Interviews & Artikel : SCAPEGOATS :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

SCAPEGOATS

Die Klausdorfer Spielplatz-Rowdys

Aus einem Vorort von Kiel kam Anfang der 80er Jahre die deutschsprachige Hardcore-Punk-Band SCAPEGOATS, die einen herben und derben Charme hatte. Zwei der Bandmitglieder machten ein Fanzine und waren überall im Lande unterwegs, so dass die ersten beiden Demo-Tapes in größerer Stückzahl an den Punk gebracht wurden. Vor allem aus Übersee schien ein großes Interesse zu bestehen, so das 1985 die „Kopflos“-7“ erschien. Leider war 1986 schon Schluss, aber die Bandmitglieder spielten in allen möglichen anderen Bands weiter. Dieser Tage erscheint auf Power It Up Records das gesamte Schaffen sowohl auf CD als auch auf LP. Das nahm ich zum Anlass, mit dem ehemaligen Sänger Henning Prochnow ein Interview zu führen.

Henning, wie kam es damals zur Gründung der SCAPEGOATS?


Ich denke, die Gründe, eine Punkband zu gründen, waren damals immer die gleichen: Langeweile, Wut und der Drang etwas zu verändern. Musik ist das perfekte Ventil Gefühle zu kanalisieren. In Kombination mit Billigbier und Stromgitarren eine echte Killer-Kombi, haha. Ja, wir waren die Klausdorfer „Spielplatz-Rowdys“. Das lag aber eher daran, dass es keine richtigen Treffpunkte gab. Wir hingen oft auf dem Spielplatz oder später dann im Übungsraum ab. Als echte Dorfpunks ging es im Sommer dann natürlich in die Natur. Ich erinnere mich da an tolle Nächte auf einer Halbinsel direkt an der Schwentine.

Wie sah es damals eigentlich mit der Punk-Szene in der norddeutschen Szene aus?

Im Alter von 15, 16 ist der Aktionsradius natürlich noch recht eingeschränkt. Eine richtige Szene gab es in dem Sinne nicht. Wir waren immer mit den gleichen 10 bis 15 Leuten unterwegs. In der nächstgrößeren Stadt Kiel gab es eine kleine Szene, aber die Punks dort waren etwas älter und wir hatten mit denen kaum was zu tun. Über Fanzines gab es dann auch Briefkontakte mit Gleichgesinnten und man besuchte sich dann auch ab und zu. Konzerte waren auch Mangelware. Wenn man was erleben wollte, musste man schon nach Hamburg, Hannover oder Bielefeld trampen.

Welche Bands waren damals eure Vorbilder? Und welche Bedeutung hatte Punk für euch?

Vorbilder ist der falsche Begriff. DISCHARGE und BLACK FLAG könnte ich nennen, das klingt aber aus heutiger Sicht irgendwie doof und plakativ. Mit der ersten DISCHARGE-7“ habe ich fast ein Klassenfest beendet. Jeder konnte seine Lieblingsplatte mitbringen. Als „Realities Of War“ aufgelegt wurde, dachten alle, die Anlage fackelt ab, und die Lehrerin hat entsetzt den Stecker gezogen. Viele der Bands, die wir damals hörten und gut fanden, waren gleichzeitig unsere Brieffreunde, mit denen wir Platten und Tapes tauschten und natürlich für unser „Anti-System“-Fanzine interviewten, etwa KAAOS, RATTUS, TERVEET KÄDET, LÄRM, OLHO SECO, U.B.R., ANTI-CIMEX, VORKRIEGSPHASE, CRUSE SS oder WRETCHED. Punk bedeutete für mich, „anders“ zu sein. Das war in erster Linie natürlich optisch – dadurch gab es dann schon jede Menge Ärger und Handgreiflichkeiten. Diese Phase macht wohl fast jeder Teenager durch. Für mich bedeutete Punk aber immer auch, kreativ zu sein, wie in einer Band zu spielen, ein Fanzine zu machen, Texte schreiben etc. Betteln, falsche Hundehaltung und Pennertum gehörten nie dazu. Diese Inhalte wurden Mitte der 1980er immer schlimmer und führten wohl nicht nur bei mir zu einer Abkehr von diesen „Hardcore-Idealen“. Durch Punk habe ich gelernt. absolut alles zu hinterfragen und auch ganz klar Stellung zu beziehen. Das war nicht immer von Vorteil.

So richtige Instrumente hattet ihr am Anfang nicht am Start. Wann wart ihr „richtig“ ausgerüstet?

Das erste „Equipment“ bestand aus Wandergitarre, Billigmikro und Kinderschlagzeug. Dann kamen ein Bass, Becken und eine Trommel von einem Spielmannszug dazu. So 1981, 1982 folgten dann richtige Gitarren, Verstärker und ein Schlagzeug. Allerdings hatten wir anfangs nie Geld für richtige Studioaufnahmen. Als Schüler hatten wir kaum Kohle, und wenn mal was über war, wurde es in Vinyl und Bier investiert.

Kannst du dich noch an dein erstes Konzert mit den SCAPEGOATS erinnern? Habt ihr damals viele Konzerte gespielt?

Konzerte gab es Anfang der Achtziger sehr wenige. Hier in Kiel kann ich mich nur an KFC und SLIME erinnern. Unser erstes richtiges Konzert haben wir selbst organisiert. Dazu haben wir RAZZIA und BLUT & EISEN nach Kiel geholt. Wir sollten dann als erste Band spielen. Der Spuk war nach 15 Minuten vorbei und RAZZIA und BLUT & EISEN räumten dann aber voll ab. Allerdings wurde die Kasse geklaut und es fehlten nach dem Gig Mikros und ein Verzerrer.

Dass die SCAPEGOATS damals so bekannt waren, hat auch mit dem Fanzine zu tun, das ihr damals herausgebracht habt.

Wir haben zehn Ausgaben vom „Anti-System“-Fanzine herausgebracht. Natürlich auch mit viel Eigenwerbung. In Deutschland gab es das nur über Vinyl Boogie oder direkt bei uns. Wir haben aber die meisten außerhalb Deutschlands zusammen mit unseren Tapes getauscht beziehungsweise verkauft. In Deutschland waren wir, glaube ich, nicht so bekannt, die meisten Tapes gingen nach Skandinavien, Japan und Brasilien. Wir waren auch auf sehr vielen internationalen Tape-Samplern vertreten, da habe ich aber irgendwann den Überblick verloren. Damals machte fast jeder irgendwann mal einen Tape-Sampler. Das war das Medium, um viele neue Bands kennenzulernen.

Ihr habt zwei Demo-Tapes rausgebracht. Wie viele Tapes seid ihr damals losgeworden?

Vom ersten Tape „Pogo lebt“ haben wir ungefähr 4.500 Stück unter die Leute gebracht. Vom zweiten „Last Attack“ dann 200. Da hatte ich auch keine Zeit mehr, die Tapes zu kopieren. Man bedenke, das die Tapes alle in Echtzeit mit zwei Tapedecks kopiert wurden. Verkauft haben wir nur einen Bruchteil über Vinyl Boogie und Sasquatsch. Der Rest wurde getauscht oder verschenkt.

1985 war die „Kopflos“ 7“ erschienen. Auf welchem Label war das? Damals warst aber schon nicht mehr in der Band, oder? Wie ging es dann weiter?

Die 7“ kam 1985 beim Oberhausener Label Dissonance Records heraus. Da war ich nicht mehr in der Band. 1984 hatte ich genug vom „Nietenkaiser-Syndrom“, rasierte mir die Haare ab und kaufte mir ’ne Bomberjacke. Da ich zu der Zeit total auf COCKNEY REJECTS, BUSINESS, BLITZ und so was stand, war mir die Gefahr dieser „Transformation“ erst gar nicht bewusst. Das änderte sich aber ziemlich schnell, als sogenannte Freunde, mit denen ich Wochen zuvor noch gefeiert hatte, mich auf dem Schulweg überfielen und zusammenschlugen. Das ist wohl in erster Linie auf die Geschehnisse der Chaostage 1984 zurückzuführen, die zu einer klaren Trennung beziehungsweise Feindschaft zwischen Punks und Skins führten. Punks waren ab da klar politisch „links“ und Skins „rechts“ eingeordnet. Das passt natürlich überhaupt nicht zusammen, ist klar.

Weißt du noch, wie viele Kopien von der Erstpressung der 7“ gemacht wurden? Und es soll doch noch eine ominöse Zweitpressung auf rotem Vinyl gegeben haben, die nie in den Handel gekommen ist. Was hat es damit auf sich?

Die genauen Zahlen sind mir nicht bekannt. Ich denke, es gab einige hundert schwarze 7“s, die sich aufgrund guter Rezensionen schnell verkauften. Dann wurden einige hundert Exemplare in rotem Vinyl nachgepresst. Da der Macher des Labels dann aber in Schwierigkeiten geriet, kamen davon nur wenige in Umlauf. Der Rest galt lange Zeit als „verschollen“. Den Rest der Geschichte kennst du, denn schließlich wurden die restlichen Singles ja von dir 2016 in einem Schuppen in Oberhausen wiederentdeckt. Leider waren durch falsche Lagerung nur noch wenige Exemplare abspielbar. Ich habe dann aus der Hälfte der verbliebenen Platten die „Kawakami-Edition“ zusammengestellt. Kawakami, der viel zu früh verstorbener Sänger der japanischen Band DISCLOSE, war ein Brieffreund von mir, mit dem ich viele Platten und Tapes getauscht habe. Er war ein großer SCAPEGOATS-Fan und war immer auf der Suche einer „Kopflos“-7“ in rotem Vinyl. Schließlich habe ich ihm meine geschenkt. Als ich dann plötzlich diesen riesen Haufen roter 7“s hatte, musste ich sofort an ihn denken. Den Rest der Platten habe ich dann mit sogenannten „Tribute Sleeves“ versehen und den Großteil verschenkt. Diese Sleeves sind eine Homage an 7“s von Bands, die wir in den 1980ern gut fanden. Viele der Sleeves sind auf dem Poster unser „Pogo lebt immer noch“-LP zu sehen, die bald bei Power It Up erscheint. Übrigens gab es von der „Kopflos“-7“ Anfang der 1990er auch noch eine japanische Pressung auf clear Vinyl. Da ich zu der Zeit viel mit Japanern Platten getauscht habe, fragte mich einer, wie es mit einer Wiederveröffentlichung der Platte auf seinem Label aussieht. Ich hab dann unseren ehemaligen Gitarristen gefragt, ob er mir die Aufnahmen auf ein DAT-Master überspielen kann. Hat er dann gemacht, ich habe ein Cover entworfen und beides nach Japan geschickt, und soweit war alles klar. Versprochen waren uns 50 Freiexemplare, die ich allerdings nie erhalten habe. Der japanische Labeltyp hat dann eine haarsträubende Geschichte erfunden, dass er bei einem Plattentausch mit mir beschissen worden wäre, hat das Cover und Plattenlabel mit Edding „zensiert“ und war dann fein raus. Na ja, ist mir heute egal, damals hat mich das tierisch aufgeregt.

Was ist eigentlich aus den Leuten von den SCAPEGOATS geworden? Ihr habt doch alle noch in anderen Bands gespielt, oder?

Einige Mitglieder sind verschollen. Der Rest ist heute als Sozialarbeiter, Busfahrer, Feuerwehrmann oder Mediengestalter tätig. Musikalisch waren einige bei GO AHEAD, TINY GIANTS, BONEHOUSE, EROSION, SUBURBAN SCUMBAGS und MADISON aktiv. Ich habe sporadisch noch zu Kalle Kontakt. Und letztens hatte ich mal unseren ersten Schlagzeuger Thomas Heidu angeschrieben und der hat prompt und nett geantwortet. Das hat mich sehr gefreut. Zum Rest ist der Kontakt abgebrochen. Bei manchen ist auch ganz gut so.

Jetzt erscheint auf Power It Up Records von den SCAPEGOATS sowohl eine CD als auch eine LP. Und wie kam es dazu, das jetzt nach über 35 Jahren euer alter Kram wiederveröffentlicht wird?

Über die Jahre hatte ich immer wieder Anfragen bezüglich der beiden Tapes und der 7“. Um das Thema ein für alle Mal abzuschließen, habe ich dann 2014 ein Boxset mit beiden Tapes, Booklets, Badges, Sticker und Poster veröffentlicht. Davon gab es genau 50 Stück, die Ruckzuck weg waren. Damit war die Sache eigentlich für mich erledigt. Dann kam jedoch 2016 die Sache mit der wieder aufgetauchten 7“. Plötzlich waren da auch Anfragen von Plattenlabels, die die beiden Tapes auf Vinyl pressen wollten. Ich fand die Idee an sich gut, allerdings fand ich den Sound nicht gerade „vinylgeeignet“ und habe abgelehnt. Schließlich hat Thomas Lenz von Power It Up, der auch schon die Tapes in den 1980er Jahren abgefeiert hatte, mich in langen Telefonaten davon überzeugt, dass der „primitive Sound“ total authentisch ist und das Gefühl dieser Jahre perfekt widerspiegelt. Thomas hat ja jede Menge Erfahrung mit der Wiederveröffentlichung von „alten Schätzen“ und ich mag besonders die Aufmachung dieser Platten. Das sind nicht nur lieblos rausgehauene Klassiker in billigster Aufmachung, um Geld zu scheffeln, sondern echt coole Neuauflagen, die mit viel Liebe zusammengestellt worden sind. Das liegt auch daran, dass Thomas nicht nur Geschäftsmann ist – bei über 250 Veröffentlichungen kann man dieses Wort durchaus gebrauchen –, sondern auch Old-School-Punkrocker.

Und was ist auf den beiden Veröffentlichungen enthalten?

Auf der SCAPEGOATS-LP „Pogo lebt immer noch“ sind die besten Tracks der „Pogo lebt“- und „Last Attack“-Tapes. Das Cover ist eine Neuinterpretation des „Pogo lebt“-Covers von 1983. Das hat Jefferson Pizoni aus Brasilien entworfen. Die Punks von früher sind dort als pogende Zombies zu sehen. Finde ich sehr gelungen. Außerdem liegt der LP noch ein zwölfseitiges Booklet bei und ein Poster, wie es auch in alten Rock-O-Rama-Platten zu finden war. Die „When The Bombs Drop“-CD hat auch ein sehr cooles Cover. Auf der CD sind 40 Tracks aus der gesamten Bandgeschichte drauf. Längst verschollene Aufnahmen sind dabei und auch viele Stücke, die es vorher noch nie zu hören gab. Ob man sich die vollen 70 Minuten in einem Rutsch geben kann, sei dahingestellt. Ich habe zwar versucht, nur die besten Versionen zu nehmen, aber es ist trotzdem die totale Lärmattacke geworden. Dafür kriegt man aber auch den authentischen Sound der frühen 1980er um die Ohren gehauen und das wird einige Leute sicher begeistern ...

Helge Schreiber

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #143 (April/Mai 2019)

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