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Interviews & Artikel

Damaged Goods

Mehr als ein Job

Vor dreißig Jahren gründete Ian Ballard in London Damaged Goods Records, das im Laufe der Jahre zum „Hauslabel“ von Billy Childish wurde. Er veröffentlichte Singles, LPs und CDs von neuen Bands wie GIUDA, CYANIDE PILLS, AMYL AND THE SNIFFERS, THEE SPIVS, COWBELL, CUTE LEPERS und zig anderen, grub alte Helden wie JOHNNY MOPED wieder aus und kümmert sich um die Neuauflage von alten Childish-Releases wie auch (wieder) um Holly Golightly. Mit dem „30th Anniversary Singles Club“ hat Ian zum runden Geburtstag die Katalognummer 500 überschritten, und in echt gefeiert wird Anfang September mit einem Konzert in London.

Ian, herzlichen Glückwunsch zu dreißig Jahren als Betreiber von Damaged Goods. Hättest du das je erwartet?


Danke. Nein, ich kann nicht sagen, dass ich damit gerechnet hätte. Ich dachte, ich würde nur mal eine Single veröffentlichen. Ich hätte nie gedacht, dass daraus drei Jahre werden, geschweige denn dreißig, aber es hat immer Spaß gemacht und ich werde auch in nächster Zeit nicht damit aufhören.

Was machte der junge Ian 1988 und wie kam er auf die Idee, „Karriere“ im Musikbusiness zu machen? Wie hast du angefangen?

1988 arbeitete ich für eine Musik-Merchandising-Firma und war schon ein begeisterter Plattensammler. Ich wollte wirklich nur eine Platte rausbringen, um zu sehen, wie das ist. Ich hatte 500 Pfund und ich schrieb an Decca Records und fragte sie, ob ich die erste SLAUGHTER AND THE DOGS-Single lizenzieren könnte – erstaunlicherweise sagten sie ja! Ich denke, sie waren im Grunde genommen als Label am Ende und kümmerten sich nicht wirklich darum, was für mich sehr praktisch war. So bekam ich 500 Exemplare gepresst und machte mich dann daran, sie in in den Londoner Plattenläden zu verkaufen, und dann in Los Angeles, als ich dort Urlaub machte. Die Single verkaufte sich gut und bekam auch tolle Kritiken, was mich dazu brachte, auch ihr erstes Album „Do It Dog Style“ neu aufzulegen. Dann hat es mich irgendwie gepackt, Platten zu veröffentlichen, und ich mache es auch heute noch.

Was war damals die Idee hinter Damaged Goods? Hat sich das Konzept im Laufe der Jahre verändert, und wie sieht es heute aus?

Ursprünglich hatte ich vor, Punk-Platten aus den Siebzigern wiederzuveröffentlichen und einfach nur Spaß daran zu haben, daher der Name Damaged Goods, den du sicher auch als Titel der ersten GANG OF 4-Single kennst. Ich habe mich ein oder zwei Jahre lang daran gehalten und dann habe ich unweigerlich begonnen, Platten von aktuellen Bands rauszubringen. Die ersten verkauften sich ziemlich schlecht, dann ich habe die MANIC STREET PREACHERS getroffen und das hat ziemlich viel dazu beigetragen, das Label aufzubauen, mit einem richtigen Vertrieb.

Wer war damals und über die Jahre am Label beteiligt, wer ist es heute?

In den Achtzigern war nur ich das und Mitte der Neunziger Jahre kam Phil Ingles dazu. Das war ein guter Zeitpunkt, um Verstärkung zu bekommen, da ich zusammen mit Simon Williams das Fierce Panda-Label hatte und dazu Billy Childishs Label Hangman’s Daughter, also gab es viel zu tun und viele Platten zu veröffentlichen. Phil verließ DG, als ich 2001 aufhörte, mit Fierce Panda zu arbeiten, und 2002 kam Duncan Fletcher dazu und ist heute noch dabei. Ohne ihn wäre sicher alles längst den Bach runter gegangen!

Interessanterweise waren alle Labels aus den ersten Jahren des Punk, bis auf die ganz Großen, bald wieder weg und vergessen -– außer vielleicht bei Plattensammlern. Es sind vor allem die in den späteren Achtziger Jahren gegründeten Labels, die sich halten konnten. Irgendeine Idee, woran das liegt?

Ja, das ist richtig und irgendwie seltsam, es gibt keinen wirklichen Grund dafür, vielleicht haben wir aus den Fehlern anderer Leute gelernt. Ich kann keinen Grund sehen, um ehrlich zu sein, nur dass wir bis heute selbst immer noch reichlich Fehler machen!

Welche Veränderungen hast du in diesen drei Jahrzehnten erlebt?

Ich denke, dass das Label wahrscheinlich in den ersten zehn Jahren oder so ziemlich gleich geblieben ist. Erst in den späten Neunzigern, als wir unsere erste Website hatten, begannen die Dinge sich zu ändern. Das wurde immer wichtiger und wahrscheinlich sogar noch bedeutender in den frühen 2000ern, als man – sehr langsam – Bilder an Magazine und dann schließlich Songs an Magazine und Radiosender mailen konnte. Die frühen 2000er Jahre waren wahrscheinlich die umsatzreichste Zeit für Damaged Goods, Holly Golightly war für eine Weile sehr erfolgreich. Aber es läuft immer noch gut, es ist immer noch sehr DIY und im Grunde veröffentliche ich heute nur Platten, die ich auch selbst kaufen würde.

Stichwort: Vinyl, CD, Downloads. Was machst du noch, was nicht oder nicht mehr?

Ich bin immer noch glücklich, alle Formate zu machen, die die Leute wollen. Jeder stöhnt über CDs, aber sie dienen einem Zweck. Aber in der Zwischenzeit hatten wir viel Spaß mit verschiedenen Formaten, Farbvinyl, Kassetten, jeder Art von Merch und generell lustigen Dingen, die wir gerne machen.

Haben sich deine musikalischen Vorlieben im Laufe der Jahre verändert, bereust du irgendwas?

Das Erste, was mir wirklich gefiel, war der typische britische Glamrock der Siebziger, Bands wie SLADE, THE SWEET, Gary Glitter, SPARKS und all das, was zum Beginn des Punkrock führte, der mein Leben im Alter von 14 Jahren veränderte. Ich mag eine Menge Sechziger-Jahre-Zeug, die frühen BEE GEES, französischen Pop, überhaupt kitschige Popsongs, in welcher Form auch immer. Bei DG gab es die eine oder andere Platte, zu der ich hätte nein sagen sollen, aber das passiert nun mal. Über 500 Veröffentlichungen, 168 Bands ... ich bereue nichts!

Billy Childish ist seit Jahren bei Damaged Goods – und es gibt bestimmt tonnenweise Releases, die auf eine Neuveröffentlichung warten?

Ja, wir arbeiten seit Ende 1990 mit Billy zusammen und es ist eine tolle Beziehung. Er ist mehr ein Kumpel als jemand, mit dem ich nur arbeite. Aber ja, es hat wirklich Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten und er bringt ständig neue interessante Veröffentlichungen für uns mit. Seit kurzem archivieren wir auch alle seine alten Masterbänder, DATs, Kassetten, es gibt so viel Zeug, viele unveröffentlichte Songs, Live-Bänder aller Art.

Kommen wir zu deinen aktuellen und geplanten Releases. Wie ich höre, ist Holly Golightly wieder zurück. Und AMYL AND THE SNIFFERS scheinen superheiß zu sein ...

Ja, gerade ist eine Menge los. Wir haben eine „30th Anniversary“-Compilation, ein 2LP/CD-Set kommt im Oktober heraus, was nur ein Bruchteil dessen ist, was möglich gewesen wäre, aber es ist ein schöner Sampler. Wir haben gerade neue Veröffentlichungen von der wunderbaren Miss Ludella Black und einer neuen Band namens THEE DAGGER DEBS. AMYL AND THE SNIFFERS aus Melbourne sind eine unserer größten Entdeckungen seit langem. Sie waren jetzt in England und sind eine wirklich erstaunliche Live-Band – fünf Tage mit ihnen und ich brauchte eine Woche Erholung. Hoffentlich werden wir noch ein paar Platten mit ihnen machen ... Wir haben im September auch ein weiteres Debütalbum von THE SHADRACKS, der Leadsänger ist der Sohn von einem Kollegen. Hollys neues Album kommt Ende Oktober, mit anschließender Europatournee und es gibt am 6. September ein Jubiläumskonzert im Koko in Camden mit WILD BILLY CHILDISH & CTMF, JOHNNY MOPED und THE SHADRACKS sowie vier weitere Shows in London im Dezember.

Hat sich etwas an der allgemeinen Motivation und Faszination für das Label geändert? Kann so was jemals „nur ein Job“ sein?

Nein, nicht wirklich, es macht immer noch richtig Spaß und es ist etwas, in das ich glücklicherweise vor all den Jahren reingeraten bin. Es hat seine Höhen und Tiefen, aber hauptsächlich Höhen, und wenn es irgendwann keinen Spaß mehr macht, kann ich immer noch aufhören. Es war nie bloß ein Job.

Wer braucht heutzutage überhaupt noch ein Label? Künstler können doch mittlerweile eigentlich alles selbst machen ...

Du hast recht, ich hätte gedacht, dass es schwieriger werden würde, Bands dazu zu bringen, Platten zu machen. Tatsächlich kann man alles alleine machen, aber ich schätze, viele mögen das Gefühl, auf einem Label zu sein, das andere Sachen veröffentlicht, die zu ihrem Stil passen, und dass sie Teil einer Gang sind. Oder manchmal ist es ihnen zu mühsam, sich selbst um alles zu kümmern, und sie wollen sich lieber auf die Band und das Spielen konzentrieren. Aber irgendwann ist es einfach normal, dass du deine eigenen Platten veröffentlichst, und ich schätze, in dem Moment ist das Label Geschichte.

Du bist in London ansässig, der teuersten Stadt der Welt, sagen manche. Wie kannst du es dir leisten, immer noch dort zu leben?

Ich habe das Glück, dass ich in den Achtziger Jahren ein Haus gekauft habe. Mein Vater sagte: „Warum mieten, wenn man kaufen kann?“ Also habe ich es getan. Ein guter Ratschlag, sonst wäre ich heute sicher nicht mehr in London. Unser Lager befindet sich im Norden Englands, in Hull, wo Duncan arbeitet und sich um den Mailorder und Vertrieb kümmert. Es ist ein großartiger Ort mit guter Musikszene und günstiger Lagermiete.

London galt einst als die Punk-Hauptstadt der Welt. Und einige Touristen kommen immer noch dorthin und hoffen, Überreste davon zu entdecken. Existiert Punk heute noch in London?

Ja, es gibt immer noch Punk in London, aber es ist nicht wie früher, es gibt kaum besetzte Häuser oder verfallene Gebäude, in denen man spielen kann, aber es gibt immer noch eine Menge Punk- und Garagen-Gigs, nur die Leute müssen immer weiter rausziehen, um leben zu können. Ich schätze, es ist gut, dass sich nicht alles auf London konzentriert, dort gibt es Musik aus aller Welt, und bestimmt auch noch gute Plattenläden, aber es ist nicht so, wie es mal war. Ich würde sagen, Berlin ist tausendmal mehr Punk als London!

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #139 (August/September 2018)

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