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Interviews & Artikel

PHILLIP BOA AND THE VOODOOCLUB

Der Indierock-König

Seit inzwischen über 30 Jahren ist Phillip Boa, 1963 als Ernst Ulrich Figgen in Dortmund geboren, mit seinem VOODOOCLUB fester Bestandteil des Indie- und Alternativerock-Bereichs und gilt in dieser Hinsicht sogar als einer der einflussreichsten deutschen Künstler. Viele seiner Platten und Singles, vor allem in den Neunzigern, erreichten trotz der eher unkommerziellen Natur von Boas Musik erstaunlich hohe Chart-Platzierungen, und das nicht nur in Deutschland. Darunter ewige Boa-Gassenhauer wie „This is Michael“, „Kill your ideals“, „I dedicate my soul to you“ oder „Container love“. Maßgeblich prägend für den speziellen VOODOOCLUB-Sound war auch der sirenenhafte Gesang von Pia Lund, die sich 2013 endgültig aus dem Musikgeschäft verabschiedete, um sich als Pia Bohr ihrer Tätigkeit als Bildhauerin in der Dortmunder Kunstszene zu widmen. Während andere ähnlich altgediente Indiehelden dem eigenen Kultstatus hinterherstolpern, macht Boa auf souveräne Art einfach sein eigenes Ding und scheint so etwas wie kreativen Stillstand nicht zu kennen, wofür sein aktuell erschienenes neues Album „Earthly Powers“ der beste Beweis ist.

Phillip, du bist schon seit über 30 Jahren als Musiker aktiv. Interessanterweise hast du kürzlich in einem Interview gesagt, du seist regelrecht süchtig danach aufzutreten. Wie treibt dich nach all dieser Zeit noch an und wie sieht diese Sucht genau aus?


Mich treibt an, dass ich mich einfach nicht prostituieren muss oder will. Ich habe sehr oft Nein gesagt und deswegen habe ich, glaube ich, auch nie einen richtigen Mainstream-Erfolg gehabt. Das ging einher mit Arroganz als Schutzschild, denke ich mal, obwohl ich eigentlich menschlich nicht so bin, aber man kann sich trotzdem gut dahinter verstecken. Viele Künstler verstecken sich hinter einem Image, hinter der PR, die ihnen angehängt wird. Und irgendwann wächst man da rein und kommt nicht mehr raus. Und das ist das, was ich mit Sucht meine, diesen Zyklus, irgendwann mal ein paar Textzeilen zu haben, damit ins Studio zu gehen, und eine Vorstellung davon zu haben, wie man einen Song vollendet oder vielleicht ein ganzes Album. Man geht ins Studio und hängt da monatelang rum, dann promotet man das Album und streitet sich mit der Plattenfirma, und das ist dann das Schlimmste dabei. Und irgendwann geht man mit dem Album auf Tour. Und das ist eine Sucht, von der ich mich bis jetzt noch nicht habe lösen können. Und eine Sucht ist generell nichts positives, auch wenn man das liebt. Ich muss da eigentlich mal einen Gang runterschalten. Das hört sich jetzt sehr negativ an, aber dennoch muss ich natürlich irgendwann mal da rauskommen. Man liebt eigentlich jeden Schritt, obwohl man ihn manchmal auch verflucht. Viele Menschen denken, es wäre keine Arbeit, Musik zu machen, aber das ist faktisch einfach falsch. Dieser Tage habe ich noch gelesen, dass Prince das nie als Arbeit bezeichnet hätte. Ich habe jetzt nach drei Jahren Arbeit ein neues Album rausgebracht und gedacht: Das ist Bullshit! Das Schöne an meiner „Arbeit“ ist, dass es wie ein Hobby ist. Und das hat man ganz, ganz selten. Man liebt seine Arbeit, aber Arbeit ist es trotzdem. Denn wenn man das ständig macht, ist es natürlich kein Hobby mehr.

Inwiefern schließt diese Sucht auch die Reaktionen der Leute ein, wenn man auf der Bühne steht?

Das ist die Essenz dabei. Ich wollte schon mal aufhören, vor ungefähr zehn Jahren. Man macht es aber nicht. Jeder, der irgendwann mal total kaputt ist vom Tourleben, sagt: Ich kann das nicht mehr, ich höre auf. Aber eine Woche später nimmt er alles wieder zurück – das ist ja auch total menschlich. Was dich antreibt und was dich letztlich abhängig macht, ist das Wissen, dass Menschen dein Schaffen gut finden und fast zum Teil fast lebenswichtig finden, was mir dann natürlich etwas zu weit geht. Ich mache das ja auch für die Leute und nicht nur für mich. Der Antrieb ist, dass du den Leuten etwas gibst, und das ist schon sehr, sehr wichtig. Ich habe auch deswegen nicht aufgehört, weil so viele traurige Reaktionen kamen, als ich das einmal erwähnt hatte, man bringt es dann einfach nicht übers Herz. So war das zumindest bei mir, ich habe das nicht geschafft. Wir haben wirklich sehr treue Fans. Wir sind jetzt nicht die größte Band in Deutschland, aber wir haben eine hohe Kerngruppe an begeisterten Fans, die durch meine Musik glücklich gemacht werden. Und wenn man die enttäuscht, spürt man den Schmerz förmlich selbst.

Du bist faktisch Berufsmusiker, was natürlich auch etwas unromantisch klingt ...

Es war immer ein Beruf. Ich habe mich damals bewusst dafür entschieden – mache ich jetzt das oder mache ich das. Ich habe ja auch noch studiert. Natürlich ist das ein Beruf, nur ist es eben ein schöner Beruf. Und ich glaube, viele Menschen machen ihren Beruf gerne, das ist der Antrieb dabei. Es ist eigentlich völlig egal, welchen Job man macht. Du musst kein Musiker oder Filmemacher sein, das kann ein ganz normaler Job sein, und trotzdem mag man ihn, vielleicht, weil die Menschen, die man dabei trifft, in Ordnung sind.

Wenn man das so lange macht wie du, ist eine berufsmäßige Routine nicht oft der Tod von Kreativität?

Ich sehe keine Routine bei mir. Langeweile sehe ich auch nicht. Ich würde nie ins Studio gehen, wenn ich nicht Lust drauf hätte. Ich habe wie gesagt auch drei Jahre gebraucht. Das lag auch daran, weil ich phasenweise drei Monate nichts gemacht habe – ich fühlte mich einfach nicht danach. Aber generell unterstelle ich jedem Künstler, dass er das gerne macht. Klar, man macht manchmal ein Album, das aus irgendwelchen Gründen nicht so gut ist wie das Album davor. Bei mir sind es ungefähr 19 Studioalben in 30 Jahren. Das finde ich noch okay. Früher war es auch so, dass man jedes Jahr ein Album gemacht hat. Das eine Album war gerade fertig, da hat die Plattenfirma einen schon wieder ins Studio geschickt. Und wenn man jung ist, findet man das eigentlich auch gut, auch wenn man vielleicht manchmal darüber schimpft.

Nun kann man als Musiker leider mit Plattenverkäufen allein inzwischen kaum noch seinen Lebensunterhalt bestreiten. Oder wie sieht das bei dir aus?

Plattenverkäufe und Streaming haben heute eigentlich keine Bedeutung mehr. Ich sollte das vielleicht nicht sagen, aber die Platten werden auf den Markt geworfen und sofort wieder verschluckt. Es ist traurig, aber ich mache es trotzdem. Das Essentielle heute sind Shows, das ist der größte Markt. Man kann damit unfassbar viel Geld verdienen, wenn man groß ist – was ich nicht bin.

Das geht einher mit vielen überflüssigen Reunions, bei denen die Beteiligten oft nur das Geld im Blick haben.

Ich möchte das keinem Künstler unterstellen. Ich weiß, ihr Kritiker redet so, aber ich bin nicht so. Natürlich gibt es immer welche, die das Geld wirklich brauchen, aber das würde ich niemals kritisieren. Jeder braucht Geld zum Leben. Du kannst auch einfach keinen Menschen kritisieren, der seine Kinder ernähren will. Es gibt immer einen Grund für eine Reunion. Das Geld ist aber eher ein Nebeneffekt, die brauchen einfach den Kick. Der Kick, den du eben schon angesprochen hast. Die Reaktion der Menschen auf den Künstler ist der Kern dabei.

Du bist ja in den letzten 30 Jahren viel in der Welt herumgekommen. Sind dir dabei auch schon Musikerkollegen begegnet, die sich als ziemliche Arschlöcher entpuppt haben?

Es gibt immer schlechte und gute Menschen, wie auch im normalen Leben. Aber ich habe nie ein wirkliches Arschloch in der Musikszene getroffen, muss ich echt sagen, deshalb rede ich auch so gut über alle. Als wir Anfang der Neunziger noch eine richtig angesagte Band waren und in England abgefeiert wurden, war man noch super arrogant und fand alles scheiße, was nicht Indie oder Alternative war. Aber es passierte dann immer häufiger, dass man die sogenannten uncoolen Bands abends an der Hotelbar traf und sie als Menschen besser kennenlernte, und die waren meist schwer in Ordnung. Und man dachte dann, dass man das auch hätte sein können, wenn es anders gelaufen wäre. Wenn man die Leute so abkanzelt, vergisst man oft die Menschen dahinter, und das sind oft die feinsten Kerle.

Tatsächlich waren mir PHILLIP BOA AND THE VOODOOCLUB Anfang der Neunziger auch irgendwann zu angesagt und präsent, und da verlor ich dann schnell das Interesse.

Du bist halt ein Hipster-Journalist, die sind alle ungefähr 1993 bei „Boaphenia“ ausgestiegen, die hatte so eine mediterrane Leichtigkeit. Wenn du dir die heute anhörst, wirst du merken, dass das ein gutes Album ist. Aber mir wurde das damals ja selbst auch alles zu groß. Da standen plötzlich Pappfiguren in den Plattenläden und Riesenposter mit Sprüchen drauf, die ich nicht gemacht habe. Ich hatte selber Angst davor und habe mich auch ein bisschen geschämt. Deswegen habe ich dann VOODOOCULT gegründet. Damit habe ich meine Hörerschaft wie gewollt ziemlich genau um 50 Prozent halbiert.

Dein damaliger Flirt mit Metal zusammen mit Dave Lombardo und Mille Petrozza ...

Ja. Die zweite VOODOOCULT-Platte war mehr VOODOOCLUB-mäßig, aber die erste ging sehr in Richtung SLAYER und KREATOR. Das war eine schöne Zeit, ich habe auch viel gelernt. Die Menschen waren extrem nett. Wir waren zusammen in Los Angeles und haben überall gespielt. Nur habe ich sehr schnell gemerkt, dass ich der falsche Sänger für die Band war. Dann haben die anderen ohne mich eine Band namens GRIP INC. gegründet.

Hast du damals überhaupt eine wirkliche Affinität zu Metal gehabt?

Nein, ich wollte einfach meine Plattenfirma anpissen. Aber ich mochte SLAYER, daraus ist das entstanden. Ich mochte, wie der Drummer gespielt hat, das hatte so was Animalisches. Und ich mochte auch SEPULTURA zu der Zeit total. Die Band zusammengestellt hat dann ein Freund von mir, Waldemar Sorychta. Und ich hatte noch meinen VOODOOCLUB-Bassisten Dave „Taif“ Ball dabei, der kam aus der Jazzszene und konnte meine Ideen richtig kompliziert machen, das war richtig geil. Ich habe das genossen, nicht so im Vordergrund zu stehen, sondern nur der doofe Sänger zu sein, der nicht mal richtig gut Metal singen konnte. Das war einfach eine total andere Rolle und ich habe mich anderthalb Jahre richtig gut damit gefühlt, das war einfach was ganz anderes. Das Obskure war, dass die Metal-Presse uns abgefeiert hat, obwohl ich dabei war, und ich habe gar nicht gewusst warum. Alle waren gut, nur ich nicht. Auf dem zweiten Album war ich dann besser, aber das war natürlich wieder ein Album, das keinen Erfolg hatte.

1985 erschien dein erstes Album „Philister“, ein immer noch sehr ungewöhnliches und eigenständiges Album, wie ich finde. Wie denkst du heute darüber?

Danke, aber das ist das einzige Album, wo ich sagen würde, es ist nicht mehr zeitgemäß. Klar, das war halt der Anfang, ich stehe da auch zu, aber es ist nicht mein bestes Werk. Andererseits sind die Ideen da drauf wirklich abgehoben. Damit haben wir auch sofort einen Plattenvertrag in England gekriegt. So schlecht kann es also nicht gewesen sein.

Interessant ist ja vor allem der rhythmische Aspekt, der ja auch danach immer eine wichtige Rolle bei dir gespielt hat.

Ja klar, deswegen ja auch der Name VOODOOCLUB. Ich wollte damit verdeutlichen, dass es bei uns keinen Drummer gibt, der nur stereotype Rock-Rhythmen spielt.

Auf deinem Album „Diamonds Fall“ von 2009 war ja dann auch der inzwischen leider verstorbene CAN-Schlagzeuger Jaki Liebezeit zu hören, der mit seinem Tribal-artigen Schlagzeugspiel maßgeblich diese wichtige Krautrock-Band prägte. War die Musik von CAN schon damals ein Einfluss für dich?

Nein, die kannte ich gar nicht. Krautrock und CAN habe ich damals nicht gehört. Ich komme ja aus der Post-Punk-Ecke, das heißt, für mich waren Bands wichtig wie WIRE, MAGAZINE oder JOY DIVISION, viele Bands aus Manchester. Und afrikanische Rhythmen gab es ja in der afrikanischen Kultur. Ich habe irgendwelche afrikanischen Platten auf dem Flohmarkt gefunden, habe mir die angehört und gedacht, das ist ein interessanter Ansatz. Das erste Mal, dass ich mit CAN in Berührung kam, war später die Platte „Full Circle“, die Jaki 1982 mit Jah Wobble zusammen aufgenommen hatte.

Wie bist du auf Jaki Liebezeit gekommen?

Ich habe nach Herausforderungen gesucht. Die Zeit war eh nicht so erfolgreich für uns. Ich war froh, dass ich überhaupt noch irgendwo Platten veröffentlichen konnte. Die meisten Labels haben mich rausgeworfen. Und diese Plattenfirma damals hat mich auch sofort rausgeworfen, nachdem das Album rauskam. Die fanden die Idee aber gut und hatten irgendwelche Connections zu Jaki. Ich weiß gar nicht mehr, welche Plattenfirma das war. Ich hatte sie alle, haha, bis auf eine, glaube ich ... Ansonsten hat mich jede Plattenfirma irgendwann mal rausgeworfen.

Und woran lag das, nur an den Plattenverkäufen?

Doch, klar. Die Platte war natürlich kein Erfolg, obwohl sie so gut ist. Zumal ich ja nicht der einzige Künstler bin, der sein Label beschimpft. Da bin ich gut drin, aber ich bin nicht der Einzige. Mark E. Smith war da sicher eine Nummer härter.

Und wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Liebezeit?

Wir haben ja auch live mit Jaki gespielt, wo er seine Probleme mit manchen Songstrukturen hatte. Er hat deshalb auch nicht bei allen Songs live mitgespielt. Zum Beispiel einen Song wie „This is Michael“ fand er schwierig, denn der hat Wendungen und ziemlich krasse Brüche und dreht sich an einer Stelle total. Den Song mochte er aber auf jeden Fall total.

Ein möglicherweise kritischer Punkt bei THE VOODOOCLUB war immer dein etwas kantiger Gesang, den man wohl unter Nicht-Gesang einordnen würde, womit du allerdings in bester Gesellschaft bist.

Das war einmal, hör dir die neue Platte an und die paar davor, ich habe total an meiner Stimme gearbeitet. Ich habe Seminare besucht und hoffe, dass man das ein bisschen hört. Ein Sänger, wie ihn sich die meisten Leute vorstellen, reimt sich die ganze Zeit irgendeinen Scheiß zusammen, damit er geil singen kann. Ich erzähle aber eine Geschichte, das heißt, ich kann die teilweise gar nicht singen wie ein Popsänger, das geht gar nicht. Wenn ich eine Geschichte erzähle, sind Reime kein Muss. Ich konnte aber immer gute Melodien schreiben, und beides zu kombinieren, habe ich meist ganz gut geschafft. Meine Musik ist generell nicht der Pop, der so gewünscht wird.

Wobei das, was wir beide wahrscheinlich unter Popmusik verstehen, nichts mit aktueller Popmusik zu tun hat.

Genau. Mit Pop meine ich nur, dass ein Lied hängenbleibt. Bei den Songs, die du heute im Radio hörst, denkst du, das ist immer derselbe Künstler mit denselben dämlichen Texten und derselben elektronischen Musik, aber keinem fällt das auf. Aber das ist halt erfolgreich, genau wie deutscher Hip-Hop. Das ist der Gegenpol zu dem, was in dieser Welt passiert. In dieser Welt passiert unfassbar viel und die Medien streuen unfassbar viele Ängste. Die Menschen machen sich große Sorgen, also wollen sie das Gegenteil konsumieren, nämlich Party ohne Ende und bitte nur reine Unterhaltung. Das ist ein Spiegel der Zeit, deutscher Hip-Hop und diese elektronischen Pop-Schleifen, die sich immer wiederholen.

In deinen Texten bleibst du aber auch eher auf einer metaphorischen Ebene und äußerst dich nicht wirklich direkt politisch.

Nee, das würde ich niemals machen. Ich äußere mich in den Texten zu bestimmten Themen, aber anders. Ich würde niemals in eine Talkshow gehen und den Vorzeige-Linken oder -Betroffenen spielen, davon gibt es viel zu viele, die das besser können. Du wirst ja sonst sofort korrupt und vom System verschluckt, und wirst dann belanglos. Du gehst in eine Talkshow und hast dann zehn andere Talkshows am Hals. Wenn ich das manchmal sehe, wie sich die Bands da prostituieren, vor allem die deutschen, das würde ich niemals machen. Ich würde aber mit Sicherheit populärer werden. Aber innerhalb von ein zwei Jahren verlöre ich meine Glaubwürdigkeit und könnte meine Arbeit nicht mehr machen. Man muss immer nur Nein sagen, dann geht das schon, nur verkaufst du so nie mega viele Platten.

Sicher sehr zum Unmut der jeweiligen Marketing-Abteilung deiner Plattenfirmen ...

Ja, das war der Kampf meines Lebens. Es war immer die negative Seite, das runterzuringen. Sie haben mich in irgendwelche Shows geschickt und ich habe dann die Kulissen umgestoßen oder so was. Das habe ich nicht gemacht, weil ich arrogant war, sondern weil ich wollte, dass die Plattenfirma mich in Ruhe lässt. Das habe ich zwei-, dreimal gemacht und dann haben sie mich nicht mehr in Fernsehshows geschickt. Peinlich, peinlich, peinlich, da möchte man lieber nicht mehr drüber reden. Wenn du das heute machen würdest, wäre deine Karriere gleich beendet. Ich glaube, niemand hätte mehr Verständnis dafür. Früher hatten die Plattenfirmen schon viel zu sagen, aber wenn du es heute bei einer großen Plattenfirma schaffen willst, musst du total das tun, was die wollen.

Also muss man nett sein zu allen?

Ich bin immer nett zu allen, so lange sie nett zu mir sind. Ich war auch immer nur blöd und arrogant, wenn mir jemand vorher ans Bein gepinkelt hat. Aber ich kann mich nicht beklagen, es läuft ja irgendwie. Ich hatte bis jetzt ein echt schönes Leben und habe nie die Entscheidung bereut, professioneller Musiker geworden zu sein.

Gab es eigentlich mal Bestrebungen von dir, deutsch zu singen?

Das habe ich ab und zu versucht, aber das geht nicht. Ich könnte das machen, ich könnte mir von einem Texter ein Lied schreiben lassen, wo mindestens einmal „Leben“ und einmal „Welt“ vorkommt und ein Touch Betroffenheit. Die Vokale und Silben so enden lassen wie bei Rio Reiser und, bang, habe ich einen Top Ten Hit. Will ich das?

Hast du denn das Gefühl, es gibt Songs, wo du möglicherweise zu etwas gedrängt wurdest, was du gar nicht machen wolltest?

Ich stehe zu allen Songs, die ich gemacht habe. Bei ein paar würde ich sagen, dass die etwas zu sehr ins Kommerzielle gehen, das würde ich heute anders machen. Ich stehe auch zu „Container love“. Das ist eine wunderbare Geschichte, vor allem weil sie wahr ist und immer noch total relevant und zeitlos – eine traurige, wahre Geschichte. Das ist für mich aber auch nicht wirklich kommerziell. In England war das ein größerer Hit als in Deutschland, wo man den Anfang wegschneiden wollte, weil er angeblich zu traurig sei, das habe ich aber verweigert.

Richtig viel persönliches weiß man eigentlich nicht von dir, nur dass du dich irgendwann von Deutschland abgewandt hast und lange Zeit auf Malta gelebt hast. Wie ist eigentlich aktuell dein Verhältnis zu Deutschland?

Gut. Ich meine, ich lebe ja immer noch hier. Ich hab immer noch eine Adresse in Dortmund. Mit Malta habe ich abgeschlossen. Und für die Arbeit habe ich von einem Freund ein Haus in London gemietet.

Wie ist deine langjährige Liaison mit Malta zustande gekommen?

Der Hauptgrund war, dass da ein geiler Produzent war und wir zusammen ein Studio entwickelt haben. Ich habe dann damals einen Satz gesagt, ich weiß auch nicht warum, ich wollte einfach nur provozieren. Und ich weiß ja, wie Journalisten funktionieren. Ich habe gesagt: Ich wandere aus nach Malta, mal sehen, was ohne mich übrig bleibt. Ein schrecklicher Satz. Ich bin dann dort hingezogen und mochte die Insel auch sehr lange, weil du dort totale Freiheiten hattest und viele interessante Menschen getroffen hast. Aber seit ein paar Jahren hat Malta sein Gesicht verändert und ist jetzt so eine Art Cayman Islands für Europa geworden, ein Steuerparadies mit Spielkasinos und Briefkastenfirmen ... Die bekannteste Journalistin dort, die deswegen recherchiert hat, ist umgebracht worden. Das war für mich der entscheidende Punkt, da habe ich meine Zelte dort abgebrochen. Die Insel ist so korrupt geworden, und es war mal so schön da. Ich kann das alles nicht beweisen, aber teilweise hat man wirklich Angst vor den Leuten dort gehabt. Und als sie die Journalistin umgebracht haben, war Malta für mich verbrannt.

Ein anderes persönliches Detail ist deine nicht nur kreative On-Off-Beziehung mit Pia Lund, mit der du die Band gegründet hast und deren Gesang für viele auch ein besonderes VOODOOCLUB-Markenzeichen war. Irritiert dich diese Lund-Fixierung vieler Leute immer noch?

Seit Pias Ausstieg 2013 gab es, glaube ich, fünf andere Sängerinnen und das hat bestens funktioniert. Das ist für mich überhaupt kein Thema. Wer bei uns damals gesungen hat, das ist Vergangenheit. Diesen Satz hört man man immer noch mindestens einmal im Jahr, unter dem Motto „Früher war alles besser“. Okay, dann beame dich doch zurück ins Jahr 1992. Wir haben 2018 und es ist viel interessanter, was 2030 passiert. Damit beschäftigt sich auch das neue Album, verklausuliert natürlich. Die Gegenwart sieht doch jeder, was mich interessiert, ist, wohin das alles führt. Alles andere ist Nostalgie.

Thomas Kerpen

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #140 (Oktober/November 2018)

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