Interviews & Artikel : FEINE SAHNE FISCHFILET :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

FEINE SAHNE FISCHFILET

Große Fresse und was dahinter

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Kaum eine Band aus dem Punk-Kosmos hierzulande hat in den vergangenen ein, zwei Jahren für derart viel Aufsehen gesorgt wie FEINE SAHNE FISCHFILET – ausgenommen DIE TOTEN HOSEN und deren Buddies BROILERS. Und genau in deren JKP-Büro treffen wir Sänger Jan „Monchi“ Gorkow und Gitarrist Christoph Sell für die Titelstory dieser Ausgabe. Dass sich die Band bei so viel Zuwendung geschmeichelt fühlt, wird daran klar, dass sich die beiden eigens für dieses Gespräch in den Zug setzten und aus Mecklenburg-Vorpommern ins Rheinland fuhren, wo sie gleich zu Beginn des Treffens ankündigen, „gerne und viel“ über sich reden zu wollen. Und entsprechend gerne und viel erzählen sie auch über ihr neues Album „Sturm und Dreck“, das am 13. Januar 2018 erscheint. Über das unablässige Aufstehen und Gerademachen gegen Rechte – vor allem vor der eigenen ostdeutschen Haustüre. Oder über die Freude, plötzlich in großen Hallen spielen zu dürfen und zu Riesenfestivals eingeladen zu werden.

Monchi, Christoph, ich gratuliere: Ihr seid der heißeste Scheiß in Sachen Punkrock hierzulande!

Monchi:
Es ist sehr komisch, so etwas über sich selber zu hören ...

Also nicht der heißeste Scheiß?

Monchi:
Nein. Ich würde eher sagen: Wir sind eine geile Band.

Was heißt in diesem Zusammenhang „geil“?

Monchi:
Na ja, wir machen viel und haben eine große Fresse. Manchmal vielleicht zu groß. Wir sind in den vergangenen Jahren extrem viel unterwegs gewesen, haben viel gerissen, viel erleben dürfen und uns viel erarbeitet. Und jetzt ist es einfach geil, wieder ein neues Album rauszubringen. Natürlich: So eine Titelgeschichte etwa im Ox ist schon eine Auszeichnung und schmeichelt einem, haha. Aber der heißeste Scheiß? Ich weiß nicht ...

Ich würde zumindest sagen, dass die nachwachsende Generation von Punks explizit auf euch abfährt.

Monchi:
Ich habe eher das Gefühl, dass Punks uns scheiße finden, haha. Weißt du: Ich organisiere seit zehn Jahren Punk-Konzerte in Rostock und Umgebung, zu denen immer so achtzig, neunzig Leute kommen – auch aus meinem Bekanntenkreis. Die sind tatsächlich Punks –durch und durch. Aber bei denen habe ich nicht das Gefühl, dass die riesige Fans von FEINE SAHNE FISCHFILET sind. Denen geht es um andere Bands. Dieses Schubladendenken ist uns allerdings auch total egal. Ich selbst habe uns beispielsweise nie als Punkband gesehen. Und ich finde es dementsprechend auch viel toller, wenn eine bunte Mischung von Leuten bei unseren Konzerten zusammenkommt. Wenn zu unserem eigenen Dorffest „Wasted in Jarmen“ in Mecklenburg-Vorpommern, das wir seit ein paar Jahren veranstalten, von der echten Zecke bis hin zum Normalo alles vertreten ist im Publikum – das ist das, was mir wichtig ist und was ich am interessantesten finde. Das ist das, was mich stolz macht. Und das ist manchmal pure Ekstase.

Ekstase?

Monchi:
Ja klar! Da steht meine alte Grundschullehrerin neben meinem alten Pastor – und daneben sehe ich dann wiederum Hardcore-Iros. Das ist doch total absurd! Und genau deshalb ist es auch total geil! Und das weiß ich zu schätzen, denn das macht unser Publikum aus. Noch mal: Wir haben uns nie im Punk verortet. Musikalisch nicht. Und auch menschlich nicht. Wir hören alles. Wir sind für viele Dinge offen.

Liegt das Geheimnis eures Erfolges also begründet in dieser „absurden“ Konstellation eurer Hörer und eurer, sagen wir, Unschubladisierbarkeit?

Christoph: Absolut. Natürlich stammen wir aus der Punk- und Zeckenszene in Mecklenburg-Vorpommern. Wir wurden als Teil dieser Szene sozialisiert. Aber wir haben uns immer schon alle Möglichkeiten offen gehalten. Und wichtig ist: Wir machen einfach das, was uns Spaß macht. Wir sind unbekümmert und ungestüm. Wir nehmen kein Blatt vor den Mund und ziehen alles ebenso mit Lebenslust wie mit Wut durch. Vielleicht macht uns das so eigen – und so punkrockmäßig für viele Leute. Das ist eben spannend für die Menschen. Ich habe generell das Gefühl, dass viele Bands sich da viel zu viele Gedanken machen, in der Art: Was ist Punkrock? Was darf man? Wir denken darüber nicht nach, sondern machen einfach. Natürlich gibt es Leute, die uns dafür belächeln. Aber viele gehen den Weg eben auch mit uns mit, worüber wir sehr glücklich sind.

Monchi: Noch mal zum Wasted in Jarmen-Festival. Das ist ein gutes Beispiel. Denn das haben unsere Muttis und Vatis aus dem Dorf, in dem wir aufgewachsen sind, mit aufgebaut. Und genau das ist so toll daran. Darum geht es doch: Einfach etwas auf die Beine stellen. Weißt du, ich habe mir auf dem Weg hierher das Interview durchgelesen, das du zuletzt für das Ox mit SLIME geführt hast: Da ging es für die Band ja auch um die Frage: Was ist noch Punk und was nicht? Allein diese Frage zeigt doch, dass dies ein echtes Problem zu sein scheint, weil eben viele Leute aus der Szene sehr konservativ unterwegs sind. Und spätestens da merkt man, wie peinlich diese Angelegenheit ist. Nichts törnt mich mehr ab, als so ein Schubladendenken.

Trotzdem verorten euch viele Menschen im Punk. Daher sei die Frage erlaubt: Was ist Punk denn für dich, wenn nicht deine eigene Musik?

Monchi:
Punk war für mich von Anfang an nichts anderes, als keine Ahnung von Musik und keine Ahnung von nichts zu haben und trotzdem in einer Band anzufangen. Einfach weil unser Bassist mich in der Schule ansprach, ob ich nicht Bock habe, in einer Band zu spielen. Und Bock hatte ich natürlich. Weil ich nämlich einfach mal rauskommen wollte aus unserem Landkreis. Und auf einmal spielten wir in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Und dann in Berlin. Das ist das Größte! Aber ganz ehrlich: Hätte ich dafür den Techno-DJ geben müssen, dann hätte ich auch das gemacht. Es ging mir immer nur um das Rauskommen. Und das hat ja nichts mit Punk zu tun.

Der Gipfel des Rauskommens: Ihr wurdet zu einem Festival wie Rock am Ring eingeladen. Für manch einen ist das eher anrüchig.

Monchi:
Aber warum? Es ist doch unglaublich, da zu spielen! Wir nehmen das an und gehen ab, wenn 20.000 Leute vor uns stehen. Auch weil wir wissen, dass es gerade bei solchen Festivals Bands gibt, die auftreten und, na sagen wir mal, nur nett sind.

„Nett“ als der kleine Bruder von „scheiße“?

Monchi:
So ungefähr. Die spielen ihr Set runter – und gut ist. Das ist nicht emotional. Wir dagegen können von uns behaupten, dass wir einfach geil darauf sind, da zu spielen und abzugehen und zu sehen, dass das, was wir machen, funktioniert. Und zwar ohne uns zu verstellen. Hört sich arrogant an. Ist aber nicht arrogant gemeint. Gar nicht. Ich habe nur keine Lust, mich da in Understatement zu üben. Es ist ja auch verrückt, eine neue Tour zu planen und in Köln etwa plötzlich nicht mehr das E-Werk mit 1.000 Leuten, sondern das Palladium mit 4.000 Plätzen zu buchen. Da die Ambivalenz, das Gleichgewicht hinzukriegen, ist eine Herausforderung.

Was meinst du in diesem Falle mit Ambivalenz?

Monchi:
Die Ambivalenz, das alles trotz der Größe geil zu halten. Aber wir besprechen und diskutieren solche Dinge zu sechst und treffen eine Entscheidung, ob und was wir machen – und sind bislang immer gut damit gefahren. Wir haben uns noch nie für irgendetwas geschämt, was wir als Band getan haben.

Christoph: Und da ist es egal, ob das, was wir machen, klein oder groß ist.

Monchi: Eben. Denn wir sagen ja nicht: Oh, wir sind jetzt bei Rock am Ring, darunter werden wir es in Zukunft also nicht mehr machen. Nein, wir achten schon auf Ausgewogenheit. Wir sind Ende August beispielsweise beim Highfield Festival. Das ist der Knaller! Aber eine Woche später in Burg, einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt, treten wir dann eben auch vor nur 400 Leuten auf, um dort ein Festival gegen Faschos zu unterstützen. Es ist genau diese Ambivalenz, die uns auszeichnet. Und das eine, das Große, würde es ohne das andere, das Kleine, nicht geben. Ein anderes Beispiel ist unsere „Noch nicht komplett im Arsch“-Kampagne, bei der wir im Vorfeld der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern über die Dörfer gefahren sind. Da würde dir jeder Manager sagen: „Mensch, Leute! Warum denn jetzt? Seid ihr bescheuert? Ihr habt doch noch gar kein Album draußen.“ Wir waren sechs Wochen unterwegs, hatten 17 Termine und haben überall im Land und nahezu jedes Wochenende Festivals gespielt und Sachen gerissen. Und das war geil! Wir haben uns einfach gesagt: Alter, wir haben gerade so eine große Öffentlichkeit, also nutzen wir die doch mal schamlos aus. Und wenn dann dabei so etwas wie in Anklam rauskommt – ein Konzert vor 2.500 Leuten in einer nationalbefreiten Zone mit Marteria und Campino –, dann ist das doch der Knaller! Klar: Das ist promotechnisch vielleicht nicht perfekt, aber es ist politisch wichtig und daher einfach super!

Politik, ein gutes Stichwort. Ihr seid diesbezüglich zwar seit jeher ziemlich umtriebig. Aber die von dir angesprochene „Noch nicht komplett im Arsch“-Aktion hat ja fast schon etwas von jenen Politikern, die vor der Wahl Klinken putzen und sich überall zeigen, um ihr Wahlprogramm unter die Leute zu bringen. Viele winken da erst mal ab, denn: Es ist ja Politik.

Monchi:
Und das kann man ihnen nicht verdenken. Ich verstehe, wenn Leute angefressen sind von Parteien und Politik. Ich selber kriege vor Wahlen ja jedes Mal das Kotzen. Ich sage zwar nicht, dass jeder Politiker scheiße ist. Das ist nämlich nicht so. Da gibt es auch gute Leute, und ich habe keinen Bock, das alles über einen Kamm zu scheren. Aber dass die Menschen enttäuscht sind und sich verarscht fühlen, wenn im Wahlkampf plötzlich überall kleine Schecks an die Feuerwehr überreicht werden, ist doch klar. Aber eins verstehe ich nicht: wenn die Menschen rassistische und nationalistische Parteien wählen. Und genau deshalb machen wir bei so was mit.

Würdet ihr euch dabei je auf die Seite einer Partei schlagen?

Monchi:
Nein. Wir haben uns als Band von Anfang an immer schon gesagt, dass wir uns nicht mal ansatzweise auf die Seite einer Partei schlagen würden! Wir machen unser eigenes Ding und bieten den Leuten, die uns darum bitten, einfach unsere Hilfe an – solange es sich dabei nicht um organisierte Nazis oder Faschos handelt.

Wurdet ihr schon einmal von einer Partei um Parteiwerbung gebeten?

Monchi:
Uns haben häufiger schon Mitglieder von Parteien oder deren Jugendorganisationen erzählt, wie toll es doch wäre, wenn wir für sie einen Wahlaufruf starten würden. Aber das finde ich peinlich. Die sollen ihre Aktionen natürlich machen. Nur sollen sie uns nicht als Zugpferd dafür einspannen.

Na ja, wenn es für eine gute Sache wäre ...

Monchi:
Vielleicht haben uns genau diese Leute vor ein paar Jahren ja noch blöd und zu ruppig gefunden und gesagt: Die distanzieren sich nicht klar von Gewalt. Die sind scheiße. Jetzt, da wir bekannter sind, sind wir dann plötzlich toll. Und in ein paar Jahren ist es wieder umgekehrt. Nein! So was ist der Tod jeder Band. Es ist ja auch so: Wir können mit unserem Engagement auch nichts Grundlegendes verändern.

Was könnt ihr denn stattdessen?

Monchi:
Wir können den coolen Leuten da draußen das Gefühl vermitteln, dass sie nicht alleine sind. Wir können ihnen das Gefühl geben: Kopf hoch! Wir sind noch nicht komplett im Arsch! Wir äußern uns zu vielen Sachen und sprechen Dinge klar an. Und so muss das auch sein. Es ist extrem wichtig, wenn Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, den Mund aufmachen. Viel zu viele tun das nicht. Aber noch mal: Wir stehen nicht für eine Partei. Wir stehen für FEINE SAHNE FISCHFILET.

Bei den TOTEN HOSEN, in deren Büro wir heute sitzen, gibt es dazu meines Wissens jede Woche eine „Blaue Stunde“, in der die Musiker sich treffen und Dinge von Belang diskutieren. Gibt es so eine Runde bei FEINE SAHNE FISCHFILET auch?

Christoph:
Es gibt bei uns zwar kein wöchentliches Treffen, aber dieses Zusammensetzen – klar, das haben wir auch. Ich denke, ohne so etwas kann keine Band existieren. Diese Treffen sind ungemein wichtig, weil da extrem viele gute Ideen entstehen. Diese Treffen geben uns Energie und Lust, Dinge auszuprobieren, Ideen zu entwickeln und uns in all unserer Kreativität auszutoben. Genau in diesem Zusammenhang haben wir ja beispielsweise auch entschieden, ans Theater zu gehen. Monchi kam irgendwann mit der Anfrage vom Volkstheater Rostock an. Und wir haben sofort gesagt: Klar, machen wir! Gerade, weil da viele denken werden: Theater?! Diese Oschis doch nicht! Also machen wir es erst recht! Und dann schreiben wir eben auf Goethe-Texte eigene Lieder, führen die da im Saal auf und machen die Hütte voll. Darauf sind wir richtig stolz. Denn solche Dinge geben uns und den beteiligten Menschen Kraft.

Monchi: So ist es. Ich muss gestehen: Wir sind echt nicht so gut in der Internetkommunikation. Dafür ist uns das gemeinsame Abhängen aber umso wichtiger. Und was das Tollste ist: Wir haben jetzt, nach all den Jahren, auch endlich einen eigenen Proberaum! Für genau solche Dinge. Den haben unsere Väter mit aufgebaut. Da können wir jetzt alles Mögliche ausprobieren, an neuen Sachen arbeiten, an Texten schreiben und Musik machen, ohne schnell wieder rauszumüssen, weil gleich die nächste Band ankommt und den Raum in Beschlag nimmt. Das ist ein Privileg, das wir zu schätzen wissen. Auch weil wir uns das selber erarbeitet haben.

Euer neues Album „Sturm und Dreck“ wird wohl auch dort entstanden sein. Hatte diese neue Umgebung, dieses Privileg des eigenen Proberaumes, bereits Auswirkungen auf die Songs?

Monchi:
Irgendwie schon. Denn es ist eine extrem positive Platte. Eine, die den Menschen Mut machen soll.

Das empfinde ich auch so. Es fällt schon auf, dass ihr noch mehr als früher von Freundschaft, gefühlter Heimat und „Es geht los heute Nacht!“ singt.

Christoph:
Wobei wir das komischerweise auch erst am Ende bemerkt haben. Man macht ja anfangs einfach die Musik mit Herzblut, schreibt dazu Songs – und entdeckt dann mit Verzögerung, was man da auf die Beine gestellt hat.

Immerhin, ein Mutmach-Album passt ganz gut zur aktuellen Situation im Land und auf der Welt ...

Monchi:
Genau. Und es ist ja so: Ich lese in Magazinen und Zeitungen gerne und viel, was Leute so über ihre Musik erzählen. Denn da merke ich, wie unterschiedlich Künstler sind, wie anders man selber tickt und dass wir als Band auch ganz anders ticken. Das ist ja auch okay. Und es ist auch okay, wenn Leute sagen, dass sie die Welt da draußen sehen und sofort einen Song darüber schreiben müssen. Bands müssen sich nun mal positionieren. Das ist cool. Das machen ohnehin noch viel zu wenige. Aber oftmals hat das dann so einen Rumheulton nach dem Motto „Die Welt geht unter! Es ist alles so schlimm!“ Und darauf habe ich keinen Bock. Natürlich ist vieles wirklich räudig. Aber die Welt geht doch nicht unter! Es ist vielmehr gerade jetzt wichtig voranzugehen, sich geradezumachen und den Mund aufzumachen. Und das tun wir auf „Sturm und Dreck“.

Christoph: Diese Zeit, in der wir gerade leben, ist definitiv schwierig. Sie ist auf gewisse Art und Weise sogar widerlich. Aber in ihr kann und muss man auch positiv und – vor allem! – selbstbewusst zusammenstehen. Man muss sich helfen. Eine Kernzeile auf „Sturm und Dreck“ lautet daher ja auch: „Willkommen im Dreck der Zeit. Wir stehen in diesem Sturm bereit!“ Soll heißen: Man darf die Welt nicht so verbissen sehen, sondern muss sich immer sagen: Alles klar, es ist vieles scheiße, aber das regeln wir jetzt. Lasst uns die Lebenslust nicht verlieren!

Monchi: Genau deswegen haben wir ja immer auch so eine Mischung aus politisch motivierten, mitunter sehr persönlichen Stücken und Songs auf unseren Alben, die Lebenslust vermitteln und vom Auf-die-Kacke-Hauen handeln und bei denen man spätestens live auf der Bühne unglaublich viel zurückbekommt. „Es geht los, es geht los heute Nacht. Lieber ekelhaft als Einzelhaft!“

Christoph: Das Politische und das Feiern gehören bei uns seit jeher untrennbar zusammen. Beides muss in Texten zwingend zusammenwirken, damit es funktioniert.

Warum könnt ihr all das offenbar besser und weniger selbstbetroffen rüberbringen als andere?

Monchi:
Der Unterschied ist der, dass wir all das, über das wir da schreiben, selber erleben. Ich brauche niemanden, der mir sagt: Der Rechtsruck ist so krass und das mit den Nazis ist so schlimm. Das weiß ich. Weil wir das persönlich erfahren. Und so entstehen unsere Texte.

Zum Beispiel?

Monchi:
Nimm unser neues Lied „Angst frisst Seele auf“. Da geht es konkret um eine Freundin von uns, die Morddrohungen erhalten hat. Und zwar von einer Band, die ERSCHIESSUNGSKOMMANDO heißt. Die haben einen Song aufgenommen, der nach ihr, „Katharina König“, benannt ist. Und warum? Sie sitzt im NSU-Untersuchungsausschuss und tut ganz einfach das, was der Staat nicht tut: Sie geht gegen den NSU vor. Sie geht dem NSU auf den Sack. Über den Fall hat unter anderem die taz berichtet. Und Katharina hat mir im Herbst des vergangenen Jahres eine Mail mit diesem Song über sie geschickt und sagte: „Ey, Monchi, ich kann nicht mehr!“ Als ich das Lied hörte, hatte ich denn auch selber Tränen in den Augen. Mensch, da wird beschrieben, wie sie abgeschlachtet wird! Und ein anderes Beispiel ist unser Stück „Suruç“. In dem singe ich davon, dass wir an einem Samstag beim Deichbrand Festival vor 10.000 Leuten spielten, ich so viel soff, dass ich am nächsten Tag nur noch im Kofferraum nach Hause gefahren werden konnte. Und gerade mal 38 Stunden später war ich dann in Suruç an der türkisch-syrischen Grenze, um bei einer Hilfsaktion medizinische Geräte und Klamotten nach Kobane zu bringen. Und da hatte es fünf Minuten vor unserer Ankunft ein Selbstmordattentat gegeben. Ich stand also plötzlich zwischen vielleicht dreißig Leichen. Diese krassen Unterschiede ...! Da muss ich dann kein Fernsehen mehr gucken. Vor dem Fernseher kann ich keine Empathie aufbauen.

Christoph: Durch das Fernsehen und die Medien – und das meine ich nicht im Sinne von „Lügenpresse“ – hast du eben immer eine Distanz zu den Dingen. In unseren Texten dagegen geht es um die unmittelbare Nähe zu diesen Dingen. Es geht darum, zu beschreiben, was wir dabei fühlen. Ich denke, das macht unsere Texte aus. Es macht sie gut – zumindest habe ich das Gefühl.

Ihr lebt tatsächlich in einer Gegend des Landes, in der es viele Rechtswähler gibt. Wie schafft ihr es, dort die Fahne des Anstands hochzuhalten und euch immer wieder zum Dagegenstehen zu motivieren?

Monchi:
Ganz einfach: Wir sind damit ja bei weitem nicht alleine. Es gibt zig Leute wie uns in diesen Landstrichen, mit denen man was reißen kann und was reißen muss. Leute, die sich eben noch nicht mit diesem Rechtstruck abgefunden haben.

Dennoch hat man doch sicher auch mal Angst, oder?

Monchi:
Natürlich hat man oft auch Angst. Wenn jemand sagt, er habe keine Angst, dann lügt er. Aber es ist so: Wenn ich auf die Fresse kriege, dann ist das zwar unschön, nur hoffe ich, dass ich niemals in den Rollstuhl getreten werde. Doch wir als Band können das ganz gut mit uns ausmachen und wissen, welches Risiko wir eingehen. Ich habe viel mehr Angst, dass andere Leute, Menschen aus meinem nächsten Umfeld, plötzlich von Gewalt betroffen sind. Trotzdem, man muss ein Gefühl aufrechterhalten, das sagt: Kopf hoch, Scheiße passiert nun mal. Wir sind aber nicht alleine! Abgesehen davon, wir leben hier in Deutschland. Und hier geht es uns noch sehr gut. Ich habe erst vor wenigen Tagen in Prag mit einem Freund aus Russland gesprochen, der mir erzählt hat, dass bei ihnen in den vergangenen Jahren immer wieder Antifaschisten umgebracht wurden ... Dagegen sind wir sind hier ja quasi noch auf Rosen gebettet.

Einerseits stimmt das natürlich. Andererseits mag manch einer das dennoch anders sehen. Die Hysterie nach dem Einzug der AfD in den Bundestag war jedenfalls riesig.

Monchi:
Ja. Und natürlich muss man auch hierzulande die Scheiße anprangern. Die gibt es ja. Verdammt, es haben sechs Millionen Leute die AfD gewählt! Und das ist eine Partei, die das propagiert, was vor ein paar Jahren noch die NPD propagierte – nur sind die AfD-Politiker nicht so schmuddelig wie die von der NPD, sondern tragen Nadelstreifenanzüge. Es geht überhaupt immer mehr in die Mitte der Gesellschaft, dieses rechte Gedankengut. Aber dass die Leute so betroffen getan haben bei den Wahlen, was für ein Müll! Es war doch klar, dass es bei den Landtags- und Bundestagswahlen so einen Rechtsruck geben wird. Die NPD hat zehn Jahre in Mecklenburg-Vorpommern im Landtag gesessen. Da wurden jahrelang schon Parallelstrukturen aufgebaut. Nicht falsch verstehen: Ich kann durchaus nachvollziehen, wenn sich viele Menschen jetzt beklagen. Aber dass Morddrohungen im Internet und Hetze in den sozialen Netzwerken schon lange an der Tagesordnung sind, hat sie bislang nicht interessiert. Und das ist eine überraschende Attitüde. Denn das bedeutet, dass sich viele erst in die Hose machen, wenn sie sich selbst bedroht fühlen und Angst haben, vor den Zahn zu kriegen – obwohl es Angriffe auf Flüchtlingsheime schon vorher gab und die Realität, die wir jetzt haben, der Rechtsruck in ganz Europa, schon länger existiert. Nicht erst seit ein paar Wochen.

Und genauso werdet auch ihr nicht erst seit ein paar Wochen angegangen wegen eurer linken Einstellung.

Monchi:
Ja. Auch unser neuer Proberaum wurde innerhalb kürzester Zeit bereits mehrfach angegangen. Da wurden Scheiben eingeschlagen. Da wurde Buttersäure und Grillkohle durch das Fenster geschmissen. Aber das erwähnen wir ja schon gar nicht mehr. Weil wir das kennen, weil es seit Jahren immer wieder passiert und auch weiterhin passieren wird. Und hier sind wir wieder bei unserem neuen Album, auf dem es heißt: „Wenn alle mutlos sind, halt ich mich an dir fest und schlage zurück. Ich stehe bei dir. Wenn es drauf ankommt, lass uns lachen und weinen, denn wir werden siegen. Gleichgültigkeit schmerzt am meisten. Glaub mir, du bist nicht allein.“ Das sind wichtige Zeilen! Und wir als Band haben da einen großen Kraftmotor. Denn wir haben diese Öffentlichkeit. Wir bekommen Feedback und haben einen großen Support. Sprich: Wir haben keinen Grund, groß rumzuheulen. Da sind eher alle anderen, die Menschen abseits der Öffentlichkeit, betroffen und richtig gearscht. Sie sind es, denen wir Mut zusprechen müssen.

Christoph: Für uns ist es normal, Bedenken zuzulassen und zu sagen: Ja, ich habe Angst. Natürlich gibt es auch bei uns Momente, in denen wir zweifeln und nicht mehr weitermachen wollen. Aber wir haben uns. Und wir wissen, dass wir uns da gemeinsam rausziehen. Hört sich komisch an. Ist aber so. Hätten wir diese Gemeinschaft nicht, wären wir tatsächlich im Arsch.

Zurück zur Musik: Zwischen euren frühen Alben und der neuen Platte liegen qualitativ Welten. Ist es für euch schwer gewesen, FEINE SAHNE FISCHFILET zu bleiben und trotzdem ein neues, professionelles, gutes Album anzuliefern? War der Druck des Abliefern-Müssens spürbar größer als früher?

Christoph:
Diese Widersprüche sind natürlich da, aber wir gehen offen damit um. Zudem sind wir eben sehr selbstbewusst. Wir wissen, dass wir eine gute Band sind, und haben entsprechend Ehrgeiz und Lust, uns zu verbessern und uns selber kritisch zu betrachten. Wir stecken jede Menge Energie und Enthusiasmus in Songs, Coverartwork und dergleichen. Insofern: Ja, der Druck ist da. Aber wir nehmen ihn gerne an.

Monchi: Lass es mich so ausdrücken: Wir haben ein neues Album aufgenommen – und was gibt es Geileres, als das jetzt endlich rauszuhauen? Klar, Druck ist da. Aber wir haben es von einer Gammelband, von Zecken, die das Maul aufreißen, geschafft zu einer Band, die demnächst in noch größeren Hallen spielt. Keiner weiß, wie lange das dauert und ob das in ein paar Jahren nicht schon wieder vorbei sein wird. Aber derzeit sind die Leute interessiert an uns. Und das genießen wir.

Und ihr seid immer noch beim Indielabel Audiolith ...

Monchi:
Ja. Weil wir uns da unglaublich gut aufgehoben fühlen. Das sind geile Leute. Natürlich ist auch uns neuer Input immer wichtig. Aber warum sollten wir diesen Leuten jetzt, und nur weil wir erfolgreicher sind, sagen: Alles klar, das war geil bis hierhin, aber jetzt haut ab. Nein. Das ist alles gewachsen. Und das bedeutet uns viel. Es ist der Gang-Gedanke. Das Ideal der Freundschaft, die über allem steht.

Christoph: Es steckt bei uns eine wirklich krasse Freundschaft dahinter. Wir kennen uns und unser Umfeld ja schon ewig.

Monchi: Es gibt seit unserer Jugend quasi keine Woche, in der wir nicht miteinander zu tun haben. Wir sind ständig miteinander unterwegs.

Was würde passieren, wenn einer von euch aussteigen wollte?

Christoph:
Puh, schwere Frage ... Das wäre natürlich okay, würde uns aber erschüttern und wäre echt krass. Wir sind eben keine klassischen Berufsmusiker, sondern Freunde. Aber bislang war das zum Glück ja auch noch nicht der Fall. Wir streiten uns, liegen uns allerdings auch schnell wieder gegenseitig in den Armen. Kurzum: Wir achten aufeinander. Und ich denke, vor diesem Hintergrund kann das durchaus ewig so weitergehen. Weil wir seit nunmehr sieben Jahren wissen, wie wir das mit der Band für alle hinkriegen.

Monchi: Würde tatsächlich einer von uns hinschmeißen, dann würde ich wohl – wenn auch nur aus einer ersten Enttäuschung heraus – wirklich erst mal sagen: Fick dich! Denn das mit FEINE SAHNE FISCHFILET war für uns alle eine bewusste Entscheidung. Wir stecken da so viel rein und spielen uns den Hintern ab. Wir haben uns eben nicht nur zusammengetan, um Musik aus Spaß zu machen, sondern um uns richtig reinzuhängen. Und wir haben uns bis heute alles selbst erarbeitet. Uns ist nichts einfach so zugeflogen. Ich habe die anderen vor ein paar Jahren mal gefragt: „Wie ist das? Wollen wir das wirklich durchziehen und alles auf eine Karte setzen?“ Ich hätte damals nämlich eine Lehre machen können. Aber Lehre und Band? Das wäre nicht möglich gewesen. Und als alle gesagt haben „Wir wollen uns reinhängen!“, habe ich die Lehre eben sein lassen, denn wie hätte das funktionieren sollen? Wochentags arbeiten, an den Wochenenden proben? Keine Chance! Zudem war ich damals, nur drei Monate vorher, von der Schule geflogen und hatte mein Abi geschmissen, weil ich einfach nicht mehr hingegangen bin. Zugegeben, das finde ich heutzutage bescheuert. Aber so ist es nun mal. Ich habe kein Abi, habe nie studiert und keine Ausbildung absolviert. Stattdessen habe ich alles auf eine Karte gesetzt. Und so ist das irgendwie bei allen von uns.

Christoph: Ich finde Studieren zwar super, und ich habe das eine Zeit lang auch selber gerne gemacht, aber seit wir für „Bleiben oder gehen“ Songs geschrieben haben, weiß ich, das funktioniert nicht. Man kann nicht zwei Sachen gleichzeitig zu 100% machen. Ich hatte damals ganz einfach keinen Kopf für Hausarbeiten und Seminare, und habe deshalb entschieden: Ich bin Feuer und Flamme für die Gruppe. Also hat sie Priorität. Und so hat es jeder von uns für sich entschieden: Dies oder jenes muss ich lassen, dafür volle Kanne alles für die Band! Und da gibt es auch nichts zu bereuen. Unsere Aufgabe ist es, dem Kollektiv FEINE SAHNE FISCHFILET immer wieder neues Feuer und neue Kraft zu geben.

Das klingt fast schon kommunistisch: Das Individuum zählt nichts. Das Kollektiv ist alles.

Christoph:
Nein. Das alles heißt ja nicht, dass man sich nicht auch regelmäßig Zeit und Freiräume für sich nimmt. Darauf legen wir schon Wert. Jeder braucht Pausen. Und man muss auch mal über Privates reden können. Zudem sind wir auch keine „Niemals nie“-Band.

Monchi: Eben. Es ist ja trotzdem alles möglich. Vielleicht verknallt sich jemand von uns mal in eine Person, die in Mexiko lebt oder so. Kann ja alles passieren. Und da kann ich doch nicht sagen: Das geht nicht, das darfst du nicht. Ich würde mir eben einfach den Arsch abfreuen, wenn es so weitergehen würde, wie es bisher läuft ... Oh, Mann! Es tut mir wirklich leid, wenn das jetzt alles so klingt, als würden wir uns auf uns selber einen runterholen, haha. So ist es nicht. Wir finden es eben nur geil, wie es gerade ist.

Ihr nehmt all diese Freude über das Erreichte eben sehr ernst.

Monchi:
Haha, genau. Da kann ich dir auch noch eine kleine Anekdote erzählen: Als wir gehört haben, dass wir auf die Titelseite des Ox kommen, haben wir uns tierisch gefreut und eigens ein Fotoshooting einberufen. Da waren auch jede Menge großartiger Fotos dabei. Aber am Ende haben wir zwei ausgewählt, die fast gleich aussahen – und haben noch bis abends, bis wir todmüde waren, diskutiert, welches von denen wir nehmen sollen. Wenn du dir die Bilder anschaust, würdest du wahrscheinlich keinen Unterschied erkennen. Aber wir konnten uns nicht einigen – und haben um das Ox-Cover eine Münze geworfen, haha. Du siehst, wir nehmen es wirklich sehr, sehr ernst.

Was hättet ihr denn als Jungspunde gedacht, wenn ihr die heutigen FEINE SAHNE FISCHFILET damals erlebt hättet?

Christoph:
Das kann ich nicht beantworten. Ich meine, wir reden ja schon viel über uns, wie du hörst, haha. Aber das ist eine zu extreme Ich-Ich-Perspektive ... Ich könnte es dir vielleicht umgekehrt beantworten: Wenn ich heute eine junge Band wie uns sehen würde, dann fände ich das total geil! Ich liebe es, wenn junge Bands ungestüm sind und auf der Bühne durchdrehen. Ich würde so eine gerne mal wieder sehen, denn mir fällt keine ein, die ich in letzter Zeit hätte feiern können.

Monchi: Ich sage es mal so: Rauszukommen und zu sehen, wie du die Leute bewegst, das ist der Knaller! Und Dinge zu machen wie zuletzt unser Dorfkonzert in Jarmen – das wäre für mich als 15- oder 16-Jähriger der Oberhammer gewesen. Denn bei uns gab es damals ja nichts. Daran hat sich zwar nicht so viel geändert. Aber während die Jugend früher vielleicht noch im LANDSER-Pullover rumlief, sehe ich die Kids heute, wenn ich meine Eltern besuche, im FEINE-SAHNE-FISCHFILET-Shirt rumrennen. Wahnsinn! Das zeigt, was wir machen, das bringt etwas! Ich möchte betonen: Wir wollen nicht die Moralapostel spielen und haben selber oft genug schon Scheiße im Kopf gehabt und Scheiße gebaut. Dinge, von denen sich eben nahezu niemand freimachen kann. Wir sind nicht die perfekten Typen. Und auch ich habe sicherlich schon blöde, diskriminierende Sprüche losgelassen. Aber wir haben uns entwickelt. Wir sind rausgekommen, weil wir geschaut haben: Was kann man machen? Was können wir ändern? Wie können wir die Leute mitnehmen? Insofern: Ich würde als junger Monchi die heutige Band super finden.

Bereits mehrfach habe ich bei Konzerten von euch erlebt, wie du, Monchi, Leute kritisierst, weil sie „Nazis raus!“ skandieren. Anstatt gegen Rechts zu schreien, sollten sie lieber etwas gegen Rechts tun. Das finde ich bemerkenswert, weil niemand sonst so konsequent handelt und ich der Meinung bin, „Nazis raus!“ brüllen ist immerhin besser, als gar nichts zu brüllen.

Monchi:
Es ist ganz einfach situationsabhängig. Wenn das bei einem Konzert in Russland gerufen wird, ist das ein Statement und super. Aber hier? Hier ist es ist ja fast schon Folklore, dass auf einem Konzert 500 Leute „Nazis raus!“ skandieren – und bei der Demo am nächsten Tag steht dann keiner von denen auf der Straße. Nichts ist peinlicher, als so etwas zu brüllen, aber danach nichts zu tun. Bei uns kann sich dagegen jeder sicher sein, dass wir vor Ort sind, wenn es mal wieder knallt und die Nazis vor den Flüchtlingsheimen stehen. Das würden wir nicht der Polizei überlassen. Wenn es darauf ankommt, dann muss man nämlich ganz einfach handeln. Punkt! In Mecklenburg-Vorpommern gab es viele schlimme Vorfälle in dieser Richtung. Und ich habe gar kein Problem, mir da jedes Mal eine Anzeige einzuhandeln.

Friedemann Hinz, Sänger der Rügener Band COR, sagte neulich im Interview mit uns, dass er heutzutage keine Gewalt mehr gegen Rechtsdenkende anwenden, sondern viel eher mit ihnen reden würde und versuchen, sie auf die gute Seite zu ziehen. Er erwähnte diesbezüglich auch dich und eine Diskussion mit dir, Monchi, über Konzertbesucher im FREI.WILD-Pullover. Du würdest sie rauswerfen lassen. Er nicht. Wie siehst du das?

Monchi:
Ich bin der Meinung, dass es nichts bringt, mit überzeugten und organisierten Nazis zu diskutieren. Das bietet ihnen nur eine unnötige Plattform. Das sind geistige Brandstifter. Das ist kein Spiel. Das hat entsprechend keinen Sinn – und das tue ich auch nicht. Aber klar muss man mit Zweifelnden, Unsicheren reden, auch wenn sie nicht meine Meinung vertreten. Und ich würde auch keinen Typen im FREI.WILD-Shirt sofort aus dem Saal werfen lassen. Ich würde ihn schon ansprechen und ihm anbieten, sich mal unseren Standpunkt anzuhören. Das sind ja keine Menschenfresser. Letztlich liegen Friedemann – den ich ja richtig gut kenne, der schon Sachen mit uns gemeinsam gemacht hat und der ja auch aus unserer Gegend kommt –, und ich da recht nahe beieinander. Ich habe ihm auch gleich, nachdem ich das Interview mit ihm gelesen habe, eine SMS geschrieben, haha. Das sind nur Nuancen, in denen wir uns da unterscheiden. Zudem war ich selber schon – wie bereits erwähnt – in vielen Situationen ganz sicher nicht immer politisch korrekt. Ich war lange in Sachen Fußball unterwegs ... Ich habe mich zwar immer schon als Zecke gesehen, aber auch da gab es Situationen, in denen mir die Leute um mich herum mal ein paar Worte sagen mussten.

Denkt ihr, dass viele der großen Bands, unter anderem DIE TOTEN HOSEN oder die BROILERS, die euch mittlerweile unterstützen, euch auch aus Image-Gründen und für das „Gute Gewissen“ einladen, weil sie wissen: FEINE SAHNE FISCHFILET stehen explizit für Antifaschismus, und wenn wir sie jetzt auf Tour mitnehmen, dann sind wir auch cool?

Monchi:
Ich will nicht ausschließen, dass manch einer uns als Feigenblatt ansieht. Wir haben jedenfalls schon häufiger Anfragen von Bands bekommen, die größer waren oder sind als wir und bei denen wir genau dieses Gefühl hatten. Und denen haben wir abgesagt. Aber dazu gehören die von dir genannten Bands ganz sicher nicht. Die BROILERS kennen wir eben gut und von denen war das eher ein Riesengeschenk, dass sie uns mitgenommen haben. Der Hammer! Da sind wir nur unglaublich dankbar! Dann hat Campino neulich bei unserer „Noch nicht komplett im Arsch“-Aktion mitgemacht, obwohl er an dem entsprechenden Tag wirklich richtig kacke aussah, haha. Marteria, mit dem wir da unterwegs waren, hatte uns vorgeschlagen, ihn auch anzurufen, da er gerade in der Gegend sei. Und er ist gekommen, das war super! Und jetzt haben uns die Hosen eben auch noch gefragt, ob wir bei ihnen den Support geben würden. Wir wollen jetzt ganz sicher nicht zur DIE TOTEN HOSEN-Vorband werden, haha. Aber wie geil ist das denn, bitte? Die kleinste Halle fasst 11.000 Leute! Es ist doch der Knaller, das erleben zu dürfen. Da habe ich auch definitiv nicht das Gefühl, das Feigenblatt zu sein. Im Gegenteil: Die Hosen haben ja selber beispielsweise in Dresden so eine geile Aktion wie den Spontanauftritt gegen PEGIDA abgezogen.

 


Wildes Herz

Am 12.04.2018 kommt „Wildes Herz“ in die Kinos, das Regiedebüt des Schauspielers Charly Hübner („Polizeiruf 110“, „Eltern“). Sein Film widmet sich dem FEINE SAHNE FISCHFILET-Sänger Jan „Monchi“ Gorkow, der sich zusammen mit seinen Bandkollegen immer wieder gegen Antisemitismus, Rassismus und Homophobie stark macht. Vom Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern wurde die Band 2011 auf zwei Seiten im Verfassungsschutzbericht erwähnt, was wiederum im Sommer 2017 zu Diskussionen um die Filmförderung führte: Die AfD in Mecklenburg-Vorpommern hatte eine Kleine Anfrage zur Filmförderung an die Regierung gestellt hatte, und es stellte sich heraus, dass Hübners Film mit 30.000 Euro bezuschusst wurde. „Schon der Name und die Ankündigung der bisher noch nicht veröffentlichten Dokumentation zeigen, wo die Reise hingeht. Die extremistischen und polizeifeindlichen Äußerungen der Gruppe sollen verharmlosend in den gesellschaftlichen Kontext eingebettet werden. Die staatlich geförderte Verniedlichung von Verfassungsfeinden ist nicht hinnehmbar. Mit Steuergeldern wird hier einer Gruppe ein Podium geboten, die ‚Deutschland ist scheiße, Deutschland ist Dreck‘ singt und unverhohlen zu Gewalt gegen Polizisten aufruft. Die massiven Krawalle in Hamburg mit rund 600 zum Teil schwer verletzten Polizisten haben gezeigt, wohin solche Propaganda führt. Wer wie FEINE SAHNE FISCHFILET in zahlreichen Texten gegen Polizisten hetzt, ist Mitschuld an Übergriffen auf die Beamten. Und wer solchen Leuten dann noch eine öffentliche Plattform finanziert, hat offensichtlich seinen moralischen Kompass verloren. Hier wird keine Kultur gefördert, sondern eine Unkultur des Hasses.“, wetterte damals der AfD-Abgeordnete Sandro Hersel.

Der Verleih schreibt zum Film, der schon im Vorfeld von der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) das Prädikat „Besonders wertvoll“ erhalten hat: „Der Schauspieler und gebürtige Mecklenburger Charly Hübner erzählt die Geschichte dieses jungen und wilden Lebens zwischen stürmischem Punk-Furor und energischem Lokalpatriotismus, zwischen Rock am Ring und wellenschlagender Wahlkampftour. ,Wildes Herz‘ ist das so intime wie mitreißende Porträt eines jungen Musikers geworden, der sich mit großem Herzen und noch größerer Klappe gegen den Rechtsruck stemmt und dabei von nichts aufzuhalten ist. Regisseur Charly Hübner begibt sich auf eine sehr ehrliche und humorvolle Reise mitten ins wild schlagende Herz einer aufgewühlten Region zwischen Verlierern und Gewinnern, zwischen Rückschlägen und tanzenden Triumphen.“

Joachim Hiller

 


2007

In Greifswald nahe Rostock in Mecklenburg-Vorpommern gründet Frontmann Jan „Monchi“ Gorkow mit Kumpels aus der Schule die Band FEINE SAHNE FISCHFILET. Sie treten in den Autonomen Jugendzentren der Gegend auf und erspielen sich schnell eine größere Fangemeinde in ihrer Region. Apropos Region: Da in eben dieser seit jeher auch viele Neonazis unterwegs sind, zeigen FEINE SAHNE FISCHFILET von Beginn an klare Kante und verorten sich selber in der linken Szene, auch wenn sie zu Beginn ihrer Karriere nach Aussage Gorkows „einfach Bock auf Mucke“ hatten und sich noch nicht politisch engagierten.

2009/2010

Mit „Backstage mit Freunden“ sowie „Wut im Bauch, Trauer im Herzen“ veröffentlicht die Band auf Diffidati ihre ersten beiden Alben, von denen sich die Musiker heutzutage jedoch eher distanzieren, da einige Songs nach ihrer Auffassung sexistische Passagen enthielten. Diese seien der damaligen Jugend und Unreife der Bandmitglieder geschuldet. Über das Debüt war in Ox #88 im Februar 2010 zu lesen: „Standard-Rotzpunk, der weder musikalisch noch textlich irgendwie innovativ ist oder sich von tausend anderen Bands abheben würde.“ Zu „Wut im Bauch ...“ schrieben wir in #94 (Februar 2011): Wirklich exquisit ist das [...] neue Werk [...]. Zwölf Titel zwischen Deutsch- und Ska-Punk, die absolut kurzweilig sind, machen Appetit auf noch mehr von diesem Fraß.“

2011

Die, wenn man so will, „öffentliche Politisierung“ der Band nimmt ihren Anfang: Im Verfassungsschutzbericht werden FEINE SAHNE FISCHFILET zwei Seiten gewidmet. Die Musiker seien fester Bestandteil der Autononen Szene in Mecklenburg-Vorpommern, würden die gesellschaftliche und staatliche Ordnung ablehnen und Gewalt gegen politische Gegner als legitim ansehen. Der Grund hierfür ist unter anderem eine wiederholte Aussage Gorkows, dass er nicht in Mitleid schwelgen werde, wenn Nazis verprügelt würden. Zudem werden den Bandmitgliedern nach Aussage des Innenministeriums Mecklenburg-Vorpommern Gewaltstraftaten wie Landfriedensbruch und Körperverletzung vorgeworfen. Für Aufsehen sorgen FEINE SAHNE FISCHFILET, als sie beim Verfassungsschutz auflaufen, Präsente für die dort Beschäftigten mitbringen, sich für die kostenlose PR bedanken und ein Video des Besuchs ins Internet stellen.

2012/2013

Mit „Scheitern und Verstehen“ erscheint das dritte Album der Band (das erste auf dem Hamburger Label Audiolith). Es wird dank Songs wie „Geschichten aus Jarmen“ und „Komplett im Arsch“ zum Klassiker und Karrierestarter der Gruppe: FEINE SAHNE FISCHFILET ziehen immer mehr Leute bei ihren Konzerten an, die Energie, die sie bei den Auftritten an den Tag legen, spricht sich schnell herum. Es folgen Einladungen zu großen Festivals (u.a. „Rock am Ring“) sowie ins Vorprogramm von Bands wie BROILERS. Die Band, die 2012 erneut im Verfassungsschutzbericht erwähnt wird, klagt gegen die Nennung, bleibt aber erfolglos. Laut Beschluss des Oberverwaltungsgerichtes Mecklenburg-Vorpommern vom 6. Juni 2013 darf die Band zunächst weiter im Verfassungsschutzbericht des Landes als linksextrem geführt werden. Dass „von der [...] gebildeten Musikgruppe Bestrebungen ausgehen, die gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gerichtet sind“, sah das Gericht als erwiesen an.

2015/2016

Die Nachfolgeplatte „Bleiben oder gehen“ (Audiolith, 2015) etabliert FEINE SAHNE FISCHFILET endgültig in der Riege der größeren Bands aus der Punkrock-Ecke. Die politischen Aktivitäten der Band ziehen immer weitere Kreise: 2016 touren sie im Rahmen ihrer Kampagne „Noch nicht komplett im Arsch – Zusammenhalten gegen den Rechtsruck“ durch die Städte und Gemeinden Mecklenburg-Vorpommerns, Künstler wie Marteria und Campino gesellen sich dazu. Während Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) das Engagement der Band lobt, gibt es Kritik aus Reihen der Springer-Presse und der CDU: „Bild“ sowie diverse Christdemokraten werfen Maas vor, eine verfassungsfeindliche Band zu unterstützen. Beim „Preis für Popkultur“ (verliehen vom „Verein zur Förderung der Popkultur“, in dessen Vorstand freie Journalisten sowie Vertreter von Labels und Medienfirmen sitzen) wird die Kampagne der Musiker ausgezeichnet.

 


Diskografie

„Backstage mit Freunden“ (CD, Diffidati, 2009) • „Wut im Bauch, Trauer im Herzen (LP/CD, Diffidati, 2010) • „Scheitern & Verstehen“ (LP/CD, Audiolith, 2012) • „Bleiben oder Gehen“ (LP/CD, Audiolith, 2015) • „Sturm & Dreck“ (LP/CD, Audiolith, 2018)

Frank Weiffen

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #135 (Dezember/Januar 2017)

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JOEY CAPE

Joey Cape ist das Gesicht einer Menge Bands und Projekte, die die Punkwelt auf die ein oder  andere Art geprägt haben. Ob als Frontmann der Melodycore-Legende LAGWAGON oder BAD ASTRONAUT, als Party-Sidekick bei den Punkrock-Allstars rund um ME FIRST ... mehr