Interviews & Artikel : GUTZE GAUTSCHI :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

GUTZE GAUTSCHI

Ich möcht’ ich wär’ 1 Millionär

Gutze Gautschi ist eine der ungewöhnlichsten Musikerpersönlichkeiten der Schweiz. Ich kenne niemand sonst, der sich alle paar Jahre mit Haut und Haaren mit einer neuen Musikrichtung in der einen oder anderen Funktion auseinandergesetzt hat. Bei ihm fing alles Mitte der Sechziger Jahre als Bassist in der Beat-Band seines älteren Bruders an, es folgten Progressive Rock, Poprock, Punk, New Wave, NDW, Synth-Pop und Italo-Disco, ab 1986 in der Funktion als Produzent etlicher Disco- und Dance-Acts. Diesen Sommer erscheint ein Rerelease des 1982er Albums „Nur für Mädchen“ von seiner Band EL DEUX + MARTIN KRAFT auf Vinyl bei seinem eigenen Label Fresh Music, ebenso bei Dark Entries in den USA. Dazu wird es einige Live-Gigs in Deutschland mit dem Original-Line-up geben.

Gutze, du bist 1949 geboren und wirst nächstes Jahr siebzig, glaubst du das selbst? Und wie bist du überhaupt zu deinem Namen gekommen?


Stimmt, im Dezember kommenden Jahres. Und ja, ich kann mich schon noch an vieles erinnern, trotz meines Alters. Also, als kleiner Junge von neun Jahren war mein größter Traum, Klavier zu spielen. Da meine Eltern das nötige Kleingeld für ein Klavier und den Unterricht nicht hatten, blieb es leider ein Traum. Als ich in die 5. Klasse kam, musste dort jeder einen Spitznamen haben. Da ich ein Fan der Motorradmarke Motto Guzzi war, habe ich mich für Gutze entschieden.

Wie fing das bei dir trotz allem mit der Musik an?

Ich war so 14 oder 15 Jahre alt, als die Beat-Welle so langsam die Schweiz erreichte. Ich war fasziniert von dieser Musik und kaufte mir von diversen Bands etliche Singles und LPs. Mein älterer Bruder spielte zu dieser Zeit in einer Band als Drummer. Er fragte mich dann immer wieder, ob ich keine Lust hätte, in dieser Band als Bassist mitzuspielen. Ich antwortete ihm immer und immer wieder „kommt nicht in Frage“, da ich ja gar nicht Bass spielen könne. Nun fing auch noch ihr Gitarrist an, mich täglich anzurufen. Kurze Zeit später hat mein Bruder zu mir gesagt: „So, jetzt kommst du einfach mit in den Proberaum, du bist jetzt bei unserer Band dabei.“ Sie hatten einfach einen Bassverstärker und eine Bassgitarre gekauft – somit bin ich dann eben mal mitgegangen. Die Songs, die sie spielten, die Stimmung unter den Bandmitgliedern und ihrem Anhang haben mich total begeistert. Das sollte jetzt auch „meine Welt“ werden, einfach geil. Einige Wochen später wurde mein Bruder durch einen 15-jährigen neuen Drummer ersetzt und auch der untalentierte Sologitarrist musste gehen. Zum Trio geschrumpft, gaben wir uns den Namen EXPELLED, probten täglich und haben uns einen Manager zugelegt. Auch spielten wir keine Hitparaden-Songs wie viele andere Bands, sondern eigene Kompositionen oder coverten Songs von CREAM, TRAFFIC, TEN YEARS AFTER ...

Vor fünfzig Jahren hast du am 16. November 1968 mit deiner Band EXPELLED im Vorprogramm von PINK FLOYD im ausverkauften Saal vom Hammer in Olten gespielt. Dies war deren erstes Konzert in der Schweiz, wie kam es dazu und was spielte sich da ab?

Unser Auftritt war nach ein oder zwei Vorbands so circa für 22 Uhr angekündigt. Der Auftritt von PINK FLOYD für 23:15 Uhr. Sie spielten am gleichen Abend vorher noch in der Coca-Cola Halle in Abtwil. Mit einer halben Stunde Verspätung trafen dann die Mitglieder der Band total weggetreten und ohne ihre Instrumente ein. Was nun? Ihr Manager fragte uns dann, ob sie unsere Instrumente und unser Equipment benutzen dürften. Wir natürlich ja, was für eine Ehre für uns, PINK FLOYD spielten auf unseren Instrumenten. Ihr Auftritt dauerte dann aber nur etwa zwanzig bis dreißig Minuten, das heißt, es war eher eine Power-Jamsession. Vorne links auf der Bühne als Lichtanlage stand nur ein flackerndes Stroboskop. Danach Handshakes und thanks, boys. PINK FLOYD und ihre Crew verschwanden in einem Bus in die Nacht und das war’s dann auch schon.

Wie ging es dann bei dir weiter?

1969 haben sich EXPELLED aufgelöst. Ich musste meinen Militärdienst absolvieren und der Gitarrist wollte in der Arbeitswelt Karriere machen. Nach dem Dienst fürs Vaterland hatte ich einige Angebote, in Bands zu spielen. Aber irgendwie nichts Passendes. Nach weiteren vier Jahren musikalischer Abstinenz entschloss ich mich, wieder loszulegen. Aber dieses Mal nicht am Bass, sondern mit einer E-Gitarre. Ich komponierte eigene Songs und gründete 1974 die Rock-und-Pop-Band EX.

Im Frühling 1977 ging es bei dir mit der Punkband THE DANGER los. Ihr wart somit eine der ersten Schweizer Punkbands, mit dir als Sänger und Gitarrist, Bruno „Bruni“ Graf am Bass und Dieter „Didi“ Marthaler am Schlagzeug.

Ja, die Punk-Welle schwappte schon früh Richtung Schweiz. Was für eine geile Musik. Ich kaufte mir Platten von den SEX PISTOLS, SHAM 69, THE DAMNED, BLONDIE, meiner-Lieblingsband Nr. 1 THE RAMONES und meiner Lieblingsband Nr. 2 AC/DC. In meinem Privatleben gab es zur selben Zeit auch eine Veränderung. Meine fünfjährige kinderlose Ehe wurde geschieden. Somit konnte ich mich voll auf meine Musik konzentrieren. Unser erstes Konzert war im Mai 1977 in Bremgarten und weitere folgten um Aarau und in Raum Zürich.

Am 12. März 1978 bei eurem Gig im Klub Hey in Zürich, was ging da genau ab?

Wir wurden da von den Züri-Punks gnadenlos ausgepfiffen. Das Hey war ja ihre heilige Stätte, aber es waren nicht unsere Songs, die den Ausschlag dazu gaben, sondern unsere Herkunft aus Aarau, der Vorstadt, und dass unser Styling – ich trug immer noch einen Hipster-Schnauzer – nicht dem neuesten Punk-Trend aus London entsprach. Rudolph Dietrich, der Gitarrist von den NASAL BOYS, schätzte unseren Auftritt jedoch sehr und lobte mein Gitarrenspiel, die Riffs und mein Songwriting. Er erwähnte auch, dass die NASAL BOYS kurz zuvor ihre erste 45er-Single „Hot Love“ veröffentlicht hatten. Diese war auf dem Periphery Perfume-Label von Paul Vajsabel erschienen, welcher auch Inhaber des Schallplattenladens Music Market in Zürich war, von 1975 bis 1995. Er ermutigte mich, bei ihm vorbeizugehen und wegen einer möglichen Veröffentlichung von THE DANGER zu fragen.

Bist du da hingegangen?

Ja, klar, in der Woche darauf ging ich mit einem Demo zum Music Market. Der Verkäufer Zarko brachte mich nach hinten zu Paul, der in seinem engen, schummrigen Büro saß. Er legte das Tape ein und war bereits nach der ersten Minute begeistert. Paul fragte mich, wo und wann wir probten, und kam am nächsten Abend zu uns nach Aarau in den Übungsraum. Er war voll und ganz überzeugt und offerierte uns sofort, eine Platte zu machen. Er versprach auch bald nochmals vorbeizukommen und einen Sänger für die Band mitzubringen. Einige Wochen später kam er zurück in den Übungsraum mit einer ganzen Schar im Schlepptau, inklusive Dieter Meier als designierter Sänger. Dieter hatte kurz zuvor zahlreiche Songs mit Anthony Moore und Gastmusikern in den Sunrise Studios aufgenommen. Auf alle Fälle war die Stimmung bestens und allen gefielen die Songs von THE DANGER.

Wie kam es eigentlich zum Namenswechsel von THE DANGER zu FRESH COLOR?

Dieter kam dann regelmäßig zwei Mal die Woche für Proben nach Aarau. Wir arbeiteten gleichzeitig an Songs für eine 45er-Single-Veröffentlichung mit Dieter Meier und eine ohne ihn, sprich: für THE DANGER. Paul forderte aber einen neuen Bandnamen und zur Auswahl standen SAMURAI KIDS oder eben FRESH COLOR. Letzterer gefiel eindeutig besser. Daraufhin spielten wir auch einige Konzerte zusammen, angekündigt als DIETER MEIER & FRESH COLOR.

Das mit den Aufnahmen zu den beiden Singles war ja auch noch so eine Geschichte ...

Anfangs wollte Paul Vajsabel die Songs für zwei 45er-Singles – „Cry For Fame“ von DIETER MEIER & FRESH COLOR und „No Chance“ von FRESH COLOR – in den Sunrise Studios in Kirchberg, St. Gallen einspielen. Zu diesem Zweck brachte er auch einige 45er-Singles mit, unter anderem von SHAM 69, als Sound-Referenzen für Etienne Conod, den Inhaber und Tontechniker des Studios. Jedoch war der Plattenspieler defekt und ein Ersatz konnte in der abgelegenen Gegend, wo das Studio lag, nicht organisiert werden. Zudem brauchten nur die Einstellungen für das Schlagzeug schon etliche Stunden. Paul platzte endgültig der Kragen, nachdem Etienne auch noch eine Vorauszahlung von 500 Franken verlangte. Daraufhin wurde das ganze Equipment wieder eingepackt und wir fuhren schnurstracks zurück nach Zürich. Eine Woche später informierte Paul uns, dass Eduard Stoeckli, der Schweizer Pornofilm-König, die Finanzierung garantiere und sie in die Mountain Studios in Montreux gehen würden, wo neben vielen anderen schon Iggy Pop, AC/DC, ROLLING STONES, QUEEN oder Brian Eno aufgenommen hatten. Ich erinnere mich gut, dass mir bei der Ankunft die Autoschlüssel und Koffer abgenommen wurden, genauso wie in einem Nobelhotel. Zudem wurde nach unseren „speziellen Wünschen“ gefragt und wir waren zuerst ahnungslos, was damit wohl gemeint sein könnte. Schlußendlich spielten wir dann am 16. Juni 1978 alle vier Songs ein: „Cry for fame“, „The hook“, „No chance“ und „The source“. Am Tag darauf mischten Studioinhaber David Richards sowie die Assistenten Martin Pearson und Eugene Chaplin – vom Chaplin-Clan, war damals aber nur für unseren Kaffee zuständig und ist bis heute noch in der Schweiz als Tontechniker aktiv – die Stücke ab.

Nach der Veröffentlichung der beiden Singles wurdest du von Peter Preissle, einem der Macher des Fanzine No Fun, zur Trennung von Dieter Meier befragt.

Ja, auf der einen Seite wollten wir nicht mehr die Begleitband von Dieter sein und auf der anderen Seite behauptete er in der Sendung „Music-Scene“, dass alle Songs von ihm geschrieben worden wären, was natürlich kompletter Blödsinn war. Gleichzeitig hat Dieter auch bei anderen Bands mitgewirkt und im April 1979 kam ja dann die erste YELLO-Maxi-Single ebenso auf Periphery Perfume heraus, dies mit Dieter am Mikro. Bei FRESH COLOR ergaben sich dann zahlreiche Formationswechsel und dazu noch Unstimmigkeiten mit Paul Vajsabel. Ich gründete somit mein eigenes Label, Sticks Records, wo ich im März 1979 abermals eine FRESH COLOR-Single mit den beiden Songs „Glitter girl“ und „Lady Shiva“ veröffentlichte.

Diese war aber ein kompletter Flop?

Ja, unser neuer Sänger Köbi Köbeli bestand darauf, Dialekttexte zu schreiben, und so ergab sich mehr oder weniger ein lustloses Geflippe. Heute ist diese Single aber unter Sammlern ein kleines Vermögen wert.

Auf dem Swiss Punk Now Festival im Luzernischen Emmen habe ich euch dann aber mit einer Sängerin gesehen.

Nach diesem Release habe ich die Band neu formiert. Ich fragte meine damalige Freundin Lisa Wü, ob sie Bock hat, als Sängerin mitzumachen. Von der Basler Punkband VOLCAN stieß der Bassist Rolf Hösli zu uns, und auch „Didi“ Marthaler war wieder mit an den Drums. Dies war auch unser erster Auftritt in der neuen Formation. Gleichzeitig veröffentlichten wir eine 12“ mit vier brandneuen Songs, abermals auch „No chance“, jetzt aber mit Lisa am Mikro.

Dein Pragmatismus kannte von jetzt an keine Grenzen mehr ...

Nun ja, was soll ich sagen, ab 1980 rollte die Neue Deutsche Welle an. Abermals ein neuer Trend, den Gutze abermals genial fand. Den Gruppennamen FRESH COLOR konnte ich einfach ins Deutsche übersetzten – FRISCHE FARBE. Ein neuer Bassist war mit Steno Onetz, der perfekt zur Gruppe passte, auch schon gefunden. Neue Songs wurden geschrieben, Demos aufgenommen und an verschiedene Plattenfirmen versendet. Als erstes Label biss das Schweizer Indielabel Gold Records an und nahm uns sofort unter Vertrag.

Bei FRISCHE FARBE war Lisa meistens für den Gesang zuständig, doch du hast alle Texte geschrieben.

Ja, das stimmt. Ist einfach so gewesen, da ich sie ja gefragt habe, ob sie mitmachen wolle, und sie selbst keine Ambitionen zeigte, Texte zu schreiben. Es lag eigentlich schon immer an mir, alles anzureißen, mich um alles zu kümmern und so fort ...

... und so ging es auch weiter, Schlag auf Schlag: Lisa und du haben sich getrennt, wohin ging nun die Reise?

Nachdem Lisa ausgestiegen war, hatten wir noch einige FRISCHE FARBE-Konzerte auf der Agenda. Diese bestritten wir mit einer Ersatzsängerin. Danach war aber Schluss und wir hatten da einige Kompositionen, die nicht zu FRISCHE FARBE passten. Ein Bandname war schnell gefunden, nicht Le Deux, sondern eben EL DEUX. Nun musste auch noch ein charismatischer Frontmann her, den ich nicht noch lange suchen musste. Denn der stand direkt vor meiner Nase, nämlich unser Tontechniker/Roadie von FRISCHE FARBE, Martin Kraft, natürlich ein Pseudonym.

Jetzt bin ich ein wenig verwirrt, erklär mir Mal diese ganzen Band-Konstellationen; FRESH COLOR, FRISCHE FARBE, EL DEUX mit und ohne Martin Kraft. Da gab es irgendwie Veröffentlichungen und Auftritte parallel, von 1981 bis ’82 und auch noch darüber hinweg, oder?

Das FRISCHE FARBE-Album wurde ja im August 1982 bei Gold Records veröffentlicht, sowie das EL DEUX-Album im November 1982. Martin Kraft war von Anfang an bei der Gruppe EL DEUX, jedoch auf der ersten Single „Computer-Mädchen“ noch nicht separat aufgeführt. In den Jahren 82/83 sind die beiden Bands als selbständige Acts oder auch im Doppelpack aufgetreten. Die letzten drei Konzerte im Doppelpack waren am 16./17./18. März 1983 im Gentleman-Club in Zürich Altstetten. Das war zugleich auch der letzte Gig von FRISCHE FARBE. Danach gab es nur noch EL DEUX, bis 1984. Und was FRESH COLOR angeht, ich habe nach der 1981 veröffentlichten Single „Fresh Tscha Tscha/Fingertips“ nachträglich für eine kurze Zeit den Bandnamen geändert auf FRISCHE FARBE. Im gleichen Jahr den Titel „Lass mich – ich will Dich“ produziert und 1982 auf einer Maxi-Single in der Schweiz veröffentlicht. Auf der B-Seite quasi als „Gag“ in englischer Sprache. Dies stellte sich dann als gute Idee heraus, da die Deutsche Teledec davon begeistert war. Ich konnte somit die Songs lizenzieren und sie waren nun auch in England erhältlich.

Ab diesen Zeitpunkt habe ich dein musikalisches Schaffen komplett aus den Augen verloren. Deine Metamorphosen kannten für mich absolut keine Schmerzgrenzen mehr. Aus heutiger Sicht, über dreißig Jahre später, attestiere ich dem Ganzen natürlich einen enormen Unterhaltungsfaktor und deine musikalische Laufbahn ist ja für die Schweiz einmalig. Und so geht es weiter mit dem HipHop-Electro-Boy George-Lookalike-Italo-Disco-Aerobic-DJ Bobo-Euro-House-Produzenten ...

Ab 1984 orientierte ich mich abermals neu. Ich entschied mich nun, auch alle Songs selbst zu produzieren. Jetzt war total kommerzieller Sound angesagt! Dieses Mal rollte die neue Welle nicht von Norden her, sondern von Süden an, sprich aus Italien, Italo-Disco nannte sich das Ding. Ich zog mich in mein kleines Home-Recording-Studio zurück und komponierte unter anderem den Song „Disco future“ und die Band nannte sich ab sofort wieder FRESH COLOR. Ich holte mir meinen alten Schlagzeuger Danny Amsler von FRISCHE FARBE/FRESH COLOR zurück und als Sänger den Engländer Humphrey Robertson. Dieser hatte schon damals so einen Boy George-Look und -Groove drauf. 1985 gingen wir mit Valerie Dore auf eine einmonatige Deutschlandtournee und spielten, wie es sich gehörte, alle Auftritte playback, natürlich auch der Auftritt in der Sendung „Musik Box“ – ist auf YouTube zu sehen. Im Jahr darauf veröffentlichten FRESH COLOR noch etliche Scheiben und ihre letzte 12“ war „D.J. Track Vol. 1“. Danach war der Zenit erreicht und Humphrey meinte, er mache nun in den USA die große Karriere. Er kam dann aber ein halbes Jahr später zurück und ist bis heute bei der Musik geblieben.

1987 brachtest du unter dem Pseudonym Curd Guccini eine Aerobic-Platte heraus, mit dem Titel „Gymnastic Music Vol. 1“. Da sie auf deinem Label Fresh Music herauskam und auf der B-Seite bekannte Songs von dir verwendet wurden, war natürlich klar, wer dahinter steckt. Wie zum Teufel bist du auf diese Idee gekommen? Daraus entstand ja eine endlos laufende Serie.

Nach der Auflösung von FRESH COLOR 1986 wollte ich mich eigentlich nur noch auf das Produzieren von Musik konzentrieren und habe mein eigenes Label Fresh Music gegründet. Die erste Produktion war die Single von Veronique mit einer Coverversion des Disco-Klassikers „African man“ aus dem Jahr 1985 vom italienischen Musikprojekt HALLY & KONGO BAND. Bei mir hieß der Song dann „Jungle man“. Gleichzeitig hat mir meine Cousine, die Gymnastiklehrerin war, den Tip gegeben, dass im Bereich Gymnastik und Altersturnen zu dieser Zeit keine passende Musik im Handel existiere. Jane Fondas bekannte Serie „Workout Record“ waren von der Beat-Geschwindigkeit her mit 130 bpm zu schnell für die älteren Semester. Aus meinem bestehenden Musikrepertoire suchte ich nun geeignete Songs aus und diese wurden mit 110 bis 120 bpm verwendet. Damit erzielten wir Top-Verkäufe. Es folgten viele Dance-Produktionen auf dem Label Fresh Music. Zwischen 1987 und 1991 waren viele dieser Platten hierzulande in den Charts. Inzwischen war ich Produzent, Unternehmer und 1991 wurde meine Firma Fresh Music GmbH gegründet. 1994 kaufte ich sogar im ShopVille am Züricher Hauptbahnhof den CD- und Schallplattenladen Grammo Studio.

Zum Schluss die 1-Million-Dollar-Frage. Diese hast du selbst zu den EL DEUX-Zeiten an deine Musiker und Freunde gestellt hast – so entstand der Song „Ich möcht’ ich wär’ 1 Millionär“) und die ich jetzt dir stelle. Lass hören.

1989 habe ich durch meinen Freund Mark Wyss DJ Bobo kennengelernt. Mark war zu dieser Zeit Musik-Direktor im Dancing Hazyland in Luzern. In diesem Club hat Bobo ab Juni 1989 als DJ aufgelegt. Zugleich hat er zusammen mit dem Schlagersänger Salvo seine erste 12“ „I Love You“ produziert und etlichen Plattenfirmen angeboten, aber keiner wollte sie in den Vertieb nehmen. So hatten sie auch mich kontaktiert und mich „angefleht“, diese über meinem Label zu vertreiben. Ich habe zugesagt, hatte ja keine Produktionskosten, und verkaufte zirka 200 Exemplare davon. Bobo hatte zu dieser Zeit auch seine Dance-Crew mit der aufgetreten ist. Danach folgten zwei weitere Veröffentlichungen, „Ladies in the house“ und „Let’s groove on“. Auch hier waren die Verkaufszahlen eher dürftig. Seine Live-Shows waren meiner Meinung nach aber ein Hammer und ich wusste, wenn ich diese Show mit dem richtigen Dance-Hit nach Deutschland bringen kann, wird dies ein ganz großes Ding. Somit hab ich Bobo unter Vertrag genommen und den ersten Hit „Somebody dance with me“ produziert. Der Rest ist Geschichte.

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #140 (Oktober/November 2018)

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