NO°RD

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Auf der Seite der armen Schweine

Die berüchtigte zweite Platte, das ist die Aufgabe, der sich NO°RD mit ihrem Album „Paläste“ dieser Tage stellen. Der zweite Eindruck ist, wie so oft, nicht ganz so wie der erste. Die hier und da eingestreuten poppigen Hits, die das Debüt „Dahinter die Festung“ zierten, sind einer gewissen Sperrigkeit gewichen, einem vermehrten Anspruch an politischer Aussagekraft, einer Orientierung weg vom Fahrwasser deutschsprachiger Emo-Bands, in das man NO°RD einst gern hineinwarf. Dies macht „Paläste“ zu einem Album, das sich nicht beim ersten Hören erschließen lässt. Umso interessanter ist es zu hören, was sich hinter dem dichten Songwald so alles verbirgt und was die Band aus Münster und Dortmund daraus mitnimmt.

War es der Anspruch an eure zweite Platte, die gesamte Stimmung etwas härter zu gestalten? Ich empfinde das textlich und musikalisch so.

Holz:
Es war ein Ziel von mir, die Texte politischer zu halten. Es geht inhaltlich weg von den individuellen Geschichten, die keinen direkten Bezug zur politischen Weltlage haben. Da wollte ich diesmal stärker hin, ohne den Zugang zum Individuellen ganz zu verlieren. Dadurch wirkt es womöglich härter.

„Gaslaterne“ bezieht sich zum Beispiel auf eine ganz konkrete historische Anekdote, nämlich die von Opa Vogt, der 1932 in seinem Viertel Blumentöpfe auf marschierende Nazis warf. Interessanterweise wird das aber aus der Sicht eines kleinen, angesichts der Situation verzweifelten Jungen erzählt, also aus einem unbeteiligten und eben doch individuellen Blickwinkel.

Holz:
Es wird weder im Video noch im Text so deutlich, aber das ist ein Fünfjähriger, um den es da geht. Er ist von dem Anblick verängstigt. Aus der Perspektive kann ich erzählen, was ich aus der Geschichte von Kurt Piehl mitgenommen habe. Ich nehme aber auch die Perspektive des Opas ein, nämlich im Refrain. Da heißt es ja: „Wenn ich schon tot wäre, müsste ich das nicht sehen.“ Den Text von Kurt Piehl, auf dem der Song basiert, habe ich im Linksunten-Indymedia-Archiv gefunden.

Es heißt, eure neue Platte sei zwar sehr düster, am Ende würde aber doch immer ein Hoffnungsschimmer durchkommen. Könnt ihr mir den irgendwie näherbringen?

Holz:
Wenn man sich das Ende der Platte anhört, ist das ja sehr positiv. Und das war uns auch sehr wichtig. Das letzte Lied, „Wand“, basiert auf einer Erfahrung, die ich gemacht habe, als ich mir ein Theaterstück angeschaut habe, das gemeinsam von Menschen mit und ohne Behinderung inszeniert wurde, um sich mit der Erinnerungskultur an die Euthanasie auseinanderzusetzen. Einer der Schauspieler hat einen Schlager von Zarah Leander gesungen, in dem es die Zeile gibt: „Davon geht die Welt nicht unter, sie wird ja noch gebraucht“. Das hat mich sehr beeindruckt. Er hat diesen zynischen Nazischlager benutzt, um ihn für sich als Kampfansage zu verwenden. Dieses Ende im Studio mit der ganzen Band aufzunehmen, war dann auch sehr besonders. Das ist für mich der Schluss-, aber auch der Höhepunkt von „Paläste“.

Das düstere Gefühl zieht sich ja schon vorher durch die Platte. „Wand“ löst dieses Gefühl zugegebenermaßen auf, aber vorher fühlt es sich anders an.

Holz:
In der Tat, wenn die Welt scheiße ist, dann passiert eben auch Scheiße. Wenn man erkannt hat, dass die Welt so düster aussieht, dann kann man auch die andere Seite sehen. Den Kampf dagegen. Wenn man von sich als Mensch ausgeht, der zunächst mal Gutes im Sinn hat und andere kennt, bei denen es ebenso ist, dann kann man auch davon ausgehen, dass diese Welt noch gebraucht wird und auch gebraucht werden kann. Ich bin weit davon entfernt, eine nihilistische Einstellung zu haben. Ich kritisiere es auch immer, wenn Punk- und Hardcore-Bands in Nihilismus abdriften. Das ist mir zuwider, weil mir die Komponente des Kämpfens zu sehr verloren geht. Der Ansatz in den Texten auf „Paläste“ soll sein, die Übel, denen man auf die eine oder andere Weise begegnet, auf Beispiele herunterzubrechen. Wir haben das Thema Flucht drin oder auch das Zerbrechen an der Leistungsgesellschaft, worum es in „Maschine“ geht. Das sind alles finstere Geschichten und der Zusammenhang der kapitalistischen Klassengesellschaft ist da mitgedacht.

Bei unserem letzten Interview habe ich das Kryptische der Texte angesprochen. Holz, du hast in dem Zusammenhang von der Wahrung von Distanz gesprochen. Musste diese für „Paläste“ verringert werden?

Holz:
Eigentlich habe ich eher mehr Distanz aufgebaut. Dadurch, dass ich historische Begebenheiten als Grundlage für Texte nehme und die Erfahrungen anderer Leute verarbeite. Typische linke Parolen dienen zum Beispiel bei dem Titelsong„Paläste“ als Basis für den Text.

Das ist dann zwar das Aufbauen von Distanz zu deiner eigenen Person, für die Zuhörer ist es aber unter Umständen weniger, oder?

Holz:
Das kann sein. Das Kryptische, das du meinst, wird es aber auch immer wieder geben. Die Leute sollen etwas Sinnvolles da reininterpretieren können. Ich finde es gut, dass zum Beispiel unser Bandname auch so offen interpretierbar ist. Wenn man an das Politische denkt, das immer mehr Einzug in unsere Musik findet, kann man NO°RD auch als Hinweis auf bestehende Klassenunterschiede deuten. In der Nordhälfte des Ruhrgebiets wohnen eben eher die weniger gut situierten Leute. Wir als Punkband sind auf der Seite der armen Schweine.

Das Video zu „Gaslaterne“ stammt von Arne Kulf aka Akupower, der ja auch schon für MUFF POTTER das Video zu „Alles nur geklaut“ gezeichnet und animiert hat. Wie ist es zu der Zusammenarbeit gekommen?

Maik:
Aku spielt ja in der Band ULF. Mit Matze, der auch in dieser Band ist, habe ich schon zusammen bei WELTENKOTZER gespielt, so ist der Kontakt entstanden. Aku haben wir über Konzerte in D.I.Y.-Läden kennen gelernt, bei Michael Günzer, der unser Cover gestaltet hat, lief das auch so. Das ist das Schöne daran, in einer Band zu spielen. Man macht solche Dinge zusammen und so entstehen manchmal auch Freundschaften.

Andi: Im letzten Jahr haben wir mit denen in Bocholt gespielt und für das Konzert hat Aku das Plakat gemalt. Da kam raus, dass Akupower bei ULF spielt. Wir kennen die Sachen, die er gemacht hat, schon seit Ewigkeiten. Unter anderem hat er das Cover zu „Geschichten die einer schrieb“ von PASCOW gezeichnet. Das Tourposter dazu hing ewig in meiner WG. Als wir ihn in Bocholt getroffen haben, war ich direkt in diesem Fanboy-Modus. Sehr geil, dass er dieses Video für uns gemacht hat.