Interviews & Artikel : JUSTIN MAURER :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

JUSTIN MAURER

Flash-Fiction und Poesie

Justin Maurer ist ein klassisches Allroundtalent. Seit er mit den DEADLY WEAPONS vor mittlerweile 16 Jahren erstmals Zeugnis seines Könnens ablegte, war er in so einigen ausgezeichneten Bands tätig. In Europa dürften hier vor allem die ausufernden L.A.-Punk-Pop-Orgien mit den CLOROX GIRLS in Erinnerung geblieben sein. Aktuell schippert er mit den SUSPECT PARTS durch die sieben Sixties-Pop-Weltmeere und kreuzt bei MANIAC klassischen Westküsten-Punk mit WIRE und PSYCHEDELIC FURS. Ähnlich ansteckend sind Justins Kurzgeschichten, humorvoll und mit einem Auge für das Besondere. Gleichermaßen aber auch erschreckend, denn die Umstände, unter denen Justin aufwuchs, waren alles andere als einfach.

Justin, ich würde zunächst gerne etwas mehr über die Umstände erfahren, unter denen du aufgewachsen bist. In deinen Büchern, Kurzgeschichten und Songtexten erwähnst du häufig Aspekte von physischer und psychischer Gewalt, die du erlebt hast. Wie blickst du heute darauf zurück und wie fühlt es sich an, darüber zu sprechen und zu schreiben?


Meine Mutter wurde taub geboren, und als ältestes Kind war ich dafür verantwortlich, ihr zu helfen und wuchs damit auf, ihr Gebärdensprachdolmetscher zu sein. Meine Familie hat darüber hinaus eine ziemlich umfangreiche Vorgeschichte, was Drogen- und Alkoholmissbrauch betrifft, und ich kann mich noch daran erinnern, dass wir meinen Onkel einige Male im Knast besucht haben. Derselbe Onkel ist heute obdachlos und heroinabhängig. Auch was physischen, mentalen und emotionalen Missbrauch betrifft, gibt es leider entsprechende Erfahrungen. Ja, all diesen Scheiß musste ich miterleben, und als ich 16 Jahre alt war, ließ ich meinen Vater in den Knast stecken, weil er meine Schwester körperlich angriff. Man kann also sagen, dass meine unmittelbare Familie zum größten Teil ohne Vater aufwuchs. Damals war für mich die gesündeste Art des Umgangs mit diesen Erlebnissen, Punkrock zu hören und selber zu spielen. Später begann ich dann damit, Kurzgeschichten über die Umstände, unter denen ich aufwuchs, zu schreiben.

Wie hast du Punk und die entsprechende Szene damals wahrgenommen, weshalb hast du sie als Teil des Bewältigungsprozesses erlebt?

Heute mag Punk vielleicht keine große Rolle mehr spielen, aber als ich aufwuchs, kamen fast alle Leute, die in die lokale Szene involviert waren, aus kaputten Elternhäusern oder dysfunktionalen Familien, mich selbst eingeschlossen. Punk war eine großartige Möglichkeit, sich selbst zu befreien, einfach loszulassen, und für manche ist das auch heute noch so. Musik jeder Art kann einen therapeutischen Effekt haben. Es ist wichtig, über traumatische Erlebnisse zu sprechen. Natürlich fällt es mir immer noch schwer, dies zu tun, aber jedes Mal, wenn ich darüber rede, fühlt es sich wie eine kleine Katharsis an. Ich habe irgendwo eine wissenschaftliche Studie gelesen, in der beschrieben wird, dass die schlimmsten traumatischen Erfahrungen, die man erlebt, letztendlich das ausmachen, was uns als Person definiert. Ich glaube absolut daran, dass dies zutrifft.

War die Entscheidung, deinen Vater in den Knast stecken zu lassen, nicht eigentlich von einem Teenager zu viel verlangt?

Ich musste es tun und bin stolz darauf, es getan zu haben. Natürlich sollte kein junger Mensch oder Teenager überhaupt in die Situation geraten, derartige Umstände zu erleben oder eine solche Entscheidung treffen zu müssen. Aber ich habe es getan und bereue es auch nicht.

Hattest du je die Gelegenheit, mit ihm darüber zu sprechen, was er dir, deiner Familie und insbesondere deiner Mutter – die du als die liebevollste Person, die man sich nur vorstellen kann, beschreibst – angetan hat?

Ich glaube, er ist ein Soziopath und wahrscheinlich auch ein Narzisst. Jede Entscheidung, die er trifft, dient alleine seinem persönlichen Wohlergehen, ganz gleich wie sein Verhalten andere beeinflusst. In seiner Version der Geschichte stellt er sich selbst als Opfer dar. Nun bin ich zwar kein Psychologe, aber sich selbst als Opfer darzustellen, ist das ganz typische Verhalten eines Soziopathen oder Narzissten.

Würdest du sagen, dass das zugegeben recht oberflächliche Etikett „dysfunktional“, welches Psychologen gerne für Menschen verwenden, die Gewalt erlebt haben, auch auf dich zutrifft?

Natürlich, ich bin in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen und das hat viele meiner persönlichen Beziehungen als Erwachsener beeinflusst, Vieles beschäftigt mich noch immer und wird es wohl auch für den Rest meines Lebens tun. Das ist okay so, bedeutet aber nicht, dass ich dem Ganzen nicht eine positive Wendung geben könnte. Jeder erlebt auf die eine oder andere Weise eine Form von Unglück, und so seltsam es sich auch anhören mag: Ich bin dankbar für dieses Unglück, denn es ermöglicht mir, Mitgefühl für andere zu empfinden, die weitaus Schlimmeres als ich erlebt haben.

Nach all diesen Erlebnissen: Was bedeutet das Wort Familie heute für dich, was sind die Werte und Bedingungen, die du als essentiell für dein Leben betrachtest?

Im Idealfall sollte die Familie ein System der Unterstützung bieten, die einen ermutigt, Ratschläge und gegenseitige Hilfe bietet. Leider habe ich in meiner eigenen Familie nicht viel davon gefunden, doch manchmal können auch Freunde zu unserer Familie werden. Diesbezüglich habe ich das unglaubliche Glück, überall auf der Welt Menschen zu haben, die ich als Familie betrachte. Meine persönlichen Werte sind es, bescheiden, freundlich und freigebig zu sein. Ich denke, es ist wichtig, selbstlos zu sein, aber ebenso wichtig ist, sich selbst beschützen zu können und seinen Standpunkt zu vertreten. In dieser Welt ist es leicht, sich selbst zu verlieren, also haltet an euch selbst fest und seid dankbar für die, die euch lieben und die ihr liebt. Habt keine Angst, alleine zu sein. Allein zu sein, mag eine der beängstigendsten Erfahrungen überhaupt sein, aber wenn ihr in dieser Situation auf euch selbst achtet, in euch geht, dann könnt ihr viel daraus lernen.

Angesichts des politischen Klimas in den USA, das durch den aktuellen Präsidenten jeden Tag aufs Neue pervertiert wird, denkst du, dass Gewalt in der amerikanischen Gesellschaft als gängige Methode der Konfliktlösung betrachtet wird?

Absolut, die amerikanische Geschichte war schon immer ziemlich gewalttätig und sicherlich war es auch nicht gerade förderlich, dass einige der ersten Europäer, die sich hier niedergelassen haben, Strafgefangene, Verbannte und religiöse Spinner waren. Unser politisches Klima derzeit ist tatsächlich extrem pervers, doch es gibt auch einen kleinen Hoffnungsschimmer: Über hundert Frauen wurden gerade in den Kongress gewählt, was alle bisherigen Rekorde übertroffen hat. Unter diesen Frauen sind zwei Native Americans, zwei Muslima und die jüngste Frau, die je einen Amtssitz innehatte, die gerade einmal 29 Jahre alte Alexandria Ocasio-Cortez. Zur nächsten Präsidentschaftswahl 2020 wird es außerdem einige wunderbare Optionen auf der linken Seite des Spektrums geben wie Bernie Sanders, Beto O’Rourke, Elizabeth Warren, Kamala Harris ...

Du selbst lebst inzwischen wieder in Los Angeles. Fühlst du dich dort, wo du bereits die ersten elf Jahre deiner Kindheit verbracht hast, jetzt endlich zu Hause?

Zu L.A. empfinde ich noch immer eine Hassliebe, aber ja, mehr oder weniger ist es mein Zuhause. Dennoch fühle ich mich auch noch immer in Portland, Oregon, Madrid, Spanien und Berlin zu Hause. Vielleicht steht mein dauerhaftes Zuhause noch gar nicht fest und muss sich erst noch ergeben. Für den Moment allerdings bin ich dazu bestimmt, hier in dieser Stadt, meinem Geburtsort, zu leben.

Diese Stadt und die Dinge, die du in ihr erlebst, beobachtest und entdeckst, spielen ebenfalls oft eine wichtige Rolle in deinen Geschichten. Was fasziniert dich so an Los Angeles, warum übt die Stadt einen so großen Einfluss auf dich aus?

Los Angeles ist eine unglaublich faszinierende und einzigartige Stadt, eine der wahrscheinlich am meisten gehassten und missverstandenen Städte der Erde. Von den Tongya- und Chumash-Stämmen, die hier ursprünglich lebten, bis hin zu den Spaniern, den Mexikanern, den Goldsuchern, den Chinesen, den osteuropäischen jüdischen Filmregisseuren, den Wasserdieben, den Einwanderern aus der ganzen Welt und dem neuen Hollywood gibt es so viele großartige Geschichten zu erzählen. Mein Herz schlägt immer noch höher, wenn ich mich auf der Suche nach einem neuen Restaurant, das ich noch nicht kenne, durch das Spinnennetz aus Autobahnen und Straßen bewege und es schlussendlich irgendwo eingezwängt auf einem Parkplatz entdecke. Alleine in den letzten Wochen habe ich neue Sorten von Ramen, Vermicelli, Pho, Bun Bo Hue, pakistanisches Lamm-Curry und mehr probiert. Meine direkte Nachbarschaft, die südlich von Koreatown liegt, ist vorrangig geprägt durch Menschen aus Zentralamerika, also Salvador, Nicaragua, Oaxaca, Guatemala, Mexiko, aber ebenso durch Menschen aus Korea, China, Japan und Vietnam, die Küchen der Welt liegen also quasi direkt vor meiner Haustür. Los Angeles ist außerdem ein großer Einfluss für mich, weil Kunst ja versucht, dem Leben einen Sinn zu geben, und diese Stadt einer der widersprüchlichsten und verwirrendsten Orte der Welt ist, den ich jeden Tag aufs Neue zu ergründen versuche.

Trifft dieser Eindruck der Ruhelosigkeit und des Unbeständigen, wie er in deinen Geschichten oder auch in dem SUSPECT PARTS-Song „No one from nowhere“ zu finden ist, auch auf dich zu?

Damals, als Gangs in Amerika noch ein großes Thema waren – es gibt sie noch immer, sie sind nur nicht mehr so sichtbar wie in den Achtzigern und Neunzigern –, konnte die Frage, woher man kommt, dazu führen, dass man zusammengeschlagen oder einfach abgeknallt wurde. Die Antwort „No one from nowhere“ bedeutete, dass du mit Gangs nichts zu tun hattest, und war die beste Möglichkeit Ärger und Schlägereien aus dem Weg zu gehen. Während meiner vielen Reisen hatte ich immer das Gefühl, nirgendwo wirklich verwurzelt zu sein, keine richtige Heimatstadt zu haben. Genau darauf bezieht sich auch der Song: das Gefühl, kein Zuhause zu haben.

Wenn ich richtig gezählt habe, hast du in den letzten Jahren bei sieben Bands mitgewirkt, von denen aktuell die SUSPECT PARTS und MANIAC zu nennen sind, mit denen du gerade die zweite Platte veröffentlicht hast. Was sind für dich die prägendsten Unterschiede zwischen diesen beiden Bands?

SUSPECT PARTS, mit Sulli und mir als Songschreibern, sind ohne Frage mehr pop-orientiert. Bei MANIAC hat Zache, der Sänger und Bassist, einen eher kantigen Weg gewählt, seine Songs zu schreiben, und Andrew, der Leadgitarrist, bringt einen eher klassischen Rock-Hintergrund mit in die Band. Durch meinen Einfluss und die Art, wie wir die Songs arrangieren, entsteht so ein etwas düsterer, aber kraftvoller und mitreißender Sound. Ich sehe SUSPECT PARTS und MANIAC wie Yin und Yang. Die Seite von MANIAC ist das Yin, düster, dunkel und ein wenig negativ, während die SUSPECT PARTS für das Yang stehen: fröhlich, strahlend und positiv. MANIAC sind eher maskulin, SUSPECT PARTS eher feminin, es ist ein gutes Gleichgewicht, diese Eigenschaften in zwei Bands zu haben.

Was habt ihr mit den beiden Bands für die nahe Zukunft in Planung?

Beide werden 2019 in Europa spielen, außerdem natürlich hoffentlich weitere Songs schreiben und aufnehmen. MANIAC werden im Januar in Tijuana, Mexiko spielen, und da ich dort schon einige Zeit nicht mehr war, bin ich gespannt, was sich dort alles verändert hat. Im Rahmen dessen habe ich auch ein Hilfsprojekt organisiert, das notwendige Gegenstände des alltäglichen Lebens zu den Einwanderern aus Zentralamerika transportieren wird, die auf der mexikanischen Seite der US-Grenze festsitzen. Während wir dort sind, können wir so auch etwas Positives bewirken und diese Menschen unterstützen.

Natürlich wäre es unfair zu fragen, welche deiner bisherigen Bands dir am meisten Spaß bereitet haben, also frage ich einfach nach der, mit der du die prägendsten Erinnerungen verbindest?

Den meisten Spaß hatte ich mit den CLOROX GIRLS. Es war einfach eine besondere Zeit. Ich war 19, als wir mit der Band anfingen, und bis ich 25 war, hatten wir schlichtweg eine unglaubliche Menge an Spaß zusammen. Ungeachtet dessen ist es für mich immer noch das absolut Größte, auf Tour zu sein und Musik zu machen. Wäre das nicht der Fall, hätte ich schon längst damit aufgehört. SUSPECT PARTS sind wie meine Brüder und das Gleiche kann ich auch von MANIAC sagen.

Mit den SUSPECT PARTS und MANIAC beschränkt ihr euch nicht nur auf Punk als Einfluss, sondern fasst eure Ideen wesentlich weiter. Schwirrt dir aktuell noch etwas im Kopf herum, das du musikalisch unbedingt noch einmal mit einer der beiden Bands umsetzen willst?

In den letzten Jahren war ich versessen auf Country-Musik und habe für diese Leidenschaft auch extra eine Band namens WAYWARD CHAPEL auf die Beine gestellt. Unsere einzigen Aufnahmen kann man sich leider nur auf Bandcamp und Spotify anhören. Ich liebe alte Country-Musik wirklich. Was die anderen Bands angeht, ist es an der Zeit, zu den Wurzeln zurückzukehren, einfache Punk-Songs, denen du nicht widerstehen kannst und die dir den Kopf wegblasen. Solche Songs live zu spielen, macht am meisten Spaß und funktioniert immer, die Leute bekommen einfach nicht genug davon.

Neben deinen Bands hast du, wie schon erwähnt, bisher auch drei Bücher geschrieben, von denen du zuletzt „Mutant Maniac“ in Eigenregie veröffentlicht hast. Was kannst du uns darüber erzählen?

Ja, ich habe ein paar Bücher im Heftformat veröffentlicht, also prinzipiell eher wie ein geklammertes Fanzine als ein richtiges gebundenes Buch. Irgendwann werde ich aber auch noch ein „richtiges“ Buch schreiben und herausbringen. Inhaltlich enthalten sie vor allem Kurzgeschichten über meine Familie und meine Zeit auf Tour mit Punkbands. Falls jemand Interesse hat, viele dieser Geschichten kann man auch auf meiner Homepage nachlesen. Es wäre natürlich auch großartig, einen deutschen Verleger zu finden, der einige dieser Geschichten ins Deutsche übersetzt.

Obwohl du viel Scheiße erlebt hast, durchzieht deine Geschichten zugleich ein sehr feiner Sinn für Humor, der sich in oft obskuren, aber unglaublich lustigen Situationen zeigt. Was davon bringt dich noch heute zum Lachen und wie hast du diese Balance in deinen Storys gefunden?

Humor ist eines der wichtigsten Werkzeuge, um in dieser Welt zu überleben. Über bestimmte Situationen lache ich jeden Tag, ebenso über mich selbst, denn das ist enorm wichtig. Wenn du willst, dass ich dir einige dieser Geschichten erzähle, dann musst du mir bloß einen Drink spendieren und ich tue es nur zu gerne. Ansonsten kann man aber auch auf genannte Homepage oder eines der Bücher zurückgreifen. Was die Balance betrifft, so arbeite ich noch immer daran, sie zu finden. Es fällt schwer, kreativ zu sein, wenn man pleite ist oder sich ständig Sorgen wegen Geld machen muss. Zum Glück habe ich die Möglichkeit, als freiberuflicher Gebärdensprachdolmetscher zu arbeiten, und bin damit ziemlich beschäftigt. Was den Lebensunterhalt betrifft, so ist das einer der dankbarsten, angenehmsten und am besten bezahlten Jobs, die ich jemals gemacht habe. Meine Mutter, meine Tante und mein Stiefvater sind alle gehörlos und deshalb wuchs ich ja mit Gebärdensprache auf. Etwas, mit dem ich in meiner Jugend nur schwer umgehen konnte, hat sich letztendlich als wahres Glück für mein Leben als Erwachsener entpuppt. Ich bin sehr dankbar dafür, diese Fähigkeit zu haben, und es ist eine Dienstleistung, die wirklich gebraucht wird. Etwa eine Million gehörloser Menschen leben im Großraum Los Angeles, in Kalifornien insgesamt etwa drei Millionen, die Nachfrage ist also entsprechend groß.

Was gibt dir das Schreiben, das Musik nicht leisten kann, und umgekehrt?

Bei bissigen, schlagfertigen Punk- oder Pop-Songs musst du deine Message in zwei bis drei Minuten vermittelt haben. Das Schreiben ermöglicht es mir, mich mehr zu öffnen, gibt mir mehr Raum, meine Gedanken zu entwickeln, als bei der kurzen Explosion in einem Song. Ein Song ist eher Flash-Fiction oder Poesie. Ich kann mich glücklich schätzen, mit beiden Arten des Ausdrucks spielen und sie nutzen zu können. Beides ist anstrengend und erfordert eine spezielle Stimmung. Wenn ich aber in dieser Stimmung bin, dann geschieht es wie von selbst, beinahe mühelos. Übereinstimmend sagen Songschreiber und Autoren immer wieder, dass sie einfach ein Kanal für eine höhere Macht sind, jetzt nicht im religiösen Sinne. Wir hier auf der Erde sind einfach Antennen oder Satelliten, und wenn das Signal ankommt, dann passiert es einfach, wir bringen etwas zu Papier. Du kannst das aber eben auch einfach auf die richtige Stimmung schieben, wenn du es erklären willst.

Mit welchen Autoren und ihren Werken könnte man deine Bands vergleichen?

MANIAC wären Nathanael Wests „Tag der Heuschrecke“, SUSPECT PARTS wären John Steinbecks „Die Straße der Ölsardinen“, CLOROX GIRLS wären Jack Kerouacs „Gammler, Zen und hohe Berge“. Warum, das müsst ihr selbst herausfinden!

Dirk Klotzbach

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #142 (Februar/März 2019)

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