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Interviews & Artikel

FUCKED UP

Die dysfunktionalste Band ever!

Wer seine Platten nach chinesischen Tierkreiszeichen benennt und Elemente aus Funk und Jazz in seine Musik einstreut, passt in die Hardcore-Punk-Szene nur „geht so“. FUCKED UP wissen das. Und trotzdem oder gerade deshalb sind sie noch immer einer der spannendsten Acts dieses Genres. Auf ihrem fünften Studioalbum „Dose Your Dreams“ gibt es ein Wiedersehen mit David, dem Helden der Rock-Oper „David Comes To Life“. Aus dem einstigen Rebellen ist ein Typ mit Bürojob geworden. FUCKED UP beschreiben auf dem Album eine mystische Reise, die David antreten muss. Dass das schräg, aber auch spannend ist, kann man sich denken. Auf die Frage „Julia – du FUCKED UP in Berlin?“ antwortete Julia Brummert entsprechend mit „Na klar!“ und merkte erst später, was für ein merkwürdiger Mailverlauf das war. Egal. Aus dem Berlin-Date wurden dann doch zwei Telefonate mit Sänger Damian Abraham und Gitarrist Mike Haliechuk, der ausnahmsweise alle Songs auf „Dose Your Dreams“ ohne Abraham schreiben musste.

Damian, du hast etwa tausend Jobs. Magst du uns mal einen kurzen Überblick geben?

Damian:
Ich bin Gastgeber des wöchentlichen Podcasts „Turned Out A Punk“. In den letzten Jahren habe ich Dokus für Vice gedreht und neuerdings drehe ich für eine andere Firma Dokus über Cannabis. Das alles macht mir wirklich Spaß. Jetzt gerade mache ich allerdings Pause von einem tatsächlichen Bürojob. Da gibt es Meetings und all diese Dinge. Das ist viel formeller als alle Jobs, die ich sonst so habe.

Musiker zu sein, zum Beispiel. Wenn ihr noch mal von vorn anfangen dürftet: Würdet ihr eure Band heute wieder FUCKED UP nennen?

Damian:
Zur Hölle, nein! Als ich diesen neuen Job anfing, musste ich mich in einer „Hallo hier bin ich“-Mail bei allen vorstellen. Da musste ich reinschreiben, dass ich bei FUCKED UP spiele. Wenn man weiß, was für eine Band das ist, ist das selbstverständlich kein Ding. Aber die große Mehrheit hat nun mal keine Ahnung. Auf die mache ich einen ziemlich irren Eindruck, wenn ich bei meiner Vorstellung schreibe, dass ich in einer Band mit Schimpfwort-Namen spiele.

Mike: Ich würde die Band wieder so nennen. Als wir 2001 angefangen haben, hatten wir nicht den Plan, Geld damit zu verdienen oder erfolgreich zu werden. Wir haben einfach versucht, anders zu sein. Das hat funktioniert und ist vielleicht einer der Gründe dafür, wieso die Leute uns mögen und uns vertrauen. Außerdem glaube ich, dass wir mit diesem Namen Möglichkeiten hatten, die wir sonst nicht bekommen hätten. Ironischerweise haben sich große Medien für uns interessiert, weil wir FUCKED UP heißen. Also hat uns der Name auf eine merkwürdige Art geholfen.

Damian: Er ist natürlich ein Teil der Bandidentität. Die Band hieß so, bevor ich Mitglied wurde, also gehört der Name eigentlich mehr zur Band, als ich es tue. Mike ist so was wie der Architekt dieser Band, eigentlich ist es sein Projekt. Ich erinnere mich daran, dass wir in der Wohnung, in der wir beide gewohnt haben, saßen und er vorschlug: „Ich will eine Band namens FUCKED UP gründen und es soll die dysfunktionalste Band überhaupt werden. Ich will all diese Leute in eine Band stecken und es wird sehr bizarr und wir gucken mal, wohin das führt.“ Ich sagte noch: „Na dann viel Glück“ und ein paar Monate später war ich auf einmal Bandmitglied. Ach und heute, 18 Jahre später, sind wir immer noch da.

Gibt es besondere Erinnerungen an die Zeit mit der Band, die euch besonders viel bedeuten?

Mike:
Das alles ist so eine große Sache, schwierig zu sagen. Jedes Mal, wenn wir eine gute Show spielen, ist das ein guter Moment für mich.

Damian: Es ist wirklich so viel. Mit FUCKED UP hofften wir damals, ein paar All-Ages-Shows zu spielen und fertig. Jeder Schritt, den wir danach gegangen sind, fühlte sich an wie „das ist es jetzt, das wird unser Höhepunkt“. Aber wenn ich mir wirklich einen aussuchen muss, dann, dass wir mit Gordon Downie gespielt haben. Er ist so etwas wie der kanadische Bruce Springsteen. Ich glaube, er ist in Kanada beliebter als Bruce Springsteen in den USA – Gord Downie ist ein Nationalheld.

Beliebter als der Boss in den USA? Das ist doch gar nicht möglich.

Damian:
Ich weiß, das ist absurd! Aber der kanadische Premierminister ist der größte Fan von Gord Downie und seiner Band THE TRAGICALLY HIP und geht zu allen Shows. Wirklich, diese Band verfolgt dich in Kanada überall. Als ich aufwuchs, habe ich sie gehasst. Sie waren die Verkörperung all dessen, was mich damals nervte. Als ich älter wurde und selber längere Zeit in einer Band spielte, begann ich, sie irgendwie zu mögen. Nach und nach wurde mir klar, dass es nicht die Band war, die ich hasste, sondern das, wofür sie stand. Oder noch deutlicher: Es waren ihre Fans. Die fand ich abscheulich. Die Musiker selber haben aber ihre Bekanntheit für gute Dinge genutzt. Sie haben auf die schlechte Behandlung der indigenen Völker in Kanada hingewiesen zum Beispiel, sie haben sich für Umweltschutz stark gemacht, für die Rechte der LGBTQI-Community und vieles mehr. Für eine Mainstream-Rockband sind Downie und TRAGICALLY HIP so cool wie nur irgend möglich. Gord und ich wurden irgendwann Freunde. Leider ist er vor zwei Jahren an einem Hirntumor gestorben. Kurz vorher haben wir aber zusammen gespielt. Mit ihm auf der Bühne zu stehen, meine Kinder im Publikum, das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich erwachsen geworden bin. Dieser wütende, reaktionäre Teenager, der ich mal war, lag hinter mir. Jetzt war ich ein Erwachsener, der mit dieser Ikone vor seinen eigenen Kindern spielt.

Ihr seid längst keine klassische Hardcore-Punk-Band mehr, ihr mischt Jazz und Funk und alles, was euch sonst in den Sinn kommt, in eure Musik. Wo verortet ihr euch in der Hardcore-Szene?

Mike:
Ich glaube nicht, dass wir heute überhaupt noch Teil der Szene sind. Am Anfang waren wir eine klassische Hardcore-Punk-Band. Wie viele andere Bands haben wir ästhetisch gesehen anderen Punkbands Tribut gezollt. Als wir andere Einflüsse zuließen, haben uns manche, die unsere ersten 7“s mochten, den Rücken gekehrt. Vielleicht wurden sie auch einfach älter, wer weiß. Wir entwickelten uns zu einem ganz eigenen Ding und existierten in unserer eigenen kleinen Welt.

Damian: Hardcore-Punk ist die einzige Musik, die ich höre. Was das angeht, fühle ich mich dort zu Hause. Ich kaufe Platten, ich gehe zu vielen Shows. Es wäre aber eine Lüge, zu behaupten, als Musiker wäre ich ein aktiver Teil der Szene. Heutzutage trage ich nichts mehr zur lokalen DIY-Hardcore-Szene bei. Klar sind FUCKED UP irgendwie noch immer eine Punkband. Wenn man es aber ernst meint in der Szene und wirklich eine DIY-Hardcore-Punk-Band sein möchte, dann gehen damit Verpflichtungen einher. Es reicht nicht, einfach nur eine Band zu sein.

Mike: Wir sind sehr aktiv in der Kunstszene in Toronto. Auch wenn die Menschen uns als Punkband sehen, ist Hardcore doch wirklich was anderes. Dort dazuzugehören ist sehr intensiv. Wir alle sind aber in der Szene groß geworden und verstehen, wie sie funktioniert.

Aber wo genau zieht ihr da die Linie? Ist man nicht automatisch mittendrin, wenn man in einer Band spielt?

Damian:
Das hat etwas mit der eigenen Wahrnehmung zu tun. Viele Menschen, die ich kenne, die in sehr populären Bands spielen, identifizieren sich noch immer mit Punk und der Hardcore-Szene. Ich will ja auch gar nicht so tun, als hätten wir das hinter uns gelassen, wie gesagt, ich höre die Musik ja auch noch ununterbrochen. Vor unserem Telefonat heute habe ich mir die Ox-Seite angeschaut und tausend Alben gefunden, die ich gern hätte. Ich bin besessen von der Punk-Kultur, der Musik. Als junger Mensch habe ich mich dort zu Hause und willkommen gefühlt. Es wäre aber einfach nicht aufrichtig, sie noch für mich zu beanspruchen. Es gibt einfach Kids, die das viel nötiger haben als ich heute. Denen will ich ihren Platz in der DIY-Szene nicht wegnehmen.

Neben der Show mit Gord Downie, gibt es noch etwas, das dafür sorgt, dass du dich alt ... nein, entschuldige, erwachsen fühlst?

Damian:
Vater zu sein! Seit ich Kinder habe, muss ich mir immer wieder vor Augen führen, dass ich kein Kind mehr bin. Das heißt, ich muss wohl der Erwachsene hier sein. Das ist es aber auch schon. An vielen anderen Stellen habe ich mich eher zurückentwickelt – früher war ich straight edge, heute kiffe ich, haha. Aber im Ernst: Ich habe gelernt, mehr Verantwortung zu übernehmen und diese auch zu respektieren. Das ist meine Art, erwachsen zu werden.

FUCKED UP veröffentlichen immer mal wieder eine EP hier, eine EP dort und jetzt folgt das neue Album. Wie bleibt ihr motiviert?

Mike:
Ich mag es einfach sehr, Musik zu machen. Einen anderen Plan hatte ich für mein Leben nie, also war es großes Glück, dass ich Teil dieser Band wurde und damit Geld verdienen kann. Wenn es FUCKED UP irgendwann nicht mehr gibt, hoffe ich, einfach in einem anderen Zusammenhang Musik zu schreiben.

Und du, Damian? Wie findest du überhaupt noch Zeit für die Band?

Damian:
Ach, ich habe ein gutes Netzwerk aus Menschen, auf die ich mich verlassen kann. Die halten mir den Rücken frei. So wurde dieses Album überhaupt möglich. Ich musste Mike sagen, dass ich eigentlich gar keine Zeit habe. Es ging aber nicht nur um Zeit, mir fehlte es auch an emotionalen Kapazitäten. Mit der Energie, die ich für FUCKED UP zu dem Zeitpunkt hatte, hätte ich nichts produzieren können, auf das ich später stolz gewesen wäre. Also musste ich Mike bitten, das Ding durchzuziehen. Ohne mich. Das ist in 15 Jahren FUCKED UP nicht passiert. Wäre Mike bei irgendeinem anderen Album auf mich zugekommen und hätte gesagt: „Hey, ich hab hier alle Texte für dich geschrieben, sing die mal“, hätte ich ihm den Vogel gezeigt: „Fuck you, nein. Ich schreibe meine eigenen Texte.“ Diesmal habe ich nicht diskutiert, sondern mich darauf eingelassen, was er mir vorgesetzt hat. Ich habe versucht, seine Vision so gut wie möglich umzusetzen und so etwas wie ein Instrument in diesem Projekt zu werden.

War das nicht seltsam?

Damian:
Na ja, es hatte Einfluss auf die Einstellung, mit der ich ins Studio gegangen bin. Ich war deutlich gelassener und habe mich sehr wohl gefühlt bei den Aufnahmen. Außerdem konnte ich mich besser auf die Musik konzentrieren und darauf, wie wir sie umsetzen. So konnte sich Mikes Vision besser entfalten.

Gab es jemals eine Situation, in der du Mike wirklich gesagt hast: „Das hier werde ich auf gar keinen Fall singen!“?

Damian:
Ja, andauernd. Direkt nach „Glass Boys“ haben Mike und Jonah, unser Schlagzeuger, eine EP geschrieben, die ich komplett abgelehnt habe. Einzelne Textzeilen gab es immer mal wieder. Diese Einstellung habe ich aber für „Dose Your Dreams“ hinter mir gelassen. Früher hätte ich mich bei einigen Songs, die jetzt auf dem Album sind, geweigert, sie zu singen. Das wäre wahrscheinlich so weit gegangen, dass das Album nicht zustande gekommen wäre. Eine meiner großen Ängste ist, meine Komfortzone verlassen zu müssen. Viele der Songs auf diesem Album sind wirklich weit, weit draußen. Wenn ich zurückblicke auf die Bandgeschichte – also früher hätte es das nicht gegeben, ich hätte mit dem Fuß aufgestampft und gesagt: „Das singe ich nicht! Das frustriert mich, damit will ich nichts zu tun haben.“ Wir haben Disco-Einflüsse auf „Dose Your Dreams“ und sogar Industrial. Ich sagte ja schon, ich höre nur Punk und Hardcore. Gut, und manchmal Rap. Diesmal habe ich mich darauf eingelassen und bin sehr froh, dass ich das getan habe. Ich bin wirklich stolz auf das Album, das hätte ich nicht gedacht. Normalerweise hätte ich das versaut, haha.

Mike, bevor ihr die letzte EP „Year Of The Snake“ aufgenommen habt, bist du nach Nepal gefahren und hast dich auf einen Pilgerpfad begeben. Hast du dich auf das Songwriting für „Dose Your Dreams“ ähnlich vorbereitet?

Mike:
Wir haben die Aufnahmen begonnen, bevor ich mich auf die Reise begeben habe, vor etwas mehr als zwei Jahren. Es ist aber nicht so, dass ich mich explizit auf die Arbeit am Album vorbereitet hätte. Wir haben einfach damit angefangen.

Der Held des Albums, David, ist ein alter Bekannter. Er war bereits der Protagonist von „David Comes To Life“. Wieso habt ihr euch entschieden, ihn noch einmal zum Thema zu machen?

Damian:
David ist ein wichtiger Teil von FUCKED UP. Die ganze Sache begann, weil Mike ein Interview mit uns gemacht hat für das Maximum Rocknroll. Er hat uns interviewt, als er selbst, hat aber als Pseudonym David Eliad angegeben. Das war das erste Mal, dass wir David begegnet sind. Ich freue mich, dass er zurück ist. Es wäre eine Lüge, zu behaupten, ich hätte gewusst, dass sich das Album um David dreht, bevor es komplett fertig war. Ich dachte, ganz ehrlich, Mike hätte ein Album über uns als Band geschrieben, haha. Mike und ich reden eigentlich nie über die Texte, die wir schreiben. Wir reden eh nicht so viel über Dinge, wenn wir nicht auf Tour sind. Also musste ich das selber herausfinden. Mittlerweile ist mir klar, dass das David ist, dass wir zurück in dieser kleinen Mythologie sind, die wir da all die Jahre aufgezogen haben. Trotzdem wäre ich selber nie auf diese Idee gekommen, ich hätte wahrscheinlich gesagt: „Nee, Leute, lasst uns doch lieber über was anderes reden.“ Es fühlt sich jetzt aber richtig an.

Mike: David ist kein klassischer Held einer Geschichte, mit Charaktereigenschaften, die sich im Laufe der Zeit verändern. Er ist eher ein Name auf einer Seite. Wann immer wir in einem Song etwas erzählen wollen, nehmen wir David zu Hilfe. Das bereitet mir mehr Spaß, als einfach nur meine persönliche Meinung aufzuschreiben. Außerdem ist dieser Weg allgemeingültiger, man kann sich vielleicht besser mit so einem Charakter identifizieren, wenn man die Stücke hört. Auf „Glass Boys“ haben wir es anders gemacht, uns aber diesmal dazu entschieden, doch wieder auf die Möglichkeit der Geschichte zurückzugreifen.

Trotzdem werden ja alle erwarten, wieder auf den gleichen David zu treffen. Wie wurde aus dem rebellischen David, der die Fabrik, in der er arbeitet, anzündet, der Typ mit dem Bürojob?

Mike:
Es ist keine Fortsetzung, es ist eine andere Geschichte, eben mit dem gleichen Typen. Auf „David Comes To Life“ war er am Ende dieser richtige Punk, es ging uns damals um Rebellion und darum, sich selber zu finden. Jetzt arbeitet David eben in einem Büro, ein Normalo, der ein neues Abenteuer erlebt.

Wie lief das Songwriting ab, da Damian raus war?

Mike:
Wir hatten ein Stipendium für neue Aufnahmen, das fast auslief, also mussten wir uns ranhalten, das Geld noch zu nutzen. Jonah und ich haben das Auto mit Gitarren vollgeladen und sind in sein Studio gefahren. Wir hatten keinen Plan und haben einfach mit dem Schlagzeug, Synthesizern und Keyboard rumexperimentiert, haben Bass und Gitarre gespielt und haben es so irgendwie geschrieben. Jonah war dann zwei Wochen in England und wir haben unabhängig voneinander weitergemacht. Als er zurückkam, sind wir noch mal für eine Woche ins Studio und ganz langsam haben sich dann Songs und die Struktur für ein ganzes Album ergeben, dann sogar ein Doppelalbum. Die anderen haben Parts beigesteuert ... es ist wirklich sehr langsam gewachsen. Nach zwei Jahren war es dann fertig.

Ihr nennt James Joyces „Ulysses“ als Inspiration für „Dose Your Dreams“. Wieso gerade das?

Mike:
Es gibt einige Parallelen. Bei „Ulysses“ ging es um die wahre Freiheit, sich auszudrücken, den Raum zu haben, das, was man darstellen möchte, auch zu zeigen. Es gab all diese zahlreichen Diskussionen und Verhandlungen darüber, das Buch zu verbieten. FUCKED UP sind für mich eine Art Light-Version des Ganzen. Auch wir hatten – ich möchte es nicht Verfolgung nennen – mit ein paar Problemen wegen unseres Namens zu kämpfen. Auf dem Album passiert schon eine ganze Menge Joyce’scher Kram. Ein Charakter in der Geschichte trägt ja auch seinen Namen. Viel mehr will ich aber nicht verraten, außer dass es sehr viel zu entdecken gibt, wenn man sich darauf einlässt.

James Joyce hat mal gesagt, er hätte viele Rätsel und Geheimnisse in „Ulysses“ versteckt, damit auch hundert Jahre später Leute an seiner Geschichte zu knabbern hätten. War das auch ein Ziel? Die Songs sind schon sehr, nun ja, verschroben.

Mike:
Ja, er sagte so etwas wie, dass selbst Professoren nicht alle Hinweise in seinem Buch finden würden. Auf dem Album geht es mir jedoch nicht darum, Geheimnisse zu verstecken, sondern eher darum, die Spannung aufrechtzuerhalten. Wenn man möchte, dass die Menschen die Musik wirklich anhören, ist das nötig. Es erscheint so viel Musik heutzutage – sie wird immer mehr zum Wegwerfartikel. Ein gutes Album zu machen bedeutet für mich, dass es so viel beinhaltet, dass man bei jedem Hören etwas Neues entdeckt. Also muss man viel hineinstecken. Wenn man sich schon die Mühe macht, ein neunzigminütige Album zu produzieren, will man doch, dass die Menschen es hören, und das am besten so oft und lange wie möglich. Das, was es auf „Dose Your Dreams“ zu finden gibt, würde ich nicht direkt Geheimnisse nennen. Aber es gibt viel zu entdecken.

Allerdings. Wir müssen ja nicht konkret verraten, wie es ausgeht, aber würdet ihr das Ende als glücklich bezeichnen?

Mike:
Ich finde nicht, dass es ein konkretes Ende gibt, vieles bleibt offen. David bekommt, wofür er bezahlt. Der Höhepunkt des Albums ist der Song „Accelerate“, der einen umfangreichen Text hat. David lernt, die Welt so zu sehen, wie sie ist, und auch sich selbst so zu sehen, wie er ist. Trotzdem geht es auf dem Album meist um Joyce und ihre Beziehung zu Lloyd, der vor langer Zeit ihr Geliebter war. Sie wurden getrennt. Wenn wir Joyce zum ersten Mal begegnen, ist sie bereits eine alte Frau. Einerseits ist es ein Happy End, weil die beiden eine sehr besondere Beziehung hatten, aus der Joyce ihre Kräfte gezogen hat. Es ist aber auch traurig, weil sie nicht wirklich wieder zusammen sein können. Lloyd sitzt im Void fest. Der letzte Song „Joy stop time“ soll aber ein aufmunterndes Stück sein. Er zeigt, wie viel Energie darin steckt, frei zu sein.

Als erste Single habt ihr „Raise your voice Joyce“ veröffentlicht und im Video „Two I’s closed“ direkt angehängt. Wäre es nicht naheliegender, mit den tatsächlich ersten Songs zu beginnen oder zumindest zwei zusammenhängende Stücke zu veröffentlichen? Ihr erzählt hier schließlich eine Geschichte.

Mike:
Wir wollten einen Song veröffentlichen, der nach FUCKED UP klingt, die Leute sollten uns erkennen und wiederfinden, was sie bislang an unserer Musik mochten. „Two I’s closed“ anzuhängen, war naheliegend, um sie dann noch darauf vorzubereiten, wie der Rest des Albums wird. Der Song ist ein bisschen wie eine Post-Credit-Szene in einem Film. Etwas merkwürdiger, frei gedrehter. Aus erzählerischer Sicht passen die beiden Songs wirklich nicht zusammen, aber darum ging es uns hier nicht. Es sollte neugierig machen.

Ihr habt für das Album das Label gewechselt, von Matador zu Merge. Wieso?

Damian:
Bei Matador war es wirklich toll und wir haben dort viele Freundinnen und Freunde gefunden. Die Beziehung war aber einfach nicht mehr gut, schon beim letzten Album lief nicht mehr alles glatt. Wir waren nicht glücklich und die Leute beim Label waren, glaube ich, auch nicht mehr glücklich. Nach „Glass Boys“ haben wir entschieden, dass sich unsere Wege trennen. Merge ist ein Label, mit dem wir immer mal wieder zusammengearbeitet haben. Ich habe dort zum Beispiel mit Podcasts gearbeitet. Dort fühlte es sich sehr familiär an, es ist ein gutes Zuhause. Bei Matador war es auch schön, dort wurden auch tolle Alben veröffentlicht. Merge ergibt aber für das, wofür wir mit der Band gerade stehen, mehr Sinn. Außerdem habe ich jetzt eine prima Entschuldigung, Mac und Laura für meinen Podcast zu interviewen, haha. Sie haben das Label gegründet und ich wollte sie schon lange mal einladen.

Habt ihr darüber nachgedacht, das Album tatsächlich als – ich sträube mich wirklich sehr dagegen, es so zu nennen – Musical aufzuführen oder einen Film daraus zu machen?

Mike:
Ich würde sehr gerne einen Film drehen. Ich glaube, für die Bühne würde es kompliziert. Aus „David Comes To Life“ wollten wir damals bereits ein Musical machen, wir hatten sogar angefangen, an einem Konzept dafür zu arbeiten, aber das gestaltete sich schwierig. Als Film würde es mehr Sinn ergeben.

Wer würde die Hauptrollen spielen?

Mike:
Haha. Ach, keine Ahnung. Jonah vielleicht. Er spielt David auch schon in den Musikvideos. Frag mich in zwei Jahre noch mal, vielleicht wird es dann ja Realität und wir müssen uns ernsthaft Gedanken darüber machen.

Damian: Ein Musical fände ich großartig! Ich frage mich aber gerade erst mal, wie wir es hinbekommen, diese komplexen Songs irgendwann überhaupt live zu spielen. Wir haben diesmal so viele Gastsänger auf dem Album, und dann stellt sich die Frage, ob wir eine Geige mit auf Tour nehmen, eigentlich bräuchten wir auch jemanden, der Orgel oder Saxophon spielen kann. J. Mascis müsste eigentlich auch mitkommen.

Wenn schon eine Geige, dann sollte doch gleich Owen Pallet mitkommen. Der hat immerhin die Parts fürs Album geschrieben und eure Bio noch dazu.

Damian:
Oh, er ist einer meiner Lieblingsmenschen auf der Welt. Es wäre super, wenn er mitkäme. Er ist auch einer der wenigen Menschen, der gut und auf Augenhöhe mit Mike und mir kommunizieren kann. Owen hat aber leider sehr viel zu tun, Geigenparts für Taylor Swift schreiben und so. FUCKED UP können ihn ja nicht immerzu für sich beanspruchen.

Was für ein schönes Line-up das wäre. J. Mascis, Owen Pallet ... ihr solltet das wirklich machen.

Damian:
Klar wäre das toll. Aber J. Mascis ist nicht so blöd, noch mal mit mir auf Tour zu gehen. Für ihn wäre das eine Strafe, ich würde ihm wieder andauernd Fragen zu alten Hardcore-Bands stellen und nach DEEP WOUND 7“s fragen, haha.

Wenn wir schon dabei sind: Gibt es jemand, den du unbedingt mal für eine Collaboration mit FUCKED UP gewinnen möchtest?

Damian:
Da wären wir wieder bei Gord Downie. Als ich jünger war, wäre es ungefähr das Absurdeste gewesen, was ich mir hätte vorstellen können, und gleichzeitig hätte ich mir das auch nie gewünscht. Dass wir ihn all die Jahre später für den einen Song auf „Glass Boys“ gewinnen konnten, war ein großer Moment. Rückblickend ist es Wahnsinn, wen wir alles schon dabei hatten. Ich habe neulich Nelly Furtado im Fernsehen gesehen. Da ist mir eingefallen, dass sie auch auf einer FUCKED UP-Aufnahme zu hören ist. Das hatte ich völlig vergessen.

Ach echt? Ich wusste das auch nicht, wann denn?

Damian:
Sie ist auf der 7“ zu hören, die wir mal für einen guten Zweck aufgenommen haben, „David’s First Christmas“. Sie ist auf der B-Seite die erste Person, die allen schöne Feiertage wünscht. Das ist schon ein bisschen bizarr. Früher war das Größte, was ich mir vorstellen konnte, dass wir mit befreundeten Bands auf der Bühne stehen. Einige Jahre später habe ich dann sogar vergessen, dass Nelly Furtado auf unserer 7“ „Happy holidays“ sagt. Wir hatten mit der Band bislang wirklich eine ziemlich gute Karriere, da dürfen wir uns nicht beschweren.

Wir haben deine vielen unterschiedlichen Karrieren ja bereits angesprochen. Kannst du entscheiden, welche davon dir am meisten Spaß bereitet?

Damian:
Meine Familie geht mir natürlich über alles, aber wenn es um Hobbys geht, sind es Wrestling, Weed und Musik, die mir am meisten Freude bereiten. Ich betone es gern noch mal: Ich habe unfassbar viel Glück, dass ich alles, was ich mag, zu einer Art Job machen konnte. Es fällt mir schwer, mich für eine Sache zu entscheiden. Sie alle haben ihre Hoch- und Tiefpunkte. Aber wahrscheinlich ist der Podcast das, was am meisten Spaß macht. Einfach, weil ich gerne rede. Ich plappere gern vor mich hin und es gibt wenige sozial akzeptierte Orte, an denen man jemanden dazu zwingen kann, dir für Stunden zuzuhören. Mit dem Podcast kann ich all meine Heldinnen und Helden mehr oder weniger damit bestrafen, dass ich sie zuquatsche, haha.

Das ist wirklich ein guter Grund, mit einem Podcast anzufangen.

Damian:
Es ist der einzige Grund.

Gibst oder führst du lieber Interviews?

Damian:
Ich liebe es, Interviews zu geben. Auch da sind Menschen gezwungen, mir zuzuhören, ich kann die ganze Zeit plappern und plappern, haha. Das ist dann Teil eures Jobs. Ich mag es aber auch wirklich gern, Interviews zu führen. Ich mache mir so viele Gedanken über Musik und es ist schön, mit jemandem zusammenzusitzen und nach und nach das Puzzle, das man sich zur Musik zusammengelegt hat, zu vervollständigen. Neulich habe ich ein Interview mit David Pajo von SLINT gemacht für den Podcast. Da habe ich rausgefunden, dass er mal gefragt wurde, ob er bei DANZIG Gitarre spielen möchte. Was meinst du, wie das den Lauf der Musikgeschichte verändert hätte?! Es gäbe kein SLINT und DANZIG hätten völlig anders geklungen. Das weiß ich nur, weil ich dieses Interview geführt habe. Ich mag es, all diese kleinen Informationen zusammenzusuchen.

Um noch einmal zurück auf FUCKED UP zu kommen: Beendet ihr eigentlich noch diese EP-Reihe mit den chinesischen Tierkreiszeichen?

Mike:
Ja, ganz sicher. „Year Of The Horse“ ist so gut wie fertig. Vielleicht fangen wir sogar noch mal von vorne an.

Es hieß aber auch, ihr würdet mit FUCKED UP aufhören, sobald diese EP-Reihe durch ist. Was ist da dran?

Mike:
Das glaube ich nicht. Es ist natürlich schwer zu sagen. Ehrlich gesagt war der eigentliche Plan, die Band schon vor 13 Jahren aufzulösen. Uns gibt es aber immer noch.

 


„Turned Out A Punk“

Wer Punk und Podcasts mag – und wer tut das nicht? –, der dürfte bereits über Damians „Turned Out A Punk“ gestolpert sein. Falls nicht, könnt ihr euch auf mittlerweile mehr als 180 Folgen sehr unterhaltsamer Interviews freuen. Damian plaudert mit allen möglichen Leuten aus der Szene darüber, wie Punk ihr Leben verändert hat. Neben zahlreichen Musiker*innen wie Walter Schreifels, JD Samson oder Dave Hause hat er auch Menschen interviewt, die man vielleicht nicht auf den ersten Blick mit Punk in Verbindung bringen würde. An dieser Stelle sei der Nachruf auf den Koch Anthony Bourdain wärmstens empfohlen. Auch er war mal zu Gast bei „TOAP“. Ach, eigentlich sind alle Folgen wärmstens empfohlen, denn Damian Abraham ist jemand, der sich selbst zwar gern reden hört, dem man aber auch sehr gut zuhören kann. Außerdem hat er einen prima Sinn für Humor. Die Folgen gibt es online bei Audioboom, aber auch bei Spotify, Deezer, iTunes und so weiter zu hören.

 


Diskografie

Let Likes Be Cured By Likes (LP, Schizophrenic, 2004) • Looking For Gold (LP, Selfreleased, 2004) • Hidden World (LP/CD, Deranged/Jade Tree, 2006) • The Chemistry Of Common Life (LP/CD, Matador, 2008) • Singles Collection (CD, Compilation, HG Fact, 2009) • Couple Tracks (LP/CD, Compilation, Matador, 2010) • Reel Live (Reel, Welfare, 2010) Coke Sucks Drink Pepsi (LP, Chunklet, 2011) • David Comes To Life (LP/CD, Matador, 2011) • David’s Town – 11 Original Hits From Byrdesdale Spa, UK! (LP, Matador/ Selfreleased, 2011) • Glass Boys (LP/CD, Matador/Arts & Crafts, 2014) • Zanzibar (LP, Selfreleased, 2016) • Live At Third Man Records (LP, Third Man, 2017)

 


TIMELINE

2001
Mike Haliechuk alias 10,000 Marbles (ehemals bei RUINATION, Leadgitarre), Josh Zucker alias Concentration Camp/Gulag (gt, voc), Sandy Miranda alias Mustard Gas (bs, voc) und Chris Colohan (von LEFT FOR DEAD/THE SWARM/CURSED, dr) gründen die Band in Toronto, Kanada. FUCKED UP spielen ihre ersten Shows. Chris Colohan verlässt die Band jedoch bald wieder. Kurz vor den Aufnahmen für ihr Demotape kommen Damian Abraham alias Pink Eyes (Gesang) und Jonah Falco alias Mr. Jo/Guinea Beat (Gitarrist bei CAREER SUICIDE, dr) dazu. Danach folgen eine Reihe von 7“-Releases, teils selfreleased, aber auch auf Deranged, Matador oder Tankcrimes.

2005 Nachdem sie fast das ganze Jahr auf Tour sind, wird David Eliade als Manager und fünftes Mitglied der Band engagiert.

2006 David Eliade handelt einen Plattenvertrag mit Jade Tree aus. Die „Hidden World“-LP erscheint noch im Herbst desselben Jahres. Jade Tree lizensiert die Vinylversion für Deranged, die das Album dann im November veröffentlichen. FUCKED UP gehen auf ihre erste Europatour.

2007 Am 16. Januar hat die Band ihren ersten Fernsehauftritt bei „MTV Live“, werden aber als „Effed Up“ angekündigt. Während des Auftritts beginnen die Zuschauer zu moshen und zerstören das Set (Beweis: siehe Damians Stirn). 2.000 Dollar Schaden und ab sofort ist Moshen bei allen „MTV Live“-Auftritten verboten. Das wird allerdings nicht das letzte Mal sein. Ben Cook alias Young Governor (NO WARNING) kommt als dritter Gitarrist dazu und macht zusätzlich Backing Vocals.

2008 Es folgt ein Plattenvertrag mit Matador. Ihr zweites Studioalbum, „The Chemistry Of Common Life“, erscheint auf Matador. Im Oktober touren sie durch die USA und geben eine zwölf Stunden lange Show in New York, bei der einige Gäste dabei sind, unter anderem DINOSAUR JR., Ezra Koenig von VAMPIRE WEEKEND und John Joseph von den CRO-MAGS.

2008 FUCKED UP spielen in Fucking in Österreich beim Festival der Bands mit „Fuck“ im Namen, unter anderem treten HOLY FUCK, STARFUCKER und FUCK auf.

2009 Die Band erhält den Polaris-Preis für ihr zweites Album in der Kategorie „Bestes Album“. Der Polaris ist der höchste kanadische Musikpreis. Damian Abraham ist ab sofort regelmäßiger Gast bei der Fox-Talkshow „Red Eye with Greg Gutfeld“. Die Band nimmt Teil an der interaktiven Dokumentarserie „City Sonic“. Damian Abraham und seine Frau Lauren werden Eltern.

2011 FUCKED UP touren zum ersten Mal in Australien und spielen beim Soundwave Festival, zusammen mit THE BRONX, TERROR, H2O usw. Ihr drittes Studioalbum „David Comes To Life“, eine „Rock-Oper“, die von Liebe, Verlust und Erlösung erzählt, wird auf Matador veröffentlicht. Das Album erreicht Platz 83 in den Billboard 200 Charts in den USA. FUCKED UP geben bekannt, dass sie eine Pause einlegen werden, denn Abraham braucht mehr Zeit für seine Familie. Das Spin Magazine erklärt „David Comes To Life“ zum Album Nr. 1 von 2011 und bringt die Band auf ihre Titelseite.

2012 Sie spielen beim Orion Music + More Festival in Atlantic City, New Jersey, das von METALLICA kuratiert wird. Im August werden sie ein weiteres Mal für den Polaris-Preis nominiert.

2014 Das vierte Studioalbum „Glass Boys“ erscheint auf Matador.

2016 Songs und Avatare der Band werden im Videospiel „Loud on Planet X“ verwendet. FUCKED UP veröffentlichen ihren „Zanzibar“-Soundtrack für Tod Brownings Stummfilm „West of Zanzibar“ von 1928 mit Lon Chaney.

Julia Brummert

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #140 (Oktober/November 2018)

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