Interviews & Artikel : RANTANPLAN :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

RANTANPLAN

Die Macht des Rudels

Als RANTANPLAN, diese unkaputtbare Hamburger Ska-Punk-Institution, vor knapp zwei Jahren ihr Album „Licht und Schatten“ veröffentlichten, befand sich Frontmann Torben Meissner privat gerade in einer ziemlich problematischen Situation und erzählte dies auch offen im Gespräch mit dem Ox. Mittlerweile ist er wieder obenauf – und mit der Platte „Stay Rudel, Stay Rebel“ machen er und seine Band auch gleich klar, wer ihn da aus dem Loch der Depression wieder hochzog ans Licht: das Rudel. Und weil es eben Torben ist, geriet auch das neuerliche Gespräch zu einer ehrlichen und über die Musik hinausgehenden Angelegenheit.

Torben, du hast darum gebeten, dieses Interview erst nach 16 Uhr zu führen. Bist du Langschläfer?


Ich war heute Langschläfer, weil die Kinder – mein Sohn ist drei, meine Tochter acht – mich dazu genötigt haben. Die beiden haben seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag einen Schlafrhythmus drauf, der gar nicht geht, haha. Die sind gestern erst um Mitternacht ins Bett. Heute haben wir deshalb bis halb zwölf gepennt. Dann habe ich sie zu ihrer Mutter gefahren. Und dann wollte ich unbedingt auch noch zum Sport. Wenn ich nicht hingehe, dann ärgere ich mich zwei Tage lang.

Was für einen Sport betreibst du?

Fitness. Am liebsten jeden Tag. Ich könnte gar nicht mehr mit RANTANPLAN auftreten, wenn ich mich nicht fithalten würde. Denn ich trinke ja auch gerne mal Rum-Cola und rauche. Und wenn man da nichts tut, dann – habe ich gehört – macht der Körper irgendwann nicht mehr mit. Dann hört das Herz auf zu schlagen oder so, haha. Und ehe ich es vergesse: Seit einem halben Jahr mache ich mit meiner Tochter Capoeira. Eltern-Kind-Capoeira. Das ist dieser brasilianische Kampftanz. Das ist toll. Meine Tochter wollte erst gar nicht. Als ich ihr aber in Aussicht gestellt hatte, dass es vor allem um Tanzen geht und sie, wenn sie jetzt anfangen würde, mit 16 die Disco-Queen sei, war ihre Antwort: „Okay, melde uns an!“

Ist Capoeira noch Punkrock?

Klar. Es ist Punkrock des Körpers. Es ist ja ein alter Tanz der Sklaven. Die durften damals keinen Sport machen, schon gar nicht kämpfen. Deshalb haben sie das als Tanz getarnt. Es ist Jahrhunderte alt – und das finde ich absolut Punkrock.

Beim Interview zu letzten Platte landeten wir beim Thema Fidel Castro und Kuba und du stelltest dich als Experte auf dem Gebiet heraus. Jetzt erweist du dich als Capoeira-Experte. Liest du eigentlich viel?

Jein. Beim Songschreiben für die neue Platte hatte ich eine Lesepause eingelegt, um mich auf die neue Musik konzentrieren zu können. Normalerweise lese ich immer zwei bis drei Bücher gleichzeitig.

Hast du hier und heute einen ultimativen Tipp, wie man sich mehreren Büchern gleichzeitig widmen und sie auch zu Ende lesen kann?

Ich habe immer ein wissenschaftliches Buch, einen Roman und ein englischsprachiges. Das englischsprachige nehme ich mit auf die Toilette. Den Roman lese ich abends im Bett. Und das wissenschaftliche Buch lese ich morgens am Küchentisch. Das kann zwar auch mal wechseln. Aber so ungefähr ist die Aufteilung. Das mit den mehreren Büchern fing übrigens an, weil ich mir mal mehrere Bücher zur Hand nahm, um Songideen zu entwickeln. Dann blieb ich dabei. Und manchmal – so jedes halbe Jahr – komme ich dann auch noch auf den Trichter und kaufe mir Die Zeit, die FAZ oder das Hamburger Abendblatt auf einmal. Wie so ein Intellektueller. Es ist eigentlich die Traumvorstellung von mir selber: Ich als Bohemien, der morgens die Tageszeitungen liest, mittags Musik macht und abends Interviews gibt, haha.

Anstelle eines Lebens als Bohemien hast du mit RANTANPLAN jetzt immerhin ein neues Album am Start.

Ja, und wir haben wirklich hart gearbeitet. Wir hatten 52 Songs geschrieben. Da musste ich mal meckern und sagen: „Jungs, langsam müssen wir und mal fokussieren und den Sack zumachen.“ Also haben wir den ganzen Rest rausgekickt.

Fällt es nicht schwer, sich von Songs einfach so zu verabschieden?

Nein. Man merkt ja meist, was Sache ist. Wenn die halbe Belegschaft einen Song kippen und das Label lieber über Kaffee als über das Stück reden will, dann denkt man sich schon: Okay, interessiert vielleicht wirklich keinen. Lassen wir das also mal weg. Und man kann ja nicht alles ausufern lassen. Die Zeiten im Musikgeschäft sind ja auch so schon hart genug.

Wie meinst du das?

Na ja, 2019 wird das erste Jahr werden, in dem wir nur Freitags- und Samstagsshows spielen, weil unter der Woche einfach niemand mehr kommt. Montags auf der Bühne stehen und sagen: „Geil! Das fühlt sich an wie ein Samstag!“ – das gibt es nicht mehr. Ich finde das traurig. Aber ich kenne das ja auch von befreundeten Bands wie DRITTE WAHL oder ZSK. Dabei haben die Leute in Deutschland doch eigentlich Geld für so was. Die gehen für, was weiß ich, 200 Euro zum Hurricane und geben tausend Euro im Jahr für große Konzerte aus. Aber nicht für Clubshows. Die Leute sind faul geworden. Irgendwie war das bei uns früher anders. Wir mussten wirklich auf die Kohle achten und gut überlegen: Ich hatte damals 20 Mark Taschengeld – und habe da jedes Mal überlegt: „Gehe ich jetzt für 20 Mark zum SLAYER-Konzert – oder kaufe ich mir für 17 Mark die neue Platte von denen?“ Meistens war es dann die Platte, weil ich Plattensammler bin. Ich habe sogar eine signierte „Reign In Blood“, weil ich damals zwar nicht zum Konzert gegangen bin, aber ein paar Stunden vorher zur Autogrammstunde in der Stadt, haha.

Im Titelsong eures Albums geht es um das Thema Freundschaft. Wie wichtig ist dir Freundschaft?

Sie ist das Wichtigste. Deswegen mache ich das mit RANTANPLAN ja noch. Ich habe Kinder, ich gehe arbeiten – und ich habe die Band. Eigentlich gibt es da keinen freien Tag. Aber die Band ist für mich eine Art Urlaub. Ein Entspannen vom Alltag. Und aus dieser Band sind die besten Freundschaften entstanden. Dick wie Blut. Daher dieser Song über Freundschaft und Zusammenhalt in der kleinsten Gruppe.

„Kleinste Gruppe“. Sprich: Enge Freunde kann man an einer Hand abzählen?

Ja. Das ist so. Im Alter revidiert man ja ohnehin diese Beste-Freunde-Geschichten. Freundschaft definiert sich nicht über den Facebook-Klick oder das reine Wort. Sie definiert sich darüber, ob jemand für einen da ist. Ich hatte im letzten Jahr beispielsweise eine echt harte Zeit und war ein Monster ...

Du sprachst im Interview zur vorherigen Platte sehr offen darüber.

Genau. Meine Mutter war gestorben. Ich wurde von meiner Frau rausgeschmissen und war von meinen Kindern getrennt. Ich hatte gesundheitliche Probleme. Irgendwann habe ich dann alle Leute nur noch angeschrien. Aber meine Freunde hielten zu mir. Das Rudel, wenn du so willst, hat mich beschützt. Durch diese große Wärme geht es mir jetzt auch wieder besser.

Wie viele Stücke sind aus dieser Situation heraus entstanden?

Einige. „Nachtzug nach Paris“, dieses Chanson-Punk-Stück, oder „Rudegirl von outta space“. Aber nicht alle Songs haben es aufs Album geschafft. Ich habe viele Balladen geschrieben und dachte eigentlich, dass das jetzt ein sehr balladeskes Album wird. Aber es hat sich nicht ergeben. Das Label redet ja auch mit – und hat bei der neuen Platte gleich die Singles für sich rausgepickt. Unter anderem „Maschine“. Und ich habe dieses Mal – im Gegensatz zu früher – auch zu allem „Ja und Amen“ gesagt, denn es ist klar: Wenn sich dieses Album nicht besser als „Licht und Schatten“ verkauft, bekommen wir keinen neuen Vertrag. Und damals, nach „Licht und Schatten“, wurde mir gesagt: „Das lag an dir, dass die Platte nicht gelaufen ist.“ Also habe ich dieses Mal angekündigt: „Alles klar, ich möchte ‚Stay rudel, stay rebel‘ als Single. Und den Rest entscheidet ihr.“ Und jetzt wollen wir mal schauen, ob es besser läuft.

Im Stück „Foodporn“ geht es um Fastfood und die richtige, für Tier und Umwelt vorteilhafte Ernährung.

Genau. Und es geht darum, dass wir alle uns nicht davon frei machen können, ab und an auch Mist zu essen. Auch ich nicht. Die meisten haben ja das Problem, das sie zu viel essen. Bei mir ist das genau umgekehrt. Ich habe nie Appetit. Ich wiege bei 1,82 Metern Körpergröße nur 65 Kilo. Ich zwinge mich zu Mahlzeiten. Und ich muss jetzt – obwohl ich lange Vegetarier war – ab und an Fleisch essen, um ein Mindestmaß an Energie zu haben. Es geht nicht anders. Aber ich mache das wirklich nicht gerne, habe jedes Mal das ganze Elend der Tiere vor Augen und halte den Erfinder der Wurst für einen völlig wahnsinnigen Menschen: Wie kann man ein Lebewesen zerstückeln und dieses Fleisch hinterher auch noch in den Darm des Tieres stopfen?

Frank Weiffen

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #142 (Februar/März 2019)

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