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Interviews & Artikel

BOXHAMSTERS

So ein Vater-Tochter-Ding

Was ist eigentlich mit den BOXHAMSTERS los? Seit Jahren keine Konzerte mehr, das letzte 2015 ohne Philipp gespielt, nix Genaues weiß keiner. Und dann kam im August doch eine neue Platte oder so was in der Art, „Black Beauty Farm“, mit neuer Musik und den Singles der letzten Jahre. Als Chronist der Band war mir klar, dass noch mal ein Interview anstand, Co bat mich sogar darum. Und kam mit seiner Tochter Rieke, 19, mit der er in letzter Zeit Musik macht und die auch auf dem Album zu hören ist, ins Solinger Ox-HQ, wo wir an einem warmen Sommerabend dieses Gespräch führten.

Es gibt ein neues BOXHAMSTERS-Album, das kein neues BOXHAMSTERS-Album ist.

Co:
Eigentlich war die Idee, wie vor fünf Jahren eine neue Single rauszubringen mit zwei eigenen Stücken und eine „Die Kinder sind in Ordnung“-Teil 4-Single mit zwei Coverversionen. Singles verkaufen sich aber nicht gut, stehen im Plattenladen in der Ecke, und Timo von Unter Schafen Records fand die Idee einer LP-Compilation super. Und so gibt es nach 30 Jahren BOXHAMSTERS zwar kein richtiges neues Album, aber doch eine große neue Platte, wobei ich davon ausgehe, dass die meisten Leute die Single-Songs gar nicht kennen.

Wo kommen die her?

Co:
Da greife ich doch einfach zum Textblatt, da steht das alles drauf. Wir fangen an im Jahr 2006, da ist ein Song auf der-B-Seite, eine Coverversion, der war auf „Die Kinder sind in Ordnung“ Teil 3, „Firebird“. Da hatten wir drei Songs der Kult-Electro-Band THE WHITE NOISE aufgenommen, das Album stammt von 1969, „An Electric Storm“, das war neben PINK FLOYD das erste elektronische Hippie-Zeugs. Sehr durchgeknallt und extrem cool. Wir haben aus deren „Firebird“ so eine Art Mod-Punk-Nummer gemacht. Die nächste Session hatten wir 2011, als unser Bassist Papa geworden ist, da haben wir drei anderen in seiner Abwesenheit die „Kinder kriegen“-Single aufgenommen, von der ist „Supertendenz“ und das Instrumentalstück „Himmelslaus“. „Don’t be shy“ von Cat Stevens aus dieser Session kam dann auf die „Die Kinder sind in Ordnung“ Teil 3. 2012 hatten wir das 25-jährige Jubiläum, da kam die intern „Silberhochzeit“ genannte Single, da war auf der einen Seite „Erdstern“ drauf und auf der B-Seite das Instrumental „Top gear“, ein Surf-Song. Da hatte ich die Idee, unseren alten Gitarristen Weilo zu fragen, ob er zum Jubiläum Lust hat, zu uns ins Studio zu kommen. Wir haben geübt, ich zeigte ihm den Gitarrenlauf und der konnte das natürlich schneller spielen als ich, weil er immer schon der bessere Gitarrist war. Also kam der nach Bochum ins Studio, spielte bei „Top gear“ und sang bei „Erdstern“ im Chor mit. An sich war ich da nur mit Ulf im Studio, ohne die anderen.

Wie ging es weiter?

Co:
2017 waren die Singles „Die Kinder sind in Ordnung“ Teil 4 und die eigene fällig, und da nahmen wir den eigenen Song „Tambora“ auf, einen ganz klassischen Hamster-Pop-Punk-Song, und dann gab es mal einen verstörenden, moralisch-morbiden Comic in der Frankfurter Rundschau, in der es um die Grausamkeit von Kindern geht, um Hirschkäfer, die kleinen Marienkäfern die Beine brechen, nur um sadistisch zu zeigen, dass das weh tun kann. Und das war die Anregung für einen Song, der „Jenseits“ heißt.

Song A5 vom Album.

Co:
Genau. Und dann gab es da diesen Song, der bei mir zuhause in der Bar immer wieder von Musikkassette lief – da werden nur MCs gespielt. Auf der MC steht nur „Singles Teil 2“, da sind nur 7“s aufgenommen und das ist von 1987. Da ist ein so ein durchgeknalltes New Wave-Lied drauf, das ich unbedingt aufnehmen wollte, aber das ist eine ganz andere Geschichte ... Nun ist aber das Ende der BOXHAMSTERS gekommen, in welcher Form auch immer, und da wollte ich mit Weilo den alten THE WHO-Song „So sad about us“ covern. Aber irgendwie ergab sich dann „Blue red and grey“, und diese Ukulele dabei hatte ich auch schon vor ein paar Jahren mal gekauft. Das ist einer der schönsten Pete Townshend-Songs auf einer der schlechtesten THE WHO-Platten von 1975, „Who By Numbers“. Ja, und so hält man jetzt eine LP mit zehn Songs in den Händen, mit einer deutschen und einer englischen Seite. Martin Kircher zweifelte zwar an, dass wir es schaffen würden, all diese Lieder unter einen Hut zu kriegen, aber ich glaube, es ist gelungen. Den Rest muss der Hörer entscheiden.

Das Cover ...

Co:
... ist geil geworden, das hat mir so einen Spaß gemacht! Ich habe das selbst gebastelt, aus einem Sticker-Buch von Rieke.

Rieke: Das war ein altes Buch von mir, irgendwelche Motive zum Thema Reiten, und da waren Sticker dabei, die man da reinkleben konnte. Papa hatte sich immer schon einen Spaß damit gemacht, die Pferde in die unmöglichsten Positionen zu bringen.

Co: Und dann wollte ich, dass das Stacheldraht-Paisley wieder auftaucht, und deshalb kommt das jetzt als Hufeisen wieder – nicht mit der Öffnung nach unten, sonst fällt das Glück raus, wie mir gesagt wurde.

„Frikadellenfarm“, „Black Beauty Farm“ ... da kann man eine Verbindung erkennen.

Co:
Der Gag geht auf meine Zeit in der Gießener Goethestraße zurück, wo ich damals mit meiner damaligen Freundin Reinhild wohnte. Wir hatten da eine Idee für eine Kneipe, und die sollte ihrer Meinung nach Bifi-Farm heißen. Und irgendwie wurde daraus dieser rote Faden. Den Begriff Beauty Farm kennt jeder, „Black Beauty“ kennen die Älteren unter uns, vor allem die Mädchen, und daraus wurde dann die „Black Beauty Farm“. [Für das Protokoll: Frau H. serviert an diesem Punkt sich und Rieke Gin Tonic, der Interviewer genießt Weizenbier, nur Herr Coburger muss als Fahrer Wasser trinken und macht ein langes Gesicht.]

Du hast es eben schon angedeutet, „Black Beauty Farm“ wird das Maximale sein, was man als Fan in Sachen BOXHAMSTERS-Album noch erwarten kann ...

Co:
Was das Thema BOXHAMSTERS-Alben betrifft, ist das erledigt. Auf dem Papier kann es die Band ewig geben, und Rieke und ich werden demnächst zu Olaf Opal ins Studio gehen und für Major-Label einen 60-Sekunden-Punksong aufnehmen. [Auf der aktuellen Ox-CD zu hören!] Das Schlagzeug wird irgendwie elektronisch sein. Das wird eine Papa-Tochter-Nummer. Aber ein BOXHAMSTERS-Album wird es bestimmt nicht mehr geben.

Rieke: Nur das Projekt BOXHAMSTERS.

Dann heißt es jetzt aber mal ... introducing the famous Rieke! Rieke, bei den ersten BOXHAMSTERS-Interview warst du noch nicht mal geboren, und als Uschi und ich das Interview zu „Saugschmerle“ machten, mussten wir leise reden, weil die kleine Rieke nebenan schlief. Kannst du dich erinnern, wann du das erste Mal wahrgenommen hast, dass dein Papa eine Band hat?

Rieke:
Auf BOXHAMSTERS-Konzerte bin ich nicht so früh mitgekommen, aber ich erinnere mich, dass ich zu einem TOMTE-Konzert bei einem Festival mitgenommen wurde. Die Band war allzeit präsent, ich war schon als kleines Kind mit im Studio ...

Co: ... und in der Kneipe. Mit drei stand die im „Sowieso“ auf einem Barhocker am Star Wars-Flipper.

Rieke: Die BOXHAMSTERS waren immer irgendwie da, etwa wenn neue Lieder aufgenommen worden waren und die ganz oft angehört wurden, um zu überlegen, was man daran noch ändern könnte. Es war nicht so, dass ich irgendwann festgestellt hätte, dass diese Band existiert, sonder ich bin damit groß geworden.

Co: Bei „Firebird“ von 2006 singt Rieke sogar im Chor.

Ist das denn auch deine Musik? Oft genug ist es ja so, dass Kinder die Musik ihrer Eltern doof finden – und andersrum.

Rieke:
Papa hat meinen Musikgeschmack sehr geprägt, ob es nun französische Chansons sind, die wir damals im Auto hörten und die ich heute in meinem Auto höre – freiwillig – oder THE WHO, ELECTRIC LIGHT ORCHESTRA, das ist Musik, die ich sehr lieben gelernt habe.

Co: Rieke ist bei E.L.O. dermaßen textsicher!

Rieke:[/b] Demnächst schauen wir uns auch Jeff Lynne von E.L.O. live an. Ich höre mir zwar auch andere Musik an, aber komme sehr gut mit Papas Musik klar. Ich mag aber auch gerne Hardrock und Metal, was Papa freiwillig nie hören würde. Und etwas Hip-Hop höre ich auch.

Co: Das Schlimmste war dein Ex-Freund: Den hab ich gefragt, was er für Musik hört, und er sagte „Metal und Musical“. Da dachte ich mir, der wird bitte nie mein Schwiegersohn, denn der hatte das nicht einfach nur so gesagt, der meinte das auch so.

Wie hat es sich dann ergeben, dass die BOXHAMSTERS im Kern nun ein Familienunternehmen sind?

Rieke:
Papa fragte mich mal, ob ich mit nach Bochum ins Studio kommen wolle, beim Mischen dabei bin, meine Meinung dazu abgebe, und irgendwie ergab sich das dann so.

Co: Du sagtest: „Papa, ich hab da eine Melodie, die würde ich am Keyboard gerne darüberspielen.“ Und hast das dann gemacht.

Rieke: Ich spiele seit elf Jahren Klavier. Und Ukulele kann ich auch, sowie rudimentär Gitarre. Primär sind aber Tasteninstrumente mein Ding. Ich spiele auch einfach nur für mich selbst gerne mal Klavier oder Ukulele.

Co: Die letzten Male war Rieke immer mit im Studio, hat konzentriert zugehört, und wir haben zusammen abgemischt, zum Schluss mit Jörg Siegler und nicht mit Olaf – Jörg ist bei „Don’t be shy“ auch am Bass zu hören. Und in seinem Home-Studio haben wir auch „Jenseits“ aufgenommen. Rieke hat da dann mitgesungen, das klappte im ersten Take auf den Punkt. Das hat sich vielleicht daraus ergeben, dass wir schon, als sie gerade mal vier war, mehrstimmig „In einem kühlen Grunde“ gesungen beim Wandern. Rieke und ich haben es schon immer geliebt zusammen mehrstimmig zu singen, und jetzt machen wir das eben bei den BOXHAMSTERS. Kann sein, dass der Song die Hörer verwirrt und sich daran die Geister scheiden, deshalb habe ich „Jenseits“ als letztes Lied auf die A-Seite gepackt. Dafür ballern die ersten drei Songs umso mehr. Sowieso ist es mir ein großes Rätsel, wieso ich überhaupt noch Punkrock-Songs schreibe, denn Ende der Neunziger, mit Riekes Geburt, habe ich eigentlich komplett aufgehört, Punkmusik zu hören.

Warum?

Co:
Es gab keinen konkreten Anlass, von wegen „Ist mir jetzt zu laut“ ... Die ganzen deutschsprachigen Bands haben mich irgendwann genervt, es gab da diese Krankheit, die „Rachutis“ – plötzlich klangen alle Sänger wie Jens Rachut, den ich sehr schätze und dessen Werk ich für ganz groß halte. Ich fand es komisch, dass plötzlich der Gesang von allen deutschsprachigen Bands krass in diese Richtung geht. Zwischenzeitlich haben mir Freunde, die selbst so eine Band haben, gesagt, dass sie das selbst nicht mehr abkönnen. Zu „Saugschmerle“ hatte ich jemand von dem Gießener Stadtmagazin zu Gast für ein Interview, der fragte damals: „Hörst du als Papa viel Punk und Hardcore?“ Und ich antwortete damals: „Nein, bei mir läuft derzeit eigentlich nur Trip Hop und Chansons.“ Das hatte in unserem Freundes- und Bekanntenkreis für viel Verwunderung gesorgt. Aber – Rieke kann das bestätigen – bei uns läuft eher „Musik für Harfe und Flöte“ beim Kochen. Und Debussy war auch immer ein Thema, weshalb ich den im Text von „Tambora“ verwurstet habe. Als wir aus dem Studio zurückfuhren, fragte Rieke mich, ob es in dem Lied um sie gehe, und ich sagte: „Schon irgendwie.“ Aber nicht konkret. Ich bekomme eben gerade mit, wie Rieke eine Jugend lebt, die bei mir gefühlt noch gar nicht so lange her ist, auch wenn es 30 Jahre sind. Ich bin ja doch irgendwie jung geblieben. Und jetzt bekomme ich mit, wie meine Tochter in meine alte Stammkneipe geht. Ich bekomme mit, wie die saufen, was die für Sachen machen. Oder sie kommt mit völlig zerkratzten Beinen nach Hause, ich frage, sie sagt, sie sei in einen Rosenbusch gefallen. Und ich denke mir: „Sauber, ganz meine Schule.“ Ich hoffe nur, das mit dem Fahren unter Alkoholeinfluss lässt sie bleiben. Und ich weiß eben, die Jugend muss brennen – was immer du tun willst, mach es jetzt. Geh jetzt nach Neuseeland, mit 30 machst du das nicht mehr. Ich habe das 1993 gemacht, als es über einen Verlagsdeal einen Geldregen gab, da ging es ein halbes Jahr nach Sydney. Ich würde heute gerne mit meiner Frau sechs Wochen nach Neuseeland fahren, aber urlaubsmäßig geht das einfach nicht. Irgendwann hast du ein kleines Mädchen, machst ganz andere Urlaube. Und deshalb ist mir diese Textzeile so wichtig: „Junges Leben, hell in Flammen, das zu tun, vor dem du Angst, denn die Jugend, die muss brennen, wie der Schlag, zu dem du tanzt. Darfst auf meinen Tränen surfen, gerade du, ganz egal, wo du bist. Stiehl mir alle meine Träume, Mensch, was hab ich dich vermisst.“ Man schwelgt noch mal in der Jugend!

Rieke, wie nimmst du denn so Typen wie deinen Vater und mich wahr? Wir kommen uns mit 50+ ja immer noch jung und jugendlich vor, wir hören die gleiche Musik wie du, wie meine Praktikantinnen und Praktikanten, aber letztlich liegen eben doch 25, 30 Jahre zwischen uns. Wie ist das, wenn der eigene Vater anders ist als die Väter der Freundinnen und Freunde?

Rieke:
In gewisser Hinsicht ist das sehr entspannt, etwa wenn es um das Thema Alkoholkonsum unter 18 geht. Oder Haare färben. In gewisser Wiese wurde ich dafür von manchen Freundinnen beneidet. Also mein Papa ist schon jung geblieben. Ich kenne das aber eben auch nicht anders.

Will man sich nicht abgrenzen? Oder ist es total entspannt, weil man sich nicht abgrenzen muss?

Rieke:
Also meine jugendliche Rebellionsphase habe ich auch schon hinter mir, von daher ist es vor allem entspannt.

Co: Mittlerweile fahren wir auch wieder zusammen in den Urlaub, vor zwei, drei Jahren wäre das nicht denkbar gewesen. Mittlerweile findet sie das wieder schön.

Co, jetzt kommt die Frage, über die wir im Vorfeld schon diskutiert haben und die ich dir nicht ersparen kann und will: Bei den BOXHAMSTERS standest zwar immer du im Vordergrund, aber es gehören beziehungsweise gehörten auch andere Leute dazu, die jetzt nicht mehr dabei sind, nämlich Niels und Philipp. Was ist passiert?

Co:
Die Bereitschaft innerhalb der Band, noch für die Band da zu sein, war zuletzt sehr gering. Und das bei dem geringen Herzschlag, den die Band zuletzt noch hatte – zwei Konzerte im Jahr, was bedeutete, dass wir auch nur noch zweimal im Jahr geprobt haben, nämlich vor diesen Konzerten. Niels hatte Anfang 2013 gesagt, dass er Ende 2013 aufhört, doch nachdem sich das für den November geplante Wiesbaden-Konzert auf 2014 verschoben hatte, wurde es eben etwas später. Es wurde schwierig, vor diesem einzelnen Konzert einen Probetermin zu finden, und so war abzusehen, dass es irgendwann endet, oder einen Besetzungswechsel geben muss. Man hat sich auseinander gelebt, und manchmal ist es für das Gemüt besser, sich spät zu trennen als nie. Das ist wie bei verbiesterten alten Ehepaaren, die den Zeitpunkt verpasst haben. Es kam dann auch zu einem Besetzungswechsel am Bass, und neu dazu kam mein alter Freund Manu aus dem Berchtesgadener Land. Manuel und sein Bruder Oli sind Teil der Familie, die wissen so viel von mir und der Band. Manuel spielte mal Bass in einer Hardcore-Band, und ehrlich gesagt hätte ich vor Jahren nicht gedacht, dass ich mal mit jemandem auf der Bühne stehe, der so viel jünger ist. Er sagte mir oft, er sei bereit einzuspringen, und im Frühsommer 2014 kam mal wieder ein Konzert nicht zustande, weil sich über Wochen bandintern kein Termin finden ließ. Es wurde immer nicht gekonnt. Und da fragte ich Manu, ob er nicht doch Zeit hätte – von anderer Zeit hieß es nur, ich hätte ja noch genug Zeit, das Konzert wieder abzusagen. Und das wollte ich nicht, ich wollte dieses Wochenende spielen, und Niels und Ulf hatten nichts dagegen, dass Manu einspringt. Und dann habe ich ihm über WhatsApp-Filmchen die Bass-Parts beigebracht. Wir hatten dann 2015 in Nordhausen ein wunderschönes Konzert gespielt und auf dieser Bootsfahrt in Magdeburg, alles war bestens, aber aus weiteren Konzerten wurde dann nichts mehr.

Und wer sind die BOXHAMSTERS heute?

Co:
Manuel am Bass, Ulf am Schlagzeug, Rieke als ... Joker und eben ich. Wird es ein Livekonzert geben? Ich fürchte nein. Ich schlug vor, nach Niels’ Ausstieg als Trio weiterzumachen, aber da sagte Ulf, er werde auf keinen Fall als Trio spielen, das sei 1989/90, als Weilo öfter mal nicht kannte, schon nichts gewesen. Ich versuchte, ihn zu überreden, und wir hätten das Programm umschmeißen und viele Songs rauswerfen müssen, aber es wäre möglich. Auch meine Argumentation, dass auch Lieblingsbands wie HÜSKER DÜ, DESCENDENTS und WIPERS nur einen Gitarristen gehabt hätten, zündete nicht. Nein, nichts zu machen. Für 2018 fragte ich dann mal rum, wie es aussieht: Manu hätte gekonnt, aber bei Ulf ist es dieses Jahr aus privaten Gründen nicht möglich.

Ich hab dich gefühlt schon zehn Mal gefragt, warum du dich nicht einfach mit deiner Gitarre auf die Bühne stellst? Du hast die Songs, und ich glaube, mir würde das gefallen.

Co:
Die Idee finde ich verlockend, und ich habe beispielsweise Bernd Begemann immer schon bewundert. Der tingelte schon vor Jahren in seinem alten Audi 90 von Stadt zu Stadt und gab allabendlich den Entertainer. Da dachte ich mir, dass könnte mir auch gefallen. Aber da gibt es das Problem, dass die BOXHAMSTERS solo nicht umsetzbar sind, da fehlen Bass und Schlagzeug. Ich habe das schon probiert, aber das ist irgendwie nichts. Und „Blümchen“ war immer schon nur ich und meine Gitarre, bei den anderen Songs komme ich mir total bescheuert vor, wenn ich die alleine spiele.

Rieke: Ich stimme ihm zu, mit BOXHAMSTERS-Songs wird das schwer werden. Wenn, dann müsste er ein eigenes, neues Soloprojekt auf die Beine stellen, mit neuen Songs.

... mit Keyboarderin.

Co:
Das kann ich mir durchaus vorstellen. Aber das wären dann nicht die BOXHAMSTERS, da müsste ich einen Namen von meiner Liste nie gegründeter Bands nehmen.

Was ich ja eigentlich sagen will: Das kann es doch nicht gewesen sein mit der Musik! Du sitzt in deinem Partykeller und stehst nie wieder auf einer Bühne!

Rieke:
Da muss ich was einwenden. Papa hat schon immer gesagt – da war ich noch ganz klein: „Mit 50 höre ich auf, da bin ich mir zu alt dafür.“

Co: Danke.

Rieke: Früher war sein Plan, mit 50 ist Schluss mit den BOXHAMSTERS. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass er noch auf der Bühne steht, aber es wäre gegen seine eigenen Prinzipien.

Wenn du keinen Spaß mehr daran hast, dann ist das akzeptiert. Aber wenn ich danach gefragt habe in den letzten Jahren – also Co solo –, dann konnte ich nicht sagen, ob du dich nur zierst, noch nicht oft genug darum gebeten wurdest, oder eben keine Lust darauf hast. Dass es also danach aussieht, als ob unter die BOXHAMSTERS nie ein offizieller Schlussstrich gezogen wird, sondern einfach nicht mehr mit dir zu rechnen ist.

Co:
Das hast du gut formuliert, so kann man das stehen lassen. Kannst du dir vorstellen, wieviele tausende Stunden ich mich in meinem Leben schon in Backstageräumen gelangweilt habe? Irgendwann brauchst du das nicht mehr. Deswegen legte ich die letzten Jahre auch immer Wert darauf, mit Veranstaltern alles so exakt wie möglich zu besprechen, so dass wir so spät wie möglich auftauchen konnten – eine halbe Stunde vorher, kurzer Linecheck ... Oder dass wir nur noch besondere Konzerte spielen, so dass auch für uns der Freizeit- und Unterhaltungswert höher war, etwa in Wiesbaden im Schlachthof oder in Köln im Gebäude 9. Über 500 Konzerte haben wir gespielt. Nimm eine Band wie ALL, mit denen wir groß geworden sind, und mit denen wir einst unsere erste kleine Tour hatten. Das waren damals, Ende der Achtziger, schon ausgebuffte Profis. Die habe ich all die Jahre verfolgt, mittlerweile sind sie als DESCENDENTS wieder unterwegs. Aber was die machen, das kann ich, das brauche ich nicht. Immer nur von Hotel zu Hotel, immer das Zwischenmenschliche ...

Rieke: Für dich wären Studioprojekte ideal.

Co: Stimmt, im Studio, und hin und wieder mal irgendwo hin tingeln für ein kleines Konzert. Aber das müsste andere Musik sein.

Wo hört in diesem Kontext die angenehme Verehrung der Fans auf und wo fängt das Generve an? Sind Nachfragen nach weiteren Konzerten Bauchpinselei oder schon fast Stalking?

Co:
Ich bekomme nach wie vor Konzertanfragen, die sind alle freundlich, und ich antworte, in absehbarer Zeit seien keine Konzerte geplant. Ich hasse es, nie zu sagen. Wer weiß, vielleicht steht die Band ja irgendwann wieder in den Startlöchern und dann will ich mir nicht irgendwelche Aussagen vorhalten lassen. Ich lasse das also offen, sehe die BOXHAMSTERS wie die späten BEATLES, die irgendwann beschlossen hatten, keine Konzerte mehr spielen. Die letzte Platte, die ich je gemacht haben wollte, war „Tupperparty“, nach der sagte ich „Nie mehr!“. Ich wollte mir nie mehr so angestrengt Texte ausdenken müssen, weil der Erwartungsdruck so hoch ist. Dann kam vier Jahre später „Saugschmerle“, da gab es Schwierigkeiten ohne Ende, weil unser Studiomann Olaf uns kurzfristig abgesagt hatte, und das Ende von Lied war, dass Ulf und ich die Platte abmischten. Das schweißte uns beide sehr zusammen, da floss viel Jägermeister ins Mischpult ... Nie wieder, dachte ich danach, aber dann gab es wieder einen neuen Song, und noch einen ... und es kam die L’Age D’Or-Platte und ich sagte wieder, das sei das letzte BOXHAMSTERS-Album. Und irgendwann sagte ich in einem Interview, wenn der TÜV von unserem Bandbus durch sei – der ging bis Herbst 2014 –, dann sei Schluss. Da liefen Leute um unseren Bus und schauten auf den Stempel, wurden panisch. Dann hat der scheiß Bus echt noch mal TÜV bekommen, und es ging noch mal weiter. Aber ich brauch das nicht mehr.

Schreibst du noch neue Songs? Oder machst du das immer nur unter dem Druck eines anstehenden Studiotermins?

Co:
Ja, ich brauche den Druck. Ich sitze davor zuhause und sammle Töne und Worte. Ich habe zuhause Zettel und auf denen stehen lauter gute Worte drauf.

Da sitzt in Gießen jemand in seinem Zimmer und schreibt gute Worte auf Zettel ... Dafür kann man eingeliefert werden, oder?

Co:
Schon eher wegen meiner ganzen Audiokassetten, auf denen nur so Gesungenes à la „Dadubndiedadubdiduda“ zu hören ist, lauter bescheuerte Melodien ...

Rieke: ... oder Vorträge über Dinosaurier.

Co: Ich sammle Musik. Und wenn es dann ansteht, habe ich einen riesigen Fundus, aus dem ich Musik zusammenbauen kann.

Du hast also mit Musik nicht abgeschlossen?

Co:
Nein. Ich schaue einen Film und da sagt jemand einen guten Satz, den kritzel ich dann betrunken auf ein Blatt für meine Sammlung. Und am nächsten Tag steht da am Rande der TV Spielfilm kaum lesbar „Die Last, die ich liebe“ und ich denke: Ach, ist das schön.

Rieke: Oder „Der Palast der höchsten Vernunft“.

Co: Den gibt es wirklich, irgendwo in Peking. So was steht da, das sind alles potentielle Songtitel und Textzeilen.

Rieke, beobachtest du das nur oder hast du solche Verhaltensweisen übernommen?

Rieke:
Ich mache das tatsächlich auch, aber nicht in dem Ausmaß. Also nur mit Textzeilen, bei mir werden dann Gedichte daraus.

Co: „Tambora“ habe ich mir komplett beim Spaziergang mit den Hunden ausgedacht. Da war dann dieser Basslauf, und dann fand ich dazu einen Offbeat passend, und dann bastelt sich das so zusammen in meinem Kopf, mit der Gesangsmelodie und allem. Das klingt jetzt grenzwertig, aber ich habe heute eine Fähigkeit, die ich vor 20, 25 Jahren nicht hatte: Ich kann mir im Kopf mehrere Melodiebögen gleichzeitig vorstellen – also ich singe die nicht, aber die spielen in meinem Kopf.

Der Mozart von Gießen-Linden ...

Co:
So direkt wollte ich das nicht sagen, hahaha. Es ist echt bescheuert, aber ich kann mehrere Dinge in meinem Kopf gleichzeitig spielen lassen. Auf den Songtitel „Tambora“ kam ich wegen meiner Laptop-Startseite Wikipedia, da war der Artikel des Tages mal einer über den indonesischen Vulkan Tambora, der 1815 ausbrach und im folgenden Jahr für massive weltweite Klimaveränderungen sorgte. Und da dachte ich: „Yes, das ist mein kleiner Vulkan, über den ich da geschrieben habe.“

Ich finde es spannend, mit welcher Begeisterung du vom Musikmachen redest.

Co:
Aber ...? Ich mache so gerne Musik, singe oft beim Spaziergang mit den Hunden im Wald. Bei solchen Gelegenheiten, wenn man die Natur erlebt, kommen mir dann so schöne Zeilen wie „Im Nebel zu greifen“ in den Sinn. Ich habe immer Musik im Kopf, wobei das manchmal auch quälend sein kann, wenn man was Furchtbares im Radio gehört hat und das dann hängen bleibt. Aber wie gesagt, ich denke mir ständig neue Musik aus, denke mir zu einer Melodie noch eine Gitarre dazu, und deshalb kann ich es auch verstehen, dass es gefährlich ist, mit mir Musik zu machen, weil ich oft genau sage, was jemand spielen soll. Aber die Lieder sind nun mal im meinem Kopf, und dann kann Ulf etwa nicht einfach was anderes spielen.

Rieke: Papa ist wie ein Küchenchef – die anderen Köche müssen eben exakt die Rezepte kochen, die er ihnen vorgibt. Wenn daran was nicht stimmt, dann schmeckt es nicht.

Das Textblatt von „Black Beauty Farm“ ist von Andre Lux. Wie kamst du zu dem „Egon forever“-Schöpfer?

Co:
Das kam über dieses „Homestory“-Heft von Roland van Oystern und Ferdinand Führer zustande, das Fanzine über fiktive Besuche bei Punk-Größen. Die waren auf Lesetour im Sowieso damit und Andre war das Vorprogramm. Ich habe mich über Egon schlapp gelacht, so kam der Kontakt zustande. Als ich dann vor der Arbeit an dem Textblatt stand, fragte ich ihn einfach, und er sagte, das sei ein Ritterschlag für ihn. Und dann hat er das an einem Sonntag gemacht. Ich war begeistert.

Zum Schluss müssen wir über „Der unbekannte Wavesong“ reden. Das Lied hast du mir vor Jahren vorgespielt und zig anderen auch, weil du es covern wolltest, aber niemand wusste, von wem das ist – ich auch nicht. Wie weit ging diese Suche?

Co:
Auf der MC, auf der das ist, steht nur „Singles Teil 2“, die wurde 1987 aufgenommen. Wir haben alle und jeden gefragt, es gab die Vermutung, dass das eine Kellerband aus der Waltroper Ecke ist, aus der Ecke des Dortmunder Community-Labels. Aber meine Freundin Amanda aus New York sagte, das sei authentisches US-Englisch, also muss es eine US-Band sein. Ich hab das zig Leuten geschickt, so Nerds wie Bernd Groschewski von Fidel Bastro, die alles wissen. Keiner hat es rausgekriegt. Sogar Martin Kircher nicht. Nah dran gewesen sein könnte Stefan Mahler, der tippte auf eine Band aus dem TUXEDOMOON-Umfeld. Ich war dann im Studio Jörg und Olaf, und Olaf meinte, er würde auch mal ein paar Leute fragen, denn der kennt viele aus dem großen Musikbusiness. Klaus Walter meldete sich, wusste es aber auch nicht. Rough Trade London? Keine Ahnung. Daniel Miller von Mute Records? Musste passen. Calvin Johnson, K Records? Wusste es nicht. Mark Reeder? Nichts. Hat irre Spaß gemacht, diese Suche, aber es kam nichts dabei heraus. Auch Shazam half nicht weiter. Nur einen fand ich, der das Lied an sich kannte, aber welche Band das ist, das wusste er auch nicht. Vielleicht kommt anhand der BOXHAMSTERS-Version ja jetzt jemand darauf. Mit der GEMA konnten wir uns übrigens auch einigen, wir zahlen erst mal dafür.

 


Diskografie

Wir Kinder aus Bullerbü (LP, Bad Moon, 1988) • Der Göttliche Imperator (CD/LP, Bad Moon, 1990) • Tötensen (CD/LP, Bad Moon, 1991) • Prinz Albert (CD/LP, Bad Moon, 1993) • Klau Mich! (Boxhamsters Beste Bohne) (CD, Compilation, Bad Moon, 1993) • Tupperparty (CD/LP, Bad Moon/Community, 1996) • Saugschmerle (CD/LP, Bad Moon, 2000) • Die Frikadellenfarm - Compilation (CD, Compilation, Bad Moon, 2000) • Demut & Elite (CD/LP, L’Age D’Or/Bad Moon, 2004) • Brut Imperial (CD/LP, Unter Schafen, 2009) • Hardcore (7“, Compilation, Formosa Punk, 2010) • Thesaurus Rex (CD/LP, Compilation, Major Label/Broken Silence, 2011) • Black Beauty Farm (CD/LP, Comp., Unter Schafen, 2018)

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #140 (Oktober/November 2018)

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