KENT NIELSEN

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Immer noch kein Tänzer

Kent Nielsen hat über viele Ausgaben im Ox unter dem Titel „Wie aus mir kein Tänzer wurde“ die Geschichte seiner Jugend in der dänischen Hardcore-Szene der Achtziger erzählt. Und als er dann durch war, entstand daraus das gleichnamige Buch, das Ende 2018 im Ventil Verlag erschienen ist. Ich ließ mir erklären, wie das alles so kam.

Kent, woher kam die Idee, die Geschichte deiner Hardcore-Vergangenheit in Dänemark zu erzählen?


Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht mehr. Mein Sohn ist jetzt 15, und als ich anfing, war er nicht mal geboren. Ich kann mich daran erinnern, dass ich Lars Martin von der Idee erzählte, er war Roadie meiner alten Band L.U.L.L. und ist der Bruder von Niller, unserem Bassisten. Lars Martin ist selber Journalist und Autor und meinte: „Wenn jemand ein Buch über die dänische Punk-Szene schreiben sollte, dann du.“ Auch Anderz Nielsen fand die Idee sehr gut. Also fing ich an einem Wochenende an, alles aus den Archiven hervorzukramen und die Papiere erst mal nach Jahreszahlen zu sortieren. Denn ich wusste von Anfang an, wann die Geschichte anfängt und aufhört – nur was dazwischen alles zum Vorschein kommen könnte, da war ich mich nicht so sicher.

Warum musstest oder wolltest du diese Erinnerungen loswerden?

Ab der Geburt meines Sohnes habe ich einige Jahre lang nur sporadisch weitergemacht, wie das eben so ist, wenn Kinder da sind. Ich hatte ja immer meine Musik, die für mich zusammen mit dem Vatersein oberste Priorität hatte und hat. Zu MySpace-Zeiten habe ich dann einige frühe Entwürfe der ersten Kapitel dort als Blog eingestellt und eine Handvoll Freund*innen haben es sehr aufmerksam verfolgt und immer nach Nachschub verlangt. Das Problem war auch, dass ich nicht wusste, wer mein Publikum sein wird, sprich: für wen ich das eigentlich schreibe. Sind es Leute aus der Szene? Menschen, die Punk nur vom Hörensagen kennen? Angehende Sozialarbeiter*innen oder Außerirdische vom Planeten Mars? Das änderte sich erst ab 2012/13, als ich anfing, für das Ox zu schreiben, und die Chance bekam, das Ganze hier als Fortsetzungsgeschichte zu veröffentlichen. Jetzt wusste ich zum ersten Mal, wer das Zielpublikum in etwa sein wird. Gleichzeitig löste sich meine letzte Band ONE BAR TOWN auf, und auf einmal hatte ich Luft, um an „kinderfreien“ Wochenenden zu schreiben. Und ich hatte eine Deadline, die alle zwei Monate eingehalten werden wollte. Drittens sagte mein alter Kumpel Jesper „Dodo“ Christiansen, mit dem ich zu dem Zeitpunkt auch wieder Kontakt hatte: „Du musst es fertig machen, es ist dänische Zeit- und Musikgeschichte!“

Ohne Ox gäbe es das Buch also nicht?

Ohne die Ox-Zusage, das Aus von O.B.T. und Jespers Input wäre ich vermutlich immer noch nicht fertig. Das Gleiche gilt für den Input und das Feedback von Stefanie, der Mutter meines Sohnes, die das Ganze auch von Anfang an begleitet, unterstützt und korrigiert hat – bevor ein Kapitel bei euch eingereicht wurde. Aber warum ich es tun musste? Keine Ahnung. Es hat schon etwas mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit zu tun und damit, etwas zu den Akten legen zu können – was mitunter ein hartes Stück Arbeit sein kann. Ich fand Helge Schreibers Buchprojekt „Network Of Friends“ ganz, ganz toll. Aber ich musste mich regelrecht dazu zwingen, dort mitzumachen. Nicht, weil ich es nicht interessant fand, aber Helge kontaktierte mich damals zu einem Zeitpunkt, an dem ich glaubte, mit vielem gerade abgeschlossen zu haben.

Ich bin immer noch verblüfft, wie detailreich und exakt du deine Erlebnisse in der dänischen – und deutschen – Punk- und Hardcore-Szene der Achtziger schilderst. Basiert das auf Tagebucheinträgen oder wie hast du das geschafft?

Tagebuch eher weniger, aber ich bin jemand, der sich schlecht von Dingen trennen kann. Also waren alle Fanzines, Fotos, Flyer, Kassetten, Schallplatten und auch vieles an Briefen immer noch da. Und dann fängt man eben an: sortiert nach Jahren, dann nach Quartal, schließlich nach Datum und versucht so eine Art Chronologie oder roten Faden da reinzukriegen. Ich habe die Unterlagen durchgelesen und mittels assoziativen Schreibens alles notiert, was mir dazu einfiel. Anschließend habe ich angefangen zu schreiben, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Es ist erstaunlich, was einem dabei immer wieder einfällt, wenn man so verfährt. Ich habe mich auch wenig bis gar nicht mit Leuten von damals unterhalten. Was du liest, ist das, was ich rekonstruieren konnte. Nur ganz wenige Dinge wurden direkt von anderen an mich herangetragen, zum Beispiel der Glasaschenbecher, der nur um ein Haar den Kopf von Morten von K.D.F. verfehlte. Oder mein Blackout beim RAMONES-Konzert, wo Steen Thomsen mir mehr als 15 Jahre später erzählte, wir hätten uns das ganze Konzert gegenseitig angesehen. Ich kann mich bis heute nicht daran erinnern.

Wie waren über die Jahre die Reaktionen auf die Serie und jetzt auf das Buch von Seiten jener, die darin vorkommen?

Das Feedback der Leser*innen der Ox-Version war fast immer sehr positiv. Helge Schreiber meinte mal, er würde jedes Mal etwas Neues über die dänische Musikszene erfahren, und ich dachte, wenn Herr Schreiber, der ja so was wie ein wandelndes Punk- und Hardcore-Lexikon ist, Wissen aus der Geschichte zieht, dann muss ich was richtig machen. Bei meinen alten beziehungsweise engen Freunden und Freundinnen war für mich am wichtigsten, dass sie die Erzählweise alle als sehr unsentimental empfinden. Meine Geschichte gleicht der tausender anderer Kids. Die meisten meiner Kumpels halten mich für ein ziemliches Stehaufmännchen, und wenn einer von ihnen beim Lesen weinen muss, dann eher, weil diese oder jene Story sehr nüchtern geschildert wird – und nicht, weil der Autor vor Selbstmitleid zerfließt. Das fand ich wichtig.

Gibt es in Dänemark eine ähnliche Aufbereitung der eigenen Musikgeschichte mit Filmen, Büchern und Ausstellungen wie in Deutschland und wie wird dein Buch in diesem Kontext wahrgenommen?

Es gibt ein paar Bücher über die Hausbesetzerszene, unter anderem auch über das Allotria-Squat in Kopenhagen. Über die Flucht der Bewohner gibt es sogar einen Dokumentarfilm. Es gibt in Århus darüber hinaus ein Rockmuseum, wo auch einiges der lokalen Punk-Szene gewidmet ist. Der Autor Jan Poulsen hat zwei sehr gute Bücher über die Szene geschrieben. Eins über die Band SODS/SORT SOL, was für mich ein ganz tolles Zeitdokument ist – auch wenn das Werk nicht ganz unumstritten ist, weil manche ihm vorwerfen, nur mit Leuten gesprochen zu haben, die entweder nicht mehr in der Band sind oder nicht so viel zu melden hatten. Sein anderes Buch heißt „Something Rotten!“ und behandelt die dänische Punk-Szene von ihren Anfängen bis etwa 1985. Ist auch ein sehr gutes Buch, konzentriert sich aber meiner Meinung nach zu sehr auf Kopenhagen. Ich erlaube mir, das zu sagen, weil Jan ja auch weiß, wie ich darüber denke. Er hat schon mit Leuten aus der Provinz gesprochen, aber nicht viel. Und dann hat Allan Babiarz tatsächlich im Herbst 2018 ein Buch über die Punk-Szene von Odense von 1980 bis 1989 geschrieben, auf Dänisch: „Fra Rockens Randområde“, also „Aus dem Randgebiet des Rock“. Ich kenne ihn nicht, er hat es mir aber im September beim Nostalgiratu Festival in die Hand gedrückt, mit den Worten: „Ich finde, du solltest das haben“, und dann war er wieder verschwunden. Es ist nicht sehr dick, aber als ich es gelesen hatte, konnte ich nicht umhin zu denken: „Hättest du mir das nicht ein paar Jahre früher geben können? Das hätte mir einiges an Recherche erspart!“

Und was sagen dänische Punk-Musiker zu deinem Buch?

Ole Dreyer, ex-GATE CRASHERS, Steen Thomsen von THE ZERO POINT, ex-WAR OF DESTRUCTION, Dennis Jensen, ex-THE ZERO POINT, und Anderz Nielsen von PRESIDENT FETCH waren alle sehr beeindruckt von „Wie aus mir kein Tänzer wurde“. Generell gilt aber, dass Dänen sehr gut Englisch können, dafür sprechen die meisten nur wenig oder gar kein Deutsch und wahrscheinlich nicht genug, um ein Buch lesen zu können.

Wird es auch eine dänische Version geben?

Ob es eine dänische oder englische Version geben wird, hängt davon ab, ob ich einen Verlag finde, der bereit ist, eine Übersetzung zu bezahlen. Es fragen viele aus Dänemark an, weil sie es eben nicht lesen können, und aus dem englischsprachigen Raum gab es auch Anfragen. Ich habe vor, ein paar Kapitel selbst zu übersetzen, und – wenn wir dann ein paar Rezensionen haben – ein bisschen Klinkenputzen zu gehen bei Verlagen in Dänemark, UK und den USA. Aber ich bin ein Musiker, der zufälligerweise ein Buch geschrieben hat, und nicht umgekehrt. Von daher sind meine Prioritäten auch ganz klar. Und das Buch muss jetzt im deutschsprachigem Raum promotet werden, ich werde fleißig auf Lesetour gehen.