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Interviews & Artikel

30 Jahre später

NICK CAVE AND THE BAD SEEDS - Tender Prey (LP, Mute, 1988)

„Tender Prey“ ist das fünfte Album von NICK CAVE AND THE BAD SEEDS, mit dem Highlight „The mercy seat“ als Opener, welches Johnny Cash zwölf Jahre später auf seinem Album „American III: Solitary Man“ coverte. Der Song basiert auf Caves Lieblingsthemen im Songwriting jener Zeit wie Gewalt, biblische Vergeltung, Gott, Tod und Teufel. Nick Cave vollendete zur gleichen Zeit seine eigene „Bibel“ in Form seines (mitunter schwer zu lesenden) Buchs „And the Ass Saw the Angel“, und „The mercy seat“ trägt diese plakative Wortgewalt in jeder einzelnen Zeile in sich. Ein Song, der laut Cave eher beiläufig entstanden ist und nicht so elaboriert produziert wurde, wie es seiner sonstigen Arbeitsweise entsprochen hätte. Der Song spielte für die BAD SEEDS live eine zentrale Rolle, da er die Aufgabe hatte, einen Spannungsbogen in die Setlist zu bringen und ließ nach Einschätzung von Nick Cave unzählige Variationen zu. „The mercy seat“ wurde bis zur finalen Version in verschiedenen Varianten im Studio eingespielt, selbst Mute-Boss Daniel Miller legte am Mischpult mit Hand an, bis alle zufrieden waren.

Für Nick Cave war es sehr befriedigend, dass eine seiner Inspirationsquellen in Gestalt von Johnny Cash diesen Song coverte – später spielten sie gemeinsam ein Cover des Hank Williams-Klassikers „I’m so lonesome I could cry“ ein. Der schwarze Gospel spielte auf dem Album auch eine Rolle und lässt sich deutlich beim Song „Deanna“ (gemeint ist Deanna Bond aus Melbourne, für eine kurze Zeit Caves Muse, und die auch im Film „Dogs in Space“ zu sehen ist), bei dem Cave sogar einige Zeilen des Gospelklassikers „Oh happy day“ der EDWIN HAWKINS SINGERS übernimmt.

„Tender Prey“ wurde in Berlin, London und Australien aufgenommen. Die BAD SEEDS waren zu dieser Zeit auf sechs Mitglieder angewachsen, inklusive Kid Congo Powers. Die Aufnahmen zum Album standen unter keinem guten Stern, da Cave zu diesem Zeitpunkt noch dem Heroin zugetan war. Im Januar 1988 wurde wegen Heroinbesitz verhaftet, woraufhin er ein zweimonatiges „residential detoxification programme“ vollzog (was auch immer er darunter verstanden hatte). „Tender Prey“ bleibt vermutlich zusammen mit den Alben „Let Love In“ (1994) und seinem aktuellen Album „Skeleton Tree“ von 2016 eines seiner ewigen Highlights. Nach der Tour im Anschluss an die Veröffentlichung von „Tender Prey“ entsagte er den Drogen, zog nach São Paulo in Brasilien, wo er einige Jahre mit der Journalistin Viviane Carneiro zusammenlebte, bevor sich an die Aufnahmen zum Folgealbum „The Good Son“ machte, das 1990 erschien.

Markus Kolodziej

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #138 (Juni/Juli 2018)

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