Interviews & Artikel : Reverend Beat-Man & Nicole Izobel Garcia :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

Reverend Beat-Man & Nicole Izobel Garcia

Back in the USA

Gerade hat Reverend Beat-Man sein neues Album „Blues Trash“ veröffentlicht, das erste auf Deutsch, und war dort auf Tour, wo er mit englischen Texten eigentlich besser aufgehoben ist – an der US-Westcoast. Wir baten den Schweizer, der seit fast drei Jahrzehnten schon zur Ehrenrettung seines Landes in Sachen Rock’n’Roll beiträgt und ebenjener Musik auf seinem Label Voodoo Rhythm Records ein Zuhause bietet, für uns Tourtagebuch zu führen.

Ich habe vor zwei Jahren angefangen, ein Künstlervisum für die USA zu beantragen, so dass ich dort legal spielen kann. Da ich eine Tochter in Los Angeles habe, wollte ich das Risiko nicht eingehen, falls ich ohne Visum erwischt werde, zehn Jahre nicht in die USA einreisen zu dürfen. Mein Antrag wurde aber zweimal abgelehnt, also musste ich das Visum über einen Anwalt beantragen, was rund 3.500 Dollar kostete. Ich musste Nachweise vorlegen, in denen Musiker, die mindestens einen Grammy bekommen haben oder Charts-Platzierungen vorweisen können, für mich bürgen ... Anyway, das war relative zeitaufwändig.

In Los Angeles angekommen geht das Einreise-Procedere sehr schnell, und in L.A. sind die Beamten meistens gut gelaunt. Dann direkt einen Taco in den Schlund gesteckt und ab auf Backlinesuche, wobei die in ganz L.A. verstreut ist. In den USA hilft dir niemand und jeder will Geld für jedes noch so kleine Teil. Die erste Show der Tour ist im Hi Hat, einem relativ großen, renommierten Club in Highland Park. Das ist jetzt eine Hipster-Gegend, war vor ein paar Jahren noch recht runtergekommen. Heute ist alles viermal so teuer, der Club ist aber super, mit Billardtisch und verschiedenen lokalen Bieren. Unsere Vorband sind THE CORMANS, eine Los-Angeles-Surf-Trash-Band im Fankreis von Howie Pyro (THE MISFITS, DANZIG, ...). Eine ausverkaufte Show mit 350 Leuten, und nach Mitternacht gibt’s dann noch Street Tacos und wir sind alle happy, wir haben auch sehr viel Merchandise verkauft.

Am nächsten Tag geht’s dann in einer achtstündigen Fahrt nach Chico, eine kleine Studentenstadt im Norden von Kalifornien. Das merkt man, wenn man die Leute fragt, woher sie kommen, und alle einheimisch sind. Wir haben spielen zusammen mit AGAINST THE GRAIN (Detroit Speed-Metal-Rock) GODDAMN GALLOWS (best Outsider-Blues-Grass-Band ever!) und KOFFIN KATS (US-Neo-Psychobilly mit Singalong-Lyrics). Die Bar ist klein und wir haben einen Riesenstress mit Einladen, Ausladen, Merchandise ... Es ist eng und schwitzig, Umziehen auf der Straße, verpisste Toiletten, und dazu eine Million Polizisten, die patrouillieren. Im Hotel schlafen wir dann todmüde ein. Man muss wissen, wenn man auf USA-Tour geht, dann kümmert sich niemand um dich, vom Veranstalter gibt es nichts zu essen und niemand interessiert es, dass du da bist, woher du kommst und dass du überhaupt spielst.

Am nächsten Tag ab nach San Francisco. Wir fahren durch die Provinz, das hört man am Radioprogramm – alles wird etwas christlicher, jede zweite Station himmelt den Jesus Christus an und man hört die wildesten Sachen über Trump, was für ein großer Mann er doch sei. In San Francisco spielen wir im Bottom of the Hill, ein legendärer Club, in dem in den Neunzigern die Garage-Bewegung in SF ihren Anfang nahm. Zuerst haben wir ein Interview mit dem Gearhead Magazine, das auch auf Video aufgezeichnet wird, und am Abend spielten wir dann mit den super crazy Japanern ELECTRIC MACHINE GUN TITS (Drum-Machine-Karaoke-Metal-Dance-Along-Show) und den einheimischen THE SHIVS (Girl-Neo-Rockabilly). Es kommen viele Leute und die Organisation ist auch super freundlich. Wir können an diesem Abend bei unseren Freunden Konrad und Aracelli (Mistress Persephone) übernachten und stopfen uns voll mit mexikanischem Essen.

Weiter geht’s nach Reno zum Debauch-A-Reno Festival anlässlich des 25. Geburtstags von Pete Menchettis Firma Sticker Guy (er macht auch Slovenly Records), eine D.I.Y.-Aufkleber-Firma, bei der ich für mein Label schon etliche Sachen gedruckt habe. Das Ganze ist im Jub Jub’s Thirst Parlor, wo etwa 500 Leute Platz haben. Es ist total ausverkauft, der Sound ist leider schlecht, aber die Bands überzeugen. Es spielen unter anderem THE CAVEMEN, THE MUMMIES, THE SPITS, DESTROY ALL GONDOLAS und die unglaublichen GUTARA KYO, japanischer Killer-Aso-Punk vom Besten, dazu 77-Punk von den LULLIES aus Frankreich und viele mehr, auch unendlich viele DJs aus der ganzen Welt.

Am Tag danach geht’s dann nach Virginia City, eine Goldgräberstadt, wo die Straßen noch aus Holz sind. Dort spielen wir mit THE CAVEMEN und THE LULLIES und HAUNTED GEORGE im örtlichen Opera House. Die mussten dort noch alles wegräumen, weil sie vorher gerade „Phantom of the Opera“ im Programm hatten. Wir spielen dann aber auch viel besser als am Tag zuvor, schon weil der Sound viel besser ist. Wir besuchen dann noch den örtlichen Friedhof und trinken im Bucket Full Of Blood ein Bier und lachen ein paar Touristen-Cowboys aus – und fahren dann zurück nach Reno.

Die Straße von Reno nach Portland führt uns über ein paar Pässe und nach einem Schneesturm kommen wir dann zehn Stunden später in Portland an, um am Tag danach noch mal ein paar Stunden weiter nach Seattle zu fahren. In Seattle spielen wir in einer Blues-Biker-Bar namens Slim’s Last Chance gespielt, draußen überall Motorräder, drinnen harte Jungs und leichte Mädchen und eine Rockabilly-Band, bei der man glaubt, auf einem Kindergeburtstags zu sein. Nach jedem Song betonen sie, dass sie jetzt den Flieger nehmen müssten, um nach Las Vegas zu fliegen ... Wohl ihre einzige große Show ever. Unser Konzert ist dann aber okay, weil ein paar Skinheads und Punks aufgetaucht sind. Bei dem einem Skinhead ist der Vater vor zwei Tagen gestorben und er ist überglücklich über die Show, sie habe ihm über die schwere Zeit geholfen.

Am Tag danach geht es dann zurück nach Portland. Portland macht einen sehr europäischen Eindruck, ich war Anfang der Neunziger schon mal dort und bin in einem Hotel fast erschossen worden. Man sagte mir, es sei heute nicht mehr so gefährlich, aber die Bettler liegen reihenweise auf der Straße herum. Das Konzert findet im Dante’s statt, einer der letzten etwas größeren Locations für Underground-Musik, ansonsten gibt es da überall nur Electro-Scheiß-Kommerz mit DJ Trance In My Pants, wie überall auf der Welt. Scheiß Globalisierungsnebenerscheinung. Wir können noch unsere Freunde DESTROY ALL GONDOLAS und GUITARA KYU ins Konzert schleusen, weil denen ein Gig ausgefallen ist. Zuerst spielen GUITARA KYU aus Kobe, Japan, ihren super Anarcho-Punk mit Noise-Trash und so was von abgefuckt, dass es eine wahre Freude ist. Dann die Gondolas aus Venedig mit einem Mix aus MAYHEM und Dick Dale, hahaha. Die sind der Hammer und der Schlagzeuger vergewaltigt wortwörtlich das Schlagzeug. Unser Konzert ist auch ein Riesenspaß, danach verkaufen wir Unmengen von LPs und verprassen dann die Hälfte vom Geld bei den anderen Bands, um Platten für meinen Shop zu kaufen. Danach ab ins legendäre Voodoo Doughnut, das gleich über die Straße ist. In der Backstube läuft da NAPALM DEATH und alles ist wieder gut.

Am nächsten Morgen müssen wir los nach Boise, eine kleine Studentenstadt im Nichts. Ein super kleines Dorf, wo der eine aussieht wie der andere. Sie lassen uns im Keller des Clubs spielen, weil oben im großen Raum eine Reggae-Coverband auftritt. Im Basement haben wir zwei Vorbands, von denen die eine übler ist als die andere, wir hätten uns fast die Kugel gegeben. Aber Publikum und Bands sind sehr freundlich und helfen uns beim Einräumen des Equipments, was sonst in den Staaten nie jemand tut. Bands sind alle Konkurrenten dort, nicht Freunde – ist irgendwie totaler Schwachsinn. Anyway, die letzte Vorband will unbedingt auf meinem Label eine Platte rausbringen und sie geben aus ihrer Sicht das beste Konzert ihres Lebens – und überziehen dafür zwei Stunden, so dass wir dann nur noch 15 Minuten spielen können, bevor DJ Shithead die Bühne entert und die Top-10-Songs der Hitparade rauf und runter spielt, um den herausgeputzen Dorfschönheiten zuzuschauen, wie sie sich auf Tanzfläche einen Bruch holen mit ihren zu hohen Absätzen, hahaha. Der Rest der Leute kifft sich draußen die Birne weg, ist ja jetzt vielerorts legal in den USA, und jeder gibt alles.

Tags darauf fahren wir in die Mormonenstadt Salt Lake City, da habe ich das letzte Mal vor zehn Jahren oder so gespielt. Damals wusste niemand, dass wir überhaupt spielen sollten, der Veranstalter war wie vom Erdboden verschluckt. Die Leute von der Bar haben uns dann geholfen, dass wir dennoch spielen konnten als Vor-Vorband, sie hatten damals via MySpace und Telefon Besucher mobilisiert. Zehn Jahre später haben genau diese Leute, die uns damals geholfen hatten, für uns das beste Hotel der Stadt gebucht und ein Konzert im The Garage organisiert, ein Cowboy-Club wie aus eine Film: Draußen schwere Motorräder parkiert und drinnen alles aus Holz und uralt, also circa zwanzig Jahre alt. Einfach super ultra geil, die Leute sind der Hammer, freundlich und bestens organisiert. Zu essen gibt es Burger und so Ami-Kacke-Food, aber gut. Wir haben zwei super Vorbands, LOS YAYAS, die so LOS SAICOS-Sound spielen, ultra jung und so fucked-up, die können kaum spielen und alles ist total verstimmt – super geil! Und eine One-Man-Band spielt auch noch, deren Namen habe ich leider vergessen, aber ist super, so komische Filmmusik-Musik. Wir spielen dann auch eine gute Show und alle sind begeistert

Einen Tag später geht’s nach Las Vegas und es ist so wie jedes Mal, irgendwie deprimierend. Aber als Vorband haben wir Rich Coffee, eine Los Angeles-Garage-Punk-Legende, der jetzt in Las Vegas das Licht gesehen hat und religiösen Gospel-Punk spielt, hahaha ... Ist sehr witzig. Unser Konzert ist nicht erwähnenswert, ich denke, das war unsere mieseste Show ever! Sorry.

Von Las Vegas aus geht es durch die Wüste am Hoover-Staudamm vorbei, wo sie uns denn ganzen Wagen auseinandernehmen haben, weil sie denken, wir wollen den Damm in die Luft sprengen. Dann direkt durch Arizona und einen Tannenwald nach Flagstaff, wo wir in der schönen Altstadt spielen, im Green Room. Dort waren auch schon MELVINS, LA WITCH und kürzlich LEGENDARY SHACK SHAKERS, aber man sagt uns im Vorfeld schon, dass die null Zuschauer hatten, wir haben dann fünf. Anyway, der Club ist ein Traum, so was muss man erst mal haben, aber die Leute sind total motivationslos, stelle dir Vector aus „Despicable Me“ auf Valium vor – das ist unser Veranstalter. Alle fast am einschlafen, als wir ankommen. Wir haben dann zwei Vorbands, von denen keine erwähnenswert ist und ich habe leider auch die Namen vergessen. Wir stehen dann bei ihrem Auftritt in der ersten Reihe, um die fünf Zuschauer zu sieben zu machen. Wir geben dann aber unser bestes Konzert der Tour und legen die ganze Bar in Schutt und Asche, danach sind alle und wir sturzbetrunken und das dörfliche Drogen-Karaoke nimmt seinen Anfang. USA-Karaoke ist das geilste überhaupt, da schämt sich kein Schwein und die haben VIOLENT FEMMES und BLACK FLAG im Angebot oder obskure David Bowie-Songs. Das ist so verdammt lustig, dass ich mir in die Hosen pisse, dann gehe ich schlafen.

Für die letzten Show in L.A. fahren wir über Tempe bei Phoenix, Arizona, auf dem Weg links und rechts zigtausende Kakteen. Der Club und der Veranstalter sind super demotiviert, ich habe keine Ahnung, was die dort alles an Drogen fressen, aber die will ich bestimmt nicht. Die Vorbands sind dann auch Schlaftabletten, aber das Publikum ist gut drauf und das Konzert wird auch sehr lustig, obschon der Mischer nach dem ersten Song Drogen nehmen muss und nicht mehr aufzufinden ist. Beim vorletzten Song kommt er wieder und stellt das Bühnenlicht an, was er vorher das ganze Konzert über vergessen hat, hahahaha. Anyway, ich verzapfe auf der Bühne super Scheiße, alle lachen sich krumm, wir verkaufen Merch und sind dann direkt ins Taco Bell und ins Bett.

Die letzten zwei Shows sind in Los Angeles, wo wir einen Tag Pause habn. Die Leute vom Cafe Nela sind Freunde von mir, alles alte L.A.-Punks der ersten Stunde, die immer noch eben diese Absteiger-Bar führen. Der Club liegt neben einem der ersten King Taco in East L.A. überhaupt und hat auch draußen vor der Tür einen klassischen Taco-Truck. Der Club ist proppenvoll und alle super drauf, meine Ex ist an der Bar und die GUILTY HEARTS eröffnen den Abend, wobei Herman Senac (BLOOD ON THE SADDLE, THE CRAMPS, ...) den Kassetten-DJ macht vorher, danach und zwischendurch. Dirty Donny mischt die ganze Sache ab, aber weil er eben schon sehr viel erlebt hat in seinem Punk-Leben und alt ist (etwa mein Alter), hört er nichts mehr, was für mich umso besser ist. So kann ich so laut spielen, wie ich will, das Konzert wird dann auch super.

Tags darauf geht’s runter nach Long Beach in die legendäre Alex’s Bar. Die Gegend ist mehrheitlich von aus Mexiko stammenden Leuten bewohnt und so ist auch das Kozert besucht. Tacos im Hinterhof und IPA an der Zapfsäule, was will man mehr? An der Bar arbeiten Leute, die uns schon in Reno gesehen haben, und so ist dann alles gratis für uns. Die erste Band sind so Surf-Super-Wank-Technikfreaks aus Las Vegas, leider habe ich den Namen vergessen. Dann kommen wir an die Reihe, es ist super voll und gerade mitten im ersten Song wollen sich welche prügeln und ich muss schnell ins Publikum springen und klarmachen, dass hier gevögelt wird und nicht geprügelt. Meine Predigt kommt an und alle tanzen und haben hoffentlich zu Hause gevögelt. Nach uns spielen SPINDRIFT, eine relative angesagte Spaghetti-Western-Band aus der Gegend. Die werden aber mir und dem Rest der Leute nach einer halben Stunde etwas langweilig. Wir sind dann nochmals BBQ-Ribs essen gegangen, bis wir explodieren, und zurück nach Europa flogen.

Reverend Beat-Man

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #138 (Juni/Juli 2018)