Interviews & Artikel : Tom Hunting (EXODUS) :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

Tom Hunting (EXODUS)

My Little Drummer Boy Folge 46

Wer Anfang der Achtziger Jahre auf Metal stand, kam an den ersten Alben der Band EXODUS aus der Bay Area nicht herum. Der Sound auf ihrem 1984er Debütalbum „Bonded By Blood“ hatte die rohe Energie von Punk, vermischt mit dem neuen Stil der ersten Speed-Metal-Bands und sollte nachfolgende Metal-Generationen jahrzehntelang prägen. Von Beginn an saß Tom Hunting an den Drums und trieb die Band mit seinem prägenden Stil unerbittlich nach vorn. Auch 37 Jahre später ist Tom Hunting auf der Bühne keinerlei Müdigkeit anzumerken und der sympathische Kalifornier ist gern bereit, sich beim Rockharz Festival unseren Fragen zu stellen.

Tom, hast du als kleiner Junge schon auf den Kochtöpfen deiner Eltern herumgetrommelt?


Ja, tatsächlich habe ich mir aus Kaffeedosen meine erste Snaredrum gebastelt. Da habe ich Papierhandtücher drüber gespannt und schon war die Trommel fertig und es konnte losgehen. Ich habe allerdings schon vorher Gitarre gespielt, denn meine Mutter war sehr an Musik interessiert und bei uns zu Hause lief eigentlich ständig irgendwelche Musik. Joe Cocker, BLOOD SWEAT AND TEARS und die großen Rockbands der späten Sechziger und frühen Siebziger Jahre waren also der Soundtrack meiner Kindheit. Ich glaube, das erste Album, das ich damals in meinen Händen hielt, war ein Joe Cocker-Album, und das sah für mich nach einer Menge Spaß aus. Dann waren da noch Bands wie CHICAGO und SANTANA, die alle durch verrückte Rhythmen auffielen, wobei mich insbesondere die Latin-Rhythmen bei SANTANA wirklich begeisterten.

Wie kam es, dass du von der Gitarre zum Schlagzeug gewechselt hast?

Nachdem ich fast zwei Jahre lang Gitarre gespielt hatte, fühlte ich, dass wohl doch eher ein Drummer in mir steckte, und ich bettelte meine Mutter an, mir doch ein Schlagzeug zu schenken, aber am Ende musste ich mir mein erstes Schlagzeug doch selber kaufen. Ich war damals ungefähr zwölf Jahre alt und ein Freund in unserer Straße hatte ein Schlagzeug, wollte aber selbst auf Gitarre umsteigen. Da war die Gelegenheit natürlich günstig und so kaufte ich für 15 Dollar mein erstes Drumset. Ein Haufen Schrott, aber immerhin konnte ich anfangen.

Habt ihr damals gleich zu zweit angefangen, Musik zu machen?

Nein, ich habe zunächst ganz für mich allein geprobt. Wenn meine Mutter tagsüber bei der Arbeit war, konnte ich Krach machen, ohne ihr auf die Nerven zu gehen, und sie war ohnehin sehr geduldig mit mir. Aber Mütter von Schlagzeugern müssen wohl immer die geduldigsten Mütter der Welt sein. Ich habe mir dann die Kopfhörer aufgesetzt und zu meinen Lieblingsplatten gespielt. Und so probe ich auch noch heute. Neben meiner Mutter hatte auch mein Bruder eine große Sammlung von Classic-Rock-Alben und ich selbst hatte auch angefangen, eigene Platten zu kaufen. Ich interessierte mich sehr für Funk sowie Stevie Wonder, Rick James oder EARTH, WIND AND FIRE und solche Sachen, die wirklich groovende Drummer hatten.

Hast du jemals Unterricht gehabt oder hast du dir alles selbst beigebracht?

Ich bin Autodidakt, hatte aber den Vorteil, dass an meiner Schule Musik und Kunst sehr stark im Vordergrund standen. Wenn du damals ein Instrument lernen wolltest, war das kein Problem. Bei mir an der Schule konnte man Klarinette, Saxofon, Gitarre, Schlagzeug oder Tuba lernen. Alles war möglich, während die Schulen heute ihren Schwerpunkt nur noch auf die Ausbildung am Computer legen. Ich hatte aber das Glück, in einer Zeit aufzuwachsen, in der Musik und Kunst noch gefördert wurden. Ich komme aus einem Viertel, in dem sehr viele verschiedene Kulturen zusammenwohnten, und so habe ich von den schwarzen Kids afrikanische und von den Latinos die lateinamerikanischen Rhythmen gelernt. Im Gegenzug habe ich den Nachbarjungs Rock-Drumming beigebracht und so hatten wir einen großartigen kulturellen Austausch bei uns in der Nachbarschaft.

Wie bist du dann zum Heavy Metal gekommen, denn immerhin habt ihr eure erste Band ja schon sehr früh gegründet?

Oh ja, das ist schon sehr lange her, ich muss ungefähr 15 Jahre alt gewesen sein. Kirk Hammett, später bekanntlich bei METALLICA, und ich haben damals sehr viel SCORPIONS, UFO und die New Wave of British Heavy Metal gehört. Musikalisch waren wir also das Produkt der Bands, die wir damals selbst gehört haben, aber es gab bei uns in der Band auch sehr starke Punk-Elemente, denn Gary Holts Bruder hörte sehr viel Punk. Damals gab es ja noch sehr viele College-Radio-Stationen und da wurde viel DISCHARGE, GBH, SEX PISTOLS gespielt. Das hat uns damals wirklich umgehauen, denn so einen Sound kannten wir bis dahin nicht. So kam damals wohl das Tempo bei den ersten Speed-Metal-Bands der Bay Area zustande und natürlich gab es mit VERBAL ABUSE, FANG und anderen auch in der Bay Area selbst großartige Punkbands. Ich bin damals mit Gary auf eine Highschool in Richmond gegangen, von der ich aber geflogen bin, und meine neue Highschool war dann zwei Städte weiter weg in der Gegend, in der Kirk wohnte. So haben wir uns dann getroffen und festgestellt, dass wir uns für dieselben Dinge interessierten. Wir waren eben ein paar Jugendliche, die die Schule schwänzen, Gras rauchen und ihre Instrumente spielen wollten. So einfach war das. Wir waren nur an Musik interessiert, lasen das Creem Magazine und haben DEF LEPPARD live gesehen.

War es damals für euch als Teenager einfach, abends auf Konzerte zu gehen?

Oh ja, wie schon erwähnt, hatte ich eine sehr großzügige und geduldige Mutter und auch Kirks Eltern waren da sehr flexibel. Unsere Eltern haben uns immer vertraut, auch wenn wir manchmal Blödsinn gemacht haben. Wenn ich manchmal doch zu angeschlagen nach Hause kam, bin ich einfach in mein Zimmer geschlichen, habe die Tür zugemacht und das war dann für meine Mutter okay. Sie hätte mir meine ganze Musikleidenschaft nie verboten.

Hattest du damals Vorbilder, die deinen Stil beeinflusst haben?

Ja, definitiv. Eigentlich liebte ich alle großen Rock-Drummer der damaligen Zeit. Tommy Aldridge, John Bonham, Keith Moon und Michael Derosier von HEART fallen mir spontan ein. Rock- und Funk-Drummer haben mich immer interessiert und als dann noch Punk dazu kam, war das für mich ein richtiges Waaoohh!-Erlebnis.

EXODUS waren deine erste Band, oder? Wie fühlt sich das 37 Jahre später an?

Ja, das war sie und ich bin sehr dankbar, dass es die Band heute immer noch gibt und sich immer noch Leute für uns interessieren. Es ist schon interessant, wenn ich heute 18-jährige Teenager im Publikum sehe, die jedes Wort von „Bonded By Blood“ mitsingen können. Das Lustige dabei ist, dass wir bei jedem Interview gefragt werden, wann die neue Platte herauskommt, und bei den Konzerten wollen die Leute doch lieber die alten Klassiker hören. Das ist doch verrückt. Einerseits warten die Leute auf neue Songs von uns und wenn wir live spielen, sollen wir nur das alte Zeug spielen. Was soll das? Aber wir haben damit kein Problem, denn wir mögen es immer noch, neue Songs zu schreiben.

Wie hast du dich damals bei den Aufnahmen zu „Bonded By Blood“ gefühlt?

Ich war total fasziniert von dem ganzen Aufnahmeprozess und der Arbeit im Studio. Ich war 19 und alles war neu und aufregend für mich. Du hast etwas aufgenommen und plötzlich war es auf Tape festgehalten. In der heutigen digitalen Welt ist es ja noch schlimmer. Alles, was du aufnimmst, ist irgendwo auf diesem Planeten für immer festgehalten. Jeder Handclap, jeder Snareschlag ist irgendwo gespeichert. Damals war alles nur auf Tape, aber auch das war für mich schon ein magischer Moment. Der ganze Aufnahmeprozess erinnerte mich irgendwie an ein Sandwich. Die Drumspuren waren das Brot, das den ganzen Song zusammenhält, die Riffs waren der Belag und so fügte sich ein Part zum anderen. Ich selbst war damals ziemlich aufgeregt, weil wir ja alle Grünschnäbel waren und keine Erfahrung hatten. Die Aufnahmen gingen aber sehr schnell über die Bühne, weil wir sehr gut vorbereitet waren, gut spielen konnten und einfach unsere rohe Energie direkt aufnehmen wollten. Die Aufnahmen zum zweiten Album, „Pleasures Of The Flesh“, waren ein Alptraum, über den ich gar nicht sprechen möchte, weil da einfach viel schiefgegangen ist. Vor den Aufnahmen zu „Fabulous Desaster“ haben wir uns dann einen Monat zum Proben eingeschlossen und jeden Tag geübt, so dass wir wieder super vorbereitet waren und die Aufnahmen Song für Song sehr schnell durchgezogen haben.

Hattest du damals eigentlich das Ziel, der schnellste Drummer aller Zeiten zu werden?

Haha, vielleicht war ich das irgendwann einmal, aber zumindest heutzutage bin ich davon weit entfernt. Mein Ziel war immer nur der Groove und ich wollte immer den besten Rhythmus zu jedem Song spielen, den ich beisteuern konnte. Ich habe immer versucht, die Killerriffs der Band mit den besten Grooves zu untermauern, die ich liefern konnte, und natürlich waren die Riffs immer super schnell, also musste ich auch ziemlich schnell sein. Mir ging es aber nie darum, zu sagen, seht her, wie toll ich bin, sondern es ging und geht mir immer nur um den Song an sich. Die Komposition ist wichtig und zu überlegen, wie ich einen Song noch besser machen kann. Das ist irgendwie ein Mannschaftssport, zu dem alle ihren Teil beitragen müssen.

Wie würdest du deinen eigenen Stil bezeichnen?

Ich würde ganz kurz sagen, er liegt irgendwo zwischen Wahnsinn und Präzision. Diese Verzweiflung in meinem Stil kommt wahrscheinlich daher, dass ich Linkshänder bin und wir sowieso eine andere Lebenseinstellung als Rechtshänder haben. Deshalb klingt mein Stil wohl auch anders als der von anderen Drummern.

Hast du schon immer mit Handschuhen gespielt?

Nicht von Anfang an, aber schon sehr lange. Wir touren eben sehr viel und da kommt es für mich darauf an, meine Hände gesund und in Form zu halten.

Ende der Achtziger hast du die Band verlassen, weil du nicht mehr Schlagzeug spielen konntest?

Ja, ich habe 1989 dringend eine Auszeit gebraucht. Ich fühle mich damals krank und ausgebrannt. Wahrscheinlich war das zum großen Teil auch selbstinduziert, aber mich plagten damals Ängste und Sorgen, so dass ich nicht mehr weitermachen konnte. Wenn es dir schlecht geht, willst du einfach nur noch nach Hause, und genau das habe ich getan. Ich bin nach Hause gegangen und habe einen ganz normalen Job als Handwerker angenommen. Es tat mir gut, ein ganz normales Leben ohne den ganzen Reisestress zu führen. In 2004 habe ich die Band aus denselben Gründen ein zweites Mal verlassen und bin in die Berge gezogen, um mich zu erholen. Ich war ein richtiger Waldmensch, bis ich eine Frau aus San Francisco kennen gelernt habe und nun zwischen den Bergen und der Stadt hin und her pendele. Irgendwann habe ich aber meine Freunde so sehr vermisst, dass ich wieder bei EXODUS eingestiegen bin. Die Band ist eine richtige starke Gemeinschaft, wir sind eine Band im ursprünglichsten Sinn. Über die Jahre haben sich so viele starke Freundschaften entwickelt, dass ich viele Leute einfach gerne wiedersehen wollte.

Übst du eher für dich allein oder mit der Band?

Beides. Ich versuche, jeden Tag eine Stunde für mich allein zu üben, und wenn wir dann auf Tour gehen, proben wir natürlich regelmäßig alle zusammen. Aber eigentlich bin ich mehr der Oldschool-Typ, der sich die Kopfhörer aufsetzt und dann zu seinen Lieblings-CDs loslegt. Jetzt habe ich gerade zu Hause in der Bay Area eine Frau getroffen, die genau wie Tina Turner klingt, und wir haben so zum Spaß eine Funkband gegründet, wofür wir häufiger proben wollen. Mal sehen, was sich daraus entwickelt.

Hast du dich neben Gitarre und Schlagzeug auch für andere Instrumente interessiert?

Ich hatte eine einmonatige Liebesaffäre mit einer Posaune. Mein Vater besaß eine Posaune, die er meinem Bruder gegeben hatte, und als ich acht oder neun war, bekam ich diese Posaune und habe einen Monat lang vergeblich versucht, mich mit ihr anzufreunden. Aber es hat nicht geklappt und so habe ich es sein lassen. Mit unserem Bassisten Jack Gibson habe ich ein Electric Bluegrass-Projekt namens COFFIN HUNTER und da habe ich so zum Spaß für die „Bonded By Banjo“-Session auch mal den Gesang übernommen. Wir hatten immer im Scherze über eine Banjo-Version von „Bonded By Blood“ gesprochen und jetzt haben wir es wahrgemacht und es war ein Riesenspaß.

Absolvierst du ein spezielles Fitnesstraining, um auf Tour gut in Form zu sein?

Ich spalte Feuerholz. Ja, wirklich wahr. Ich schlage Feuerholz sowohl für meine Mutter, als auch für meinen eigenen Bedarf. Schlagzeugspielen ist für mich aber schon Sport genug. Ich bin jetzt über fünfzig und da muss man sich entscheiden, ob man Sport macht oder seine verfügbare Energie in die Musik steckt. Beides geht nicht.

Christoph Lampert

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #140 (Oktober/November 2018)

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