Interviews & Artikel : ERNIE PARADA :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

ERNIE PARADA

Spurensuche in der Hardcore-Community

Es ist fast unmöglich, keine Musik von Ernie Parada im Schrank zu haben, wenn man in irgendeiner Form Interesse an Hardcore oder Punk amerikanischer Prägung hat. Die Liste ist lang: Bei KRAKDOWN, TOKEN ENTRY, IN YOUR FACE, GREY AREA, THE ARSONS, HIGHER GIANT und BLACK TRAIN JACK war er eine treibende Kraft und zwischendurch auch mit WARZONE und GORILLA BISCUITS unterwegs. Die momentane musikalische Ruhepause füllt der New Yorker mit seiner Designagentur Hellgate Industries, die sich auf Artwork für Cover und Poster im Independent-Bereich spezialisiert hat, die man über Ernies Homepage auch kaufen kann. So hinterlässt der Mann seit über dreißig Jahren seine Spuren in der Hardcore-Community.

Ernie, wo liegen deine musikalischen Wurzeln und wie bist du zur Zeit musikalisch aktiv?


Ich war zuerst großer BLACK SABBATH-Fan. Und dann kamen die RAMONES. Da dachte ich: Das ist es, das bin ich! Danach kamen auf jeden Fall MINOR THREAT. Ich wurde nicht nur Fan, sondern hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass ich diese Art von Musik auch selber machen will und kann. Eine aktive Band habe ich aktuell nicht. Gelegentlich springe ich für kleine Reunion-Sachen bei TOKEN ENTRY oder WARZONE ein. Ich arbeite aber an neuem Material, das ich auch hoffentlich bald aufnehmen werde.

Wann hast du angefangen zu zeichnen?

Das tue ich, seit ich denken kann. Zur Musik kam ich erst als Teenager. Anfangs lernte ich durch meinen Vater spanische Klassiker wie Picasso und Dalí zu schätzen. Ich verschlang Literatur über die alten Meister. Ein anderer früher Einfluss war John Holmstrom. In der Schule habe ich in meinem Notizbuch penibel alle kleinen Charaktere des „Rocket To Russia“-Covers und -Inlays von den RAMONES abgezeichnet. Aber den entscheidenden Anstoß zum ernsthaften Zeichnen hat mir Sean Taggart gegeben. Das Cover der „Cause For Alarm“-LP von AGNOSTIC FRONT hatte ich jahrelang über meinem Schreibtisch hängen. Die Sachen, die er für die CRUMBSUCKERS gemacht hat, sind auch großartig. Was das Posterdesign betrifft, muss ich auch Jay Ryan und Scojo nennen, aber das kam erst mit der Zeit.

Was designst du am liebsten?

Das sind Platten- und CD-Packages, weil man hier das Endergebnis konzeptionell am meisten mitprägt. Die Idee hinter einem Design reizt mich. Konzertposter kommen danach, Shirts zuletzt. Mein erstes Design war, glaube ich, ein Flyer für eine GILLIGAN’S REVENGE-Reunion-Show 1984.

Was fällt dir beim Musikschreiben und Illustrieren am schwersten?

Bei der Musik finde ich es am schwierigsten, den kompletten Rückhalt der Band zu bekommen. Ich glaube, dass eine erfolgreiche Band auf einer Person mit einer Vision beruht, an die die übrigen aus vollem Herzen glauben. Es ist egal, wer diese Rolle übernimmt, solange die anderen sich völlig darauf einlassen. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Beim Illustrieren fällt das weg, da bist du ja auf dich alleine gestellt und es geht in erster Linie um Geschicklichkeit. Bei Postern hadere ich oft sehr mit der Wahl der Farben. Das Zeichnen passiert fast von selbst. Wenn es dann ans Kolorieren geht, treibt es mich manchmal fast in den Wahnsinn.

Brauchst du eine spezielle Stimmung zum Arbeiten?

Oh ja. Manche sind bei Depressionen und Schmerzen am kreativsten. Bei mir? Vergiss es! Ich muss in guter Stimmung sein, ohne Zwang und gut vorbereitet. Ich kann nicht kreativ arbeiten, wenn mich zugleich andere Dinge beschäftigen. Ich muss ganz klar fokussiert sein. Auf Tour habe ich jeden Abend im Gegensatz zu den anderen vor dem Gig alle meine Sachen in Ordnung gebracht. Ich habe gegessen, mein Portemonnaie und meine Dokumente verstaut und die Schnürsenkel fest zugebunden. Ready! Was die Parallelen zwischen dem Schaffen von Musik und visueller Kunst angeht – es ist ein ständiger Gedankenfluss und beide Bereiche bedingen einander gegenseitig. Nicht nur der kreative Prozess, auch das Festhalten in Form von Drucken beim Design und Aufnehmen bei der Musik ist sehr ähnlich.

Als Musiker bist du buchstäblich von hinten über die Mitte nach vorne gewandert, also vom Schlagzeug über die Gitarre zum Gesang. An welcher Stelle fühlst du dich am wohlsten?

Am Bass, haha! Leider ergab sich dazu nie die Gelegenheit. Aber es wäre am wenigsten aufwendig. Schlagzeuger ist definitiv der unangenehmste Job. Du musst all den Mist mit dir herumschleppen und keiner dankt es dir, insbesondere bei Hardcore-Bands. Im Hardcore hat der Drummer nie den Stellenwert, den er verdient. Singen ist angenehm, leider vergesse ich manchmal die Texte. Am wohlsten fühle ich mich als Gitarrist, weil ich eine richtige Beziehung zu dem Instrument habe. Du spielst das Schlagzeug ja nicht im engeren Sinne, du schlägst es. Und niemand baut eine Beziehung zu einem Mikrofon auf. Aber eine Gibson Les Paul kann dein bester Freund sein. Obwohl ich zugeben muss, dass sehr viele Leute sie besser spielen können als ich.

BLACK TRAIN JACK machten keinen typischen NYHC. Eher einen Mix aus Punk, Hardcore, Blues und Funk. Wolltet ihr bewusst Genregrenzen einreißen?

Das stimmt. Typisch waren wir gar nicht. Das hat es für viele besonders gemacht. Ab dem ersten Gig ging es mit uns steil bergauf, die Resonanz war unfassbar. Ich war damals von den DESCENDENTS und DAG NASTY beeinflusst, daher dieser sehr melodische Ansatz. Darum beschlossen wir, mit BLACK TRAIN JACK eine andere Richtung einzuschlagen. Insgesamt hat das funktioniert.

Gute Resonanz, hervorragende Alben. Und auf einmal wart ihr weg von der Bildfläche. Warum?

Das hatte unterschiedliche Gründe. Hauptsächlich, weil es eher Stress war als ein Abenteuer. Unser Plattenvertrag verbot es uns, bei Konzerten Platten und CDs zu verkaufen. Wir spielten also Shows, zu denen Leute kamen, die uns sagten, sie hätten in keinem Laden Alben von uns finden können. Und wir hatten dann auch keine dabei. Wir fragten in einigen Plattenläden nach und man sagte uns mehrfach, dass aufgrund von Distributionsbeschränkungen nur eine Handvoll Platten gekommen seien. Es ist frustrierend, ein Album zu promoten, das man nirgendwo kaufen kann. Von daher sahen wir keinen Sinn darin, kontinuierlich auf Tour zu gehen.

Wie sieht es mit Reissues der Alben aus?

Das liegt in der Hand von Roadrunner Records. Leider kann ich dazu nichts sagen. Wir haben aber live noch ein paar mal gespielt, in Philadelphia und New York City. Ich bin mir sicher, dass da noch mehr möglich sein wird.

Du bist dein Leben lang New Yorker geblieben. Zieht es dich nicht manchmal woanders hin?

Ich schwöre: Jedes Mal, wenn das Thermometer unter zehn Grad Celsius fällt, rede ich davon wegzuziehen. Ich hasse Kälte und Schnee. Doch das wird wohl nie passieren. New York hat aber auch musikalisch noch viel zu bieten. Von Manhattan hat sich die Szene etwas nach Brooklyn verlagert. Das St. Vitus beispielsweise ist ein sehr guter Laden, in dem man regelmäßig Konzerte sehen kann.

Was hältst du von der These, dass die hispanische Community der Lower East Side, die Loisaida, einen entscheidenden Einfluss auf die frühe NYHC-Szene hatte? Siehst du einen Zusammenhang zwischen Migration und Subkultur?

Ich habe davon gehört und einige Artikel gelesen, in denen die Hispanics als homogene Gruppe betrachtet werden und daraus ein Einfluss abgeleitet wird. Ich bin mir aber nicht sicher, ob der kulturelle Hintergrund eine wirklich entscheidende Bedeutung hatte. Es stimmt, dass viele der Beteiligten eine hispanische Herkunft hatten, aber das war bei uns nie ein großes Thema. Wenn du mich fragst, hatte Queens den wesentlich größeren Einfluss. Nimm KRAUT, THE MOB, MURPHY’S LAW, TOKEN ENTRY, SICK OF IT ALL, GORILLA BISCUITS, REST IN PIECES: alle aus Queens.

Das erste GREY AREA-Album heißt „Fanbelt Algebra“. Was bedeutet das?

Gute Frage! Mein Bruder Ray, der bei MAJOR CONFLICT und später bei ABOMBANATION gespielt hat, dachte sich damals den Titel des ersten Albums von KRAUT aus: „An Adjustment To Society“. Sehr griffig! Als wir mit GREY AREA die Aufnahmen fertig, aber noch keinen Namen hatten, rief ich ihn an und bat ihn um Hilfe. Ohne zu zögern sagte er: „Fanbelt Algebra“! So als ob er jahrelang vor dem Telefon gesessen und auf diesen Anruf gewartet hätte. So einfach war das!

Daniel Schubert

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #137 (April/Mai 2018)