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Interviews & Artikel

CJ RAMONE

Profession und Passion

Christoper Joseph Ward – bekannter als CJ Ramone – ist von allen ehemaligen Mitgliedern der größten Punkband dieses Planeten das umtriebigste: Er ist ständig auf Tour. Er bringt mit „Holy Spell“ nun sein bereits viertes Soloalbum heraus. Und: Er arbeitet seit Jahren an seiner Autobiografie. Jedenfalls erzählt er das im folgenden Gespräch zur neuen Platte, die bei Fat Wreck erscheint und die neben dem Geist der RAMONES auch den Geist des verstorbenen ADOLESCENTS-Musikers Steve Soto zu neuem Leben erweckt.

CJ, wie geht es dir? Du bist – so ist mein Eindruck – extrem oft auf Achse.


Sehr gut. Ich bin ziemlich aufgeregt und freue mich darauf, endlich mit dem neuen Album auf Tour zu gehen. Ich bin im Juni an der Westküste der USA unterwegs. Danach geht es nach Europa, um Auftritte mit ME FIRST & THE GIMME GIMMES zu spielen. Darauf folgt meine Solo-Tour. Und dann geht es zurück nach Amerika. Zuerst an die Ostküste. Dann noch mal in den Westen. Ich werde den ganzen Sommer unterwegs sein.

Der Sommer ist normalerweise für Urlaub da.

Das stimmt, haha. Und meine Frau ist auch nicht gerade glücklich über diesen Umstand. Aber wenn ich dann zurück nach Hause komme und ihr einen Scheck in die Hand drücke, dann sieht die Sache gleich ganz anders aus.

„Holy Spell“ ist dein viertes Soloalbum. Und alle Alben hast du ungefähr im Zwei-Jahres-Rhythmus veröffentlicht. Ist das so eine Sache, die du von den RAMONES gelernt hast? Sie haben ja auch bis zum Ende konsequent regelmäßig neue Platten herausgebracht.

Weißt du, ich liebe es, Musik zu machen. Es ist nicht nur ein Job für mich. Es ist mehr. Ich genieße es, Songs zu schreiben. Meine Gedanken mit den Leuten zu teilen. Ich liebe es, im Studio zu stehen. Und ich wünschte, ich könnte jedes Jahr eine Platte aufnehmen – was leider nicht klappt. Ich habe aber immer eine Menge Songs in der Hinterhand. Daher kann ich diesen Rhythmus auch aufrechterhalten. Das ist der Grund, warum ich alle zwei Jahre ein Album mache.

Die Musik als Profession und Passion?

Definitiv. Schau zurück auf Künstler wie Michelangelo. Menschen wie er erledigten auf der einen Seite Auftragsarbeiten für reiche Familien oder die Kirche, um Geld zu verdienen. Aber auf der anderen Seite bekamen sie dadurch auch die Möglichkeit, das zu tun, was ihnen wichtig war und ihre Leidenschaft dort einfließen zu lassen. Künstler müssen ihr Leben lang Kunst machen, um zu überleben. Und vielen wird erst posthum Ehre zuteil, was tragisch ist.

Dennoch: Gibt es Momente, wo dir die Leidenschaft zu sehr zur Profession wird? In denen du die Musik und das, was du tust, nur noch als lästigen Job ansiehst?

Haha, ja, solche Momente kenne ich. Manchmal, wenn ich längere Zeit auf Achse war, dann merke ich das. Ich meine: Ich bin 54. Mein Körper macht nicht mehr alles mit. Und auf Tour kommen unregelmäßiges Essen und natürlich auch der eine oder andere Drink hinzu, haha. Und manchmal sitze ich schon da vor einem Auftritt und frage mich: „Verdammt ... Was mache ich hier? Wie soll ich das schaffen?“ Aber: Sobald ich dann auf der Bühne stehe, die Menge höre und in die Gesichter der Fans schaue, dann vergesse ich sofort, dass ich müde bin. Oder wie sehr ich meine Familie vermisse. Dann stelle ich sofort eine Verbindung zu den Menschen vor mir her – und alles andere ist wie weggeblasen. Dann geht es nur um die Musik. Dann tue ich das, was ich liebe. Für mich wäre es viel schlimmer, jeden Morgen aufstehen zu müssen, eine Dusche zu nehmen, eine Tasse Kaffee zu trinken und zu wissen: „Du musst jetzt ins Büro.“

Du trinkst?

Nicht jeden Abend. Es ist aber eines unserer Rituale, vor jeder Show gemeinsam als Band ein Gläschen Whisky zu trinken. Und das tue ich auch gerne nach dem Gig, um runterzukommen, denn mein Adrenalin-Level auf der Bühne ist extrem hoch. Und Whisky ist mein Drink! Ohne diesen Drink danach säße ich die ganze Nacht im Hotel und würde im Internet surfen.

Kommen wir mal zur Kehrseite der Soloalben-Medaille: Bei vier eigenen Platten wird es auf der Setlist langsam eng. Sprich: Du musst aussortieren. Und zwar nicht nur eigene Stücke. Sondern auch die vom Publikum stets geforderten RAMONES-Lieder.

Nicht wirklich. Denn es wird immer so sein, dass ein Set zu 60 Prozent aus meinen und zu 40 Prozent aus RAMONES-Songs bestehen wird. Daran wird sich nichts ändern.

Wie wählst du die RAMONES-Songs aus?

Das ergibt sich. Wir sind ja in der glücklichen Lage, aus einer Menge wählen zu können. Und mein Ziel ist es, den Fans möglichst immer etwas Neues, eine Abwechslung zu bieten. Wir tauschen „Let’s dance“ beispielsweise gerne mal gegen „53rd and 3rd“ – und machen das auch bei anderen Stücken. Wobei es natürlich Songs gibt, die zum Standard gehören. Ich beende beispielsweise jedes Set mit dem MOTÖRHEAD-Cover „R.A.M.O.N.E.S.“. Natürlich ist auch „Blitzkrieg Bop“ unverzichtbar. Und: Am Schluss gibt es ohnehin immer einen RAMONES-Block. Denn der lässt die Menge erfahrungsgemäß noch einmal so richtig ausflippen.

Dein neues Album heißt „Holy Spell“, „Heiliger Zauber“. Welcher Zauber ist denn so heilig?

Der heilige Zauber ist die Musik. Musik ist magisch. Seit jeher. Sie begleitet mich mit ihrer Magie seit meiner Jugend. Ich befand mich immer schon unter diesem magischen Einfluss. Musik bewegt Menschen. Sie macht Menschen glücklich. Sie macht sie traurig. Sie bringt Emotionen hervor. Sie erreicht sogar Menschen mit Hirnschäden, die auf äußerliche Dinge nicht mehr reagieren. Man setzt ihnen einen Kopfhörer auf – und sie erwachen aus ihrer Apathie! Musik kann dich zum Weinen bringen. Zum Lachen bringen. Sie bringt dazu, dass du die Hände zur Faust ballst. Sie bewirkt Dinge, die wir nicht verstehen. Es liegt ihr eine unglaubliche Schönheit inne. Und nichts – keine andere Kunst, kein Buch, kein Gemälde – kommt an Musik heran. Nichts.

Was am neuen Album auffällt: Die Platte ist purer Punk. Aber mit „Hands of mine“ befindet sich genau in der Mitte ein Song darauf, der völlig aus dem Rahmen fällt. Der sehr sanft ist. Und in dessen Text es um deine Kindheit geht.

Genauso ist es. Die Geschichte zu diesem Stück ist folgende: Als ich das Album vorbereitete, fuhr ich von San Francisco, wo ich lebe, nach Los Angeles ins Studio und dachte während der Fahrt über die Arrangements nach. Dort angekommen schnappte ich mir eine akustische Gitarre und probierte sofort etwas aus. Dabei fiel mir der kleine Part dieses Liedes ein. Mir fehlten allerdings die Worte zu diesen Akkorden. Ein paar Tage später dann saßen im Studio zwei Kinder – ein Junge und ein Mädchen, so im Alter von sechs, sieben Jahren – und ich beobachtete sie, wie sie an einem Tisch saßen und in ihren Malbüchern malten. Ich sah ihre kleinen Hände an – und dachte einfach, wie klein und rein und völlig unschuldig diese sind. Dann blickte ich meine Hände an – tätowiert, groß, schwer, von Arbeit gezeichnet. Ich erinnerte mich, dass diese früher genauso klein gewesen waren. Und sofort hatte ich dieses Bild vor Augen: Mein Leben betrachtet anhand meiner Hände und wie diese sich im Laufe der Jahre veränderten. Ich setzte den Stift aufs Papier – und die Worte kamen sofort aus mir heraus. Solche Augenblicke sind selten. Und Songs, die auf diese Weise entstehen, sind immer die besten. Weil sie aus deinem Unterbewusstsein hervorströmen. Und auch wenn dieses Stück sehr sanft und langsam ist: Nach 30 Jahren als Musiker – 1989 stieg ich ja bei den RAMONES ein – ist es mir vollkommen egal, welchen Stil ich in meine Musik einfließen lasse. Wenn ein Song toll ist, dann kommt er auf die Platte. Vor allem, wenn er so extrem persönlich ist wie „Hands of mine“.

Ein trauriges Thema: Steve Soto von den ADOLESCENTS hat bis zuletzt an deinen Soloplatten mitgearbeitet, dich auf Tour begleitet – und starb vor knapp einem Jahr unerwartet. Welche Auswirkungen hatte dieser Tod auf „Holy Spell“?

Steve und ich waren wie Brüder. Und du hast recht: Er besorgte mir den wichtigen Plattendeal mit Fat Wreck. Er besorgte mir die Mitmusiker. Er hatte den meisten Einfluss auf die Musik. Auf den Gesang. Auf die Gitarren. Und als er starb, verlor ich nicht nur einen Bruder und Freund, sondern auch meinen wichtigsten Musiker. Aber mein Glück war es, dass ich mit Paul Miner den Produzenten an der Seite hatte, der meine beiden letzten Soloalben betreut und mit dem auch Steve und die ADOLESCENTS zuletzt zusammengearbeitet hatten. Mit ihm setzte ich mich zusammen, sprach über die Musik – und es wurde schnell klar, dass Steves Einfluss auf „Holy Spell“ eindeutig zu hören sein würde. Und genau so ist es. Steve ist nicht körperlich anwesend, aber man hört seine Seele in der Musik. „Holy Spell“ hätte ihm sehr gut gefallen.

Du bist der Letzte der RAMONES, der noch keine Biografie veröffentlicht hat. Wann ist es soweit?

Ganz ehrlich: Ich arbeite bereits seit langer Zeit an einem solchen Buch. Es soll irgendwann einmal helfen, dass die Menschen verstehen, wer ich bin und wo ich herkomme. Wie ich es schaffte, von den Marines zu dieser Band zu gelangen. Wie es war, als Fan in die RAMONES zu kommen. Ich meine: Ich habe beim Corps mehr verdient als in der Band. Aber ich hätte es auch ohne jede Bezahlung gemacht. Weil es das Größte für mich war und ist, ein Teil dieser Band zu sein. Ich begann mit dem Schreiben ja auch schon, als ich noch bei den RAMONES war. Leider war es so, dass ich damals gerade den vielleicht härtesten Teil meines Lebens durchmachte. Ich war von den Marine-Corps direkt zu den RAMONES gekommen, war sieben Jahre lang mit ihnen ununterbrochen auf Tour. Eineinhalb Jahre nach dem Ende der Band kam dann mein Sohn, mein erstes Kind, zur Welt. Wiederum eineinhalb Jahre darauf wurde bei ihm Autismus diagnostiziert. Ich hatte private Probleme. Ich begann also mit dem Schreiben zu einer Zeit, als mein Leben nicht zur Ruhe kam. Ich machte in dieser Zeit Erfahrungen, die so schnell aufeinanderfolgten, dass ich gar nicht dazu kam, sie alle erst mal für mich zu verarbeiten. Deshalb hörte ich irgendwann auf mit dem Schreiben. Und als ich vor ein paar Jahren wieder anfangen wollte, merkte ich, dass ich Schwierigkeiten hatte, all diese Erlebnisse in Worte zu fassen. Dazu benötige ich Hilfe. Mittlerweile habe ich mit einigen Menschen gesprochen, denen ich absolut vertraue und mit deren Unterstützung ich das schaffen kann. Insofern: Ich hoffe, dass ich mein Buch in absehbarer Zeit herausbringen werde. Wahrscheinlich müsste ich mir ein Jahr Auszeit nehmen und mich nur um dieses Projekt kümmern. Aber das ist es mir wert. Es wird gut werden.

Was sagst du denn zu den bisher erschienen Biografien?

Ich habe sie alle gelesen. Die akkurateste ist die von Johnny. Leider starb er, ehe sie fertig war und er konnte sie nicht mehr selber vervollständigen. Ich weiß nämlich, dass es da eine Menge Dinge gibt, die er gerne im Buch gehabt hätte. Markys Buch ist gut, aber es leidet unter einer Sache, unter der viele RAMONES-Bücher leiden: Johnny kommt sehr schlecht weg und wird als total schwieriger Typ beschrieben. Das finde ich nicht okay. Denn das war er nur bedingt – auch wenn ich weiß und verstehe, dass er vor allem politisch umstritten war. Zudem: Er ist tot und kann sich nicht mehr wehren. Seinem Vermächtnis werden diese Bücher jedenfalls nicht vollständig gerecht.

Frank Weiffen

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #144 (Juni/Juli 2019)

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