VULTURE CULTURE

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Punkrock unter dem Drei-Hasen-Fenster

VULTURE CULTURE, 1989 gegründet, sind Paderborns älteste noch aktive Punkband. 1993 erschien ihre erste CD auf Nasty Vinyl, 1994 gingen sie mit COCK SPARRER auf Europatour, 1996 veröffentlichten sie ihre zweite CD auf Bitzcore. Nach ihrem letzten Release 1997 auf Flight 13 und zwei Umbesetzungen wurde es stiller um die sympathische Band aus Ostwestfalen, die seit 2011 als Trio in der Besetzung Dani (voc, bs), Jörg (gt, voc) und Dannyboy (dr) unterwegs ist. Nichtsdestotrotz machen VULTURE CULTURE mit ihrem melodischen Punkrock weiterhin die Bühnen unsicher – leider fast nur in der näheren Umgebung Paderborns, so wie letztes Jahr unter anderem mit MENACE. Außerdem haben VULTURE CULTURE im Januar 2016 neue Songs aufgenommen, die noch nicht veröffentlicht worden sind. Darüber sprechen wir mit Gitarrist Jörg.

Jörg, eure letzte offizielle Veröffentlichung liegt ja schon über zwanzig Jahre zurück und das neue Material, das auf YouTube zu sehen und zu hören ist, hat wirklich Potenzial. Wann können wir endlich mit einer neuen Platte rechnen?


Das neue Material ist schon längst im Kasten. Aber von dreien müssen drei mit dem Sound einverstanden sein, und das ist noch nicht ganz der Fall. Also wenn ich tippen darf, noch in diesem Jahr.

Euer Logo zeigt das Drei-Hasen-Fenster, eines der Wahrzeichen Paderborns, das im Kreuzgang des Doms zu sehen ist – allerdings in Skelett-Version. Wer hatte die Idee? Und wie reagiert der typische Domstädter darauf?

Die Idee hatte ich schon vor etwa 29 Jahren, und das Logo ist der Renner in der Stadt. Zu unserer „fünften Jahreszeit“, dem Volksfestereignis in Paderborn, dem Libori, reißen uns die Leute die Shirts förmlich aus der Hand. Gerne wird es auch fürs Ausland als Heimaterkennung genutzt. So laufen damit Leute in China und Japan herum, die aus unserer bescheidenen Domstadt kommen, aber dort arbeiten oder Urlaub machen. Ich habe hier sogar mal ein Lächeln von einem katholischen Pfaffen für das Shirt bekommen. Der Mann hat Humor!

Viele würden sich freuen, euch mal wieder live zu sehen. Wann geht es endlich über die Grenzen Ostwestfalens hinaus?

Das hängt immer davon ab, wann wir wie viel Zeit in die Band investieren können, und natürlich von Anfragen oder zufälligen Zusammenkünften diverser Veranstalter. Im Grunde kann das jederzeit sein. Wir spielen in der Regel aber mehr außerhalb der Heimat. In regelmäßigen Abständen gerne in Berlin, Halle/Saale und hoffentlich demnächst mal wieder in Köln.

Ihr singt immer noch auf Englisch. Hattet ihr die Idee, auch mal deutsche Texte zu schreiben?

Nein, nie! Obwohl es mal eine Coverversion von ZZZ HACKER aus Bielefeld zu einem ihrer unzähligen Geburtstagsfestivals auf Deutsch von uns gab. Der Song hieß „Lotti die Milchkuh“ ...

VULTURE CULTURE hatten ja auch immer ein Faible für Coversongs aus dem Popbereich. Verbirgt sich hinter dem Punkrock doch ein Herz für softere Klänge?

Ein guter Song ist eben ein guter Song. Egal aus welchem Genre er stammt. Wenn wir einen guten Pop-Song mögen, und er uns im VULTURE CULTURE-Stil Spaß bereitet, dann gehen wir damit auf die Bühne. Darin sind wir wirklich gut. Das hat bei uns ja auch Tradition. Wir haben sogar mal „Life is a cabaret“ aus dem gleichnamigen Musical gecovert und eine ordentliche Portion Punkrock darauf gehauen. Das war wirklich mutig. Außerdem hören wir alle gerne Reggae.

Das bundesweite AfD-Treffen, das am 25.02. in Paderborn stattfinden sollte, wurde auch aufgrund des starken Gegenprotests abgesagt. Wie stark macht sich der Rechtsruck in der ohnehin schon sehr schwarzen Stadt bemerkbar?

Hier in Paderborn beziehungsweise in Ost-Westfalen gab es schon immer solche Zellen, die mehr oder weniger aufblinzeln und Aufmerksamkeit erhaschen wollen. Das Ganze gipfelte dann 2016 in einer Kundgebung vom AfD-„Recken“ Björn Höcke vor circa 500 Leuten mitten in der City. Aber rund 1.400 Gegendemonstranten sprachen glücklicherweise schon damals die klare Sprache, dass die Mehrheit der Leute ihre Ideen hier nicht wollen. Dementsprechend war der Druck in diesem Jahr wohl so groß, dass ein AfD-Treffen vom Veranstalter ganz abgesagt wurde. Und so schwarz ist die Stadtpolitik inzwischen gar nicht mehr. Die CDU muss sich ihre Mehrheit im Stadtrat inzwischen schon ersichtlich erkämpfen. Es ist auch hier zum Glück bunter geworden.

Was geht punkrockmäßig in „Paderboring“? Ist die Lücke, die 1986 die Schließung des autonomen Kultur- und Kommunikationszentrums, kurz KuKoz, durch die Stadt gerissen hat, endlich geschlossen?

Eine solche Lücke kann nicht geschlossen werden. Das liegt aber auch an der kulturellen Zeitepoche der Achtziger. Derartige autonome Veranstaltungsorte wie das KuKoz gibt es meines Erachtens ansatzweise nur noch in den östlichen Bundesländern. Hier im Westen ist das doch eher selten, dass eine Szene so etwas am Leben halten kann. Aber es gab und gibt immer gute Bands hier, wenn auch nicht mehr unbedingt Punkrock im ursprünglichen Stil. Da ist inzwischen sehr viel Metal drin. Aber ich kann behaupten, dass immer noch eine kleine, aber feine junge Szene in Paderborn existiert.

Gerade auch als Exil-Paderborner gefragt, was könnt ihr empfehlen, wenn es jemand mal nach Paderborn verschlagen sollte? Und was hält euch in dieser Stadt?

Es gibt hier immer noch coole Kneipen! Die eine macht dicht, die andere macht wieder auf. Die eine lässt Bands spielen, die andere organisiert coole Rockdisco-Abende oder Poetry Slams. Es gibt das Alles ist Gut und das Sputnik im Riemekeviertel oder die Akka am Gierstor und natürlich das Limericks in der City. Willie’s Heartbreak Hotel wird hier im Sommer nach 33 Jahren dicht gemacht, weil das Gebäude abgerissen wird – letztendlich so wie überall anders auch. Und was uns hier hält, ist natürlich der schöne Dom! Was soll ich sagen, wir sind alle hier aufgewachsen und einfach hier geblieben, weil es sich hier doch irgendwie angenehm leben lässt. Für mich war und ist good old CDU-Paderboring eine Hassliebe, die mich einfach nicht loslässt. Aber zugegebenermaßen muss ich hier auch regelmäßig raus, um echte, internationale Großstadtkultur zu schnuppern. Dann fahre ich gerne nach Hamburg ans Millerntor, um meine Lieblingsmannschaft St. Pauli zu sehen. Danach ist alles wieder gut!