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Interviews & Artikel

NO FUN AT ALL

Höhen und Tiefen

Sie waren eine von drei Bands des schwedischen Melodic-Punk-Triumvirats der Neunziger, bestehend aus eben NO FUN AT ALL, SATANIC SURFERS und MILLENCOLIN – und alle Bands veröffentlichten auf Burning Heart Records. Während letztere über die Jahre immer präsent waren, verlief die Geschichte von NO FUN AT ALL wechselhafter. Nun wollen sie es wieder wissen, und wie es der Zufall so will, erscheint ihr neues Album „Grit“, für das sie beim US-Label Bird Attack unterschrieben, fast zeitgleich zum neuen Longplayer der SATANIC SURFERS. Ich ließ mir von Sänger Ingemar Jansson erzählen, wie das alles so war und kam.

Ingemar, für alle jüngeren Leser von Ox – ja, es gibt welche unter vierzig –, gib uns bitte einen Überblick über die Geschichte von NFAA. Die Band wurde 1991 gegründet, du bist seit 1993 dabei, 2001 habt ihr euch zum ersten Mal aufgelöst, 2004 ging es weiter, 2012 war erneut Schluss, jetzt seid ihr wieder zusammen ...


Nun, es gab über die Zeit Höhen und Tiefen. Die Band begann 1991 in Skinnskatteberg als Trio mit Mikael Danielsson, Gitarre, Henrik Sunvisson am Bass und Jimmie Olsson, Drums und Gesang. 1992 gab es ein Demo mit dem Titel „Touchdown“ und 1993 erschien dann auf Burning Heart eine EP mit dem Titel „Vision“. Kurz darauf verließ Jimmie die Band, um sich seinem eigenen Projekt namens SOBER zu widmen. Mikael wusste, dass ich früher schon Sänger in verschiedenen Bands war, also fragte er mich, ob ich mitmachen wolle, und schließlich sagte ich ja. Wir trafen dann diesen verrückten Schlagzeuger aus Fagersta, Kjell Ramstedt, und seinen Freund, der ein bisschen brummig war und eine böse Linkshänder-Gitarre spielte, Christer Johansson/Mähl. Sie schlossen sich der Band an und damit beginnt die eigentliche Geschichte.1994 nahmen wir ein Album auf mit dem Titel „No Straight Angles“ – und plötzlich waren wir Punkrock-Stars. Wir hatten keine Ahnung, was da passiert ist. Wir begannen um die Welt zu touren und es lief einfach fantastisch. Mit dieser Besetzung haben wir zwei weitere Alben aufgenommen, „Out Of Bounds“ 1995 und „The Big Knockover“ 1997. Ende 1998 verließ Henrik jedoch die Band und wir waren erst mal ein wenig unsicher, was wir machen sollen. Schließlich fragten wir Stefan Neuman, ob er Interesse daran hätte, mit uns Gitarre zu spielen, wir waren 1997 mit ihm auf Tour, als er als Bassist bei der exzellenten Band PUFFBALL gespielt hatte. Das klingt vielleicht seltsam, aber wir wussten, dass er ein fantastischer Gitarrist war. Mikael wechselte zum Bass und wir begannen, an neuem Material zu arbeiten.

So weit eine Erfolgsgeschichte ...

Und dann kam „State Of Flow“. Ich denke, es ist ein sehr gutes Album, aber nicht typisch für NFAA. Wir waren irgendwie erschöpft, von uns selbst, vom Touren, Aufnehmen, so ziemlich allem, was mit dem Musikbusiness zu tun hat. Wir tourten das Jahr 2000 über mit diesem Album, dann konnten wir einfach nicht mehr, konnten es nicht mehr ertragen, uns zu sehen. Also haben wir im Januar 2001 Schluss gemacht. Aber dann, im Frühjahr 2004, bekamen wir das Angebot, in Sandviken in Schweden eine kleine Show zu spielen. In den drei Jahren ohne NFAA hatten wir uns offensichtlich erholt, denn der Auftritt hat extrem viel Spaß gemacht. Das sprach sich herum und von 2004 bis 2017 haben wir vielleicht zehn, fünfzehn Konzerte im Jahr gespielt, mit Stefan am Bass und Mikael wieder an der Gitarre. 2008 haben wir auch wieder ein Album rausgebracht namens „Low Rider“, frag mich nicht, warum es so heißt. Ich nehme an, es war eine Art von Panikreaktion. Back to the roots mit schnellen, kurzen, sehr melodischen Songs. Wir haben es dann selbst auf Beat ’Em Down Records veröffentlicht. Danach tourten wir noch eine Weile, wir waren überall in Europa, Australien, Südamerika, Japan, Kanada ...

Und 2012 kam es dann unvermittelt zum Bruch ...

Das, was sich 2012 ereignete, war die persönliche Angelegenheit eines Bandmitglieds. Es hätte fast unser Ende bedeutet, aber wir sind gestärkt daraus hervorgegangen. So viel dazu. Doch im Herbst 2016 erklärten Christer und Stefan, dass sie genug hätten und die Band verlassen wollten. Das war ein ziemlicher Schlag für mich, denn wir drei waren die ganze Zeit immer zusammen gewesen, wenn wir auf Tour waren. Zwei meiner besten Freunde wären dann nicht mehr in der Band. Was tun? Ich erinnere mich, dass wir damals von Wien nach Hause geflogen sind, und Mikael, Kjell und ich trafen uns dort noch in einem Restaurant, um die Zukunft von NFAA zu besprechen. Ich sagte, ich bräuchte Zeit, um darüber nachzudenken, und dachte zwei Monate lang nach. Dann sagte ich ja. Ja, verflucht! Also nahmen wir Kontakt auf mit Stefan Bratt von ATLAS LOSING GRIP, einem genialen Bassisten, mit dem wir schon gemeinsam auf Tour waren und den wir kannten. ATLAS LOSING GRIP hatten sich auch gerade Anfang des Jahres aufgelöst und wir fragten ihn, ob er Interesse hätte, Bass bei uns zu spielen, er sagte ja. Sehr gut. Jetzt brauchten wir noch einen neuen Gitarristen, der Christers große Fußstapfen ausfüllen konnte. Wir bekamen ein paar Namen von einigen Leuten, die wir kannten, und veranstalten ein Vorspielen – wie schräg das klingt ... Da war so ein Typ mit Mütze, tief ins Gesicht gezogen, namens Fredrik Eriksson, der nicht so viel geprobt hatte, wie er sollte, aber der knallte die Soli raus und hatte genau die richtige Ausstrahlung. Fredriks Bands waren oder sind TWOPOINTEIGHT, FAS 3, KNIVDERBY und tausend andere.

Und wie ging es dann weiter?

Da waren wir also, die neuen NO FUN AT ALL – Ingemar Jansson, Mikael Danielsson, Kjell Ramstedt, Stefan Bratt und Fredrik Eriksson. Mikael hatte bereits einen Haufen Songs als Demo aufgenommen, also gingen wir einfach in ein Proberaumstudio und spielten neue Songs, alte Songs, neue Songs, alte Songs, neue Songs, alte Songs ... viele, viele Stunden. Schrieben neue Texte, viele, viele, viele Stunden lang. Wir hatten im Sommer und Herbst 2017 ein paar großartige Gigs mit der neuen Gang, und ich habe inzwischen das Gefühl, dass es die richtige Entscheidung war, mit der Band weiterzumachen. Das neue Album „Grit“ haben wir im November in Örebro mit Mathias Färm von MILLENCOLIN als Co-Produzent in seinem wunderbaren Soundlab Studio aufgenommen. Wir haben drei Wochen gebraucht und es hat wirklich Spaß gemacht. Das ist fast ein bisschen merkwürdig. Ich denke, es gibt einen neuen Sound mit den beiden neuen Mitgliedern. Wir hatten nie so einen Bassisten, ich meine einen Typen, der wirklich Bass spielen kann, also gibt es der Musik eine ganz neue Dimension. Die Songs sind meist schnelle Nummern, aber mit etwas Finesse, die es so noch nie gegeben hat, dank Fredriks Leadgitarre und Licks.

Früher wurdet ihr immer wieder mit BAD RELIGION verglichen. Sorry, wenn ich das jetzt aufwärme, aber ehrlich gesagt kann ich das auch bei dem neuen Album wieder raushören. Aber ich mag es, so wie ich auch BAD RELIGION immer noch mag. Die sind ja immer noch da und spielen immer noch ihren Trademarksound, genau wie ihr es tut. Das ist doch keine Beleidigung mehr, oder?

Nein, keine Spur. Aber vielleicht waren wir in den Neunzigern ein bisschen irritiert von dieses ständigen Vergleichen. Ich finde, BAD RELIGION sind eine großartige Band, und wenn sie nicht gewesen wären, hätte es uns womöglich nie gegeben. Ich bedauere, dass Greg Hetson nicht mehr bei BAD RELIGION ist. Außerdem spielen sie langsam, wir spielen schnell.

SATANIC SURFERS haben gerade ein neues Album angekündigt, MILLENCOLIN sind immer noch aktiv, jetzt meldet ihr euch mit einer neuen Platte zurück. Das „Triumvirat“, das Mitte der Neunziger Jahre den schwedischen Punk wieder nach vorne brachte, ist nach fast 25 Jahren immer noch da. Was sagt uns das? Nostalgie ist ein starkes Gefühl? Es gibt keine großartigen jungen Bands in Schweden? Ihr habt noch nicht alles gesagt?

Eine sehr gute Frage. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, warum das so ist. Es gibt aktuell auch junge Punkbands in Schweden, aber vielleicht ist es heute schwieriger, den Schritt nach oben zu wagen und international zu touren. In den Neunziger Jahren war alles viel einfacher, denn wir hatten Plattenfirmen wie Burning Heart, Bad Taste, Startracks und Dolores, die sich um die Bands rissen. Auch die Booking-Agenturen in Schweden sind da nicht wirklich hinterher. Es muss für neue Bands viel schwieriger sein, einen Schritt nach vorne zu machen.

Wie ist das Verhältnis dieser drei Bands? Könntest du dir aktuell eine gemeinsame Packagetour vorstellen?

Wir hatten gerade zwei Shows in Spanien mit SATANIC SURFERS, und vor zwei Jahren sind wir zusammen nach Japan gefahren. Wir haben das neue Album mit Mathias von MILLENCOLIN aufgenommen. Also wir sind in Kontakt. Ich würde gerne mir ihnen gemeinsam auf Tour gehen. Wir werden sehen, was sich ergibt.

Burning Heart war damals eure gemeinsame Basis, jetzt sind alle auf verschiedenen Labels, das Business hat sich verändert. Was bedeutet das für euch als Band?

Wie ich schon sagte, war es viel einfacher, wenn man ein Label hatte, das etwas breiter aufgestellt war. Man konnte nebenbei andere Bands kennen lernen, wenn man zufällig im Büro war, um Merchandise abzuholen oder ein Meeting hatte. Es ist jetzt schwerer oder vielleicht eher anspruchsvoller. Zwischen 2004 und 2017 haben wir uns um das Booking und die Releases selbst gekümmert, und das war schon jede Menge Arbeit.

Welche Rolle spielen die Musik und die Band inzwischen in eurem Leben heutzutage? Was treibt ihr außerhalb des Proberaums?

Seitdem wir beschlossen haben, ein neues Album zu veröffentlichen, nimmt die Musik wieder einen viel größeren Teil unseres Lebens ein, und wir sind uns einig darin, so gut wie alle Konzertangebote anzunehmen, die wir bekommen. Davon abgesehen habe ich eine eigene Elektroinstallationsfirma, ich bin jetzt die dritte Generation und wir haben im Oktober 2017 unser Hundertjähriges gefeiert. Micke arbeitet in einer Klinik für forensische Psychiatrie. Kjell ist in der Metallindustrie tätig. Stefan verkauft schöne Klamotten. Fredrik handelt mit Ersatzteilen für Traversen und Hubwerke.

Kannst du mir was zu den drei für dich wichtigsten Songs auf Grit erzählen?

„Spirit“ ist wahrscheinlich mein Favorit auf dem Album. Ich rede nicht so gerne über meine Texte, aber der hier behandelt mal wieder Religion und wie bekloppt und dumm sie einen machen kann. Bei „Suitable victim“ geht es um eine alte Beziehung, die ich nicht wirklich verarbeitet habe. Man hört, dass es hier einen neuen Gitarristen gibt – Oldschool NFAA-Style. Und „A wonderful affair“ ist ein Lied für die Frau, die ich liebe, sie ist der coolste Mensch auf dieser Erde und ich habe dieses Lied in der Absicht geschrieben, sie zu bitten, mich zu heiraten. Sie hat noch nicht geantwortet. Vielleicht denkt sie, dass die Band zu viel Zeit in Anspruch nimmt.

Eure Pläne für 2018? Eine Tour durch Deutschland, dann der Rest der Welt?

Wir werden im April/Mai nach Europa und auch Deutschland kommen. Dann werden wir im Sommer auf so vielen Festivals wie möglich spielen. Hoffentlich folgt Australien im Herbst/Winter und Südamerika Anfang nächsten Jahres. Vielleicht können wir sogar noch Japan dazwischen quetschen. Eigentlich wollen wir auch in Nordamerika touren, aber es ist so kompliziert, ich weiß nicht, ob das klappt. Aber warte, wir haben ja jetzt ein Label in Florida, also ist es vielleicht nicht unmöglich.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #137 (April/Mai 2018)

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