Interviews & Artikel : MARTYRDÖD :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

MARTYRDÖD

Extreme Schweden

2001 schon wurde die Band in Stockholm gegründet, von damals sind noch Sänger und Gitarrist Michael „Micke“ Kjellman und Drummer Jens Bäckelin dabei und halten den Laden bis heute am Laufen. Die Shows sind zwar nicht zahlreich, aber bei den relevanten Festivals läuft man auf und trägt die Fackel des metallischen Schwedencrust weiter. DISFEAR, SKITSYSTEM und WOLFPACK nennt Micke heute noch als seine musikalische Sozialisation prägende Bands, und von der Linie sind MARTYRDÖD bis heute zum Glück nie relevant abgewichen. Nachdem die letzten drei Alben der Band auf Southern Lord erschienen waren und der Band eine Menge zusätzlicher Aufmerksamkeit eingebracht haben, sind sie mit „Hexhammaren“ zu Century Media gewechselt. Micke beantwortet meine Fragen.

Micke, bist du der Chef in der Band? Es gab ja über die Jahre einige Veränderungen in der Besetzung.


Ich bin verantwortlich für die allermeisten der MARTYRDÖD-Songs, aber die Band wäre nicht, was sie ist, ohne Jens, unseren Schlagzeuger. Jens und ich haben diese Band 2001 zusammen gegründet und waren uns von Anfang an einig über die Ausrichtung der Band. Seine Art zu spielen hat den Sound grundsätzlich geprägt. Ich bin derjenige, der zu Hause Songs schreibt, aber Jens ist der Boss, wenn es um viele praktische Dinge geht, wie etwa die Band in eine etwas professionellere Richtung zu steuern, und er kümmert sich auch um viel Kleinkram hinter den Kulissen. MARTYRDÖD waren schon immer unser gemeinsames Ding.

Welche Bands, welche Alben haben einst dein Interesse für „diese Art“ von Musik geweckt? Und welche Alben legst du heutzutage auf?

Ich versuche mal, es einfach zu machen und mich nur auf einige Bands zu konzentrieren, die uns damals inspiriert haben, „diese Art von Musik“ zu spielen. Es ist kein Geheimnis, dass MARTYRDÖD von Anfang an sehr beeinflusst waren von der zweiten Welle des schwedischen Hardcore, vor allem von dieser „Wall of Sound“ der Bands der Neunziger Jahre wie DISFEAR, SKITSYSTEM, WOLFPACK etc. Ich habe DISFEAR zum ersten Mal auf dem Hultsfredsfestivalen 1996 gesehen. Ich konnte damals nicht unterscheiden, ob sie tatsächlich richtig spielen konnten oder ob es bloß Chaos war. Vielleicht habe ich es anfangs einfach nicht verstanden. Aber ich war immerhin so fasziniert von der Band, dass ich mir ihre Platten anhörte, „A Brutal Sight Of War “ von 1993 und „Soul Scars“ von 1995. Damals haben mich SKITSYSTEM mehr beeindruckt. Ihr In-your-face-Stil und diese Verzweiflung im Gesang und Texten von der „Profithysteri“-7“ von 1995 und der „Ondskans ansikte“-10“ von 1996 waren leichter zugänglich für mich als Jugendlichen. DISFEAR habe ich dann später viel mehr schätzen gelernt. Aber diese Bands haben stilistisch früh einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Eine andere Band, die für unsere musikalische Ausrichtung besonders wichtig war, sind WOLFPACK aus Mariestad, einer Kleinstadt in der Nähe meines Heimatortes. Damals schienen sie wie die natürliche Anwärter auf die Thronfolge der schwedischen Hardcore-Könige ANTI-CIMEX, und der erstaunliche frühere ANTI-CIMEX-Sänger Tomas Jonsson war ja bei denen dabei. Ich habe zuerst die „Bloodstained Dreams“-EP von 1996 in die Finger bekommen und dann das erste Album, „A New Dawn Fades“, auch von 1996, sowie die „Hellhound Warpig“-7“ von 1997. Die Studio Fredman-Produktion der frühen Alben hat mich damals mehr beeindruckt als alles, was ich je gehört habe. Mein Interesse an der Band würde noch größer, als 1998 „Lycanthro Punks“ erschien. Nachdem das Album rauskam, interessierte mich kaum noch was anderes, ich habe ihre Platten einen ganzen Sommer lang rauf und runter gehört.

Waren das schon alle?

Wichtig für den Sound von MARTYRDÖD war außerdem viel weniger bekannte, aber ebenfalls großartige schwedischen Punk/Hardcore-Band namens ORAL und deren EP „Slagen i blod“ von 1995. Die Band veröffentlichte nur diese eine Mini-CD, aber es waren wirklich bahnbrechende Songs, die sie eigentlich bereits in den Achtziger Jahren geschrieben hatten, aber sie haben sich in den Neunziger Jahren wieder zusammengetan und auch im Studio Fredman aufgenommen. Ihr Einfluss auf uns ist wahrscheinlich unüberhörbar. Wegen dieser schwedischen Hardcore-Bands aus den Neunzigern stand für uns fest, dass wir auch ins Studio Fredman gehen wollen. Und es gibt ja noch ein anderes legendäres schwedisches Punk-Album, das von Fredrik Nordström aufgenommen wurde, noch bevor er das Ganze Studio Fredman nannte. Das ist insofern erwähnenswert, als es heutzutage nicht jedem bewusst ist, dass dieses Studio den bereits einen legendären Ruf in der Punk-Szene hatte, seit Fredrik Nordström dort das letzte Studioalbum von ANTI-CIMEX aufnahm, „Scandinavian Jawbreaker“, das 1993 erschien. Technisch gesehen war es das erste Album, das er im Studio aufgenommen hat, bevor er es Studio Fredman genannt hatte. Ich habe die Platte neulich noch mal aufgelegt und sie klingen immer noch wie die „bösen Buben“ des schwedischen Hardcore. Und dabei überraschend frisch, bis heute!

Ich bin mit dem Begriff „Crust“ aufgewachsen, doch irgendwann haben alle angefangen, diesen Sound „D-Beat“ zu nennen. Was bevorzugst du?

„Crust“ wie in „Crust Punk“, das stammt ursprünglich vom HELLBASTARD-Demo „Ripper Crust“. Ich denke, es ist cool, aber ich bin mir nicht sicher, ob das auf uns passt. Unser Schlagzeuger Jens, der eigentlich ein alter Metalhead ist, benutzt diese Begriffe gerne mal. Ich verwende sie eher mit Vorsicht. Aber schwedische Hardcore-Bands der zweiten Welle wie DISFEAR, SKITSYSTEM und WOLFPACK wurden in den Neunziger Jahren allgemein auch als Crust-Punk-Bands bezeichnet. Ich sehe also, wo das herkommt. Aber ich denke, man hat erst später angefangen, Hardcore-Punkbands wie ANTI-CIMEX, AVSKUM, MODERAT LIKVIDATION oder MOB 47 so zu nennen. Ich glaube, zumeist habe ich MARTYRDÖD beschrieben als eine Art Bastard aus schwedischem Hardcore-Punk und Metal, gleichermaßen beeinflusst von ANTI-CIMEX und BATHORY. Aber bitte nimm das jetzt nicht zu wörtlich. Schließlich haben wir diese starke melodiöse Ader, die unser Songwriting definitiv aufweist und auf die wir eher zufällig stießen, als wir an sich geradlinigen, simplen, tiefergestimmten schwedischen D-Beat spielen wollten. Vielleicht ist die ganze Art, wie sich unser Stil entwickelt hat, nur eine Sache des Zufalls, beginnend mit dem Tag, als ich zum ersten Mal eine Gitarre in die Hand nahm, hahaha. Ich bin mir also echt nicht sicher, aus welcher Quelle das alles kommt. Aber natürlich scheint alles von schwedischer Musik inspiriert zu sein und irgendwie macht diese Richtung für mich Sinn. Es hat keinen Zweck, die verschiedenen Einflüsse zu leugnen, die wir im Laufe der Jahre hatten, aber bin auch überzeugt, dass wir mittlerweile genug Eigenständigkeit entwickelt haben, um unser Songwriting interessant zu halten. Wir orientieren uns heute nicht mehr wirklich an anderen Bands. Wir haben das nach „In Extremis“ nicht mehr gemacht, um ehrlich zu sein. Wir konzentrieren uns jetzt auf den MARTYRDÖD-Stil und werden weiter am Songwriting arbeiten. Aber wenn die Leute zufällig ein neues Schlagwort finden, um unseren Stil zu beschreiben, und deswegen noch Jahrzehnte später über unsere Musik sprechen, wäre mir das auch recht. Und wo wir gerade dabei sind, es war übrigens nur unser erster Sänger, der so sehr auf Black Metal stand – der nur dieses eine Hardcore-Album gemacht hat mit MARTYRDÖD. Das Corpsepaint-Foto auf unserem ersten Cover war nur als Witz gedacht, auch wenn ein paar Leute es ernst genommen haben. „Blackened Crust“, das war alles nur ein Joke!

Gibt es noch eine Crust-Szene in Schweden? Hier in Deutschland sehe ich auf Shows kaum noch Leute mit den typischen Jacken mit zig Aufnähern.

Sie war auf jeden Fall in den Neunziger Jahren präsent, als ich in Jönköping zu Shows im Eldslandet ging, wo ich viele Crust-Bands sah. Das war auch noch interessant Anfang der Nuller Jahre, als ich nach Stockholm zog und MARTYRDÖD gründete. Es gab relativ gesehen immer ein paar gute Bands in der Richtung in Schweden, aber die Szene an sich war gar nicht so aufregend im Vergleich zu anderen Ländern, abgesehen von ein paar guten Veranstaltungsorten, die es im Lauf der Jahre gab.

Wenn ich mir die Liste der Shows auf eurer Website anschaue, habe ich den Eindruck, dass ihr jedes Jahr nur ein paar Konzertangebote herauspickt. Seid ihr so gerne daheim oder wollt ihr euch ein bisschen rar machen?

Wir haben immer versucht, die besten Shows rauszusuchen, und ich schätze, wir haben im Laufe der Jahre hunderte von schlechten Angeboten abgelehnt. Es war wichtig für uns, um MARTYRDÖD als langlebiges Projekt zu erhalten, das vor allem auf das Produzieren neuer Musik konzentriert ist. Die einzelnen Bandmitglieder hatten auch immer ein eigenes Leben jenseits der Musik, zumeist haben wir auch in verschiedenen Städten gewohnt. Aber wir haben es immer geschafft, in Verbindung zu bleiben, und uns statt auf viele Konzerte darauf konzentriert, kontinuierlich Alben zu veröffentlichen.

Seit dem neuen Album seid ihr nicht mehr auf Southern Lord, sondern auf Century Media. Wie kam das?

Tatsächlich werden wir in Nordamerika immer noch von Southern Lord veröffentlicht, Century Media kümmert sich um den Rest der Welt. Das hat sich für uns als sehr hilfreich erwiesen und eröffnet uns eine größere Reichweite als je zuvor. Das ist fantastisch. Aber die drei Alben, die auf Southern Lord erschienen sind, wurden alle außergewöhnlich positiv aufgenommen von der Underground-, Alternative-, Metal- und Hardcore-Presse und auch von der Community. Ich denke, dass die Band vorher in einer Art Blase existierte, wir kuschelten mit unseren Underground-Fans. Ich würde sagen, als wir ausschließlich bei Southern Lord waren, haben wir das Potenzial eines breiteren Publikums völlig übersehen, das von einer Band wie MARTYRDÖD überhaupt nichts mitbekommt. Aber es ist ja auf Dauer etwas langweilig, mit solch extremer Musik immer nur die gleichen Leute zu erreichen und nicht in etwas größerem Rahmen zu provozieren. Unsere frühen Platten hätte ich nicht auf einem so großen Label sehen wollen, da hätte man uns wohl zu sehr reingeredet. Mit der neuen Platte können wir so jetzt wieder neue Leute ansprechen, für die unsere Musik noch eine Herausforderung darstellt.

Kannst du uns zu einigen der Songs auf dem Album etwas mehr erzählen?

„Hexhammaren“


Das war 2017 zuerst der Arbeitstitel des Albums. Ich habe das einer alten schwedischen Übersetzung des mittelalterlichen „Hexenhammers“ entlehnt. Es geht auf dem Album aber nicht um Hexenverfolgung oder sonst etwas aus längst vergangener Zeit, sondern um die großen Lügenkampagnen von heute und die diversen Kriege, die aktuell überall auf der Welt herrschen. „Hexhammaren“ dient hier als symbolischer Titel, denn es klingt so kraftvoll. Und genauso wie es damals keine wirklichen Hexen gab, aber die Verfolgten trotzdem leiden mussten, gab es ja auch keine Massenvernichtungswaffen im Irak, doch über eine Million Iraker wurden am Ende abgeschlachtet. Ich glaube, das veranschaulicht ganz gut, was ich mir bei der Wahl des Albumtitels gedacht habe.

„Nästa Syrien“

Der Song handelt von völkerrechtswidrigen Invasionen und Stellvertreterkriegen in Ländern wie Irak, Libyen, Syrien und Jemen, worüber wir in Schweden und generell im Westen falsch informiert und belogen werden. Das interessiert die Menschen aber erst dann, wenn sie selbst betroffen sind. Im Text entwerfe ich also ein imaginäres Szenario, das zeigt, dass so was genauso gut auch hier passieren könnte. Mir geht darum, bei den Leuten die ganz natürliche Abscheu vor dem endlosen Morden zu wecken.

„Cashless society“

Ich sage nicht, dass moderne Technologien an sich schlecht sind, aber was mir bei dem Text vorschwebte, erinnert wieder ein bisschen an den düsteren Blick des Crust-Punk. Auch die bargeldlose Gesellschaft ist nicht per se schlecht, aber die Angelegenheit ist nicht ganz unkompliziert. Also wollte ich einen provozierenden Song schreiben, der die gegenwärtigen Entwicklungen reflektiert, weil die öffentliche Diskussion und das Bewusstsein Lichtjahre hinter der Technologie her hinken, wie mir scheint.

„Sthlm syndrom“

In diesem Lied geht es darum, dass die Bürger weiterhin Vertrauen in die Regierungen haben, auch wenn die sich in unverhohlene Lügen und Widersprüche verstrickt. Das ist eine Form von „staatlicher Hypnose“ und es sind die westlichen Massenmedien, die die Menschen in diesen Zustand versetzen. Das ist unser Stockholm-Syndrom.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #144 (Juni/Juli 2019)

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