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Interviews & Artikel

CRYSSIS

Bloß keine Midlife-CrYssIS

Mit DIE TOTEN HOSEN brachte Schlagzeuger Vom Ritchie gerade erst die letzte Tour zur letzten Nummer-1-Platte hinter sich, da ist er auch schon wieder anderweitig unterwegs: CRYSSIS, die Band, die der Engländer Anfang der Achtziger Jahre mit seinem Kumpel Dick York gründete und die spätestens seit dem lang ersehnten ersten Album 2011 endgültig zur Herzensangelegenheit wurde, veröffentlicht mit „1976“ eine Platte, auf deren famose Oldschool-Punkrock-Songs Campino durchaus neidisch sein könnte. Im wie zu erwarten launigen Gespräch verraten die beiden Jugendbuddys, was an „1976“ als Album und Jahr jetzt so faszinierend ist und war.

Eure neue Platte heißt „1976“. Punk, euer beider Metier, wurde aber offiziell erst 1977 erfunden ...

Vom:
Stop! Nein! 1977 wurde Punk nur in der Presse erstmals wahrgenommen. Punk startete, zumindest bei uns in England, tatsächlich schon 1976. In den USA noch davor.

Das ist wohl richtig. 1974 gründeten sich ja beispielsweise die RAMONES. Aber was war nun so besonders am Jahr 1976, dass man eine ganze Platte danach benennt?

Dick:
Es wird auf ewig das Jahr bleiben, in dem ich diese Art von Musik für mich entdeckte. Aber der gleichnamige Song dreht sich ja – ebenso wie unser Album – nicht nur um Musik. Es geht darum, was damals noch so alles geschah. Es war eine spannende, aber auch heftige Zeit. Es gab viele Auseinandersetzungen zwischen Gangs und viel Vandalismus.

Vom: Es war eine schreckliche Zeit! Ich weiß noch, wie die Müllabfuhr damals streikte. Also lag der ganze Müll in den Straßen.

Dick: Und der Sommer war so heiß, dass es irgendwann zu wenig Wasser gab.

Vom: Ja. Man musste mit Kanistern zu bestimmten Stellen gehen, wo Wasser ausgegeben wurde – und man durfte das Ganze dann mitten durch die Abfälle nach Hause schleppen!

Dick: Haha, ich sage ja, es war hart. Und wahnsinnig aufregend.

Gibt es abseits von Müll und Vandalismus irgendetwas, das ihr seitdem vermisst?

Dick:
Ich vermisse das Gefühl der Revolte, das damals in der Musik steckte und von der Musik getragen wurde. Dieses Revolutionäre gab es danach nie mehr.

Vom: So geht es mir auch. Das hat mich damals umgehauen. Das ging so schnell. Zuerst: Wow, wir haben LED ZEPPELIN! Und dann: Himmel, jetzt gibt es SLADE! Und schließlich: Verdammt, die SEX PISTOLS! Es war fast zu viel für ein einzelnes Jahrzehnt.

Auf „1976“ gibt es auch viel Melancholie. Steckt ihr in der Midlife-Crisis, oder sollte ich sagen: Midlife-Cryssis?

Vom:
Haha, nein! Bloß keine Songs darüber. Weder über die Midlife-Crisis, noch über die Midlife-Cryssis! Das ist uns auch so schon bewusst genug. Das Leben ist wie eine Rolle Toilettenpapier. Und wir sind bei den letzten drei Blättern auf der Rolle angelangt.

Ist „1976“ für euch euer bestes Album bisher?

Vom:
Ja. Obwohl ich anfangs eher skeptisch war, ob wir unsere beiden ersten Alben überhaupt toppen können.

Dick: Es dauerte einfach sehr lange ... Zwischen „Kursaal Nights“ und „1976“ liegen fünf Jahre.

Vom: Es sollte ja früher rauskommen. Aber wir mussten es immer wieder verschieben, weil sich das Mastering extrem lange hinzog. Da hatten wir viele Probleme. Ohne all das wäre die Platte sicher ein Jahr früher erschienen. Es ist aber auch egal, denn ich bin einfach froh, dass wir nun überhaupt das dritte Album geschafft haben. Denn meistens ist es bei Bands ja so: Sie bringen die erste Platte raus – und alle sind begeistert. Die zweite Platte kommt – und die ist dann eher durchwachsen. Und vor der dritten schmeißen sie dann hin. Wir aber haben es tatsächlich geschafft! Das macht mich unheimlich stolz. Ich würde sogar sagen: Es gibt jetzt keine Grenzen mehr nach oben für CRYSSIS, haha!

Würdet ihr irgendetwas ändern bei der Arbeit an der nächsten, der vierten Platte?

Dick:
Ja, wir würden vielleicht wieder mehr gemeinsam aufnehmen. Das kam zuletzt wegen diverser Verpflichtungen etwas zu kurz. Nimm das Beispiel „Simple man“. Das ist ein Song – ein alter übrigens –, den wir für „1976“ zusammen einspielten und der eine echte Magie entfaltete. Das Demo war schon absolut perfekt. So perfekt, dass wir gar nichts mehr daran ändern wollten. So etwas müsste man häufiger hinkriegen.

Vom, wenn du sagst, dass es für CRYSSIS ab jetzt keine Grenze mehr gibt: Werdet ihr am Ende vielleicht sogar länger auf der Bühne stehen als DIE TOTEN HOSEN?

Vom:
Warum nicht? Wir sind ja sogar älter als die Hosen. Eine ganze Menge unserer Songs stammen eigentlich von 1981. Die Hosen gibt es erst seit 1982, haha.

Frank Weiffen

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #137 (April/Mai 2018)

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