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Interviews & Artikel

LOMBEGO SURFERS

30 years of pure Rock’n’Roll

Gut dreißig Jahre gibt es die LOMBEGO SURFERS aus Basel in der Schweiz schon. Als ich im Herbst 1988 für einen kurzen Aufenthalt in der Schweiz weilte (ich lebte von 1984 bis 1997 in New York), erzählte mein Bekannter Ekke mir von einer Surf-Band, die es in Basel geben solle. Eine Surf-Band aus der Schweiz, das war damals noch eine Sensation. Meine alte Band, die GEEK STOMPERS aus Zürich, suchten noch eine Vorgruppe für ihren Gig am 21. Oktober in der Grabenhalle, St. Gallen. So kam es, dass die LOMBEGO SURFERS damals zu ersten Mal in St. Gallen spielten. Heute, aufs Loch dreißig Jahre danach, organisiere ich am 5. Mai einen weiteren Gig mit der Band, abermals in der Grabenhalle. Und am 27. April erscheint bei Flight 13 mit „Heading Out“ nun das elfte Album der Band, das ich zum Anlass nahm, ein ausführliches Gespräch mit Frontmann Anthony „Tony“ Thomas zu führen.

Tony, du kommst ursprünglich aus Boston, Massachusetts und könntest dort von deinem Jahrgang her die Garage-Rocker DMZ kennen gelernt haben.


Ich kannte die Musiker von DMZ nicht persönlich, habe sie in den Siebziger Jahren hier in Boston aber live gesehen. Auch THE REMAINS und THE BARBARIANS habe ich gesehen, also sogar Sixties-Garage-Bands der ersten Stunde aus der Boston Area.

Hatte das einen direkten Einfluss auf deine Musik?

Ich glaube ja. Damals war Garage-Rock eher der Musikstil für richtige Musikfans ... outsiders and musicians. Überall, auf jeder Highschool haben Leute Bands gegründet und Live-Shows organisiert, so wie später im Punk. Live-Bands zu sehen war immer wichtig für mich und eine große Inspiration. In Boston gab es im Sommer damals Gratis-Outdoor-Konzerte, etwa im Common, einem großen Park, oder im Cambridge Common. Dort konnte man sich mit Musikern treffen und sich austauschen. Es spielten Bands wie THE REMAINS, BEACON STREET UNION, THE MOSS, PAINT, THE BARBARIANS, ILL WIND und so weiter, it was cool!

Wie und wann hat es dich nach Basel in die Schweiz verschlagen?

Ich bin so circa Anfang 1978 in die Schweiz gekommen. Ich war in Europa unterwegs, da meine Großeltern aus Neapel und Wales stammen. Ich kannte ein paar Leute in Basel und bin hier gelandet. Das war aber so nicht geplant.

In Basel wurde ja zum ersten Mal in der Schweiz Rock’n’Roll live gespielt, wenn auch nur auf der Ukulele. Dies schon in den Fünfziger Jahren, im Hula Club, den es heute noch gibt. Da wundert es nicht, dass kurz darauf auch eine große Beat-Szene entstand. Bei euch spielte ja auf den ersten beiden Alben Peter Rietmann Bass. Er war Anfang der Achtziger schon in deiner ersten Band hier in der Schweiz, CODE, mit dabei.

Als ich nach Basel kam, wusste ich nichts davon. Doch unser Bassist Peter Rietmann erzählte mir von THE SLAVES aus Wien, die in der Schweiz gastierten und hier ihre drei Singles veröffentlichten. Dort hatte Peter auch kurzzeitig gespielt. Davor war er schon Bassist bei der ersten Schweizer Beat-Band, THE DYNAMITES, die ja aus Basel waren. Danach spielte er auch noch bei den „Swiss Beatles“, LES SAUTERELLES aus Zürich, die bis heute zu den ältesten noch bestehenden Beat-Bands der Welt gehören, aber ohne Peter. Jetzt gibt es sie schon seit 56 Jahren. Peter is a great bass player!

Deine zweite Band in Basel nannte sich THE UNION. Das war von 1985 bis 1987, mit Pascal Sandrin am Bass und Rolli Irion am Schlagzeug. Du spielst heute, dreißig Jahre später, noch immer mit Pascal zusammen und deine Frau heißt Sue Irion ...

Yep, immer noch mit Pascal, Pascal is a great bass player too! Pascal und Rolli habe ich in der Punk-Hausbesetzer-Alternativ-Szene von Basel kennen gelernt. Als ich auf einer Party mit Peter und Max Felber, später der zweite Gitarrist bei den LOMBEGO SURFERS, einige MC5-Cover spielte, waren Pascal und Rolli total begeistert. Danach haben wir angefangen, zu verschiedenen Anlässen hier und dort zu spielen. Rolli Irion hat mich seiner Schwester Sue vorgestellt. Sie hatte für uns in der Kaserne Basel über dem Publikum ein fünfzig Meter langes bemaltes Tuch aufgehängt. Wir probten damals noch mit THE UNION in einem Keller von einer Punk-WG an der Baslerstraße 88 und Sue wohnte auch dort ... was good for me!

1990 veröffentlichte Out Of Tune Records von Alec von Tavel, ehemaliger Bassist der Zürcher Ur-Punkband THE DOGBODYS, euer erstes Album „At The Gates Of Graceland“: ein Doppelalbum in einer nummerierten Auflage von 2.500 Stück, mit 15 Songs, großem Poster, Klappumschlag und einem sensationellen Artwork von Dirk Bonsma. Später gab es davon eine CD-Version mit einem Song weniger, was in diesem Musikumfeld für die Zeit sehr außergewöhnlich war, und für den deutschen Markt gab es noch ein Promo-Tape.

Ja, es war eine große Produktion für eine unbekannte neue Band. Alec hatte uns im Radio bei der Sendung „Live uf de Gass“ gehört und und danach telefonisch kontaktiert. Er war ziemlich begeistert von uns und wollte eine absolut kultige und coole Scheibe rausbringen. Wir hatten aber zu viele Songs für eine LP, somit wurde es ein Doppelalbum mit Poster, schwarz gedruckt auch mattes, festes Papier, schweres Vinyl ... absolute high class. Die CD davon kam einige Jahre später heraus. Das war der Zeitpunkt, als alle plötzlich eine CD wollten. Doch wir, die Band und Alec, wollten eben eine spezielle Vinyl-Edition mit mehr Songs drauf. Dirk Bonsma ist seit dieser ersten Produktion immer dabei ... he is a great artist. Damals hat er noch in Bern Konzerte veranstaltet.

Ihr habt im Jahr darauf eine CD-Only-Scheibe mit dem Titel „Blow Your Lunch“ herausgebracht, abermals mit Alec von Out Of Tune Records. Dies ist bis heute eure einzige Veröffentlichung nur als CD, danach übernahm bis zum heutigen Tag das Freiburger Label Flight 13 von Tom Haller.

Als „Blow Your Lunch“ 1992 erschien war die CD das Ding. Alec hat also entschieden, nur eine CD zu pressen. Schade, aber so war es zu diesem Zeitpunkt. Seither sind wir bei Flight 13 in Freiburg und Tom will immer Vinyl. Er liebt es viel mehr als die CD und jetzt verkauft sich Vinyl ja sogar wieder besser als CDs.

Du hast dich in einigen Interviews schon darüber geäußert, dass du es mit den LOMBEGO SURFERS knapp nicht geschafft hast, eine große oder eben bekannte Band zu werden. Ich glaube, dass wir uns glücklich schätzen dürfen, dass dies nie passiert ist. Erstens existiert ihr noch heute, was bei den meisten bekannten Bands eben nicht oder kaum der Fall ist. Zweitens seid ihr eine feste Größe in der Garage-Punk-Szene Europas, ohne jede hochnäsige Attitüde, einfach auf Augenhöhe mit uns, den Fans.

Ich glaube, das ist langfristig gesehen einfach viel befriedigender für alle Beteiligten, oder? THE LOMBEGO SURFERS haben eine sehr starke Fanbase in der Garage-Punk-Szene Europas. Und auf unsere Art sind wir ein große Band! Nach so vielen Jahren unterwegs haben wir immer noch Lust zu spielen und das ist wirklich great! Ja, ich glaube, das Gefühl, eine aktuelle Band zu sein, ist geblieben und das turnt uns an. In unserem Set sind ja auch immer neue Songs, die unsere Fans teilweise nicht kennen. Wir spielen zwar auch alte Songs, sozusagen unsere Hits, aber neue Songs dabei zu haben ist super wichtig für uns. Dies hält die Spannung aufrecht und sorgt auch für Überraschungen.

Nun aber zu eurem neuen Album. Wie ist zu diesen zwölf neuen Songs gekommen?

Seit gut einem Jahr oder so spielen wir einige der Songs ja schon live. Davon haben es „Heading out“, „Ready to move“, „I had enough“ und „Ain’t gonna calm down“ nun auf die Platte geschafft. Tom, Sandra und unsere Fans drängten uns, doch noch weitere Songs zu schreiben. Dazu sind wir zu Luc Montini in sein One Drop Studio hier in Basel gegangen. Ich denke, die Songs sind eine Mischung aus Garage und early Punk-Style, auch sind wieder zwei Surf-Nummern mit dabei.

Kannst du mir zu einigen Songs deine Gedanken und Ideen schildern?

Wenn ich mir das genau überlege, finden sich in einem Song oft verschiedene Ideen. Zum Beispiel im Song „Long road“ geht es darum, wie schwierig es manchmal einfach ist, seinen Weg zu gehen. Oder „Bar ligths“ handelt davon, wie du gelangweilt in einer Bar sitzt, vor dir das leere Glas, eine gewisse Melancholie schleicht sich ein ... drinking in a bar is a rock’n’roll thing. Bei „With me“ will ich sagen, dass du dies vielleicht nur mit mir machen kannst, sonst mit niemand anderem. „Ready to move“ und „Heading out“ erzählen beide davon, wie du ausbrechen willst und es nicht mehr ertragen kannst, immer wieder die gleiche Scheiße anzuhören. Natürlich alles statements about the way I feel about life situations. Das sind die Inhalte der Songs. Die Band nimmt diese Stimmung auf und unterstützt das. Manchmal ändert ein Song seine Stimmung auch, während die Band ihn entwickelt. Das Schlagzeug ist dabei ein wesentlicher Teil. Oli gibt mir immer viel Input. Ich glaube, wenn du dir die Songtitel anschaust, siehst du, in welche Richtung es geht.

Ihr arbeitet alle noch nebenbei. Du gibst Gitarrenunterricht, Pascal führt seine Kneipe K113 und Oli, euer Schlagzeuger, ist Journalist. Ist das für euch ein Ausgleich zur Band oder eher ein Broterwerb, da es mit der Band alleine nicht reicht?

Ein bisschen von beidem. Wir spielen eben Garage-Punk. Wie du ja selbst weißt, this is not for everyone. Die Gagen sind da nicht immer, was sie sein sollten. Wir alle machen auch gerne andere Sachen, that’s life! Und ich glaube, das gibt uns auch mehr Freiraum. Wir müssen uns an niemanden verkaufen und nicht verbissen auf „Erfolg“ hoffen. Wir haben durch unsere Haltung die Möglichkeit, coole Leute zum treffen, Musiker, Künstler, Schriftsteller und generell einfach Leute, who are real ...

Wir sprachen schon über deine Bekanntschaften, die du in den Achtziger Jahren hier aufgebaut hast. Der von mir sehr geschätzte Olivier Joliat, der davor bei den Bands NAVEL, TOXIC GUINEAPIGS und WELKEN spielte und viel jünger ist als du und Pascal, ist ja, wie du erwähnt hast, sehr wichtig für euren aktuellen Sound. Bringt er auch sonst viel frischen Wind und neue Protagonisten in deinen Circle?

Als ich Oli das erste Mal live hörte, als Schlagzeuger von TOXIC GUINEAPIGS, sagte ich zu unserem damaligen Schlagzeuger Dani: This guy is a killer and can play RAMONES style. Als Dani uns einige Jahre später verließ, habe ich ihn natürlich umgehend gefragt, ob er bei uns mitmachen möchte. Oli bringt viel Drive und neue Ideen in die Band. Ja, er ist um einiges jünger, doch er ist mit Rock’n’Roll und Punk-Musik großgeworden und bringt ein tolles Gefühl mit für den Sound und a new edge.

2016 erschien über dich das Filmporträt „Tony, You Rock“ vom Basler Fotografen Matthias Willi. Er war der erste Sänger von TOXIC GUINEAPIGS. Ein Ein-Mann-Film über ein Ein-Mann-Phänomen?

Ich bin sicher nicht der Singer/Songwriter-Guy im traditionellen Sinne ... somit nicht „one man“. Ich trete manchmal alleine auf. Aber ich liebe loud rock’n’roll with drums and everything. Dass Matthias einen Film über mich gemacht hat, ist für mich natürlich sehr speziell. Erst als er mit uns auf Tour dabei war, wurde mir klar, dass es in dem Film primär um mich geht.

Zum Film erschien auf dem Basler Label Lux Noise eine Single von dir unter dem Namen Tony Padrone. Auf der A-Seite „Don’t talk to me“, eine Art Ballade. Das gab es so noch nie bei dir. Könntest du dir vorstellen, auch mal ein ganz anderes Album einzuspielen?

Man sollte immer offen bleiben, wenn es um Musik geht. Maybe a blues album or a record with only instros, who knows. Trotzdem glaube ich, bei mir wird es immer nach Rock’n’Roll klingen, auch mit anderen Einflüssen. Luc Montini sagt immer, Tony has attitude, that’s a big compliment.

Meine letzte Frage. Du hast ja auch eine lange Geschichte mit St. Gallen in der Ostschweiz, wie kommt das?

Wir haben ein starke Verbindung zu St. Gallen, ja. Wie du ja bereits erwähnt hast, spielten wir eines der ersten Konzerte vor dreißig Jahren hier in der Grabenhalle. Dann war da natürlich Ekke, Ekkehard Korn von Klang und Kleid. Er war der Erste, der je etwas über uns schrieb. Das war in seinem Rock’n’Roll-Zine The Shadow Knows nach einem Konzert von uns im März 1988 im Dachstock in Bern mit Rudi Protrudi und THE MONSTERS. Seither sind wir Freunde. Später, ab den Neunziger Jahren, war es die ganze TÜCHEL-Crew. Roy, ihr Gitarrist, hat uns immer wieder nach St. Gallen eingeladen. Wie auch Sascha, ihr ehemaliger Schlagzeuger und immer noch Konzertveranstalter in der Grabenhalle. Wir haben sogar unsere 7“ „Third Stage“ bei den TÜCHEL im Keller aufgenommen. It was always a blast in St. Gallen ... sometimes too much!

Lurker Grand

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #137 (April/Mai 2018)

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