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Interviews & Artikel

DAMNED

Verrückte, seltsame Exzentriker

THE DAMNED, 1976 in London gegründet, waren seinerzeit, so heißt es, die erste Punkband, die eine Single veröffentlichte. „New Rose“ war das, im Oktober 1976 auf Stiff Records erschienen. Die beiden 1977 erschienenen Alben „Damned Damned Damned“ und „Music For Pleasure“ sowie „Machine Gun Etiquette“ (1979) gehören unstrittig zum UK-Punk-Kanon. Gründungsmitglieder waren Sänger Dave Vanian, Gitarrist Brian James, Bassist (später Gitarrist) Captain Sensible und Drummer Rat Scabies. 42 Jahre und elf Alben später sind Dave Vanian und Captain Sensible immer noch mit ganzem Herzen dabei, wie ihr neues Album „Evil Spirits“ beweist. Kein Reunion-Projekt alter Männer, die es noch mal wissen wollen, sondern das Album einer seit 1996 wieder dauerpräsenten, permanent arbeitenden Band, die sich für ihren jüngsten Longplayer die Zusammenarbeit mit Produzentenlegende Tony Visconti gönnte. Auf diesem Album ist auch der alte DAMNED-Bassist Paul Gray wieder dabei, einst von 1980-83 Teil der Band. Nicht zu vergessen Drummer Pinch, seit 1999 im Team, und Keyboarder Monty Oxymoron (seit 1996). Ich hatte die Gelegenheit erst mit Dave Vanian und etwas später mit Captain Sensible zu reden.

Dave, ich erinnerte mich im Vorfeld an das letzte Interview mit dir – und stellte dann entsetzt fest, dass das bereits 2001 war ... Kennst du das Gefühl?


Oh ja, und offenbar tritt das umso öfter auf, je älter man wird. Irgendwie vergeht die Zeit schneller im Alter.

Siehst du es als Vorteil an, älter ... und klüger zu sein?

Wer hat das gesagt? Ich nicht! Älter ja, aber klüger ...? Ich würde eher von „erfahrener“ sprechen, ich denke heute eher noch einmal nach, bevor ich eine Entscheidung treffe. Mit meinem jüngeren Ich hätte ich also so manches zu besprechen ...

Bedauerst du irgendwelche Entscheidungen?

Wir alle treffen mal schlechte Entscheidungen, und gerade im Bandkontext hat man manchmal Dinge toleriert, die man eigentlich nicht dulden dürfte. Wir hatten eine ganze Reihe schlechter Manager und Labels, und ich wünschte, ich wäre bei verschiedenen Gelegenheiten schneller in die Bresche gesprungen und hätte gesagt: Nein, so läuft das nicht! Stattdessen habe ich die Probleme ignoriert. Aber vorbei ist vorbei.

So mancher Musiker unterschreibt in frühen Jahren irgendwelche Verträge, deren Reichweite ihm nicht bewusst ist, und viele Jahre später stellt er dann fest, dass andere Leute mit seiner Musik Geld verdienen, nur er nicht, und dass irgendwer ohne sein Zutun die alten Platten neu auflegt. Ein Thema für euch?

Was das betrifft, so habe ich es im Laufe der Jahre geschafft, unsere Interessen zu wahren und dafür zu sorgen, dass die Rechte nicht bei irgendwem landen. Das Problem ist, dass man manchmal Menschen vertraut, die eigentlich ihren Job ordentlich machen sollten, und dann stellst du fest, dass die genau das nicht gemacht haben und du in Folge noch lange darunter leidest. Da unterschreibt ein Manager einen Vertrag und der stellt sich als unvorteilhaft heraus, du bist aber daran gebunden. Über lange Strecken hatten wir keinen Manager, wir waren auf uns selbst gestellt, und so haben wir die Fähigkeit gewonnen, uns selbst um unsere Angelegenheiten zu kümmern.

In Gesprächen stelle ich immer wieder fest, dass viele Musiker über die Jahre selbst zu erfahrenen Geschäftsleuten werden und so in der Lage sind, sich effektiv um ihre Interessen zu kümmern.

Ja, bei jüngeren Bands ist das sicher so, aber in den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern wussten Musiker typischerweise rein gar nichts vom Musikbusiness, die wollten einfach nur Musik machen. Also vertrauten sie in geschäftlicher Hinsicht anderen Leuten, mal war das klug, mal nicht. Die Kids heute verstehen viel besser, dass es wichtig ist, sich direkt ums Business zu kümmern. Ich finde das nur vernünftig, es ist dein Leben, dein Geld. Also besser vorher nachdenken, als hinterher mittellos auf der Straße zu sitzen.

Aber nimmt das nicht auch etwas die Unschuld, wenn man statt hemmungsloser Kreativität auch immer das Business im Hinterkopf hat?

Es kommt auf die Balance an. Du kannst immer noch rücksichtslos und wild bleiben, musst dir aber im Klaren sein, dass das vielleicht im Nachhinein etwas kostet. Ich kannte Leute, die einen guten Plattenvertrag zu haben glaubten, die in teuren Limousinen durch die Gegend gefahren wurden, die das Geld zum Fenster hinaus warfen – und letztlich von der Plattenfirma gedropt wurden und noch eine Rechnung präsentiert bekamen: „Übrigens schuldest du uns noch 500.000 Pfund.“ Aber das ist einfach pure Blödheit, denn man sollte sich schon irgendwann mal fragen, wer für all das eigentlich bezahlt. Klar, manchmal kann einem das auch einfach egal sein, was irgendwas kostet, weil du einfach Spaß hast, wie es gerade läuft, und du eben weißt, dass du irgendwann dafür bezahlen musst. Du kannst eben nicht gleichzeitig Banker und Musiker sein. Und es braucht ein gewisses Maß an Verrücktheit, um sich auf dieses Geschäft einzulassen.

Waren die frühen Punks denn leichte Opfer für gierige Musikbusiness-Typen?

Nein, seit den Fünfzigern hatte sich da nicht viel verändert. Es gab in den Siebzigern viele D.I.Y.-Bands, die sich um alles selbst kümmerten, aber das gab es mit den US-Garage-Bands der Sechziger ja auch schon. Die Kluft zwischen Musikern auf der einen und Managern, Labels und A&R-Leuten auf der anderen Seite war seit den Fünfzigern bis Mitte der Siebziger bestehen geblieben. Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir 1976 auf Tour waren und auf Bands trafen, die seit den Fünfzigern und Sechzigern aktiv waren, Typen wie Gene Vincents Band. Ich unterhielt mich mit denen und stellte fest, dass sich seit damals eigentlich nichts geändert hatte. Der Unterschied zu uns Punks war allerdings, dass wir etwas mehr Macht hatten als die Typen in den Fünfzigern, die einfach nur Teenager gewesen waren, die plötzlich Erfolg hatten. Ab den Sechzigern, mit der Jugendrebellion, begann eine allmähliche Veränderung. In den Siebzigern kam dann mit Punk die Attitüde dazu, dass die Leute sich sagten, egal, wir machen das trotzdem. Und die allgemeine Meinung war ja sowieso, dass sich die Sache mit diesem Punk nach ein paar Wochen wieder erledigt hat, denn es war ja in deren Augen sowieso Schrott. Stattdessen erwies sie sich als starke musikalische Bewegung und wurde riesig.

Reden wir über euer neues Album „Evil Spirits“. Mich erinnert das ja immer wieder an eure 1985er Platte „Phantasmagoria“.

Hm, interessant, denn da habe ich schon die verschiedensten Einschätzungen gehört. Ich sehe eine Linie von „The Black Album“ über „Phantasmagoria“ und „Grave Disorder“ zum neuen Album. Ich erkenne darin unsere frühen musikalischen Einflüsse – also unsere persönlichen, nicht die, die für uns zu Beginn als Band relevant waren: die Platten von Joe Meek, „Telstar“ von THE TORNADOS und so weiter, kommen bei diesem Album wirklich durch. Obwohl ich das Album für sehr progressiv halte, tauchen doch einige Referenzen aus unserer musikalischen Vergangenheit auf – aus einer Zeit, bevor wir selbst in Bands aktiv waren. Ich finde das interessant.

Kannst du auf diese Einflüsse etwas genauer eingehen?

Zum Beispiel diese ganzen Sixties-Garage-Bands. Der Opener „Standing on the edge of tomorrow“ etwa hat klare Bezüge zu den Produktionen von Joe Meek, vom Gitarrensound her zum Beispiel, und es strahlt auch einen ähnlichen Optimismus aus wie „Telstar“. Ich bin ein großer Fan von Produzenten wie Joe Meek, George „Shadow“ Morton und Phil Spector. Es brachte wirklich Spaß, dieses Album zu machen, wobei ich aber ehrlich gesagt gerne noch etwas mehr Zeit investiert hätte, um einen weiteren Song aufzunehmen.

Der „Abgang“ von Joe Meek weist ja Parallelen zum Schicksal von Phil Spector auf: Meek erschoss zuerst seine Vermieterin und dann sich selbst ...

Ja, Meek war zum Schluss total paranoid. Und Shadow Morton, der die SHANGRI-LAS produzierte und einen Sound schuf, der dem von Phil Spector recht ähnlich war mit seinen Overdubs und Soundeffekten, wurde auch paranoid, fühlte sich beobachtet, hatte Angst, dass ihm seine Ideen gestohlen würden, ganz zu schweigen von Phil Spector ... Ich glaube, das hat etwas mit der enormen Kreativität dieses Leute zu tun und der harten Natur des Musikgeschäfts, wo jeder von jedem klaut. Da kann man wirklich leicht paranoid werden. Die Story von Joe Meek ist natürlich besonders krass, aber ich glaube, der hatte von Anfang an eine Schraube locker. Womöglich kamen daher all seine Ideen. Es gibt die Geschichte, wie er die BEATLES abwies, als sie mit ihm arbeiten wollten und ihm ein Demo schickten: „Who needs another skiffle band?“, soll er geantwortet haben.

Euer Produzent Tony Visconti ist auch eine Legende – aber er ist nicht verrückt.

Tony liebt alle Arten von Musik, er stand ganz oben auf meiner Produzenten-Wunschliste. Ich kenne ihn seit seiner Arbeit mit Marc Bolan und David Bowie, doch so richtig wieder auf ihn aufmerksam wurde ich erst durch Bowies letztes Album „Blackstar“. Und ich fand, der Sound von „Blackstar“ war nicht wirklich weit entfernt von unserem Sound. Ich empfand „Blackstar“ als sehr starkes Album. Wenn ein Künstler nach so einer langen Karriere noch mal so ein gutes Album macht, fühlt man sich ja in gewisser Weise bestätigt, den schon immer gut gefunden zu haben. Der Sound von „Blackstar“ also brachte mich dazu, mal nachzuhorchen, ob Tony möglicherweise daran interessiert wäre, mit uns zu arbeiten. Und glücklicherweise sagt er zu.

Was musstest du dafür tun?

Als er in unserem Auftrag kontaktiert wurde, sagte er zu, ohne irgendwelche neuen Songs von uns gehört zu haben. Er hatte also keine Ahnung, auf was für Musik er sich bei uns eingelassen hatte, bis auf wenige Tage vor Aufnahmebeginn. Er war sehr umgänglich, und es war sehr leicht, mit ihm zu arbeiten. Er ist ein eher ruhiger Typ, nicht die Art von Produzent, die ständig herumschreit und herumfuchtelt. Es war eine sehr angenehme Erfahrung. Und es war auch für mich persönlich eine sehr gute Erfahrung, da er viel Wissen im Umgang mit Sängern hat. Ich musste in der Vergangenheit immer wieder erleben, dass meine Stimme nicht so aufgenommen wurde, wie sie klingt. Er jedoch schaffte es sehr gut, meine Stimme aufzunehmen. Hilfreich war natürlich auch, dass wir durchaus wissen, wie wir klingen wollen, und uns deshalb auch aktiv in die Produktion eingebracht haben.

Tony Visconti ist absolute Produztenten-Oberklasse, und ohne euch zu nahe treten zu wollen: Kann man sich den überhaupt leisten?

Haha, natürlich haben wir uns diese Frage auch gestellt, und unser Label war auch besorgt – da ratterten bei manchem die Augen wie Registrierkassen ... Lass es mich so ausdrücken: Wir mussten alles Geld zusammenklauben, das wir aufbringen konnten. Nein, billig ist er nicht.

Ihr habt mit der Crowdfundig-Plattform Pledge Music gearbeitet.

Ja, einen Teil der Summe bekamen wir auf diesem Wege zusammen. Sonst wäre es wohl unmöglich gewesen, Visconti zu verpflichten. Andererseits: Was hatten wir denn für Möglichkeiten? Mit einem modernen, bezahlbaren Produzenten arbeiten, der nicht wirklich versteht, was wir wollen? Den Rest des Geldes nehmen und damit ein paar schöne Monate in Südfrankreich verbringen? Oder das gesamte Geld für den besten Produzenten ausgeben und den besten Sound und das beste Album machen, das zu machen wir in der Lage sind – und das haben wir getan.

Wie viele Alben habt ihr gemacht, bei denen ihr rückblickend sagen würdet, dass sie kein akkurates Bild der Band wiedergeben?

Wir hatten viel Glück, und so gibt es nur zwei Alben, die ich so einschätzen würde: unser zweites Album „Music For Pleasure“, und „Anything“. „Anything“ mussten wir auf die Schnelle fertig bekommen, weil uns Management und Plattenfirma im Nacken saßen. Die wollten ein neues Album haben, aber ich sagte, wir seien noch nicht soweit, und wir machten es trotzdem. Es hat ein paar Highlights, aber es ist nicht so gut, wie es hätte sein können. Aber ein Album, das ich am liebsten vergessen würde, weil es schrecklich ist, das haben wir nie gemacht. Und man darf nie vergessen, dass man bei der Arbeit in einer Band auch immer Kompromisse eingehen muss. Wir sind alle sehr starke Persönlichkeiten. So ein Album ist immer eine Mannschaftsleistung, man muss in der Lage sein, sein Ego zu unterdrücken zum Wohle der Musik. Das haben wir immer geschafft, auch weil wir untereinander gut klarkommen. Und das, obwohl man sich kaum vorstellen kann, dass wir gemeinsam diesen Sound machen, wenn man sich unsere oft grundverschiedenen Interessen und Vorlieben anschaut. Es fällt mir schwer, ihn zu beschreiben, aber es gibt definitiv einen bestimmten THE DAMNED-Sound, und dieses neue Album hat diesen Sound.

Ich würde diesen Sound als irgendwie dramatisch beschreiben.

Ich weiß, was du meinst, dieser gewisse theatralische, melodramatische Stil, und dazu die besondere Art des Gitarrenspiels, das ergibt einen speziellen Sound, den eine andere Band, wenn sie die gleichen Songs aufgenommen hätte, nicht mitgebracht hätte. Außerdem habe ich eine Baritonstimme, so dass mein Gesang sich in der Regel nicht in höheren Stimmlagen bewegt. Außerdem habe ich kein Problem damit, auch Lieder zu singen, die eigentlich nicht in meiner Stimmlage sind – es ist nicht immer angenehm, aber ich nehme es auf mich, sie zu lernen. Bei den frühen DAMNED-Alben hatte ich oft keine Ahnung, in welcher Stimmlage ich ein Lied singen sollte, und dann war es auch mal zu hoch, aber ich machte es trotzdem. Sänger zu sein hat, finde ich, auch etwas von der Arbeit eines Schauspielers: so wie der sich auf eine Rolle einlassen muss, muss ich dem Song geben, was er verlangt. Und vielleicht ist es also das, was den DAMNED-Sound ausmacht. Ich denke nicht viel darüber nach, aber wenn ich einen Song höre, erkenne ich dieses DAMNED-Element.

Es gibt in der Punk-Szene Leute, die mit einer gewissen Ignoranz nur die ersten drei Alben als „richtige“ THE DAMNED-Alben gelten lassen, eben weil ihr da „typischen“ Punkrock gespielt habt. Das ist dann deren Ideal, von dem sich die Band dann frecherweise später entfernt hat. Wie geht ihr damit um?

Ich denke, in dieser Hinsicht haben wir über die Jahre viel Glück gehabt. Klar wird es immer Leute geben, die nur den Sound von „New rose“ und „Neat neat neat“ hören wollen. Andere aber wissen zu schätzen, dass wir uns entwickeln, neue Sounds erkunden, dass sich unsere Musik mit jedem Album verändert. Es gab und gibt Bands, die gut darin sind, immer gleich zu klingen. Niemand hätte gewollt, dass sich die RAMONES plötzlich ganz anders anhören. Was sie machten, war fantastisch. Für uns wäre das aber nichts gewesen, wir lieben alle unterschiedliche Musik, und wir werfen alle Einflüsse in unseren Schmelztiegel. Ich empfinde das als eine gesunde Entwicklung, sich nicht auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Es wäre einfach, ein Album voller dreiminütiger Drei-Akkord-Nummern mit Brüllgesang zu machen, aber was hätte das für einen Sinn?

Fühlst du dich noch wohl damit, wenn THE DAMNED als Punkband bezeichnet werden? Oder ist das eine nostalgische Zuordnung, die sich auf irgendwas von vor vierzig Jahren bezieht?

Ach, jeder will immer irgendwas mit einem bestimmten Etikett auszeichnen, um es leichter verständlich zu machen. Man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass der Begriff „Punk“ zu Beginn nicht positiv gemeint war, es sollte diese Bands abklassifizieren. „Punk“ war als Beleidigung gedacht: „Diese Bands sind Schrott“. Statt „Punk“ hätte man auch „Crap“ sagen können. Es stellte sich dann aber bald heraus, dass diese Bands keinesfalls „Crap“, „Mist“ waren, sondern dass in diesem Kontext eine Menge großartiger Musik entstand, die man nicht länger ignorieren konnte. Und dann wurde das Ganze immer größer, beeinflusste über die Jahre so viele andere Bands. Es wurde eine großartige musikalische Bewegung, wie zuvor der Rock’n’Roll und Rockabilly der Fünfziger oder die Musik der Sechziger. Und wenn du willst, kannst du noch weiter zurückgehen, zu Komponisten wie Liszt und Rachmaninow. Tja, und was bedeutet das Etikett „Punk“ heute? Ich weiß nicht so recht. Wir haben uns selbst immer einfach nur als Band gesehen. Wir haben immer noch unsere Überzeugungen und unsere eigene Art, Dinge anzugehen, und auch darum ging es ja bei Punkrock. Aber Punkrock war ja ursprünglich nur ein Überbegriff für eine riesige Bandbreite an Ideen und Leuten, es gab zunächst keine Regeln, doch dann wurde Punk schon bald mit einem eingeschränkten, fieseren, härteren Sound assoziiert. Meiner Ansicht nach ging es darum gar nicht, doch viele Leute denken bei Punk heute nur an harte, runtergeknüppelte, politische Songs. Aber wenn man sich vor Augen führt, was für eine musikalische Bandbreite Bands wie wir, THE SEX PISTOLS, THE CLASH oder THE ADVERTS abdeckten, wie verschieden wir musikalisch waren, dann erkennt man, wie falsch dieses Klischee ist. Was all die Bands damals verband, war eine Leidenschaft für das, was sie taten, und die unglaubliche Energie, die in ihren Songs steckte. Es ging nicht um Gewalt, sondern um die Energie! Klar waren da viele auf Konfrontation aus: „Steht auf, schaut euch an, was hier abgeht, seid nicht dumm!“ Und: „Wenn du an irgendwas glaubst, versuch dein Glück!“ Auch das verband Punkbands. Abgesehen davon war „Punk“ nur ein Label, mit dem man abgestempelt wurde. Hätte uns jemand als Garage-Band bezeichnet, wäre mir das auch recht gewesen. Das ändert ja nichts an der Musik, die ich mache.

Du sprachst eben von Überzeugungen. Wie ist das mit den Texten der Songs auf der neuen Platte, sind da welche als Statement zu verstehen?

Ich wollte nie politische Songs schreiben, aber wir leben in unangenehmen Zeiten. Man kommt also nicht um die Politik herum. Von daher finden sich auch auf diesem DAMNED-Album, wie auf allen, politische Standpunkte, doch die sind nicht wie Schlachtrufe formuliert, sondern subtiler. Wenn du sie verstehen willst, fein, und wenn nicht, hab einfach nur Spaß an der Musik. Die Kommentare sind in der Musik, denn Musik reflektiert immer die Zeit, in der sie entstanden ist, man kann gar nicht vermeiden, dass sich aktuelle Entwicklungen darin widerspiegeln.

Eine aktuelle Entwicklung ist, dass die britische Regierung drauf und dran ist, die Seile zum europäischen Kontinent zu kappen.

Ein schwieriges Thema, und ich halte mich nicht für befähigt, dazu etwas Kompetentes zu sagen. Manche lassen politische Parolen los und wissen gar nicht, was sie da reden. Ich finde, beide Seiten haben ihre Argumente, und ich glaube, wir können jetzt einfach nur abwarten, was die Zeit so für Ergebnisse bringt.

Ihr wart auf der vorletzten MOTÖRHEAD-Tour Support in Deutschland, was auf eine alte Freundschaft zurückgeht, denn Lemmy spielte 1978 mal für ein paar Shows Bass bei THE DAMNED. Wenn man miterlebt, wie ein alter Freund zugrunde geht, denkt man da auch über die eigene Vergänglichkeit nach?

Lemmy war bei dieser Tour schon ziemlich krank, an manchen Abenden war er fantastisch, an anderen merkte man ihm seinen Zustand sehr an. Es war traurig mitanzusehen. Aber ich kann nicht sagen, dass mir das irgendwie eine Lektion erteilt hätte –überhaupt nicht! Hätte Lemmy sich mehr um sich gekümmert, wäre er unglücklich gewesen. Er hat exakt das Leben gehabt, das er leben wollte. Er wusste, dass ihn sein Lebensstil eines Tages umbringt, aber sein Lebensstil machte ihn auch glücklich. Ein Lemmy, der dir erzählt, dass er sich jetzt gesund und vegan ernährt? Wer hätte das gebraucht? Wobei ich nicht sagen will, dass sich nun jeder besaufen sollte und Drogen nehmen, aber ohne das wäre Lemmy nicht Lemmy gewesen. Und noch mal: Er hat sein Leben genossen! Er hat keine Kompromisse gemacht, und das können nicht viele Leute von sich sagen. Und so sehr ich auch den Tod eines Freundes betrauere, so feiere ich doch auch, dass er sein Leben genauso leben konnte, wie er wollte.

Dein Leben ist aber anders, nehme ich an. Du hast eine Tochter im Teenageralter.

Ich habe mich immer um mich gekümmert. Ich versuche immer, ein gutes Gleichgewicht zu wahren. Lemmys Art zu leben ist nicht meine. Natürlich ist es lächerlich, Dinge zu tun, die dich umbringen, aber andererseits müssen Menschen manchmal so was tun, um kreativ sein zu können. Und innerhalb der Band gibt es bei uns keine Regeln, wir sind alle erwachsen, jeder muss wissen, was er tut.

Apropos Band: Neben dem langjährigen Line-up, bestehend aus dir, Captain Sensible, Pinch und Monty Oxymoron ist seit kurzem auch wieder Paul Gray als Bassist an Bord, der auf den Alben „Black Album“ and „Strawberries“ zu hören ist. Wie seid ihr wieder zusammengekommen?

Paul hat einen Vollzeitjob und kann nicht mit auf Tour kommen, aber als Stu, unser vorheriger Bassist, uns mitteilte, dass er auf Weltreise gehen will und die Nase voll hat von der Musik, hatten wir viel Zeit, uns um einen Nachfolger zu kümmern. Paul erschien mir als perfekter Nachfolger, denn er ist ein exzellenter Bassist, und so schlug ich Captain vor, ihn doch einfach mal zu fragen. Er rief ihn an, er hatte Lust – wer hätte schon nein gesagt, wenn man die Chance bekommt, in Brooklyn ein neues Album mit Tony Visconti aufzunehmen? Ich finde, er hat unglaublich gut gespielt, er ist ein extrem netter Kerl, und es war immer wieder schön, mich umzudrehen und einen Kerl mit einen schwarzen Barett auf dem Kopf zu sehen, der 35 Jahre nicht in der Band war. Und blickte ich auf die andere Seite, stand da mein alter Freund Captain mit seinem roten Barett. So, als ob nicht 35 Jahre vergangen wären.

Unbedingt erwähnt werden muss euer Keyboarder Monty, der auf der Bühne aussieht wie ein verrückter Professor.

Der ist verrückt. Clinically insane. Aber ein brillanter Keyboarder. Keyboarder sind oft exzentrische Charaktere, die leben in ihrer eigenen musikalischen Welt.

Apropos andere Welt: THE DAMNED sind nicht 150 Tage im Jahr auf Tour, was treibst du sonst so?

Man könnte meinen, ich hätte viel Zeit, aber irgendwie ist immer irgendwas zu tun. Ich wünschte, ich könnte mich etwas mehr dem Müßiggang widmen, aber das haut nicht hin. Da ist immer ein neues Projekt, das mich beschäftigt hält, demnächst beispielsweise werde ich an einem Filmsoundtrack arbeiten. Und ich plane ein Boxset meines alten Nebenprojektes PHANTOM CHORDS, das auch schon eine Weile überfällig ist, und Soloauftritte habe ich ja auch noch. Irgendwas ist immer, und das ist fantastisch.

 


Captain Sensible ...

... geboren im April 1954, heißt eigentlich Raymond Ian Burns. Nachdem er zunächst in der Band um Johnny Moped spielte, war er 1976 Mitgründer von THE DAMNED und spielt(e) bei denen Bass, Gitarre und Keyboard. Anfang der Achtziger hatte er solo einigen Erfolg, auch in Deutschland war „Wot“ ein Hit, und nachdem er 1984 bei THE DAMNED ausgestiegen war, war er zwischendurch dann zwar mal kurz wieder dabei, ist es aber erst seit 1996 wieder so richtig. Eines seiner Nebenprojekte sind DEAD MEN WALKING, eine „Supergroup“ mit Mike Peters (THE ALARM), Kirk Brandon (SPEAR OF DESTINY) und Slim Jim Phantom (STRAY CATS). Captain, der E-Mail-Interviews bevorzugt, ließ sich fürs Ox dennoch zu einem via Skype überreden, und das erwies sich als höchst unterhaltsam.

Als Skype-Logo hast du ein Foto deiner Bobblehead-Figur. Die steht hier auch auf meinem Schreibtisch.


Oh ja ... Unglaublich, zusammen mit GG Allin und Iggy Pop auf diese Weise verewigt worden zu sein, oder? Fantastisch ... Ich habe Statuen schon immer gehasst, vor allem Statuen von Feldherren und Politikern, denn die verdienen sie ja gar nicht, angesichts des Elends und der Kriege, die sie angezettelt haben. Da wären dann eigentlich Statuen von bekloppten Musikern, wie ich einer bin, schon eher angemessen.

Nun, jetzt, da die Punk- und Rock-Generation der Siebziger in die Positionen etwa in der Politik aufgerückt ist, wo man solche Entscheidungen beeinflussen kann, vielleicht sollte man da über mehr Statuen bedeutender Musiker nachdenken.

Ich glaube, das wäre in Deutschland fast einfacher als in Großbritannien, denn bei euch bekommen Punkbands immerhin noch Radio-Airplay und sie spielen in großen Hallen. In Großbritannien ist Punk hingegen immer noch ein Schimpfwort, und Bands wie SEX PISTOLS, THE CLASH, THE DAMNED oder THE EXPLOITED und all die anderen werden nie im Radio gespielt, außer mal spät nachts. Wir werden unter den Teppich gekehrt – und ich glaube, das liegt daran, dass die, die das entscheiden, erkannt haben, dass Punk eine Revolution aus der Arbeiterklasse ist. Und so was ist nicht erlaubt in Großbritannien. Hier muss alles von oben kommen und dann nach unten durchsickern. Die da unten dürfen nicht einfach selbst etwas erfinden. Dass wir als Band in Großbritannien überlebt haben und immer noch recht häufig spielen, liegt nur an unseren Fans – und nicht an den Medien. Von dieser Seite bekommen wir keinerlei Hilfe!

Bist du denn dann einverstanden mit der Art der Punk-Geschichtsschreibung, wie sie etwa Jon Savage in seinem als Standardwerk gefeierten Buch „England’s Dreaming“ vornimmt?

Dieses Buch wird allgemein als eine Art „Bibel des Punk“ angesehen – fälschlicherweise, wie ich denke. Denn Savage war ein feiner Kunsthochschulstudent – der war nie in den üblen Spelunken und Clubs, wo es mit Punk losging. Ich habe den Kerl nie irgendwo gesehen! Der schreibt über Dinge, von denen er keine Ahnung hat! Und er schreibt Vivienne Westwood und Malcolm McLaren einen großen Anteil am Aufkommen von Punk zu, aber das ist falsch, Punk kam aus der Arbeiterklasse und war nicht die Schöpfung dieser Marionettenspieler. Klar, die haben eine Punk-Boy-Band zusammengestellt und tauften sie SEX PISTOLS, aber im Gegensatz dazu waren all die anderen Bands echt. Die hockten stundenlang auf der Ladefläche eines Lieferwagens auf ihren Instrumenten, um irgendwo im Land ein Konzert zu spielen. Wir lebten und atmeten Punkrock – und das kann man von Malcolms Boy-Band nicht behaupten. Okay, ich mag die Pistols schon auch, aber man kann einfach nicht alles glauben, was Jon Savage da geschrieben hat. Er war nicht dabei! Stattdessen vertrieb er sich die Zeit mit seinesgleichen, in der Kunstszene. Punk war aber nicht Kunst! Punk war Anti-Mode! Du konntest Punk sein, indem du dir einfach nur eine schwarze Mülltüte übergezogen hattest, in die du Löcher für Arme und Kopf geschnitten und ein paar Badges drangesteckt hast. Du musstest nicht in den McLaren & Vivienne-Shop gehen und dir eine Bondage-Jacke für 200 Pfund kaufen, um Punkrocker zu sein. Ich habe das immer für einen Witz gehalten. For me Jon Savage is talking out of his arse!

Warum macht dich das nach über vierzig Jahren noch so sauer?

Weil die Leute das Buch von Jon Savage lesen und denken, so sei das alles damals gewesen. Ich habe damals Toiletten geputzt, hatte keinen guten Schulabschluss, und es sah so aus, als ob ich für den Rest meines Lebens irgendwelche schlecht bezahlten Aushilfsjobs würde machen müssen. Ich musste also über einen Plan B nachdenken – doch den gab es nicht! Ich war in nichts wirklich gut, nicht mal gut klauen konnte ich. Und dann kam Punkrock und hat mir den Arsch gerettet. Vielleicht sollten ja mehr Leute von damals ein Buch schreiben und ihre Geschichte erzählen. Es gibt da eine Menge guter Geschichten zu erzählen, denn es war eine sehr interessante Zeit, wenn auch in keinster Weise glamourös. Diese ganzen großen amerikanischen Bands wie GREEN DAY, die sich selbst Punkrock nennen, denen hätte das Leben, das wir damals 1977 in London führten, kaum gefallen, glaube ich. Es gab viel Streit, wir hatten nicht viel zu essen, schliefen bei irgendwelchen Leuten auf dem Fußboden, es war alles ziemlich rauh und schmutzig. Ich konnte mir keine Fahrkarten leisten, also war ich ständig auf der Flucht vor den Kontrolleuren. Die großen Bands damals waren alles nur solche Prog-Bands wie EMERSON LAKE & PALMER, YES oder GENESIS, die Lieder sangen über Fantasiegestalten und Zauberer, mit endlosen Gitarren- und Schlagzeugsoli, und in Stadien spielten. Wir hingegen traten in versifften Bars und Kellern auf. Es machte viel Spaß, aber war alles andere als glamourös. Ich glaube nicht, dass es GREEN DAY da gefallen hätte – und Geld verdiente man damit auch kaum, haha.

Das Geld kam bei dir dann später, Anfang der Achtziger, als du plötzlich eine Solokarriere hattest mit Singles wie „Happy talk“ und „Wot“.

Ich hatte damals drei richtig gute Jahre als Solokünstler. Ich hatte meine eigene Limousine, ein Label, viel Geld – und plötzlich fingen auch die Frauen an, mich attraktiv zu finden. Dabei benahm ich mich weiterhin so schlecht wie vorher, als ich bei THE DAMNED spielte. Warum ich Erfolg hatte? Die Musik war eine andere, sie war melodiös und harmlos, ich hatte plötzlich ein anderes Image. Ich hatte zu der Zeit eine Menge Spaß, ich flog zu Promoterminen quer durch Europa, war ständig irgendwo im Fernsehen, in der Schweiz, in Paris ... und abends ging es dann zurück nach London, weil ich noch ein Konzert mit THE DAMNED hatte. Es war harte Arbeit, aber ich kann dir versichern, ich habe das Beste daraus gemacht. Es war absolut verrückt, gerade für einen Ex-Kloputzer: in einem Moment schrubbst du noch Toiletten, im nächsten stehst du vor Fernsehkameras und singst „Happy talk“. Ich musste ständig lachen, ich konnte es selbst kaum glauben, was mit meinem Leben passiert war.

Eine Konstante, die auch in jener Phase Bestand hatte sowie die meiste Zeit danach, sind THE DAMNED. Warum hängst du so an dieser Band?

THE DAMNED machen richtig guten Lärm! Der Sound, die Songs, die verschiedenen Bandmitglieder ... Auch das aktuelle Line-up besteht aus echten Persönlichkeiten – manche würden sagen Verrückte. Ehrlich, ich halte die anderen vier für total bekloppt, aber – das behaupten die auch von mir. Tja, aber warum THE DAMNED? Ich weiß es nicht ... Also ich mag den Sound, die Hammond-Orgel, das mochte ich schon immer, auch damals bei DEEP PURPLE, bei STEPPENWOLF. Ich finde, die klingt wundervoll. Kombiniert mit einem druckvollen Schlagzeug, großartigen Gitarren und einem richtig guten Sänger ergibt das den DAMNED-Sound. Mit Dave haben wir den besten Sänger unserer Generation, er hat einen unglaublichen Bariton. Ich singe ja auch, aber der Kerl macht mich wahnsinnig, weil er immer den richtigen Ton trifft. Ich schaue mir Videos von unseren Shows bei YouTube an, und meine Stimme ist überall, nur nicht in der richtigen Tonlage. Doch Dave trifft immer den richtigen Ton, keine Ahnung, wie er das macht.

Du warst für viele der alten DAMNED-Songs verantwortlich, ist das beim neuen Album auch wieder so?

Nein, und das ist total interessant: THE DAMNED sind eine Demokratie, also schrieb jeder von uns Songs für das neue Album und ich war sehr überrascht von der Qualität der Nummern, mit denen die anderen ankamen. Ich habe drei Stücke geschrieben, Dave drei, Pinch zwei, Monty einen, und die anderen haben wir zusammen gemacht. Von den 22 Songs, die wir geschrieben hatten, suchten sich das Label und Tony Visconti zehn aus – und das waren die zehn kommerziellsten! Also haben wir auf dem Album jetzt eine Shitload an Melodien! Das ist wohl der Visconti-Einfluss, er liebt Melodien, er hat diese Historie mit Bowie und Bolan. Er liebt Pop-Musik, und er hat seine Handschrift überall auf diesem Album hinterlassen. Er hatte einen riesigen Einfluss auf den Sound des Albums und dessen Richtung. Und er hat sogar mit uns gesungen. Er war sehr enthusiastisch bei der Arbeit, es machte Spaß mit ihm – und gute Geschichten über Marc Bolan konnte er auch erzählen. Wer will schon Rockstars, die in Anzügen herumlaufen und langweilige Bastarde sind, die von der Bühne kommen und erstmal ihrem Manager und ihrem Buchhalter die Hand schütteln? Den Scheiß braucht keiner! Nein, wir brauchen verrückte, seltsame Exzentriker in den Bands! Leute wie ... THE DAMNED! Und Michael Jackson. Joe Meek. Marc Bolan. Niemand will langweilige Rockstars!

Du sagtest gerade, ihr hattet 22 Songs, davon wurden die zehn poppigsten aufgenommen. Was ist mit den anderen zwölf?

Zehn Jahre nach unserem letzten Album „So, Who’s Paranoid?“ haben wir wieder entdeckt, wie man Songs schreibt, und ja, es wird in der Zukunft noch mehr Platten geben. Von den diesmaligen „Rejects“ werden wir dann vielleicht welche aufnehmen, denn da waren ein paar interessante, nein, besser: weniger kommerzielle, eher seltsame Songs dabei.

Was ist denn aus deiner Blah!-Partei geworden, die du 2006 in Reaktion auf die damalige politische Situation in England gegründet hattest? Die Lage ist ja nicht besser heute.

Politik ist ein schmutziges Geschäft. Ein paar der Texte auf dem neuen Album beschäftigen sich damit, im Besonderen geht es um Fake News. Heutzutage kann man ja nichts mehr glauben, was man irgendwo liest. So was habe ich noch nie in meinem Leben erlebt – und ich lebe ja schon eine ganze Weile und habe mich immer für Politik interessiert. Ich weiß heute nicht mehr, wohin ich mich wenden soll, um die Wahrheit zu finden. Und so geht es allen anderen auch. Glauben wir, was wir im Fernsehen sehen? Glauben wir den Zeitungen, glauben wir dem Internet, glauben wir Twitter? Wo ist die Wahrheit? Überall Kriegshetze und Lügen, wie sie uns auch in den Irak führten, wie sie Libyen zerstörten, was sie nun auch in Syrien versuchen. Was soll man glauben? Jetzt, wo sie uns in einen Krieg mit Russland führen wollen? Das ist doch totaler Wahnsinn! Politik ist ein schmutziges Spiel, und ich will da nicht mitmachen. Ich hatte meine eigene Partei damals, als Tony Blair seine Lügen über den Irak erzählte. Anstatt den Fernseher kaputtzutreten, gründete ich meine eigene Partei, die tatsächlich einigermaßen bekannt wurde. Und das machte mir Angst: Warum vertraute jemand eher einem dämlichen, betrunkenen Gitarristen statt einem Profi-Politiker? Das sagt eine Menge aus.

Captain, besten Dank für das Interview – und ich freue mich auf eure Show in Oberhausen im Mai.

Oberhausen ... das ist doch in der Nähe von dieser Stadt mit der hängenden Bahn, oder?

Du meinst die Schwebebahn in Wuppertal? Das ist hier um die Ecke, ja.

Vor ein paar Jahren habe ich mal die ganze Band zu einer Schwebebahnfahrt in Wuppertal überredet, und alle haben das geliebt. Das ist ein einzigartiges Transportsystem.

... das nicht jeder schätzt. In Wolfgang Bülds Fernsehfilm „Brennende Langeweile“ aus dem Jahr 1979, in dem THE ADVERTS mitspielen, also die Band von TV Smith, beklagt sich Gaye Advert auf einem Bahnsteig über den „stupid upside-down train“.

Echt?! Großartig! Ich schreibe mir das auf und spreche sie darauf an, wenn ich Gaye das nächste Mal sehe. Ehrlich gesagt habe ich ein Faible für Nahverkehrsmittel. Das ist mein Hobby, wenn wir auf Tour sind. In jeder Stadt stehe ich früh auf, hole mir ein Tagesticket und fahre kreuz und quer mit der Bahn durch die Stadt, wie die Menschen, die dort leben. Ich bin also so was wie ein Trainspotter, und davon gibt es in England eine Menge. Interessanterweise sind unter denen recht viele Punks – ja, es gibt viele Punkrock-Trainspotter. Google das einfach mal. Es gibt sogar Bands, die sich einen Namen mit Zug-Bezug gegeben haben. Das ist mein eines Hobby, und das andere ist Bier. Ich liebe Hefeweizen!

 


Diskografie

„Damned Damned Damned“ (LP/MC, Stiff, 1977) • „Music For Pleasure“ (LP/MC, Stiff, 1977) • „Machine Gun Etiquette“ (LP/MC, Chiswick/Ace, 1977) • „The Black Album“ (LP/MC, Chiswick, 1980) • „Strawberries“ (LP/MC, Bronze, 1982) • „Phantasmagoria“ (LP/CD/MC, MCA, 1985) • „Anything“ (LP/CD/MC, MCA, 1986) • „Not Of This Earth“ (CD, Toshiba, 1995) • „I’m Alright Jack And The Bean Stalk“ (CD, Marble Orchard, 1996) • „Grave Disorder“ (LP/CD, Nitro, 2001) • „So, Who’s Paranoid?“ (CD, English Channel, 2008) • „Evil Spirits“ (LP/CD, Spinefarm, 2018)

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #137 (April/Mai 2018)

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