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Interviews & Artikel

TOTEN CRACKHUREN IM KOFFERRAUM

Von der Bitch zur Frau

THE TCHIK aus Berlin schweben zwischen den Welten: Ihre Attitüde ist Punk. Ihre Musik ist eher Electroclash. Ihre Texte schwanken zwischen völligem Nonsens, Provokation und Gesellschaftskritik. Und sie waren noch nie Gesprächspartner des Ox. Jetzt bringen sie ihre neue Platte „Bitchlifecrisis“ heraus – und stehen unserem Heft in Person von Luise Fuckface Rede und Antwort. Es geht um Jogginghosen, Hass auf Jobcenter-Mitarbeiter und die Rolle von Frauen im Musikgeschäft.

Luise, was ist eine Bitchlifecrisis?


Wir sind jetzt in einem Alter, in dem es ... etwas schwieriger wird. Es ist wie eine Midlife-Crisis. Aber weil wir für die noch viel zu jung sind, geht es eher um die Phase „not a girl, not yet a woman“. Um den Übergang von der kleinen unüberlegten Bitch zur erwachsenen Frau.

Da hat man sicherlich mit allerlei Problemen zu kämpfen.

Absolut! Da spielt die Frage eine große Rolle: Ziehe ich die sexy-nuttigen Klamotten an, wenn ich heute in den Club gehe – oder doch lieber die Jogginghose?

Wer die Jogginghose anzieht und damit rausgeht, hat ja nach Karl Lagerfeld die Kontrolle über sein Leben verloren.

Lüge! Derjenige, der das tut, ist im Gegenteil erst angekommen im wahren Leben. Wir machen eigentlich alles mit Jogginghose und ich habe bestimmt zehn Stück davon. Ich hätte die Kontrolle über mein Leben verloren, wenn ich keine Jogginghose tragen würde.

Gehört denn zu einer ausgewachsenen Bitchlifecrisis auch, dass man ein eher trauriges Album wie dieses aufnimmt? Ihr wollt, wenn man sich die Texte anhört, unter anderem keine Kinder, die Welt zugrundegehen sehen, euch Hämatome schlagen lassen. Und ihr hofft, dass die Menschen sterben und deren Leichen von Krokodilen aufgefressen werden.

Wir sind eben keine 23 mehr und haben keine rosarote Brille mehr auf. Mit dem Alter muss man realistischer werden. Das kommt automatisch. Wenn man zu lange lebt, dann wird man traurig, haha. Daher sagt man ja auch: Nur die Besten sterben jung.

Wie oft habt ihr eine Situation wie die im Song „Jobcenterfotzen“ schon selber erlebt – diese Willkür der dortigen Mitarbeiter und das Ausgeliefertsein an diese?

Ich war selber schon mal ein halbes Jahr lang Hartz-IV-Empfängerin. Und in diesen sechs Monaten wurde ich zweimal sanktioniert, weil ich einen Job abgelehnt hatte. Beim ersten sollte ich Eltern anrufen, deren Kinder eine Augenuntersuchung in der Schule gehabt hatten. Das wurde von einer Krankenkasse gesponsort. Und ich sollte den Eltern sagen, dass sie die Ergebnisse nur bekommen, wenn sie sich auf ein Gespräch über einen Krankenkassenwechsel einlassen. Ich sagte dazu: „Das mache ich nicht. Ich bin nicht asozial.“ Zack, Kürzung! Und beim zweiten Mal standen zwei Typen bei mir vor der Wohnung und wollten schauen, ob ich wirklich allein lebe, so wie ich das zuvor angegeben hatte. Die habe ich nicht reingelassen. Natürlich nicht! Ich meine: Ich bin 1,60 Meter groß – und da wollen zwei solche Schränke rein. Nee! Und daraufhin habe ich mich dann auch abgemeldet. Man muss heutzutage ja alles offenlegen. Und man fühlt sich richtig räudig dabei. Auch weil die dich ja so angucken, als ob du ein Schmarotzer wärst. Früher war das nicht so. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Nicht alle Menschen, die im Jobcenter arbeiten, sind Fotzen. Aber ich bekomme solche Geschichten häufiger von Leuten zu hören. Gerade seitdem dieses Lied raus ist.

Damit ist dieses Lied klar gesellschaftskritisch. Wann gibt es das erste explizit politische Crackhuren-Album?

Also, ich finde, das neue Album ist schon in Teilen durchaus politisch. Aber ich tue mich letztlich schwer damit, Texte zu schreiben, die belehrend sind. Das ist nicht mein Ding. Ich würde das immer hinter einem schlechten Witz verpacken. Wobei: Vielleicht lerne ich das ja noch. So ein „Fickt Euch alle!“ kann manchmal ganz gut sein.

Wann hast du das zuletzt gedacht: „Fickt euch alle!“?

Ich bin ja so eine Taubenfreundin und füttere die Stadttauben in Berlin. Ich bin sogar in einem Verein, der sich um diese Tauben kümmert. Und jedes Mal, wenn ich an bestimmten Stellen Futter verteile, werde ich wirklich richtig angegangen. „Ey, du Fotze! Was machst’n du da?!“ Und da denke ich mir das dann schon, dieses „Fickt euch!“. Es ist ja nur eine Art Tier, um das es da geht, klar. Aber der Mensch geht eben mit fast allen Arten so schlimm um. Daher kann ich nicht verstehen, wenn Leute so reagieren.

Das hier ist das erste Interview mit THE TOTEN CRACKHUREN IM KOFFERRAUM für das Ox. Seid ihr Punk?

Wenn ich mir so anschaue, was in Deutschland auf Punk-Festivals passiert, dann sind wir kein Punk, denn da laufen ja nur alte Männer herum und tun sich schwer mit Veränderung. Aber wenn es um die Einstellung geht, dann sind wir ganz klar Punk. Und man darf ja nicht vergessen: Punk ist ganz schön spießig geworden. Wenn man mehr als drei Akkorde spielt, dann ist man ja eh schon Kommerzschwein. Das mit der musikalischen Vielfalt ist nicht leicht ...

Was bekommt ihr als Band, die zweifelsohne aus dem Rahmen fällt, so alles zu hören bei einem Auftritt?

Der Klassiker ist natürlich das typische „Ausziehen, ausziehen!“ Und irgendwer hat mal das Mikro gestürmt, eine Rede gehalten und meinte: „Ihr seid ja alles Punkverräter!“ Wir haben ihn von der Bühne gekickt, haha. Alle waren peinlich berührt. Und das Schlimmste war, dass er dann zwei Jahre später ankam und heulte: „Ich entschuldige mich für damals.“ So eine Lusche. Ich dachte nur: Alter, dann zieh es doch einfach durch! Wir wurden schon mit Sachen beworfen, die wehtun – Münzen zum Beispiel. Und es kommt immer wieder vor, dass beim Konzert jemand vorne an der Bühne steht und man sieht in dessen Augen, dass derjenige definitiv überhaupt keinen Spaß hat. Und hinterher kommt der dann zum Merchstand und sagt: „Das war das beste Konzert, das ich je miterleben durfte.“ Ach ja, was ich auch richtig schön fand, war die erste Rezension einer unserer Platten im Ox, haha. Da hieß es irgendwie, wir sollten uns in den Brunnen stürzen und sterben. [In Ox #109 schrieb Carsten Vollmer: „Steigt in den Brunnen und lasst euch erschießen.“ die Red.] Tja, sorry! Hat leider nicht geklappt, haha. Na ja, wenn es nicht sein Ding ist, dann ist das ja okay. Aber das mit dem Umbringen fand ich jetzt nicht wirklich so richtig nett. Aber prinzipiell freue ich mich ja immer über schlechte Kritiken, bei denen sich jemand richtig Mühe gegeben hat. Denn das zeigt doch, dass da ja trotzdem jemand Emotion reingelegt hat. Da bin ich ganz Promi-Flash-Opfer. Schlechte Presse ist gute Presse.

Was wäre denn gewesen, wenn euch der Kollege um Entschuldigung gebeten hätte?

Er hätte ein nettes Gespräch bekommen. Und das hätte mich vielleicht frustriert. Denn wenn ich einen Hass auf jemanden schiebe und der stellt sich als nett heraus, dann ist das blöd. Wie will ich denn dann meinen Hass kanalisieren? Wir waren mal beim Bundesvision Song Contest. Max Herre war auch da. Und wir dachten: Boah, Max Herre, der ist bestimmt so richtig kacke! Und dann war der sooo süß! Leider richtig kacke dagegen ist Heinz Rudolf Kunze. Den haben wir mal bei einem Stadtfest in Frankfurt/Oder kennen gelernt, wo er und wir am gleichen Tag aufgetreten sind. Da hatte ich mich gefreut und gedacht: Och, so ein Opi – sorry! – so ein älterer Herr, der ist bestimmt nett. Der freut sich bestimmt, wenn da ein paar Mädels rumturnen. Aber der war richtig anti.

Ihr seid als reine Frauenband in einer Szene und einem Business unterwegs, das immer noch von Männern dominiert ist. Bekommt ihr das manchmal auch abseits der Bühne zu spüren?

Ja. Das ist so. Denn wir werden, das muss man so sagen, nicht nur nach der Musik, sondern hauptsächlich nach der Fickbarkeit beurteilt. Und wenn man da nicht dem Instagram-Ideal der Skinny-Bitch entspricht, dann wird es schwierig. Auch im Punk gibt es ja so Ideale, wie man rumlaufen soll. Natürlich muss einem das am Arsch vorbeigehen. Aber es gibt Momente, in denen das nicht so leicht geht. Gerade im Punk ... Ich spiele ja nebenbei noch in meiner Band LULU & DIE EINHORNFARM. Da suchte ich lange nach einem Label und bekam immer zu hören: „Das ist zu hart. Entweder die harten Texte oder die harte Stimme. Beides zusammen funktioniert nicht. Du bist schließlich eine Frau.“ Da dachte ich auch: Okay, und was soll das jetzt?

Manch einer sagt: Mit euren provokanten Texten fordert ihr solche Reaktionen geradezu heraus.

Ja, das Argument kenne ich. Und ich habe mir die alten Platten kürzlich deswegen auch noch mal angehört. Aber ganz ehrlich: Das sind ja keine megakrassen Sachen. Sind denn alle Muschis? Haha. Frauen sollen anscheinend nur und ausschließlich Musik wie Sarah Connor machen, haha.

Frank Weiffen

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #142 (Februar/März 2019)

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