darüber hinweg.

Du erwähntest eben das gemeinsame Singen in der Familie. Das ist heutzutage doch so gut wie verschwunden, oder? Handy und Co. regieren die Freizeit.

Leider. Die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen, sich auf eine Sache wirklich zu konzentrieren und diese hundertprozentig und mit ganzem Herzen zu machen, ist minimal. Heutzutage gibt es aufgrund der technologischen Entwicklung, durch die sich ja auch das Freizeitverhalten verändert hat, viel mehr Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Oder eben die Zeit totzuschlagen. Weißt du, als ich in meiner ersten Band spielte, gab es außer dieser Band nichts anderes für mich. Ich hatte keine Ablenkung. Und das hat mich als Musiker und Mensch geprägt. Dennoch gibt es Hoffnung: Eben die jungen Leute, die unseren Shows kommen. Und ich erlebe es sehr häufig, dass mich solche jungen Menschen um Rat bezüglich einer Band fragen. Es wird also immer entsprechenden Nachwuchs geben.

FLOGGING MOLLY existieren bereits seit zwanzig Jahren. Und das fast immer in der gleichen Besetzung. Wie habt ihr das geschafft?

Wir haben das geschafft, weil wir eine lebendige Band sind. Es ging bei FLOGGING MOLLY noch nie um Dave King, der mit seiner Gitarre auf dem Schoß einsam vor einem Schreibtisch sitzt, auf dem ein leeres Stück Papier liegt. Wir sind seit jeher vielmehr eine Gemeinschaft – auch weil wir immer respektvoll miteinander umgegangen sind und uns gegenseitig, gerade auf Tour, den nötigen privaten Raum lassen. Und wir sind eine Live-Band. Das ist unsere Bestimmung. Auch im Studio. Das hält jung. Und das führt dazu, dass wir es bis heute wertschätzen, wenn die Leute zu uns kommen und mit uns feiern. Und drittens: Die Songs halten uns zusammen. Sie werden nie langweilig. Auch wenn ein Stück schon zwanzig Jahre alt ist, spielen wir es noch jeden Abend mit Begeisterung.

Was bist du denn bei Konzerten, wenn du sie als Gast besuchst – Tänzer oder Steher?

Das kommt darauf an, haha. Ich besuche recht viele Konzerte und schaue mir sogar auf Tour immer die Veranstaltungstipps in den Magazinen an, wenn wir einen freien Tag haben. Ich gehe zu Punkshows. Da tanze ich dann. Aber ich gehe auch zu Bands wie SIGUR RÓS, bei denen es ja eher dezenter, langsamer und leiser zugeht. Da stehe ich.

Was hältst du von eurer direkten „Konkurrenz“, von den DROPKICK MURPHYS oder den MAHONES?

Großartige Bands sind das! Wir sehen uns ja regelmäßig bei Festivals. Es ist schön, dass es noch andere, erfolgreiche Bands gibt, die diese Art von Musik lebendig halten und bekannter machen.

Meist sind die Bands dieses Genres auch recht trinkfest. Wer verträgt mehr, die Konkurrenz oder ihr?

Ohne Zweifel: Wenn es ums Trinken geht, dann gewinnen immer und grundsätzlich FLOGGING MOLLY, haha.

Hast du je Shane McGowan getroffen?

Ja, habe ich. Okay: Er ist dann doch noch mal eine eigene Liga, haha ... Aber auch musikalisch. Sie haben das Ganze erst ins Rollen gebracht.

„Life Is Good“ ist euer erstes Album seit sechs Jahren ...

Himmel! Das stimmt. Und ich finde es unglaublich, wie die Zeit fliegt.

Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Rate mal, haha.

Ihr seid zu viel auf Tour gewesen?

So ist es, haha! Es ist ja auch durchaus ein Luxus, mit ein und derselben Platte, „Speed Of Darkness“, sechs Jahre lang touren zu können. Und wir hätten das noch weiter so machen können. Soll heißen: Wir mussten uns tatsächlich dazu zwingen, einen Stopp einzulegen, um an neuen Songs zu arbeiten. Letztlich aber ist es gut, dass wir diesen Cut gemacht haben. Denn wir lieben „Life Is Good“!

Obwohl das Leben da draußen gerade auch mal „not so good“ ist?

Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen! Aber genau darum geht es ja. Es geht darum, dass das Leben da draußen zwar scheiße ist, aber dass es, wenn man es nur entsprechend angeht, eben auch sehr schön sein kann. Die Idee zum Plattentitel kam mir durch meine Mutter. Sie ist im vergangenen Jahr gestorben. Und ich erinnere mich daran, wie ich damals, als es mit ihr zu Ende ging, im Krankenhaus auf der Kante ihres Bettes saß und sie zu mir und Bridget, die auch mit dabei war, sagte: „Bitte tut mir einen Gefallen: Genießt das Leben. Denn das habe ich auch getan.“ Das hat mich tief berührt. Sie hatte ein wirklich hartes Leben. Sie lag im Sterben. Es war ein grausamer Moment. Und trotzdem sprach sie vom Leben und davon, es zu genießen und das Beste daraus zu machen. Das ist das Thema unseres Albums. Das Leben ist manchmal schlecht und gut gleichzeitig. Es liegt immer am Standpunkt, von dem aus du es betrachtest. Das, was schlecht ist, macht das Schöne umso wichtiger und schöner.

Das ist eine sehr schöne Geschichte zu „Life Is Good“. Vor allem, weil ich anfangs ausgehend vom Namen zuerst den Eindruck hatte, es könne sich womöglich um das politischste Album überhaupt von FLOGGING MOLLY handeln.

Das ist es ja auch irgendwie auch. Wenn du dich in der Welt umschaust und siehst, was in den USA, in Europa, in Russland, in Syrien passiert, dann musst du sagen: Das Leben ist nicht wirklich gut. Aber: Wir haben es in der Hand, es gut zu machen.

Bist du der „Das Glas ist halbvoll“-Typ?

Nun, das kommt wiederum darauf an, was im Glas ist, haha. Wenn es Guinness ist, dann hätte ich stets gerne mehr davon. Dann ist es also halbleer. Wenn es Wasser ist, dann hat das mit dem Nachschenken noch Zeit. Dann ist es halbvoll, haha.

Was ich eigentlich damit meinte: Du bist Optimist, oder?

Haha, absolut. Das bin ich.

In Detroit, wo du lebst, sah es zuletzt nicht mehr ganz so optimistisch aus. Detroit war lange Zeit aufgrund der Autoindustrie eine Boomtown. Dann ging es wie auch an vielen anderen Orten in den USA abwärts. Wie ist es heute, gibt es wieder „a good life“ in Detroit?

Vor ein paar Jahren sah es noch schlecht aus, richtig. Auch unser vorheriges Album „Speed Of Darkness“ von 2011 war von dieser Situation und von der damaligen Atmosphäre in dieser Stadt geprägt. Aber heute stellt sich die Lage in Detroit wieder ganz anders dar. Detroit reißt sich zusammen und blüht wieder auf. Ja, der wirtschaftliche Crash hat die Stadt damals extrem hart getroffen. Das erinnerte mich an meine Jugend in Dublin, wo es ähnlich gewesen war. Aber heutzutage herrscht eine ganze andere Energie. Es herrscht Optimismus. Denn es gibt es wieder Arbeitsplätze. Es ziehen Leute aus allen Teilen des Landes wegen der Arbeit hierher. In New York gibt es Werbeflächen, die mit Jobs in Detroit locken, was alles andere als selbstverständlich ist. Ich meine: New York! Wer sollte normalerweise von dort aus nach Detroit gehen? Aber die Leute tun es wieder. Downtown Detroit wird völlig umgestaltet. Es entstehen neue Gebäude, Sportstadien für Hockey-, Basketball- und Fußballmannschaften und Zugstrecken. Es gibt viele neue Clubs und Freizeitzentren.

Wer hat den Schalter umgelegt zum Guten?

Das ist vor allem der Kreativität und Hartnäckigkeit der Menschen hier zu verdanken. Sie haben ihr Schicksal selber in die Hand genommen. Nicht weit von unserem Haus ist beispielsweise ein Restaurant, in das Bridget und ich gerne gehen. Das gehört einem Mann, der früher bei Chrysler arbeitete, seinen Job verlor, und es dann, als er am Boden war, eben in einem ganz anderen Metier versuchte. Er rappelte sich auf. Und das Restaurant läuft bestens! Es ist immer voll. Man bekommt kaum einen Platz. Und solche Läden gibt es überall hier. Und das zeigt wieder: Du kannst eigentlich keine guten Zeiten haben, ohne vorher schlechte Zeiten erlebt zu haben.

Und es braucht gar keinen Donald Trump, um Amerika wieder groß machen.

Absolut nicht, haha! Ich hoffe, er wird letztlich eine Randnotiz in der Weltgeschichte bleiben. Und er ist für mich sogar schon heute so unwichtig, dass ich ihn eigentlich nicht weiter erwähnen und gar nicht groß über ihn sprechen will.

Dann kommen wir mal zum Thema Religion. Du bringst immer wieder auch religiöse Anspielungen in den Songs von FLOGGING MOLLY unter. Auf dem neuen Album gibt es beispielsweise das Stück „The guns of Jericho“, das mit biblischen Motiven spielt und die Eroberung des Landes Kanaan durch die Israeliten behandelt. Bist du ein religiöser Mensch?

Gar nicht. Ich respektiere es aber, wenn jemand gläubig ist. Denn es ist durchaus so: Ich wuchs in Irland eben mit der Religion auf und alle diese Bilder sind fest in meinem Kopf verankert. Ich war eine Zeit lang Messdiener. Ich war immer umgeben von Kirchenfenstern und Kreuzen und religiösen Bildern, die überall in der Stadt hingen. Ich erinnere mich daran, wie meine Großmutter mir eine riesige Bibel schenkte, in der unfassbar opulente Zeichnungen waren, die ich nachzuzeichnen versuchte. Und all das werde ich Zeit meines Lebens nicht loswerden. Das steckt in mir. Aber was viel wichtiger ist: Ich sehe, dass es dem ganzen Land, Irland, so viel besser geht, seitdem die Kirche ihren Einfluss auf die Menschen verloren hat und in ihrem Leben nur noch einen der hinteren Plätze einnimmt. Irland ist größer geworden dadurch. Selbstbewusster. Ein Referendum wie das über die Rechte Homosexueller, das es 2015 dort gab und durch das die Ehe für Lesben und Schwule möglich wurde, wäre undenkbar gewesen, wenn die Kirche nach wie vor jenen Einfluss hätte, den sie damals besaß, als ich noch ein Kind war.

Musstest du dich in jungen Jahren, als in Irland noch der Glaubenskrieg zwischen Protestanten und Katholiken wütete, je gezwungenermaßen auf eine Seite des Glaubens schlagen?

Ja. Mir blieb keine andere Wahl. Ich habe das alles hautnah mitbekommen. Ich habe viele, viele Erinnerungen daran. Und über viele möchte ich gar nicht reden. Nur so viel: Das ist einer der Gründe, warum ich heute kein religiöser Mensch mehr bin und Religion misstrauisch begegne. Damals lebten in Irland gerade einmal knapp dreieinhalb Millionen Menschen. Und die bekriegten sich auch noch. Das konnte ich ohnehin nie verstehen. Und spätestens als ich in die USA ging, machte all das für mich immer weniger Sinn. Und so ist es bis heute geblieben.

Dann lass uns über „Adamstown“ reden, eine Stadt, über die du für „Life Is Good“ ein Lied geschrieben hast. Ich habe im Internet gesehen, dass es mehrere Städte dieses Namens gibt. Aber lass mich raten: Es dürfte sich um das Adamstown im County Dublin handeln?

Richtig. Es ist eine Vorstadt von Dublin, die von der Regierung in den Achtziger Jahren konzipiert beziehungsweise aus dem Boden gestampft wurde. Das Besondere an Adamstown: Es ist lange Zeit eine Geisterstadt geblieben. Ein paar Tausend Menschen zogen zwar dorthin und kauften sich Häuser. Und es wurden auch fleißig Schulen und Einkaufszentren gebaut – aber die Zahl der Zuwanderer blieb weit hinter den Erwartungen zurück und die meisten Gebäude standen leer. Das war verdammt gespenstisch. Aber jetzt, da es in Irland wieder besser läuft, wird sich vielleicht auch in Adamstown etwas zum Guten wenden. Hoffentlich. Du siehst also: „Welcome to Adamstown“ ist vor allem ein Song über Hoffnung mit einem offenen Ende.

Und wer ist dieser Mr. Sullivan, den du in „The hand of John L. Sullivan“ besingst?

John L. Sullivan war ein Boxer mit irischen Wurzeln aus Boston, der Ende des 19. Jahrhunderts erfolgreich war. Ich erinnere mich, dass mein Vater ihn schon erwähnte, als ich ein Kind war. Er war einer der ersten Sportstars. Und die Menschen wollten damals seine Hand schütteln, weil Sullivan aus armen Verhältnissen gekommen war, sich hocharbeitete und der erste Champion im Schwergewicht wurde. Er war für viele Menschen dadurch eine absolute Ikone. Vor allem für die Iren. Und er ist es bis heute geblieben.

Hast du eine Ikone, jemanden, zu dem zu aufblickst?

Ja. Meine Mutter natürlich. Noch immer. Und musikalisch David Bowie, Leonard Cohen und Freddie Mercury. Und ehe du fragen solltest: Es ist absolut in Ordnung, Ikonen und Vorbilder zu haben, haha.

Aber gibt es jemanden, der noch lebt und dem du unbedingt einmal sullivanmäßig die Hand schütteln möchtest?

Haha, nein. Denn ich das habe ich streng genommen schon getan. Und damit meine ich nicht nur meine Mutter, mit der ich ja zwangsläufig viel Zeit verbrachte ... Bridget und ich trafen einmal Leonard Cohen. Und mit David Bowie trank ich mal zusammen ein paar Pints Guinness.

Erzähl!

Bei Cohen war es so: Damals gab er ein Konzert in Detroit und wir kannten seinen Schlagzeuger. Der schenkte uns Karten für die Show. Und hinterher trafen wir uns mit ihm hinter der Bühne, um uns bei ihm zu bedanken. Wir saßen da zu dritt in einem Raum und unterhielten uns – und plötzlich kam Leonard rein. Das war für mich einer jener seltenen Moment, in denen ich dachte: Oh, mein Gott! Das darf nicht wahr sein! Mein Kiefer klappte runter und ich war erst mal sprachlos. Und dann tat ich etwas, was ich sonst niemals tue, was ich damals aber unmöglich hätte bleiben lassen können: Ich holte mein Mobiltelefon raus und bat unseren Bekannten, ein Foto von Bridget, mir und Leonard zu machen. Und ich verrate dir: Ich habe es noch heute als Klingelbild auf meinem Handy. Jedes Mal, wenn jemand anruft, sehe ich Bridget, Leonard und mich gemeinsam aufblinken, haha. Leonard war ein so wunderbarer, zuvorkommender Mensch. Es war einer der tollsten Abende meines Lebens überhaupt!

Und was war mit Bowie?

Das war vor langer Zeit in Los Angeles. Ich war bei einem Clubkonzert von THE GODFATHERS aus England. Irgendwann ging ich zur Bar und wollte mir einen Drink holen, als ein Freund aus dem Laden auf mich zukam und mich fragte: „Dave, willst du David Bowie mal Hallo sagen? Er sitzt da drüben. Ich kann dich hinbringen.“ Das wollte ich ihm zuerst nicht glauben und ich antwortete ihm im Scherz, er solle mich nicht verarschen und sich verpissen. Aber dann überredete er mich doch, führte mich einmal um die Ecke. Und da saß tatsächlich David Bowie! Und das Beste war: Ich setzte mich zu ihm, begrüßte ihn, er hörte meinen Akzent und sagte zu mir: „Hey, du bist aus Irland, oder?“ Und auf einmal begannen wir, uns über die Geschichte Irlands zu unterhalten. Und wir tranken dabei ein paar Pints Guinness. Das war total surreal. Aber es wird noch besser, haha! Denn das war zu einer Zeit, als es FLOGGING MOLLY noch nicht gab. Ein paar Jahre später wiederum hatten wir gerade unser zweites Album veröffentlicht. Und da bekamen wir von David Bowies Büro eine Nachricht, in der es hieß: „Hey, Leute, David Bowie mag eure Band und eure Musik sehr.“ Das war dann natürlich noch unglaublicher als so eine zufällige Begegnung. Denn Bowie hatte ja nun gar keine Ahnung, dass dies die Band jenes Typen war, mit dem er Jahre zuvor einmal in Los Angeles ein paar Guinness getrunken hatte. Er war vielmehr einfach so auf FLOGGING MOLLY gekommen, mochte unsere Musik und war so freundlich, uns das wissen zu lassen.

Auf dem Cover von „Life Is Good“ ist ein Junge zu sehen, der den Mittelfinger in die Kamera hält. Wann hast du das letzte Mal jemandem den Stinkefinger gezeigt?

Das weiß ich nicht. Ich mache das häufiger mal, haha. Es könnte einer unserer Hunde gewesen sein, weil er zu laut bellte, haha.

Wer ist dieser Junge?

Es ist mein Neffe. Er saß bei uns hinten im Auto, seine Mutter wollte ein Foto von ihm für Bridget machen, sie drehte sich um – und er streckte ihr genüsslich den Mittelfinger entgegen. Uns war ziemlich schnell klar, dass wir dieses Bild als Cover nehmen würden.

Hat er das Ergebnis schon gesehen?

Ich glaube nicht. Fest steht auf jeden Fall: Er dürfte damit der coolste Typ in der Schule sein – auch wenn die Lehrer vielleicht nicht so glücklich mit dem Motiv sind, haha. Aber das ist egal. Denn wir haben ein tolles Bild, das den Titel des Albums wirklich wunderbar konterkariert. Und der Junge hat dafür als Bezahlung ein „Star Wars“-Set von Lego bekommen. Das hat er mit uns ausgehandelt. Verdammt cleverer Bursche, mein Neffe, haha.

 


Irish Folk

Volksmusik – dieser Begriff treibt den meisten Menschen eher die Tränen in die Augen. Es sei denn, es handelt sich um die Americana-Ausgabe, also den Folk. Oder eben – und vor allem – um die irische Variante, um die es hier an dieser Stelle geht. Irish Folk ist zwar auch Volksmusik, die von der Grünen Insel, gemeint ist oftmals auch die generelle keltische Variante, die dann zusätzlich noch in Schottland und der Bretagne verortet ist. Aber sie hat rein gar nichts mit dem hiesigen krachledernen „Ich steh im Dirndl auf der Alm und genieße das Alpenglühen“ zu tun. Irish Folk ist vielmehr vor allem Melancholie. Denn oft genug geht es bei ihr um jene Menschen, die einst aus Irland auswanderten, um in Amerika ihr Glück zu versuchen, und die in New York oder Boston riesige irische Community gründeten. Es geht um eine gespaltene Heimat im Würgegriff der britischen Krone. Und es geht um die Schönheit der Landschaft, die schon zig Sagen und Legenden entstehen ließ. Die Anfänge dieser auf Fiddle, Banjo, Pipe, Harp sowie anderem Instrumentarium gespielten Musik liegen Jahrhunderte zurück.

Dennoch gab es immer wieder Zeiten, in denen der Irish Folk besonders populär war. So etwa Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Nationalisten in Irland erstmals mit Nachdruck auf die Unabhängigkeit ihres Landes pochten. Damals entstand auch die sogenannte Rebel Music als aufmüpfige und textlich wenig zimperliche Unterkategorie des Irish Folk, deren Songs mitunter noch heute in den Kneipen überzeugter Iren gespielt und mitgesungen werden. In den 1960er und 1970er Jahren starteten dann Bands wie die DUBLINERS, CLANNAD, THE CHIEFTAINS oder THE IRISH ROVERS ihre Karriere und erspielten sich schnell eine große Fangemeinde. Und nicht zuletzt in den späten Achtzigern, in denen die von den genannten Bands stark beeinflussten THE POGUES eine Spielart aufbrachten, die seitdem enorm populär und unkaputtbar ist: den Folk-Rock oder – als erfolgreiche Unterkategorie davon – den Folk-Punk, der mit einer schier unüberschaubaren Menge an Bands und Künstlern zwischen qualitativ hochwertig und schlimmem Epigonentum aufwartet.

Hierzulande sind es unter anderem FIDDLER’S GREEN, THE PORTERS oder MR. IRISH BASTARD, die für Aufsehen sorgen. International haben sich die DROPKICK MURPHYS (USA), FLOGGING MOLLY (USA/Irland), THE REAL McKENZIES (Kanada/Schottland) oder THE RUMJACKS (Australien) mitunter gar in die Charts gespielt. Hinzu kommen Schwergewichte wie THE LEVELLERS oder NEW MODEL ARMY, die mit Alben wie „Levelling The Land“ oder „Thunder And Consolation“ bereits vor weit über zwanzig Jahren alternativen Rock mit Folk verknüpften.

 


FLOGGING MOLLY Timeline

1997

Dave King – geboren 1961 in Dublin und nach dem frühen Tod des Vaters im Teenageralter mit der Mutter an die Westküste der USA ausgewandert – gründet nach Jahren in Hard- und Glamrock-Bands sowie des anschließenden Tingelns mit irischen Songs durch Pubs im Großraum Los Angeles FLOGGING MOLLY. Die erste Besetzung der Band besteht neben ihm aus seiner heutigen Frau Bridget Regan (Geige), George Schwindt (Schlagzeug), Ted Hutt (Gitarre), Toby McCallum (Mandoline) und Jeff Peters (Bass). Der Name der Band geht zurück auf den Pub Molly Malone’s in L.A., in dem Dave King und die anderen seit Jahren Stammgäste waren.

2000

Mit „Swagger“, produziert von Steve Albini, veröffentlichen FLOGGING MOLLY ihr erstes Studioalbum auf Sideonedummy. Songs wie „Salty dog“, „Selfish man“ oder „The worst day since yesterday“ sind heutzutage Klassiker und nicht aus dem Live-Set der Band wegzudenken.

2004

Die Band nimmt an der von Fat Wreck Chords initiierten Kampagne „Rock Against Bush“ teil, in deren Rahmen sich Bands gegen eine Wiederwahl von US-Präsident George W. Bush einsetzen.

2008

Mit ihrem vierten Album „Float“ erspielen sich FLOGGING MOLLY auf einen Schlag eine größere Fangemeinde als je zuvor. Die Platte wird in der Musikpresse abgefeiert. Auf „Float“ werden Dave King und Co. zudem erstmals extrem politisch: Der Song „From the back of a broken dream“ betrachtet die Situation von heimgekehrten Kriegsveteranen aus dem Irak. „You won’t make a fool out of me“, „Man with no country“ und „Requiem for a dying song“ drehen sich um die Schattenseite des (amerikanischen) Kapitalismus und um die Finanzkrise.

2009

Erstmals gehören FLOGGING MOLLY bei europäischen Großfestivals (u.a. Rock am Ring) zum Line-up – ein Beweis für ihren mittlerweile deutlich gewachsenen Status in der internationalen Folk-Punk/Folkrock-Szene.

2011

„Speed Of Darkness“ erscheint – das bis heute erfolgreichste Album der Bandgeschichte. Es erreicht vordere Plätze in den amerikanischen Billboard- und Alternative-Charts und katapultiert FLOGGING MOLLY endgültig auf eine Stufe mit den Folk-Punk-Königen der Neuzeit, den DROPKICK MURPHYS aus Boston.

Frank Weiffen

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #132 (Juni/Juli 2017)

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