Interviews & Artikel : KMPFSPRT :: ox-fanzine.de

Das aktuelle Ox

Unsere Aboprämie

Wer das Ox bis zum 31.12.2018 neu abonniert, erhält auf Wunsch das Buch „Wie aus mir kein Tänzer wurde“ (Ventil Verlag) von Ox-Autor Kent Nielsen als Prämie. (Solange Vorrat reicht) (Bitte im Feld "Nachricht" angeben + Namen des Prämienempfängers)

 

Abo gegen Tasche!

Wer das Ox neu abonniert, wer ein Abo verschenkt oder als Ox-Abonnent einen neuen Abonnenten wirbt, der bekommt von uns die Ox-Tasche (fair gehandelte Bio-Qualität) geschenkt!

 

California über alles

"California über alles - Dead Kennedys Wie alles begann" ist das erste umfassende Buch über die DEAD KENNEDYS. Es konzentriert sich auf die Gründungs­phase der Band in der Szene von San Francisco bis zum Erscheinen des ersten Albums "Fresh Fruit For Rotting Vegetables". Autor Alex Ogg sprach dafür mit vielen Zeitzeugen.

 

Kochen ohne Knochen

Das Ox-Kochbuch 5 & Kochen Ohne Knochen #23

Kochen ohne Knochen - Das Ox-Kochbuch 5: Über 200 rein pflanzliche Rezepte für Beginner und Könner, für Veganer, Vegetarier und Allesesser, von simpel bis anspruchsvoll. Von Punks, nicht nur für Punks.
Dazu jede Menge Merchandise rund ums Kochbuch: Küchenmesser, Profimesser, Hand- und Geschirrtuch, Küchenschürze, Stofftasche, Sparschäler, Frühstücksbrettchen, Pfannenwender, Buttons, ...

Kochen ohne Knochen #23: Die neue Ausgabe des veganen Magazins ist jetzt im Handel und bei uns erhältlich.

 

Interviews & Artikel

KMPFSPRT

Außenseiter im eigenen Land

Die Musik mag für sie nur ein leidenschaftlich betriebenes Hobby sein und doch haben sich KMPFSPRT aus Köln in den bislang knapp acht Jahren ihrer Existenz mit den Alben „Jugend mutiert“ (2014) und „Intervention“ (2016) Gehör verschafft und sich zu einer der relevantesten deutschsprachigen Punkrock-Bands gemausert, die längst kein Geheimtipp mehr ist. Auch ihre neue Platte „Gaijin“ klingt wieder zwingend: Wie eine Abrechnung mit dem Zeitgeist und ein Ausrufezeichen der Empathie und Solidarität in einer an der Abstinenz von Moral krankenden Gesellschaft. Die beiden Songschreiber David Schumann und Richard Meyer sprechen mit uns darüber, wie es ist, fremd unter Menschen zu sein – und was Social Media mit uns (und ihnen) macht.

David, Richard, achtes Bandjahr, drittes Album, über 11.000 Facebook-Freunde: das ist ansehnlich. Wie sehr sind eure eigenen Ansprüche gestiegen?

Richard:
Sie sind durchaus ordentlich gestiegen. Man will ja nichts abliefern, was gegen das, was vorher war, nicht anstinken kann.

David: Die Erwartungshaltung wächst immer mehr. Man spielt häufiger Konzerte. Man spielt größere Konzerte. Man hat mehr Likes bei Facebook. Ja: Es wird alles größer – auch wenn die Musik für uns alle letztlich nur ein Hobby ist. Das großartigste Hobby, das man haben kann.

Du sprichst die sozialen Netzwerke an. Da kann heutzutage jeder sein Geseier ablassen. Man ist als Künstler ständig für jeden greif- und angreifbar. Allein das macht viel aus für die eigene Entwicklung, oder?

David:
Auf jeden Fall. Es ist bedeutend schwieriger geworden, auch mal einen schlechten Song zu schreiben. Früher hätte man sich das noch erlauben können, haha.

Habt ihr schon mal einen schlechten Song geschrieben?

David:
Ganz sicher, haha. Das weiß nur kaum jemand, denn außer uns ist ja keiner im Studio mit dabei.

Wie viele Songs werden bei den Aufnahmen zu einer Platte wie „Gaijin“ denn aussortiert?

David:
Wenn du diesbezüglich schon beim Songwritingprozess ansetzt, dann ist das durchaus die Hälfte, die wieder in irgendwelchen Schubladen landet.

Richard: Würde ich auch sagen. Das Prozedere ist dabei immer das gleiche: David und ich kommen mit Songideen an und stellen sie den anderen vor. Dann fliegen erst Songteile raus. Am Ende, wenn einem noch etwas auffällt, das nicht passt, wird auch noch mal korrigiert. Und manchmal fliegen eben auch ganze Stücke raus.

David: Im Studio funktionieren viele Dinge nicht, die im Proberaum noch wunderbar klappten. Da entwickeln Songs ein echtes Eigenleben. Und der todsichere Hit ist plötzlich unfassbar langweilig.

Lohnt es sich da noch, vorab Pläne zu machen?

Richard:
Letztlich ist ein Album nicht wirklich im Voraus planbar. Auch dass „Gaijin“ wieder etwas härter geraten ist, war nicht unbedingt abzusehen.

Warum ist die Platte denn härter geraten als zuletzt „Intervention“?

David:
Weil wir gemerkt haben, dass uns die etwas poppigeren Songs von „Intervention“ live auf der Bühne nicht mehr so viel Spaß machen wie die älteren Lieder. Daher knallt es jetzt wieder mehr. Aber wirklich geplant war das nicht. Das ergab sich erst im Studio. Wir sind eben Punker, haha. Wir machen, was wir wollen.

Wenn ihr KMPFSPRT von heute mit der Band vergleicht, die ihr zu Beginn wart: Wie fällt der Vergleich aus?

David:
Es hat sich eine Menge geändert. Nicht zuletzt personell. Wir haben jetzt ja schon den dritten Schlagzeuger ...

Ich dachte immer, Schlagzeuger sind am entbehrlichsten, weil sie nur im Hintergrund agieren.

David:
Nein, haha. Jeder Besetzungswechsel macht viel aus. Man hat jedes Mal, wenn jemand von außen hinzukommt, ein anderes Gefühl in der Band. Weil dann ein komplettes Viertel der Band, das eine eigene Persönlichkeit hatte, weggefallen ist und neu besetzt wurde.

Ist das ein schlechtes Gefühl?

David:
Nein. Denn auf der anderen Seite bringt so etwas immer auch neue Frische mit rein. Was nicht heißt, dass jeder Ausstieg nicht auch traurig ist und man ungern jemanden verliert. Aber man hat eben mit neuen Bandmitgliedern, wie im aktuellen Fall Daniel Plotzki, einen frischen Start. Neue Impulse. Er stößt dazu – und sieht Dinge anders. Er erkennt Sachen, die wir vielleicht nicht mehr erkennen, denn durch die lange Zeit, die man schon zusammen ist, sieht man eben auch mal den Wald vor lauter Bäumen nicht. Er hat sich in die Aufnahmen zu den neuen Songs jedenfalls von Anfang an mit eingebracht.

Kommen wir mal zu diesen neuen Songs. In „Trümmer“ geht es um die extrem multimedial geprägte Gesellschaft und die inflationäre Nutzung von Smartphone und Co. Hand aufs Herz: Bei welchem Konzert habt ihr zuletzt selbst das Handy gezückt, um Fotos zu machen?

David:
Das ist noch gar nicht so lange her. Das war beim Auftritt von KETTCAR kürzlich in Köln. Das musste sein! Woher hätten die Leute in den sozialen Netzwerken denn sonst wissen sollen, dass ich da war, haha. Aber im Ernst: KETTCAR haben eine ganze Menge relevanter Songs. Gerade „Sommer 89“ von ihrem neuen Album, in dem es ja um einen Typen geht, der damals völlig uneigennützig Menschen zur Flucht aus der DDR verholfen hat, war zuletzt von allen Bands auf der Welt genau der richtige Song zur richtigen Zeit, der mir unheimlich viel bedeutet. Und als der beim Konzert kam, musste einfach mal kurz mit den Handy draufhalten und das Ganze bei Instagram posten.

Ich sehe, man kann sich trotz des Naserümpfens unter Musikern und Musikfans über dieses Thema nicht ganz davon freimachen, oder?

David:
Nein. Aber warum auch? Das ist ja keine Religion. Klar: Ich finde es auch läppisch, wenn ich bei Konzerten sehe, dass da 80% der Leute die ganze Zeit das Handy draußen haben. Da frage ich mich auch: Was ist denn mit euch los? Aber wenn ich bei einer Band, die zwei Stunden spielt, für dreißig Sekunden mal eben etwas filme, dann geht dadurch für mich die Welt ganz sicher nicht unter. Und das Konzert sowie das Erleben des Konzertes werden dadurch nicht schlechter.

Wie sieht es bei euren eigenen Konzerten aus?

David:
Dieses Internet-Posting-Phänomen ist schon spürbar. Nach einem Konzert bist du eben plötzlich auf zig Bildern im Netz markiert. Aber das stört mich nicht. Ich nehme das eher als Kompliment. Denn es zeigt mir: Es waren viele Leute da, die es gut fanden und die das verbreitet haben.

Das Thema hat ja neulich noch einmal international Wellen geschlagen, als Jack White plötzlich ankündigte, auf seinen Konzerten ab sofort Smartphones verbieten zu lassen, weil durch die Filmerei die Musik in den Hintergrund gedrängt werde. Das ist doch bemerkenswert, oder?

Richard:
Klar. Das ist wie Lars Ulrich, der Napster verklagt. Hinterwäldlerisch. Ein bisschen mit der Zeit gehen muss man ja schon. Das ist eben der Lauf der Dinge. Ich bin ja als Lehrer tätig und habe viel mit 15-, 16-Jährigen zu tun. Da bekomme ich schon mit, was die interessiert und womit die sich beschäftigen. Und ich versuche natürlich, da selber irgendwie dranzubleiben. Das ist wichtig. So ticken die Jugendlichen heute eben.

David: Eben. Warum solltest du den Leuten denn verbieten, ihre Smartphones und die sozialen Medien zu nutzen? Letztlich hilft dir doch auch, deine eigene Musik noch bekannter zu machen. Ich habe selbst schon viel gute Musik erst durch die sozialen Netzwerke kennen gelernt. Musik, die sonst an mir vorübergegangen wäre. Außerdem kann man Social Media ja auch anderweitig gut und sinnvoll nutzen. Ein gutes Beispiel dafür ist die #MeToo-Bewegung. Sie bietet Frauen endlich die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Plötzlich werden sie wahrgenommen, wenn sie sagen: „Ich wurde missbraucht.“ Und das ist doch toll! Aber um noch mal auf Jack White zurückzukommen: Ich will ihm nichts unterstellen. Trotzdem ist das für mich so ein bisschen zu posermäßig. Die Leute haben doch trotzdem Spaß an der Musik. Die tanzen und singen. Und solange das nicht Überhand nimmt und da vielleicht zehn Leute sind, die Fotos machen, dann stört das doch keinen.

Euer 2014er Album hieß „Jugend mutiert“. Muss es jetzt, auf dem neuen Multimedia-Peak unserer Gesellschaft, nicht lauten: Jugend degeneriert?

David:
Haha, könnte man sagen. Das wird dann das nächste Album. Oder „Jugend digitalisiert“. Aber Spaß beiseite, es ist ja immer einfach, als jemand, der nicht mehr 17 ist, auf diejenigen hinabzuschauen, die heute jung sind. Aber man darf nicht vergessen, dass man selbst mal 17 war. Man sollte daher tolerant sein und jeder Generation das Recht zugestehen, Fehler zu machen. Die jetzige junge Generation ist eben extrem Social Media-affin. Das ist eine Tatsache und prinzipiell nicht schlimm. Und das ist okay, solange man sich nicht vollkommen darin verliert und Selbstbestätigung nur noch aufgrund von Like-Zahlen sucht. Um noch mal auf den Song „Trümmer“ zurückzukommen: Darin dreht es sich am Ende vor allem um jene Menschen, die sich nicht mehr um Inhalte kümmern und denen die absaufenden Flüchtlingsboote egal sind, solange sie nur ihre geilen neuen Sneaker haben. Das ist das Problem heute. Und es bringt mit sich, dass viele junge Menschen heutzutage nicht mehr so rebellisch sind, wie das früher einmal der Fall war. Früher war die Musik immer auch ein Aufbegehren. Egal ob das Musik von den BEATLES oder später Punk war: man hat sich abgegrenzt von der älteren Generation und war rebellisch. Heute dagegen samplet man die Songs, die die eigenen Eltern gehört haben, und legt einen Techno-Beat drunter. Das kann ich nicht verstehen.

„Gaijin“ wirkt sehr düster: „Die Särge auf der Welt sind schon bestellt.“ „Wir tragen Schwarz, weil es dunkler nicht geht.“ Stimmt ihr mir zu?

David:
Vollkommen. Die Platte ist vor allem in ihren harten Momenten wirklich düster. Weil es ein Album ist, das ganz extrem den Zeitgeist jener Monate und Jahre spiegelt, in denen es entstanden ist. Seit „Intervention“ sind weltweit Leute an die Macht gekommen, von denen man noch vor zehn Jahren niemals gedacht hätte, dass sie das irgendwann einmal schaffen. Du hast geglaubt, die hätten nichts mehr zu melden. Auf einmal hast du einen Rechtspopulisten und Rassisten als mächtigsten Mann der Welt. Du hast einen Orbán. Einen Erdogan. Die AfD in Deutschland, die wirklich jeden Tag menschenverachtenden Scheiß raushaut – was die Leute auch noch geil finden. Und in diesem gesellschaftlichen Klima ist „Gaijin“ eben entstanden. Wir können nicht mehr verstehen, in welche Richtung sich die Welt gerade bewegt. Man möchte die Menschheit nur noch anschreien und brüllen: Halt! Stop! So kann das doch nicht weitergehen. Denkt doch mal alle nach! Was ist denn mit Solidarität? Was ist mit Menschenrechten? Man fühlt sich irgendwann total fremd auf der Welt. Da kommt ja auch der Titel „Gaijin“ her. Das ist japanisch und bedeutet sowohl „Ausländer“ als auch „Außenseiter“. Und als Punk fühlt man sich ja ohnehin als Außenseiter. Das ist ja der Weg, den man bewusst wählt. Aber in den letzten Jahren hat sich dieses Gefühl, Außenseiter zu sein, ja gefühlt noch verzehnfacht. Und den Widerstand gegen den Status quo drückt die Musik auf „Gaijin“ ebenso aus wie der Titel der Platte. Sowie die Identifikation mit allen, die durch diese Entwicklung ausgegrenzt sind: Minderheiten. Randgruppen. Menschen, mit denen wir uns solidarisieren. Es ist momentan einfach sauschwer, einen Popsong in G-Dur zu schreiben bei dem, was da draußen alles passiert.

Du warst selber mal mehrere Jahre in Japan und somit ein Ausländer.

David:
Ich war insgesamt vier Jahre dort, zwischen 2005 und 2010. Und in dieser Zeit habe ich durchaus erfahren, wie es ist, Ausländer zu sein. Natürlich wurde ich da sehr viel besser behandelt als viele Ausländer, vor allem viele Flüchtlinge, hierzulande. Ich war an der Uni privilegiert und hatte wirklich eine gute Zeit. Das darf man also nicht falsch verstehen. Aber: Ich habe trotzdem zu spüren bekommen, wie es ist, wegen deiner Hautfarbe und Herkunft immer irgendwie außen vor zu sein. Wenn ich mit meinen Kumpels auf Partys gegangen bin, dann haben die mich eben vorgestellt mit: „Das ist unser Ausländerfreund David.“ Ausländerfreund! Ich hätte noch zehn Jahre dableiben können und wäre trotzdem immer noch nicht wirklich ein Teil der dortigen Gesellschaft gewesen. Egal, wie gut ich die Sprache beherrschte oder mich dort auskannte. Und da denkt man natürlich weiter und landet bei der Frage: „Was ist denn eigentlich mit den Leuten los? Warum können wir Menschen nicht einfach als Menschen sehen? Warum muss es immer um die Hautfarbe gehen?“ Diese Erfahrungen haben zweifelsohne auch die Songs auf „Gaijin“ noch einmal beeinflusst.

Erreicht man jene Leute, die genau von diesen Missständen nichts wissen oder sie ignorieren, mit diesen Botschaften überhaupt? Beziehungsweise wollt ihr mit diesen Leuten, mit der Gegenseite, überhaupt reden?

David:
Natürlich. Wir als Band sagen, was wir denken – und bekommen darauf ja auch Reaktionen. Wir erhalten zum Beispiel Mails, in denen Zuschauer fragen: „Ey, ihr habt auf der Bühne gesagt, FREI.WILD sind scheiße. Warum eigentlich?“ Solchen Leuten rufen wir ja nicht entgegen: „Fickt euch!“ Die sind ja nicht verloren. Mit denen reden wir auf jeden Fall. Klar, mit organisierten Nazis würden wir niemals sprechen. Das hilft denen am Ende nur. Aber als 16-Jähriger, der Rockmusik hört, weißt du doch noch nicht, wohin der Weg geht. Mit diesen Leuten nicht zu reden, wäre ein Fehler.

Richard: Es ist wichtig, das zu tun. Du musst dich damit auseinandersetzen. Und das sogar zwangsläufig. Denn je bekannter du als Band wirst, desto mehr entfernst du dich ja von deiner Szene. Und wir hatten schon mal das Problem, dass da plötzlich Leute bei uns vor der Bühne standen, die uns hinterher wutentbrannt schrieben, dass wir FREI.WILD und die BÖHSEN ONKELZ kritisiert hätten. Die würden sie ja auch hören – neben uns. Da dachten wir schon: Wie bitte? Das passt ja nun überhaupt nicht! Aber durch so etwas wird dein Blick eben auch geschärft. Du erkennst, es gibt eben Leute, die denken, dass man diese Bands parallel hören kann. Und denen müssen wir erklären, warum das eben nicht geht. Ich glaube auch, dass man die meisten Leute am Ende erreicht.

David: Wenn du gerade in Zeiten wie jetzt nichts gegen Nazis, gegen die neue Rechte sagst, dann machst du dich meiner Meinung nach mit schuldig. Es heißt ja nicht umsonst: „Wehret den Anfängen!“ Und die Anfänge sind ja schon längst da. Jeder, der kein Faschist ist, muss jetzt das Maul aufmachen! Egal, ob er Lena Meyer-Landrut, Tim Bendzko oder SLAYER heißt. Ich wünsche mir wirklich einen Tim Bendzko-Antifa-Song! Jeder hat, gerade als Deutscher, die Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt!

Habt ihr – auch davon singt ihr auf „Gaijin“ – eigentlich selbst schon mal einen Polizeiknüppel auf den Rücken bekommen?

David:
Ja, bei einer meiner ersten großen Demos. Da war ich gerade 15. Damals hat ein Nazi-Liedermacher in Bonn gespielt. Und ich war als kleiner Punk dabei und habe mit anderen Demonstranten zusammen den Eingang zur Halle blockiert, in der er auftreten sollte. Die Polizei kam dann einfach von hinten rein und hat auf alles draufgeknüppelt, was da stand. Das war meine erste Erfahrung in Sachen Polizeigewalt.

Richard: Ich selber habe das zwar noch nicht erlebt. Aber ich erachte es als wichtig, dass die Menschen heutzutage wissen, dass man auch demonstrieren kann. Dass sie erkennen: Es ist wichtig, die Flagge für die eigene Sache hochzuhalten. Darum geht es in dem von dir angesprochenen Stück „Pauken und Trompeten“.

David: Man muss auch nicht zwingend selbst solche Erfahrungen gemacht haben, um zu wissen, was manchmal falsch läuft. Stichwort: G20 in Hamburg. Wie die Polizei dort aufgetreten ist ... Da wurde eine an und für sich gute und friedliche Form des Protestes im Keim erstickt. Und das konnte man auch als Außenstehender sehen.

Seit dem G20 ist links zu sein plötzlich vom Mainstream geächtet.

David:
So ist es. Links und Rechts werden plötzlich gleichgesetzt. Und das ist eine der größten Katastrophen überhaupt! Es wird nicht mehr unterschieden, was wirkliche Gewalt ist. Da werden Leute, die den Außenspiegel an einem Mercedes abtreten, plötzlich auf eine Stufe gestellt mit Typen, die Steine und Brandsätze in Wohnheime schmeißen. Es wird gar nicht mehr gesehen, dass da komplett unterschiedlich motivierte Arten von Gewalt existieren. Das eine ist ein Aufbegehren gegen die Mächtigen. Das andere ist nichts anderes als ein Treten nach unten, gegen die Schwächsten. Und wenn das auf eine Stufe gesetzt wird, dann sehen wir eben, wie beschissen die Zeiten sind. Dass sich niemand mehr Gedanken darüber macht, was Linkssein eigentlich bedeutet. Keiner rafft, dass es der Linken um Gerechtigkeit geht. Darum, dass Menschen nicht mehr benachteiligt werden und das Klassensystem abgeschafft wird.

Denkt ihr angesichts dieser Situation auch schon daran, wie das nächste Album, das nach dem düsteren „Gaijin“, klingen könnte?

Richard:
Vielleicht wird das ein Hippie-Blumen-Album, haha. Die Revolution hat stattgefunden und wir sind alle befreite und reife Menschen. Hoffentlich ...

David: Dagegen würde ich wirklich gerne das nächste Punk-Album eintauschen, haha. Ansonsten wird die Platte eben noch düsterer ... Aber du kannst Protest musikalisch ja auch immer anders ausdrücken. Nicht nur krachig oder düster. Nicht zwangsläufig wie NAPALM DEATH. Eher wie KETTCAR.

Frank Weiffen

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #137 (April/Mai 2018)

Kaufen

Passende Platten bei finestvinyl.de

Verwandte Links

Interviews

 

Reviews

Suche

Ox präsentiert

DAMNIAM

Man sieht es den Milchgesichtern nicht an, aber DAMNIAM gibt es seit mittlerweile zehn Jahren. Die neuen Songs lohten das Soundspektrum der Band noch weiter aus: Die Punkrocknummern sind räudiger, die Ohrwürmer eingängiger, die ruhigen Songs ... mehr