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Interviews & Artikel

JOE KEITHLEY & D.O.A.

40 Jahre später

Es ist mein zweiter Besuch in Joe Keithleys Haus – ein nettes Stadthaus im Vancouver-Vorort Burnaby, British Columbia, wo Joe aufgewachsen ist. Der Anlass: Das neue D.O.A.-Album „Fight Back“. Es gibt kaum Hinweise auf Joes Background. Die ordentliche bürgerliche Küche, in der wir sitzen, spricht zweifellos mehr für den Geschmack von seiner Frau Laura, als für den von Joe selbst. Im Bücherregal hinter mir sehe ich Bildbände, Nachschlagewerke, ein paar Geschichtsbücher und Bestseller – nicht unähnlich dem, was man in jedem familienfreundlichen Haushalt finden könnte. Nichts daran ist besonders Punk.

Beim letzten Besuch im Jahr 2013 stand Joe, Jahrgang 1956, auf der Wahlliste der New Democratic Party für das Regionalparlament. Zu dieser Zeit hatte Joe eine Abschiedstour seiner 1978 gegründeten Band D.O.A. angekündigt, clever getimet, was die Presse angeht: Joe nutzte sein politisches Engagement, um die Leute zu den Shows zu bringen und seine Shows, um die Leute zur Wahl zu bewegen. So clever es auch war, seine Rechnung (gewählt zu werden) ging nicht auf, und nach kaum einem Jahr Pause belebte Joe D.O.A. neu mit einem neuen Schlagzeuger und Bassisten – Paddy Duddy und Mike „Corkscrew“ Hodsall. D.O.A. nahmen ihren weltweiten Tournee-Aktivitäten wieder auf, veröffentlichten 2013 das Live-Album „Welcome to Chinatown“ und zwei neue Studioalben, 2015 „Hard Rain Falling“ und 2018 „Fight Back“. Aber auch weiterhin hat Joe politische Ambitionen: So kandidiert er für das Amt des Bürgermeisters von Burnaby, diesmal mit der Green Party, und organisiert gleichzeitig eine Tournee, eine Albumveröffentlichung und eine politische Kampagne. Unser Gespräch begann deshalb auch mit einem aktuellen politischen Problem, das die gesamte Westküste von British Columbia betrifft: die Kinder-Morgan-Pipeline, die einen enormen massiven Anstieg des durch British Columbia geleiteten Öls aus den Teersand-Fördergebieten in Alberta bedeuten würde. Das bedeutet mehr Tankschiffe in den Häfen und ein deutlich erhöhtes Risiko eines Lecks, und das bei Bitumen, einer besonders schmutzigen Form von Öl. Ein Thema, das D.O.A. schon auf „Hard Rain Falling“ in dem Song „Pipeline fever“ angesprochen hatten.

Joe, Elizabeth May, die Vorsitzende der Grünen in BC, wurde jetzt bei den Anti-Pipeline-Protesten auf dem Burnaby Mountain verhaftet. Genau wie Danny Shmanny, der Sänger der Vancouver-Punkband THE SPORES. Warst du schon auf der Kinder-Morgan-Baustelle?

Ich war bei dem Protestmarsch. Ich wurde aber nicht verhaftet oder so. Danny wurde verhaftet, ja. Es gibt Foto auf Facebook von ihm, wie er weggeschleppt wird. Ich denke, die Proteste können das Ganze nur ein bisschen aufhalten, aber immerhin stören sie die Bauarbeiten. Für mich geht es vor allem um die Gerichtssache, da die First Nations nicht richtig einbezogen werden. Und offensichtlich gibt es eine große Spaltung innerhalb der indigenen Bevölkerung: einige wollen es, andere nicht. Ich höre oft: „Joe, du kannst diese Pipeline nicht stoppen.“ Aber ich denke: Doch, das können wir. Es wäre auch wirtschaftlich sinnvoll, denn was British Columbia mit Ökotourismus in den nächsten Jahrzehnten an Geld verdienen kann, ist enorm im Vergleich zu den Dividenden, die wir vielleicht durch das Öl erhalten. Ich antworte den Zweiflern immer: Ich bin ziemlich herumgekommen auf der Welt und kann dir sagen, die Küste von BC ist eine der letzten nicht industrialisierten, wenig besiedelten, unberührten Landstriche der Welt. Und je seltener so was ist, desto kostbarer wird es, also werden die Touristen hierher kommen und viel Geld ausgeben. Nur wenn das durch einen Ölaustritt zerstört wird ... Außerdem habe ich heute eine Statistik gesehen, dass Alberta während der zwanzigjährigen Mindestlebensdauer der Pipeline mit 290 Milliarden Dollar Einnahmen rechnen kann, BC dagegen nur mit vier Milliarden Dollar. Kein Wunder, dass die Premierministerin der Provinz Alberta, Rachel Notley, sich derzeit aufführt, als sei sie gerade der Irrenanstalt entkommen.

In gewisser Weise könnte es gut sein für Elizabeth May und die Green Party, sie kann damit einiges an Profil gewinnen. Ich habe gelesen, was sie über die Pipeline geschrieben hat, und sie ist großartig.

Wenn man Elizabeth May persönlich trifft, ist sie toll. Sie ist wirkt sehr besonnen, vernünftig und redet keinen Bullshit. Das ist das Interessante an der grünen Sichtweise. Ich glaube nicht, dass man in der Politik immer Kompromisse finden kann, die alle glücklich machen, aber Elizabeth May ist wirklich ein Profi darin, Brücken zu bauen. Bloß bei der Pipeline funktioniert das nicht, da gibt es nur bauen oder nicht bauen.

Kommst du als Punkrocker, der so provokant wie möglich sein will, jemals in Konflikt mit deinem zweiten Dasein als Politiker?

Nicht wirklich. Zum einen benutze ich den Spitznamen Shithead nicht mehr. Meine Freunde nennen mich noch so, aber offiziell trete ich nicht mehr so auf. Letztlich betrachte ich meine politischen Aktivitäten, als ich etwa für das Bürgermeisteramt oder für die Parlamentswahlen kandidiert habe, als die logische Fortsetzung von D.O.A. Im Grunde war ich durch die Band bereits ein inoffizieller Politiker, ein Sprecher für die Menschen, für die Ausgestoßenen, für die, die weniger haben. Wir standen immer für sie und nicht für die Unternehmen, nicht für den Profit. Wir wollen allen helfen. Aber mich aufzuführen wie ein Bürgerschreck, in meinem Alter, mit 62 Jahren ... Ich glaube nicht, dass ich das noch kann. Ich meine, als ich 20 oder 25 Jahre alt war, waren D.O.A. natürlich eine Provokation. Wir stürmten auf die Bühne und die Leute hatten Angst vor Punkrock. Wir waren die prototypischen Vertreter von etwas in Vancouver, bei dem sich die Bürger fragten: Meine Güte, was sind das für Irre? Und wir taten unser Bestes, um dem gerecht zu werden. Aber vor zehn Jahren wurde mir klar, dass das nicht mehr funktioniert, als ich mit meinem D.O.A.-Totenkopf-Shirt in der Bank in der Schlange stand und eine alte Dame mich anschaute und sagte: „Das ist ein wirklich schönes Shirt!“. Und ich dachte: Oh nein ... Haha!

Du meinst sicher das „Murder“-Shirt, mit dem Skelett, das mit dem Revolver auf einen zielt ... Danach wollte ich dich sowieso mal fragen. Gerry Hannah mag Waffen. Todd Serious von REBEL SPELL singt in „I am a rifle“ über den Waffengebrauch von indigenen Widerstandsbewegungen. Joey Only ist für Schusswaffen ... Aber von dir habe ich nie wirklich etwas über Waffen gehört, daher hat mich der Revolver auf dem Cover der 1990er „Murder“-LP ein wenig irritiert. Magst du Waffen?

Ich bin kein Waffennarr, nein. Ich denke, Waffenkontrolle ist eine gute Sache. Ich denke, dass die Konservativen hier in Kanada damals das Waffenregister abgeschafft haben, war ein Fehler. Du siehst ja, was passiert, wen man den Leuten ohne richtige psychologische oder sonstige Überprüfung erlaubt, Schusswaffen zu besitzen. Natürlich, die Leute finden dann andere Wege, um Menschen zu töten. Sie besorgen sich ein Fahrzeug und überfahren sie einfach, wie 2016 in Frankreich an der Riviera oder letztens in Toronto. Es ist schwer, Menschen zu kontrollieren, die geistig verwirrt sind oder so stark an ihre Sache glauben, dass sie anderen Menschen das Leben nehmen. Momentan werde ich oft gefragt, was für gute Entwicklungen ich sehe. Ich denke da an den Amoklauf in Florida. Das hat die Jungend in Amerika mobilisiert. Es sind nur Teenager, aber sie sind alt genug, um Auto zu fahren oder für den Militärdienst – vielleicht können sie etwas bewirken. Und das Timing ist wirklich interessant, denn wir haben da diesen wahnsinnigen Präsidenten, der sich außer bei seinen Unterstützern ziemlich unbeliebt gemacht hat. Vielleicht wird es in den Vereinigten Staaten irgendwann eine vernünftige Waffenkontrolle geben. Es gibt in Kanada eine ganze Reihe von Todesopfern durch Schusswaffen; wir sind alles andere als perfekt hier. Aber die Vereinigten Staaten verzeichnen proportional zur Bevölkerung das Zehnfache an Todesfällen. Na gut, bei Menschen, die auf dem Land leben, verstehe ich, dass sie zur Jagd gehen, einen Elch oder was auch immer erlegen, um im Winter etwas zu essen haben. Ich selbst würde allerdings nie ein Tier erschießen, aber bei der Landbevölkerung kann ich das nachvollziehen.

Und wenn ihr durch Amerika tourt, werdet ihr dann oft mit Waffen konfrontiert?

Die Menschen im benachbarten US-Bundesstaat Washington sind fast wie Kanadier. Du siehst nicht überall Waffen, obwohl man sie dort offen tragen darf. Aber die meisten entscheiden sich, das nicht zu tun, sie bewahren sie im Handschuhfach auf oder in einer verschlossenen Schublade – hoffentlich außer Reichweite ihrer Kinder. Aber es existieren Unmengen von Waffen in jedem einzelnen Staat, von Washington bis nach Arkansas.

Gab es jemals Probleme mit Leuten, die Waffen zu Auftritten mitbringen?

Nur bei einem Veranstalter in Atlanta. Als ich hinging, um bei ihm die Gage zu abzuholen, war er damit beschäftigt, Kokain zu verkaufen. Als ich um die Ecke kam, bekam er einen Schreck und er zog seine Pistole aus der Jogginghose. Ich hob die Hände und meinte: „Schon gut, ich komme später wieder.“ Aber sonst nein, ich habe keine Leute gesehen, die Waffen mit zu Shows brachten.

Lass uns mal über das neue Album „Fight Back“ sprechen. Darauf gibt es den fantastischen Song „Killer cops“. Worum geht es darin?

Es geht darum, dass die Cops früher auf die Beine schossen, und jetzt schießen sie auf den Oberkörper. Das jüngste Beispiel war dieser Junge in Sacramento. Er hatte ein paar Scheiben eingeschmissen oder so was, und im Hinterhof des Hauses seiner Großmutter haben sie ihn dann erwischt – sie ballerten zwanzig Kugeln in seinen Körper. Da lag er längst am Boden, muss man wirklich weiter feuern, um sicherzugehen, dass der Job erledigt ist? Und ich glaube, einer von denen, die ihm die Kugeln verpasst haben, war ein afroamerikanischer Polizist. Das macht es nicht nicht einfacher, denn oft hat so was rassistische Hintergründe, aber eben nicht immer. Ich verstehe es total, dass du als Polizist in einer stressigen Situation bist, und wenn du denkst, jemand greift dich an, feuerst du, um dich zu verteidigen. Aber dann gibt es diese erschreckenden Vorfälle, bei denen ein Junge nach einem Überfall auf ein 7-Eleven wegläuft, und am Ende ist er tot ... Ich meine, was hat er erbeutet, ein paar Zigaretten und fünfzig Dollar, eine Flasche Schnaps ...?

Man hat das Gefühl, als könnte einem in den USA bald alles um die Ohren fliegen. Das Land ist offenbar gerade tief gespalten. Und die Grenzlinien werden definiert durch Rassismus und durch ...

... Armut. Leider erinnert es mich an meine Kindheit, als Nixon Präsident war. Damals drehte sich alles um den Vietnamkrieg und die heftigen Proteste dagegen. Da gab es auch so einen nicht so tollen Präsidenten, der ziemlich rechts war, der auf die Durchsetzung von Recht und Ordnung aus war ... Und Donald Trump hat nun zu allem Unglück diese rechtsgerichteten Aryan Nations, Nazi- und White-Power-Gruppen gestärkt, indem er sagte: Sie sind Amerikaner, Alt-Right ist eben dasselbe wie ,Alt-Left‘. Es ist Amerika, hier kannst du tun, was du willst! Vielleicht hat Hitler die gleiche Argumentation benutzt. Und dann sind da noch die Rassenkonflikte und die Ungleichheit. Das ist die Grundidee von „Fight Back“. Wenn ich ein Album schreibe, weiß ich am Anfang nie, wie es werden wird. Das ist unmöglich, ich kann nicht so nach Plan vorgehen. Einige Leute können das, etwa Pete Townshend bei „Quadrophenia“. Aber als ich ein paar Lieder zusammenhatte, wurde mir klar, es geht immer um Ungleichheit: Einkommensungleichheit, Rassenungleichheit, Geschlechterungleichheit – das sind die drei großen Probleme, mit denen wir in Nordamerika und auch in Westeuropa konfrontiert sind.

Ich fand es interessant, dass du den Song „Wanted man“ von Johnny Cash gecovert hast. Du hast dich in letzter Zeit ja auch viel mit Dylan beschäftigt.

Das sind zwei echte Größen. Cash war ein großartiger Künstler, ein toller Interpret und ein wirklich guter Songwriter, und Bob Dylan ist für mich eine Art Shakespeare des Songwritings. Ich glaube, ich habe seit zwanzig Jahren kein Dylan-Album mehr gehört, aber er hat eine Menge Songs geschrieben und es ist erstaunlich, wie gut sie sind. Er ist ein einfühlsamer Songwriter ... „Wanted man“ wollte ich schon auf dem letzten Album machen, aber stattdessen haben wir uns für „San Quentin“ entschieden. Es sind Songs von seinen zwei besten Alben, „San Quentin“ und „Live At Folsom Prison“. Aber ich fand, diesmal passt es einfach zu anderen Songs vorher. In „The cops are comin’“ hat jemand keine Krankenversicherung, also klaut er 100 Dollar bei 7-Eleven und ist auf der Flucht, er hat sein Leben im Grunde verwirkt. „I’m desperate“ handelt anschließend vom Zusammenbruch der Gesellschaft, und dann kommt „Wanted man“. Die Reihenfolge hat sich wie von selbst ergeben. Als Abschluss folgt „The world’s turned upside down“. Das Lied gefällt mir auch sehr gut, aber wir wussten, dass es ein bisschen rausfällt. Hätten wir es weiter an den Anfang der Platte gepackt, hätten echte D.O.A.-Punkrock-Fans es sich angehört und gefragt: „Stammt das Stück irgendwie aus den Achtzigern?“ Es hat ein ganz anderes Feeling.

Ich fand beim neuen Album, dass deine Stimme wirklich gut klingt. Es finden sich nicht viele markante Stimmen im Punkrock. Die meisten Sänger brüllen ihre Texte nur raus, aber da gibt es kaum Charakter oder Nuancen. Ich frage mich bei dir nur, genau so wie bei Tom Waits, ob es nicht wehtut, so zu singen? Du hast so eine knurrende, rauhe Stimme ...

Mein Geheimnis ist, ich gurgle mit Rohrreiniger, haha. Nein, es tut nicht weh, es baut sich über Jahre hinweg auf. Als ich das letzte Mal mit Wimpy im Studio zusammen war, bevor er starb, war bei den Aufnahmen zu unserem Album „Hard Rain Falling“. Er kam rein und hatte länger nicht gesungen, er machte nur „uggh, errrgh“. Er konnte kaum weitermachen. Ich fragte, ob er ein Bier wolle, aber er sagte: „Nein, ich versuche kürzer zu treten.“ Etwa eine Stunde später hatte er vier Bier getrunken und war plötzlich in Topform. Wimpy war ein großartiger, kraftvoller Sänger. Der Tontechniker bekam ihn kaum in den Griff, er war einer derjenigen, die wirklich herausragten. Das ist einer der Gründe, warum die SUBHUMANS-Sachen so fantastisch waren – neben dem Songwriting der Band. Also musst du immer singen und darfst keine Pausen machen. Was zwischen den Tourneen sehr schwierig ist, man hat keine laute Band, mit der man jeden Abend üben kann. Aber du baust eine Art Schutz auf. Es ist wie ein altes Schiff, man streicht Farbe über den Rost und hofft, dass es nicht sinkt.

Ist das Stück „The last beer“ Wimpy gewidmet? Es sind über die Jahre ja einige Leute gestorben, die mal bei D.O.A. waren, zuletzt Wimpy, Dave Gregg und jetzt Brad Kent ...

Und Dimwit, diese vier. Es war hart, ich habe dieses Lied in etwa 15 Minuten geschrieben und dabei die ganze Zeit geweint. Ich hatte das Riff, schrieb den Text, legte ihn weg, schlief ein, kam am nächsten Tag wieder, hörte mir das Band an und fand es ziemlich gut. Es kostet mich Überwindung, über diese Leute zu reden.

Das letzte Mal, dass ich Wimpy gesehen habe, war wohl bei der D.O.A.-Abschiedsshow 2013, wo er mit dir auf die Bühne kam und „Takin’ care of business“ sang. Brad habe ich, glaube ich, einmal getroffen, aber ich habe ihn nie spielen sehen. Das Gleiche gilt für Dave Gregg.

Dave war ein wunderbarer Kerl, wirklich kreativ, er hatte Sinn für Humor und wenn du ihn verärgert hast, war er sehr sarkastisch. Und er war schnell angepisst, denn er hatte oft eine wirklich genaue Vorstellungen davon, wie etwas zu laufen hat. Aber normalerweise hatte er genau die richtigen Ideen. Er war eine Bank. Ich hatte ihn nicht mehr oft gesehen, aber ich werde ihn genauso vermissen wie Dimwit. Als er bei D.O.A. war, in den ersten sechs oder sieben Jahre, konnte man sich immer auf ihn verlassen. Und vieles, was D.O.A. damals ausmachte, kam von Dave und mir, als wir wochenlang mit dem Van kreuz und quer in Nordamerika unterwegs waren. Meistens fuhr er und knabberte dabei Sonnenblumenkerne. Er war ein guter Kumpel und ein großes Talent, noch völlig unausgereift am Anfang, da hat gerne mal die Arrangements vergessen, aber nach einer Weile war er die Zuverlässigkeit in Person, und es war natürlich auch großartig, mit ihm auf der Bühne zu stehen.

Die Fotografin Bev Davies hatte mir Dave bei einem MEATMEN-Konzert in Vancouver vorgestellt, und er schien ein netter Kerl zu sein. Es war für mich ein Schock zu hören, dass er gestorben ist. Ebenso als Brad starb ...

Es war einfach tragisch, denn er hatte sich wieder gefangen und machte auch wieder Musik. Ich hatte Brad schon lange nicht mehr gesehen, aber er war es, der mir beigebracht hatte, wie man E-Gitarre spielt. Wir waren vorher wie Folkies, wir lebten auf dem Land und spielten Bob Dylan- und Woody Guthrie-Songs. Und er kam vorbei – er war auch aus Burnaby – und hörte uns jammen und sagte: „Warum spielt ihr diesen Scheiß, wir werden rocken! Joe, du übernimmst die Rhythmusgitarre, wir spielen einen STATUS QUO-Song. Ich spiele die Leadgitarre!“ Er hat mir das alles beigebracht, er war ein toller Kerl. Er war nach Powell River gezogen, das ist so was wie der Rückzugsort für Punkrocker im Ruhestand. John Wright von NOMEANSNO lebt dort, Colin von PIGMENT VEHICLE und Tom Holliston von NOMEANSNO. Das ist wie ein kleiner Stamm. Wir hatten dort in den letzten Jahren einige Konzerte. Es ist wirklich schön.

Hast du auch John Wrights selbstgebrautes Bier getrunken?

Sein Bier ist gut. Er hat ja seinen eigenen Pub eröffnet, er heißt Red Lion. D.O.A. haben letzten September quasi die Eröffnungsshow für seine Kneipe gespielt. John sollte sein Bier eigentlich weltweit vermarkten, er ist berühmt und die Leute lieben ihn. Er ist schon lange damit beschäftigt, Bier zu brauen. Ich glaube, wenn man den Leuten in Toronto eine Kiste Bier von John Wright anbietet, würden sie es sofort kaufen.

Dass du mal einen Song wie „We won’t drink this piss“ über gutes Bier schreiben würdest , hat mich jetzt überrascht. Ich hatte immer geglaubt, dass es D.O.A. bei Bier mehr um Quantität geht als um Qualität.

Haha, ich gebe zu, dass wir das Bier trinken, das uns der Veranstalter hinstellt. Wenn es echter Mist ist, versuchen wir, etwas anderes zu kriegen. Und manchmal passiert es, dass man viel Caribou trinkt, weil es vom Sponsor kommt. Caribou ist, glaube ich, das kanadische Pabst, das Hipster-Bier. Aber es gab diese Tour 1999 quer durch die Vereinigten Staaten, die „Social Chaos“-Tour, mit sieben englischen Bands, sechs amerikanischen Bands, darunter T.S.O.L., THE BUSINESS, THE UK SUBS und VICE SQUAD, und D.O.A. Es waren größere Veranstaltungsorte, also hattest du deine eigene Garderobe, und da standen immer ein paar Fässchen Bier, wenn du ankamst. Es war Juli, höllisch heiß und es gab immer Miller Lite und Bud Light – es schmeckte widerlich. Und die Engländer meinten sofort: „Was ist das für eine verdammte Pisse? Wir trinken diese Pisse nicht!“ Sie wollten die Bude abreißen. Und am nächsten Tag zur nächsten Show, gab es das gleiche Bier und die gleiche Reaktion, „Was ist das für eine Pisse?“ Also dachten wir, damit könnten wir in England einen Hit landen.

Und was ist für dich ein wirklich gutes Bier?

Nun, alle tschechischen Sorten, wie das echte Budweiser. Es ist nicht zu teuer. Und Stella Artois ist ein gutes Bier, das mag ich. Und Newcastle Brown Ale. Das Blöde ist, das Zeug, das man hier in Kanada und in den Staaten bekommt, ist nicht so gut wie das in Newcastle, du solltest es eigentlich nur in Sunderland kaufen. Aber es schmeckt immer noch ziemlich anständig und man bekommt es auch in den meisten Bars in den Vereinigten Staaten. Heutzutage kann man überall ein gutes Bier bekommen. Früher war die Auswahl lächerlich schlecht. Sierra Nevada in Kalifornien war natürlich schon immer ein tolles Bier.

Du hast eine Band mal mit einem Hockeyteam verglichen. Ich weiß, dass es eine ganze Reihe von Leuten in der Punk-Szene gibt, die wirklich auf Hockey stehen, darunter auch John Wright aka Johnny Hanson von den HANSON BROTHERS. Aber ich dachte immer, Sport sei was für Sportler. Mir gefällt, was Noam Chomsky dazu sagt; dass der Profisport eine Ablenkung für die Menschen ist. Es ist nur ein Spektakel, das die Menschen mit etwas völlig Sinnfreiem beschäftigt, um sie von wirklichen Problemen abzuhalten.

Opium für die Massen ... Und es bekommt immer schnell diesen nationalistischen Aspekt – wenn es um die Olympischen Spiele geht und so was. Wenn Kanada bei den Olympischen Spielen dabei ist, jubele ich ihnen zu. Der Vergleich von D.O.A. mit einem Hockeyteam kam auf, als wir 1987 „Takin’ care of business“ von BACHMAN-TURNER OVERDRIVE coverten. Wir waren damals zu viert und der Schlagzeuger – zu der Zeit Jon Card – ist wie der Torwart, und der Bassist und der Leadgitarrist, Brian Goble und Dave Gregg, sind die Flügelspieler; und das Publikum ist das gegnerische Team. Du willst sie in die Ecke drängen, sie verprügeln, aufmischen, den Puck vor ihr Netz bekommen, und plötzlich ist der Puck in ihrem Netz und du hast die Führung! Es ist einfach eine witzige Sache. Aber du hast recht, wenn wir heutzutage versuchen, Songs über Hockey zu spielen, schauen uns die meisten Leute, besonders die unter dreißig, und das sind die meisten, nur fragend an. Letzten Sommer waren wir in Kuala Lumpur, Malaysia. Es war großartig, auch wenn die Polizei es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, dieses Punkrock-Squat regelmäßig hochzunehmen. Wir hofften nur, dass es an diesem Abend nicht passieren würde. Es war brechend voll. Und einer schrie immer wieder: „Spielt Stompin’ Tom Connors’ ,The hockey song‘!“ Und das in Malaysia, das ist der heißeste Ort der Welt! Ich, Paddy und Mike hatten ihn nicht so oft geprobt, aber als wir für die Zugabe auf die Bühne kamen, schrie dieser Typ es wieder. Also spielten wir „The hockey song“. Wir machten aus der alten Folk-Nummer eine Punkrock-Version. Und das Publikum rastete aus, inklusive Crowdsurfing. In Malaysia!

Um noch mal auf das neue Album zurückzukommen: Wie kam es, dass ihr diesmal wieder mit Cecil English als Produzenten zusammen gearbeitet habt? Der hatte ja schon 1987 euer Album „True (North) Strong & Free“ produziert, neben den ersten Platten von NOMEANSNO.

Wir haben eine Vorauswahl getroffen und ein paar größere Namen in den Raum geworfen, von denen wir dachten, sie könnten das Album zum vierzigsten Geburtstag von D.O.A. produzieren, und einer davon war Cecil. Ich hatte lange nicht mehr mit ihm gesprochen, aber er mischte eine Show für uns im Smilin’ Buddha in Vancouver – heute ist das ein Indoor-Skatepark und eine Konzerthalle namens SBC Cabaret. Und irgendwer schlug vor: „Lasst uns ein paar Aufnahmen machen“ – und Cecil war dabei. Ich bin wirklich froh, denn er hat ein echt gutes Ohr und technisch richtig was drauf. Er hat sich für jeden Song kurz die Noten angehört, dann spielten wir ein bisschen, dabei standen sechs verschiedene Snare-Drums zur Auswahl. Und er sagte dann: „Paddy, warum versuchst du nicht das hier oder das hier?“ Wir spielten das Lied mit der einen Snare-Drum und er sagte: „Nein, das ist nicht richtig.“ Und er brachte uns dazu, es neu abzustimmen, bis er fand: „Ja, so passt es zur Stimmung des Songs.“ Bei „The last beer“ zum Beispiel eine melancholische Snare und für „Killer cops“ eine super aggressive ... Wenn man nicht Drummer oder Musiker ist, würde einem das nicht auffallen. Aber für uns ergab es echt Sinn. Er machte jede Menge gute Vorschläge. Wir haben insgesamt zusammen an sieben oder acht Alben gearbeitet und wir sind sicher nicht immer einer Meinung, aber wir probieren alles, was er sagt, zumindest mal aus.

Die Songs des neuen Albums harmonieren wirklich schön zusammen ...

Das hat eine Weile gedauert. Wir hatten die ersten fünf Songs, die Cecil und ich abgemischt haben ... na ja, Cecil hat gemischt und ich habe meinen Senf dazugegeben. Aber wir haben diese fünf Stücke wochenlang durchgekaut, uns im Kreis gedreht, die Reihenfolge variiert, den Gesang lauter gemacht oder den Klang des Basses geändert. Es war ein interessanter Prozess. Wir haben uns bis zum Ende von „Just got back from the USA“ wirklich auf diese fünf konzentriert, und als wir schließlich mit ihnen zufrieden waren, haben wir alles andere abgemischt. Cecil hat einige wirklich wunderbare Platten gemacht, „Last Scream Of The Missing Neighbors“ mit uns und Jello Biafra, „Wrong“ von NOMEANSNO, Sachen für DAYGLO ABORTION. Es hat wirklich Spaß gemacht, wieder mit ihm zu arbeiten.

 


Diskografie

Something Better Change (LP, Friends, 1980) • Hardcore 81 (LP, Friends, 1981) • Let’s Wreck The Party (LP/MC, Alternative Tentacles, 1985) • True (North) Strong & Free (LP/CD/MC, Profile/Rock Hotel, 1987) • Last Scream Of The Missing Neighbors (w/ Jello Biafra, LP/CD, Alternative Tentacles, 1989) • Murder (LP/CD/MC, Restless, 1990) • Talk Minus Action Equals Zero (LP/CD/MC, Roadrunner, 1991) • 13 Flavours Of Doom (LP/CD/MC, Alternative Tentacles, 1992) • Loggerheads (LP/CD/MC, Alternative Tentacles, 1993) • The Black Spot (CD/MC, Essential Noise, 1995) • The Lost Tapes (LP/CD/MC, Sudden Death, 1998) • Festival Of Atheists (LP/CD, Sudden Death, 1998) • Win The Battle (LP/CD, Sudden Death, 2002) • Live Free Or Die (LP/CD, Social Bomb, 2004) • Northern Avenger (LP/CD, Sudden Death, 2008) • Kings Of Punk, Hockey And Beer (CD, Sudden Death, 2009) • Talk - Action = 0 (LP/CD, Social Bomb, 2010) • We Come In Peace (LP/CD, Sudden Death, 2012) • Welcome To Chinatown: D.O.A. Live (LP/CD, Sudden Death, 2013) • Hard Rain Falling (LP/CD, Sudden Death, 2015) • Fight Back (LP/CD, Sudden Death, 2018)

Allan MacInnis

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #139 (August/September 2018)

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Nach fünfjähriger Abstinenz melden sich SWEARIN' eindrucksvoll mit ihrem neuen Album „Fall Into The Sun“ zurück. „Fall Into The Sun“ ist immer noch Punk und immer noch straight, aber der Sound hat sich dank der neuen Offenheit verändert. Die ... mehr