KOMMANDO MARLIES

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Von was für Punkrock sprechen wir?

„Wenn Punk nur ein Musikstil ist, isses zu wenig!“, mit diesem sympathischen Zitat der Band bewarb der Sonic Ballroom den Auftritt der Bochumer KOMMANDO MARLIES, der neuen Band von Uwe Umbruch nach dem Ende von HOTEL ENERGIEBALL, der zuvor schon bei REVOLVERS, DISTRICT und PUBLIC TOYS spielte. Ihr Auftritt hat mich dann ziemlich überzeugt, und ihre bei Mad Drunken Monkey erschienene Vinyl-EP „Schön modern“, die ich mir an diesem Abend kaufte – allerdings als Musikkassette –, läuft seitdem in Dauerschleife in meiner Anlage. Wir sprachen mit der Band über ihre aktuelle Veröffentlichung und noch einiges mehr.

Warum heißt ihr KOMMANDO MARLIES? Welche Bedeutung hat der Name für euch?

Uwe:
Lange Geschichte. Damals, vor dem Krieg, als ich noch bei den REVOLVERS spielte, waren wir mal auf Tour mit BONES, MAD SIN und THE HEARTACHES. Während der Tour kamen wir auf einige bizarre, lustige Ideen. Eine davon war die Bandgründung von KOMMANDO MARLIES – aber nur vor dem Hintergrund, bescheuertes Merchandise wie Notebooks, Nähmaschinen und ähnliches unter die Leute zu bringen, und Andre, damals Labelchef von People Like You, sollte alles zahlen. Den Witz versteht heute eh keiner mehr. Wir fanden es lustig. Auf den Namen selbst kam dann Tex Morton. Generell mag ich aber den Klang. „Kommando“ klingt immer eher sperrig als ein Bandname, der mit „The“ anfängt ...

In euren Songs finden sich musikalische Zitate aus „First time out“ von THE BOYS, von THE CLASH und frühem deutschen Punk. Ist das das Bermudadreieck, in dem ihr euch bewegt?

Sandro:
Im Grunde ist es ja immer spannend, wenn sich eine Band neu gründet. Du hast verschiedene Köpfe mit unterschiedlichen Einflüssen und Vorlieben, da kommt dann einiges zusammen.

Uwe: Da geht es ja viel um Einflüsse und was man selbst hört. Ich habe mit Deutschpunk angefangen, dann kam Oi! dazu, irgendwann Glampunk, Soul und so weiter ... Mittlerweile bin ich wohl wieder beim „früher“ angekommen.

Warum habt ihr eure EP „Schön modern“ sowohl auf Vinyl als auch Tape veröffentlicht?

Sandro:
Ich finde es immer schön, wenn man den Leuten eine gewisse Wahl lassen kann. Vom Tonband bis zum digitalen Download gibt es heutzutage alles auf dem Markt. Wenn dein Label dir also die Möglichkeit gibt, ein paar Sammler glücklich zu machen, solltest du das ruhig annehmen.

Uwe: Und es hat sich auch niemand gefunden, der den CD-Release übernehmen wollte ...

Bruder Matthes: Ich war ja von Anfang an für Vinyl. Ich glaube, ich habe überhaupt keine CDs mehr. Die habe ich irgendwann alle mal weggeschmissen. Das würde mir bei Vinyl nie einfallen. Ist alles etwas hochwertiger, ein ganz anderes Gefühl, eine Platte in der Hand zu haben, als ein blödes Stück CD-Plastik. Und die Dinger halten – bei richtiger Behandlung – wirklich ewig. Nicht nur, was war das, dreißig Jahre? Keine Ahnung. Ich find’s auf Platte einfach etwas romantischer.

Die Songs „Freiheit und Benzin“ und „Tommy“ handeln von alten Freunden, die entweder vom Weg abgekommen sind oder nicht mehr da sind. Sind diese Erfahrungen für die Melancholie in euren Texten mitverantwortlich?

Sandro:
Alles was man erlebt, findet man in einer gewissen Art in der eigenen Musik wieder. Wie viel am Ende dann real, abgewandelt oder fiktiv ist, kann man nur selten vorher planen.

Uwe: Na klar, das war zumindest bei mir schon immer so. Ich kann keine Texte über die schönen Dinge des Lebens schreiben. Ich habe ein paar mal versucht, über positive Dinge, die mir im Leben so passiert sind, zu singen – aber das funzt nicht. Wie viele andere auch kann ich wohl nur kreativ sein wenn es mir schlecht geht, was leider nicht mehr so oft der Fall ist ... Und Jungs wie den fiktiven Tommy kennt doch jeder von uns, wenn wir mal ehrlich sind. Wir haben doch alle ein Leben gelebt, das nur einen Steinwurf weg vom Abgrund war. Wir haben eben Glück gehabt oder vielleicht auch Überlebenswillen. Im Laufe der Zeit hört man dann leider immer häufiger, dass der eine oder andere eine Überdosis hatte, einfach im Knast gelandet ist oder in der Klapse oder „nur“ auf der Straße lebt. Und das sind alles Jungs und Mädels, mit denen man früher vieles geteilt hat. Das könnten wir also selbst sein. So was nimmt mich schon mit, und ich denke viel darüber nach. Verpasste Chancen, verpasste Ausfahrten et cetera – und da kommen eben meistens solche Texte bei raus ...

In „Immer weiter“ singt ihr von Harmoniesucht, Einheitsbrei und Kegelclubs in der Alternativkultur. Ist Punkrock noch eine Alternative, eine andere Lebensform, gegen Konsum und Angepasstheit?

Sandro:
Auch der Punk ist in der heutigen Zeit zu breit, zu facettenreich, um da klar Stellung beziehen zu können. Es ist für uns weder Pop noch Mode, aber im Laufe der Zeit ist Punk schon sehr massentauglich geworden. Das würde ich aber nicht der angepassten Musik oder Szene ankreiden. Vielmehr ist es so, dass die „coolen Kids“ einen immer größeren Teil der Gesellschaft ausmachen – und das ist ja alles andere als schlecht. Ist also gar nicht alles so scheiße, wie viele es immer haben wollen.

Uwe: Unser Management sagt, ich soll zu dem Thema nix sagen, das wäre nicht banddienlich haha. Im Ernst, von was für einem Punkrock sprechen wir? Von diesem sinnentleerten Deutschrockpunkmüll mit Bombastproduktion, wo wirklich alles gleich klingt, mit Skinheadparolentexten und Machogepose mit leicht verzerrtem Gesang, der gerade so populär ist? Für mich ist Punk die Grundlage dafür, wie ich mich entschieden habe, durchs Leben zu gehen, das ist eine bestimmte Haltung, Dinge auch innerhalb von Szene kritisch zu hinterfragen, nicht zu allem Ja und Amen zu sagen.

Bruder Matthes: In Zeiten, in denen man ein RAMONES-Shirt bei H&M erstehen kann, kann man nicht mehr wirklich von einer krassen Alternative sprechen. Natürlich könnte man bei dem Anblick gleich loskotzen, muss sich aber eingestehen, dass Punkrock immer salonfähiger wird. Man muss sich mal vorstellen: Da gibt es Bands, die sich in ihren Texten völlig richtig gegen Kapitalismus, Überkonsum und Ungleichheit aufregen, aber mit einem Firmenwagen von McDonald’s zum eigenen Konzert kutschieren. Da kann ich auch in einen Kleingartenverein eintreten und dem gehassten Parzellennachbarn den Rasen mähen. Völlig absurd. Also macht ruhig euren Scheiß, nur macht ihn ohne uns!

In „Kein Blick zurück“ zitiert ihr aus dem Song „TCA“ der Göttinger Kult-Punkband TIN CAN ARMY. Warum habt ihr euch gerade für die Zeilen „Zwei, drei, vier – keiner fickt mit mir. Dabei ist mein Schwanz doch gerade das Beste dafür“ entschieden?

Uwe:
Also ich glaube, der Rest geht: „dabei ist mein Schwanz noch das Beste an mir“ ... Ich liebe diese Textzeile, natürlich auch in dem Kontext des Originalsongs. Da ging es ja eher darum, sich selbst ein bisschen schlecht zu reden und dann im „KZ noch Pogo machen“. Und der Text von mir handelt ja auch davon, dass man sich irgendwann auch mal mit dem wütenden Kiddie, das man früher war mal, vertragen muss, sollte, könnte. Insofern ist das einfach als Hommage zu verstehen an die großartigen Deutschpunklyriker ihrer Zeit.

Uwe, du trägst auf deiner Kutte einen großen CRASS-Aufnäher. Was bedeuten dir CRASS heute noch?

Uwe:
Ich muss zugeben, dass ich CRASS weniger auf der musikalischen Ebene mag, aber als Kollektiv hatten die einfach eine unfassbare Kraft damals und mit ihren Texten haben die mich sehr sozialisiert. Und das gilt auch heute noch. Ich mag immer noch die Idee, die hinter CRASS steckte. Das ist heute mit FEINE SAHNE FISCHFILET ähnlich. Ich finde das musikalisch eher so semi, aber ich nehme gerade dieser Band alles ab – und das finde ich manchmal wichtiger. Ich freue mich über jede Band, die eine klare Haltung hat. Da gibt es auch viele Gegenbeispiele, die möglichst „mittige“ Texte machen, damit sie nur ja auf beiden Seiten – rechts wie links – gut ankommen.

Pläne für die Zukunft?

Uwe:
Mega viele Pläne. Konzerte spielen, ab ins Studio und endlich die erste Langspielplatte aufnehmen, die dann hoffentlich im Herbst erscheint.