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Interviews & Artikel

SHARPTOOTH

Kein Schweigen mehr

Die noch relativ junge Hardcore-Band SHARPTOOTH aus Baltimore, Maryland, hat vor kurzem mit „Clever Girl“ ihre erste LP veröffentlicht. Sängerin Lauren Kashan prägt mit ihrem brutalen und doch melodischen Gesang die fünfköpfige Band. Ihre hochpolitischen und höchst persönlichen Texte handeln von Diskriminierung, Feminismus, sexueller Gewalt und den vielen negativen Erfahrungen, die sie als queere Frau machen musste. Dazu verarbeitet sie ihre eigenen psychischen Probleme auf beeindruckende Art und Weise. SHARPTOOTH werden von Juni bis August die komplette US-Vans Warped Tour absolvieren. Zuvor konnte ich ein noch sehr offenes und ehrliches Gespräch mit Lauren am Telefon führen.

Lauren, stell dich und deine Band bitte vor.


Ich bin Ende 2014 zu SHARPTOOTH gestoßen. Wir sind jetzt zu fünft: Lance und Keith jeweils an der Gitarre, Phil spielt Bass und Conor sitzt an den Drums. Die Band hat damals einen Sänger gesucht und ziemlich zur selben Zeit beendete ich einige Projekte. Ich wollte harte Musik machen und es schien eine gute Sache zu sein, also stieg ich mit ein.

Wie ist euer musikalischer Background?

Meine erste Erfahrungen mit Musik machte ich ziemlich früh. Ich habe über zehn Jahre Oper und Musical gelernt. Daneben habe ich Rock-, Punk- und Heavy-Musik gemocht und sie begleitete mich immer – und das wird sie auch für den Rest meines Lebens. Ich bin in unsere lokale Musikszene ziemlich involviert. Teilweise spielten die anderen schon lange in Bands, drei gingen sogar in „Recording Schools“ im Rahmen ihrer Ausbildung, in der sie zum Beispiel Audio- und Soundtechnik lernten.

Wie würdest du eure Musik beschreiben?

Laut, chaotisch und verdammt wütend.

Kommen wir mal zu eurer Platte. In dem Song „Left for dead“ singst du über eine Vergewaltigung und wie schwer es ist, sich das überhaupt einzugestehen und dann im nächsten Schritt darüber zu sprechen. Ich nehme an, dass das dir passiert ist.

So ist es.

Wie kannst du so offen darüber schreiben und singen?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Es hat eine lange Zeit gebraucht, ganze zehn Jahre, bis ich über meine Erfahrungen sprechen konnte. Ich verdanke es anderen Frauen, die sich nicht dafür geschämt haben, was ja oft der Fall ist. Ihnen konnte ich mich öffnen und sie gaben und geben mir viel Kraft. Ich kann nicht sagen, ich helfe zuerst anderen, sondern muss erst mal mir selbst helfen, indem ich es ausspreche. Darüber zu reden war mein erster Schritt, der mir geholfen hat in Richtung Selbstheilung. Ich fände es ziemlich heuchlerisch, wenn ich herumlaufen würde und Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, sagen würde, dass sie aufzustehen und zu kämpfen haben, wenn ich dabei selbst nicht über meine Erfahrungen sprechen würde.

Gab es einen bestimmten Punkt oder ein Ereignis, an dem du gesagt hast, dass du nicht mehr ruhig bleiben kannst, wie es beispielsweise in eurem Opener „Rude awakening“ heißt, auf Deutsch „Böses Erwachen“?

Ja, es gab einen, ich erinnere mich. Die Band WAR ON WOMEN, die sehr gute Freunde von uns sind, hat einen Song namens „Say it“, in dem es genau darum geht, die Worte „I was raped“, also „ich wurde vergewaltigt“ zu sagen. Ich erinnere mich an eine Show von ihnen, auf der ich war und mir klar wurde, dass ich riesige Hemmungen hatte, diese Worte über die Lippen zu bringen. Und das tat mir natürlich überhaupt nicht gut. Und als mir das bewusst wurde, war das der „I can’t be silent anymore“-Moment und ich musste diesen Song schreiben.

Auf Facebook hast du vor kurzem geschrieben, dass du 2017 am liebsten gestorben wärst. Was war der Grund?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, es kam einfach viel zusammen. Ich habe schon immer mit Depressionen und Angst gekämpft und durch meine affektive Störung werden die Depressionen im Winter stärker. Dazu kam, dass ich eine ziemlich dramatische Trennung durchlebt habe und ein Freund von mir gestorben ist. Ich litt zur der Zeit auch noch an einem Trauma aus der Vergangenheit. All das kam auf einen Schlag zusammen und ich bin in ein dunkles Loch gefallen. Gut war, dass ich Mittel und Wege wusste, die mir halfen, und ich meinen Freunden sagen konnte, wie es zu dieser Zeit bei mir aussah. Darüber war ich ziemlich froh, ich wusste, dass ich verdammt viele Möglichkeiten habe, mich auszudrücken und wie es mir wieder besser gehen kann. Und heute geht es mir wirklich viel besser. Ich hatte die Ressourcen, aber viele Betroffene haben sie leider nicht zur Verfügung, haben zum Beispiel keine enge Freunde, keine Familie oder keinen Therapeuten.

In eurem Lied „Blood upon your hands“ geht es um deine Depressionen und die Vorurteile durch die Gesellschaft, nehme ich an?

Ja, dazu habe ich meinen Drogenmissbrauch in meiner Jugend mit reingepackt. Bei vielen Betroffenen geht das oft Hand in Hand. Heute sind Drogen bei mir zum Glück kein Problem mehr. Und ich weiß, wie ich mit meinen Depressionen umzugehen habe.

Wie du in „Rude awakening“ schreibst, hattest du so ein böses Erwachen und hast letztendlich doch deinen Platz gefunden. Denkst du, dass du eine Stimme für andere Mädchen und junge Frauen bist oder sein kannst?

Das hoffe ich sehr. Ich würde es toll finden, wenn Frauen durch meine Texte über sich und ihr Leben nachdenken. Natürlich kann ich nicht für alle sprechen. Ich denke aber auch, dass durch die zunehmende Präsenz von mir und anderen Frauen in der Heavy-Music die Texte hilfreich sein können für jene, die glauben, mit solchen Problemen alleine zu sein.

Gibt es von Frauen konkrete Reaktionen auf deine Texte, zum Beispiel auf euren Konzerten?

Oh ja, die sind sehr positiv und überwältigen mich immer wieder.

Mit eurem letzten Song auf der CD, „Pushing forward“, schließt sich der Kreis zu „Rude awakening“, dem ersten Stück. Du beschreibst, dass jetzt der Punkt gekommen ist und du dich entschieden hast, nach vorne zu schauen und vorwärts zu gehen. Woher nimmst du die Kraft für die PMA – Positive Mental Attitude – bei all dem, was du sonst so erlebt hast?

Ich weiß es nicht. Wenn ich am Ende des Tages nicht daran glauben würde, dass die Dinge sich ändern und verbessern können, würde ich doch nicht weiterkommen. Dinge können sich immer verbessern, können sich immer ändern. Es ist etwas, an das ich fest glaube. „Pushing forward“ ist auch einer meiner Lieblingssongs, schon allein textlich gesehen. Er handelt von meinen Wünschen, wie es für mich vorwärtsgehen soll. Ich finde in ihm auch immer wieder neue Aspekte, die mir wichtig sind. Der Song ist quasi das Ergebnis des Entstehungsprozesses der Platte, der ein Jahr angedauert hat.

Der Refrain „I cease to be what they wanted me to be“, also „Ich höre auf, so zu sein, wie sie es von mir erwarten“, erinnert mich textlich wie musikalisch an den RAGE AGAINST THE MACHINE-Chorus „Fuck you I won’t do what you tell me“.

Ich liebe die Band und kenne das Lied, ein super Song. Den Zusammenhang habe ich noch nicht hergestellt, aber jetzt, da du es sagst, werde ich wohl eine Weile drüber nachdenken, haha.

Du sagst, dass du in der Hardcore-Szene endlich einen Platz gefunden hast, wo du dich wohlfühlst und so sein kannst wie du bist. Ist die Szene wirklich ein „safe space, safe place“ für dich und generell für Frauen?

Manchmal ist sie es, manchmal nicht. Ich denke, dass wir noch weiter hart daran arbeiten müssen, die Hardcore-Szene inklusiver zu machen. Speziell die letzten Jahre haben wir einige große Schritte in die richtige Richtung gemacht. Wir kommen schneller weiter, wenn die Szene vielfältiger wird und sich das auch bei den Bands zeigen würde. Ich will irgendwann mal an einen Punkt kommen, an dem es einfach überhaupt gar kein Thema mehr ist, wenn ein Haufen Frauen auf der Bühne steht. Und ja, ich weiß, dass es noch ein langer Weg dorthin ist, aber ich sehe das absolut positiv.

Ist es nicht oft auch ein großer Fake, wenn sich die Hardcore-Szene als anti-sexistisch darstellt? In den letzten Jahren gab es laufend der Vergewaltigung beschuldigte Hardcore-Musiker, die ansonsten die „Moralfahne“ schwingen, nehmen wir nur mal WOLF DOWN als Beispiel.

Ja, ich weiß von der Geschichte bei WOLF DOWN. Es ist völlig krank, da hast du recht.

Warum sind Frauen deiner Meinung nach im Hardcore – im Gegensatz zum Pop – so massiv unterrepräsentiert?

Das kann daran liegen, dass in der Popmusik Frauen klassische Rollenmuster und Frauenbilder ausfüllen, was im Hardcore gar nicht der Fall ist. Hier ist die primäre Emotion erst mal die Wut. Und Frauen wird oft nicht gestattet, wütend zu sein, Männern hingegen ist es selbstverständlich erlaubt. Bei ihnen ist es allerdings die einzige Emotion, die sie zeigen dürfen, speziell bei uns in Amerika. Für „wütende Frauen“ gibt es sehr negative Stereotype und viele negative Bezeichnungen wie „Psycho“ oder „Bitch“. Für wütende Männer gibt es einfach die Bezeichnung „angry“ und nichts weiter. Der Unterschied ist historisch bedingt und ja, es gibt noch viel zu tun. Aber in einer fortschrittlichen Gesellschaft wird es Frauen zunehmend möglich sein, ihre Wut auszudrücken.

Im Intro „Jesus loves you“ eurer Platte ist ein Prediger zu hören, der fordert, für Homosexuelle die Todesstrafe einzuführen. Glaubt ihm ernsthaft auch nur ein Mensch?

Unglaublich, nicht wahr? Da spricht der Prediger Kevin Swanson. Und ja, er hat eine Kirche und somit auch Gläubige. Auch wenn es sich total krank anhört. Der Mitschnitt stammt von einer Veranstaltung der Republikaner, wo er aufgetreten ist. Das ist nicht aus einer Predigt in seiner Kirche! Und das ist doch das Verrückteste überhaupt, dass eine Regierungspartei einen solchen Typen einlädt, der so etwas von sich gibt. Es ist ein Verbrechen, so etwas zu sagen, und genauso, dem noch eine Bühne geben.

Bist du in eurer Band alleine für die Texte verantwortlich?

Ja, das bin ich und die anderen stehen auch total dahinter. Während ich daran arbeite, rede ich mit ihnen schon über die kommenden Texte und bin immer total gespannt darauf, wie sie auf neue reagieren.

Ihr habt euren Präsidenten mit eurem Stück „Fuck you Donald Trump“ persönlich angesprochen. Wie ist die Situation heute nach über einem Jahr seiner Präsidentschaft? Ist die Hardcore-Szene gelangweilt oder gibt es noch Widerstand in den USA?

Ich denke, es ist unsere Aufgabe, gegen ihn anzukämpfen. Ich muss aber sagen, dass wir hier etwas zu enthusiastisch waren. Jeder aus der Musikszene und speziell in der Hardcore-Szene, mit dem ich rede, ist gegen diesen Typen. Wir hatten zum Beispiel das Glück, mit ANTI-FLAG auf Tour zu gehen, die ja wirklich unverblümt ihre Stimme gegen Donald Trump erheben. Natürlich gibt es auch immer Menschen, die nicht mit der Meinung einer politischen Band übereinstimmen und das ist okay. So kommen wir in einen Dialog. Insgesamt denke ich, dass die Hardcore-Szene definitiv dagegen ankämpft und sich die Leute in dieser Hinsicht gegenseitig bestärken.

Wie findest du das Engagement des Establishments gegen Trump, wie zum Beispiel von Madonna beim Women’s March oder den Sportlern, die sich weigerten, bei der Nationalhymne aufzustehen?

Was hat Madonna denn getan?

Sie hat in ihrer Rede gesagt, dass sie das Weiße Haus am liebsten in die Luft jagen würde.

Das wusste ich nicht. Ich wäre sehr gerne beim Women’s March dabei gewesen, nur waren wir da auf Tour und haben eine große „Punk Against Trump“-Show in Colorado gespielt. Ich kann den Women’s March nur voll unterstützen, durch diese Events kann sich wirklich etwas ändern, wenn sich die ganze Vielfalt an Menschen für eine Sache zusammenfindet. Ich glaube fest daran, dass wir durch solche großen Aktionen eine inklusivere Gesellschaft schaffen können. Ich kann die Sportler, die sich der Hymne verweigerten, auch nur unterstützen. Es ist eine stille Form des Protestes von Leuten, die sehen, dass so viel verloren geht an Werten, auf die unser Land aufbaut. Nimm unsere „Freedom of speech“: wenn sich jemand darauf beruft, steht er plötzlich einem Typen gegenüber, der total aggressiv darauf reagiert – das ist ziemlich lächerlich.

Zu guter Letzt: wie geht es nach der Vans Warped Tour weiter – wann kommt ihr nach Europa?

Ich hoffe sehr, dass wir das Ende des Jahres hinbekommen. Wir möchten auch unbedingt in Deutschland spielen. Drück uns die Daumen!

Moritz Eisner

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #138 (Juni/Juli 2018)

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