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Interviews & Artikel

JARADA

DIY-Polit-Punk aus Israel

In Israel existiert eine zwar kleine, aber doch sehr aktive Punk-Szene. Die Band JARADA, von langjährigen Punk-Aktivisten vor noch nicht allzu langer Zeit gegründet, kombiniert straighten Hardcore-Punk mit politischen Texten. Ihre erste LP erscheint demnächst auf dem Hamburger Label No Spirit. Warum sie auf Hebräisch singen, wie die Szene in Israel aussieht und wie sich die derzeitige politische Situation auf ihr Leben auswirkt, darüber sprechen wir mit Sänger Itai. Außer ihm zählen zum Line-up Schlagzeuger Ben, Gitarrist David und Bassist Dean.

Itai, könntest du uns etwas über die Geschichte von JARADA erzählen? Welche Bands haben euch beeinflusst?


JARADA wurde vor etwa einem Jahr als Nebenprojekt innerhalb eines Kollektivs gegründet, das einen der wenigen Veranstaltungsorte Israels mit Punkbezug betreibt. Wir vier sind seit vielen Jahren gute Freunde und spielen alle in mehreren Bands, SWEATSHOP BOYS, THE ORIONS, ZAGA ZAGA, UZBEKS, FRIDAY NIGHT SISSY FIGHT, THE BACKLINERS, BRUTAL ASSAULT, um nur einige zu nennen. Wir sind hauptsächlich von Oldschool-Hardcore-Bands beeinflusst, mit denen wir aufgewachsen sind, etwa NEGATIVE APPROACH, POISON IDEA, MINOR THREAT, SSD sowie von einigen großen aktuellen Bands, die im letzten Jahr großartige Sachen veröffentlicht haben, zum Beispiel IMPALERS, GLUE oder TARANTULA. Außerdem müssen wir unsere lokalen Haupteinflüsse erwähnen, wie NEKHEI NA’ATZA und DIR YASSIN.

Was bedeutet euer Name und was bedeutet er für dich?

JARADA wird mit einem spanischen J ausgesprochen, das den Kh-Laut tatsächlich wiedergibt. Auf Hebräisch bedeutet es „Angst“. Für uns als ängstliche Individuen fasst er unsere Realität und Erfahrungen zusammen, in einem kriegsgeschüttelten Land aufzuwachsen, in dem man dir seit deiner Geburt erzählt, dass wir alle von unseren blutrünstigen Erzfeinden umzingelt sind, die uns angreifen werden. Aber wenn du älter wirst, erkennst du natürlich, dass es nicht viel gibt, auf das man stolz sein kann, wenn man sich als Teil einer militaristischen, unterdrückerischen, verfallenden Gesellschaft versteht. An der Gegensätzlichkeit all dieser Fakten zusammengenommen könnte jede „normale“ Seele leicht zerbrechen, gelinde gesagt.

Warum habt ihr euch entschieden, auf Hebräisch zu singen?

Die Idee, auf Hebräisch zu singen, kam mir auf einer Show von MITROMEMOT, einer Queercore-Band aus Tel-Aviv. Das sind ein paar zwanzigjährige Kids, die den dreißig Zuschauern und mir mit ihren Texten eine großartige Lektion erteilt haben und mich mit ihrer witzigen, augenzwinkernden Art und ihrem Sarkasmus einfach umhauten. In unseren Texten kombiniere ich meinen persönlichen Standpunkt als Mensch, der in all diesem Chaos lebt, das ihm als unabänderliche Realität aufgezwungen wird, mit unserer kollektiven Sichtweise auf die Umwelt, die eher sarkastisch und ablehnend ist. Zum Beispiel: „If you’re rightwinged, then they fooled you“ oder „I love you, but the government is bringing me down“. Bei uns geht es immer darum, dass man auf sich allein gestellt ist und einer gnadenlosen Maschinerie gegenübersteht, so wie in dem Song „Throwing up“, auf Deutsch „Kotzen“.

Über Punk in Israel wissen viele hier, abgesehen von Bands wie DIR YASSIN oder USELESS I.D, eher wenig. Könntest du uns einen kleinen Überblick über eure Punk-Szene geben?

Die Szene in Israel ist seit jeher klein, aber beständig, einige Leute sind schon über zwei Jahrzehnte dabei. Unter dem Überbegriff „Punk“ versammeln sich mehrere Sub-Genres. Es gibt also Gigs mit vier Bands, die alle aus einer ganz unterschiedlichen Richtung kommen, und das ist in Ordnung! Wir haben nicht die eine Punk-Location, aber wir betreiben ein eigenes Studio in Tel Aviv, in dem wir manchmal einige kleinere Konzerte veranstalten. Davon abgesehen gibt es in Tel Aviv bestenfalls zwei oder drei Möglichkeiten, als Punkband aufzutreten. In Haifa, wo wir teilweise herkommen, sind gerade einige punkbezogene DIY-Läden im Entstehen. Wir drücken die Daumen, dass das klappt und sie überleben. Vor 15 Jahren kamen viele von uns aus ländlicheren Gebieten, veranstalteten lokale DIY-Shows und zogen viele junge, neugierige Leute an. Heute konzentriert sich alles auf die großen Städte, so dass es kaum noch Gelegenheiten gibt, ein Konzert auf die Beine zu stellen. Wir haben jedes Jahr mehrere Bands aus dem Ausland zu Gast, sehr viele sind aus Deutschland, aber wir hatten auch schon coole Bands aus den USA und Großbritannien hier. Die meisten organisieren alles selbst, nur unterstützt von einigen israelischen Punks, die sie auf ihren Sofas schlafen lassen und mit leckerem Hummus füttern.

Wie siehst du das soziale Klima in Israel? Wie wirkt sich das auf die Punk-Szene aus?

Wie ich bereits sagte, spüren wir den Bankrott der israelischen Gesellschaft nachdrücklich. Meiner Meinung nach ist die Mehrheit an einem Punkt angelangt, wo sie nicht mehr viel hat, aber trotzdem zu bequem ist, um etwas dagegen zu unternehmen. Wer kann schon gegen die Regierung aufbegehren, wenn er am nächsten Morgen ins Büro muss? Warum sollte man sich um die Situation in Gaza kümmern, wenn man heute Abend ein Date in dieser angesagten neuen Location hat? Die Regierung hat uns alle – clever, wie sie ist – in eine Situation gebracht, in der wir noch etwas zu verlieren haben, so dass man nichts wirklich unternimmt, um eine Veränderung zu erzwingen. Das Einzige, worauf sich immer alle einigen können, ist ein gemeinsamer Feind, in unserem Fall die Araber. Und das kannst du mir glauben, die Leute in Israel hassen ihre arabischen Nachbarn. Vor zwanzig Jahren war der größte Wunsch unserer Gesellschaft noch der „Frieden“. Wenigstens versucht uns die aktuelle Regierung nicht mehr damit zu verarschen. Niemand hier will Frieden, jeder scheint mit der aktuellen Situation zufrieden zu sein nach dem Motto: Die Palästinenser können in ihren Käfigen verrotten und wir gehen so lange einen Kaffee trinken, okay? Es ist mittlerweile so weit gekommen, dass Leute, die an so einfach Grundsätze glauben wie „Alle Menschen sind gleich“, bestenfalls als verrückt gelten und im schlimmsten Fall als Verräter. Das alles lässt mich mich von Zeit zu Zeit schier verzweifeln und viele Texte, die wir schreiben, befassen sich mit diesen Themen. Wir haben den Eindruck, dass viele Menschen jedes Schuldbewusstsein und jeden Hauch von Scham komplett verloren haben.

Das Cover deiner LP zeigt den Handschlag zwischen Rabin und Arafat im Jahr 1993. Warum habt ihr dieses Motiv gewählt?

Das Bild wurde teilweise als Witz gewählt. Unser Bassist Dean fand dieses Postkartenmotiv in einem Geschichtsbuch und hängte sie bei uns im Studio an den Kühlschrank. Irgendwann nahm jemand ein Porträt von Eric Clapton von einer „Ernie Ball Guitar Strings“-Verpackung und klebte es als Collage auf die Postkarte. Dann fügte er noch eine Sprechblase hinzu: „Ich habe mich ebenfalls in diese Situation gebracht.“ Wir fanden es urkomisch. Für mich bezeichnet dieses Bild aber auch einen Wendepunkt in unserem kollektiven Gedächtnis. In den Neunzigern hatten wir als Kinder das Gefühl, dass sich die Dinge positiv entwickeln würden, dann begann der schnelle Niedergang unserer Gesellschaft mit dem Aufstieg von Nationalismus, Rassismus und Hass. Und dass Clapton mit auf dem Cover erscheint, finde ich persönlich sehr lustig. Für mich wirkt das wie: Ich bin zwar total pleite und meine Repräsentanten sind ein Haufen Clowns, die auf meine Kosten reicher werden, aber ich habe noch etwas Whiskey übrig. Kommt, wir trinken einen und hören uns die Clapton-CD an, die ich zu meiner Bar Mizwa bekommen habe!

Eure LP wird von No Spirit aus Hamburg veröffentlicht. Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen?

Die LP ist als Kooperation von Doomtown Records aus Zagreb, No Spirit aus Hamburg und Crapoulet Records aus Marseille erschienen. Ich denke, zuerst wurde die Verbindung mit Doomtown Records hergestellt. Wenn ich mich nicht irre, haben sie unser Album auf YouTube entdeckt – es wurde bei Atomvinter hochgeladen, einem ziemlich beliebten Kanal für das Genre – und uns vorgeschlagen, es zu veröffentlichen. Sie hatten den Kontakt zu No Spirit und wir haben dann noch unseren langjährigen Kumpel Olivier von Crapoulet gefragt. Ich freue mich sehr über diese Partner. No Spirit machen cooles Zeug mit ihren Fanzines und Aktivitäten, Doomtown hat kürzlich einige heftige Sachen rausgebracht, die ich in Dauerschleife höre, und Crapoulet ist einer unserer größten Unterstützer, seit wir angefangen haben, mit einer unserer Bands Songs zu veröffentlichen.

Bedeutet dir der Sieg von Netta Barzilai beim Eurovision Song Contest etwas? Hatte er irgendwelche positiven Auswirkungen?

Der einzige positive Effekt war die Zunahme der nationalen Erregung. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als Netta nach dem Sieg wieder in Israel ankam. Sie gab eine riesige kostenlose Show im Zentrum von Tel Aviv, genau auf dem Platz, wo 1995 Premierminister Rabin ermordet wurde. Und zur gleichen Zeit wurden palästinensische Demonstranten in Gaza, vielleicht fünfzig Kilometer von Tel Aviv entfernt, von den IDF, den Israel Defence Forces, erschossen, nur weil sie sich unbewaffnet dem Sicherheitszaun näherten, um gegen die Besatzung und die unmenschlichen Bedingungen zu demonstrieren, unter denen die israelische Regierung sie leben lässt. Ich glaube, dass es Netta einen Scheiß interessiert hat. Sie wollte ihre „fünf Minuten Ruhm“ haben, als ob ihr Leben davon abhinge. Sie ist nur da zur Unterhaltung und damit leider eines von vielen Werkzeugen, die unsere ultrarechte Regierung jetzt hat, eine weitere Feder, mit der dieser Pfau sich schmücken kann. Eigentlich tut sie mir leid, weil ich weiß, dass sie eine fleißige, sehr talentierte Musikerin und Performerin ist. Und sie hat sicherlich sehr hart gearbeitet, um die Ziele zu erreichen, die sie vielleicht hatte. Sie vertritt eine großartige Haltung in sozialen und Gender-Fragen, was wirklich cool ist und absolut nichts mit dem zu tun hat, wofür unsere Regierung steht, die so stolz auf diesen Sieg ist.

Was sind eure Pläne? Eine Europatour?

Wir sind gerade dabei, eine Reihe neuer Songs aufzunehmen. Es reicht wahrscheinlich nicht für eine LP, aber dafür gibt es ja 7“s, richtig? Eine Europatour? Ich wäre der glücklichste Mensch, wenn das möglich wäre. Es ist eher ein Zeitproblem für uns, man bezahlt nicht wirklich seine Miete mit Punkrock, also haben wir alle Jobs und trotzdem zu wenig Kohle. Wie bereits erwähnt spielen wir in mehreren Bands, und manchmal bekommt eine die Chance für eine Tour. Dean und ich sind gerade erst zurück von einer Europatour mit unserer anderen Band SWEATSHOP BOYS.

Letzte Worte?

Ich bin wirklich erstaunt, dass wir so viel Aufmerksamkeit aus dem Ausland erhalten. Es bedeutet uns sehr viel zu wissen, dass es da Leute gibt, die verstehen, worum es bei uns geht. Seid cool zueinander, helft euch gegenseitig, spielt Shows miteinander, seid keine verdammten Arschlöcher.

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #141 (Dezember/Januar 2018)

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