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Interviews & Artikel

NOT ON TOUR

Die israelische Version der „Punk-Rebellion“

Israelischen Punk habe ich zugegebenermaßen erst spät für mich entdeckt. Avi Pitchons Autobiografie „Rotten Johnny and the Queen of Shivers“ und das JARADA-Interview kürzlich im Ox haben mich aber so gepackt, dass ich unbedingt mehr über Punk in Israel wissen wollte und freute mich sehr über die Gelegenheit, NOT ON TOUR zu ihrem neuen Album „Growing Pains“ interviewen zu können. Außerdem sprachen wir über Punk und Politik in Israel und Palästina. Sima, Gutzy, Mati und Nir beantworten meine Fragen im Tourbus.

Was macht die Szene in Israel besonders? Welche Bands außer euch, USELESS ID und JARADA sollte man sich unbedingt anhören?

Nir:
Ich denke, was die Szene hier besonders macht, ist die Tatsache, dass es ziemlich schwer ist dabeizubleiben, nachdem man 18 Jahre alt geworden ist. In diesem Alter müssen die meisten Leute zur israelischen Armee, wo sie eine Gehirnwäsche bekommen und ihnen die Punk-Attitüde ausgetrieben wird. Normalerweise sieht man sie danach nie mehr auf irgendwelchen Konzerten. Wer in der Szene bleibt, hat sich zumeist die richtige Einstellung dazu und zur Musik bewahrt. Außerdem denke ich, dass die Tatsache, dass das Leben hier so schnell und stressig ist, die Leute wirklich gute Songs schreiben lässt. Die Musik kommt direkt von Herzen, da sie eine großartige Möglichkeit ist, Frustration und Aggression abzubauen. Es gibt viele gute Bands hier, wirklich. Du solltest unbedingt Simas Grindcore-Band MOOM checken und Gutzys NIDFAKTA, eine fantastische, schnelle Hardcore-Band mit hebräischen Texten. Außerdem KIDS INSANE, SPIT, DUST, TABARNAK ...

Und gibt es wenigstens in Ansätzen auch im palästinensischen Westjordanland eine Szene? Tauscht ihr euch aus?

Nir:
Leider haben wir keine Kontakte in die palästinensische Westbank. Die räumliche Trennung zwischen uns und ihnen bedeutet auch eine Kommunikationsbarriere. Wenn es möglich wäre, würde ich gerne palästinensische Punks kennen lernen.

Gutzy: Soweit ich weiß, gibt es nur wenige Jugendliche, die sich in Palästina für Punk interessieren, wenn überhaupt. Israels Punk-Szene ist stark von der Auseinandersetzung damit beeinflusst, dass du als junger Mensch den obligatorischen Militärdienst leisten musst. Ich denke, das ist etwas, was eine große Rolle in der israelischen Version der „Punk-Rebellion“ spielt. Sollst du als Punk in der Armee dienen oder dich weigern beziehungsweise dem ausweichen? Dies stellt einen sehr kritischen Aspekt dar. In „normalen Ländern“ ist Punk in jedem Alter eine Option, um der Normalität zu entkommen. Wohingegen es in Israel eine sehr frühe und dramatische Konfrontation mit der Gesellschaft gibt, was für diese ansonsten ziemlich entwickelte und etwas verwestlichte Szene wiederum nicht sehr typisch ist.

Ihr habt gerade eure Europatour begonnen und mit „Growing Pains“ ein neues Album am Start, das mir sehr gut gefällt. Mati, für dich ist es das erste Album, das du mit der Band eingespielt hast. Wie konntest du dich beim Songwriting einbringen? War es schwierig für euch, sich aufeinander einzustellen?

Mati:
Als Freunde haben wir uns schnell aufeinander eingestellt und wurden eine Art Familie. Dieser Teil war einfach. Ich kannte sie vorher und spielte sogar mit Gutzy zusammen vor zehn Jahren in einer ziemlich schrägen Band namens SHENKIN PUNX. Musikalisch gesehen war es super schwierig, mich einzufügen, das muss ich zugeben. Ich musste mich in eine echte Maschine integrieren, die sehr gut funktioniert und eine eigene Sprache spricht. Das Schwierigste, wenn du jemanden ersetzt, ist es, du selbst zu bleiben, ohne dabei den typischen Bandsound zu sehr zu verändern. Ich habe in der Zusammenarbeit mit der NOT ON TOUR-Familie viel gelernt und sie waren sehr geduldig mit mir. Die Menge an Shows, die wir zusammen gespielt haben, hat dabei sehr geholfen.

Wie groß ist die Erleichterung, dass das neue Album jetzt fertig und veröffentlicht ist?

Nir:
Auf einer Skala von eins bis zehn? Ich würde sagen 15,5! Es war ein langer Prozess. Während wir dieses Album schrieben, begannen wir auch, mehr zu touren. Wir haben den kreativen Prozess dann jedes Mal unterbrechen müssen. Außerdem war es uns sehr wichtig, etwas zu schaffen, das sich für uns besser anfühlte als all unsere vorherigen Sachen, und das zudem mit einem neuen Gitarristen. Wir wollten das NOT ON TOUR-Feeling der Songs bewahren, aber den Hörer*innen trotzdem vermitteln, dass es hier etwas Neues gibt. Ich habe das Gefühl, das ist uns gelungen. Ich denke, es sind die besten Punkrock-Songs, die wir bisher geschrieben haben. Ich bin super stolz auf dieses Album.

Gutzy: Ich bin glücklich, dass sich die Leute endlich mit unseren neuen Songs vertraut machen können. Wir spielen einige davon seit ein paar Jahren, und ehrlich gesagt, haben wir wahrscheinlich die meisten unserer Shows zwischen diesem neuen und dem vorherigen Album gespielt. Es ist also für die meisten Leute, die uns kennen, das erste Mal, dass wir etwas ganz Neues herausbringen.

Wie sind die ersten Reaktionen auf „Growing Pains“ ausgefallen?

Nir:
Bis jetzt scheint es, dass die Leute es wirklich mögen. Ich erhalte großartige Reaktionen, sowohl online als auch offline. Aber hey, diejenigen, die das Album hassen, sprechen uns wahrscheinlich nicht an, also wer weiß, haha.

Gutzy: Ich meine, nachdem wir so lange gebraucht haben, ist es ein schrecklicher Gedanke, dass die Leute es hassen könnten, haha. Aber als das letzte Album „Bad Habits“ herauskam, hatte ich das Gefühl, dass es vielen Leute im Vergleich zum Vorgänger „All This Time“ weniger gut gefällt. Und jetzt ist „Bad Habits“ das einzige Album, mit dem die meisten Leute „Growing Pains“ vergleichen. Ich hoffe jedenfalls, dass wir es noch ohne Ende live spielen können.

Sima: Ich habe wirklich gute Reaktionen erhalten und es tut super gut, das zu hören. Wir lieben das neue Album und es ist schön, es der Welt endlich vorzustellen.

Bleiben wir noch einen Moment beim Songwriting. „Happy chord to an unhappy song“, die erste Zeile aus „Saw it coming“, könnte als Motto für das gesamte Album verstanden werden. Schwermütige Texte und ein Lebensfreude vermittelnder Sound stehen scheinbar im Widerspruch zueinander. Sima, nach dem ersten Hören des Albums verspürte ich spontan das Bedürfnis, dich in den Arm zu nehmen und dich zu trösten. Die Lyrics wirken einerseits sehr persönlich und verletzlich. Nach dem zweiten Hören war ich froh, dass es nicht dazu kam, denn andererseits transportieren die Texte Wut, Widerstandswille und Energie.

Sima:
Treffend formuliert, haha. Nun, ich habe eine harte Zeit mit einer Trennung nach viereinhalb Jahren Beziehung durchgemacht. So also hat das neue Album für mich angefangen. Ich wollte das alles auf eine Art vermitteln, dass andere Leute es nachvollziehen können, und so, dass es mir in der damaligen Situation gerecht wird. Ich verließ einen Ort und eine Person, die mir viel bedeuteten. Das brachte mich dazu, über mein Leben nachzudenken und ich wollte nicht verbergen, was ich fühle oder was ich durchgemacht habe. Ich wollte das alles in die Texte einfließen lassen.

Für mich ragen neben „Therapy“ zwei Nummern auf „Growing Pains“ besonders hervor. An wen sind die Songs „The distance“ und „Call it freedom“ adressiert?

Gutzy:
Die Songs beschreiben weitreichend ein wachsendes Bewusstsein für autoritäre Politik, das im Moment über allem schwebt, ähnlich einem Gefühl der Hilflosigkeit und der Unfähigkeit, das Dasein in einer Gesellschaft zu verändern, die sehr egoistisch ist.

Sima: Ich glaube nicht, dass die Songs an jemanden Bestimmtes gerichtet sind. „The distance“ ist ein Ausdruck dafür, wie ich unser Land und unsere Gesellschaft sehe. Kapitalismus und Religion dominieren und bringen die hart arbeitende Klasse und damit die Mehrheit der Menschen gegeneinander auf. Und bei „Call it freedom“ geht es um unsere rechte Regierung. Über all die Jahre gab es keine Friedensgespräche. Stattdessen reden sie über Krieg und Hass auf alles, was anders ist als sie selbst.

„Growing Pains“ schließt konzeptionell scheinbar nahtlos an das vorherige Album „Bad Habits“ an. Wodurch hebt sich das neue Album eurer Meinung nach besonders von euren früheren Veröffentlichungen ab?

Sima:
Ich finde, dass der Gitarrensound ein wenig anders klingt, da wir den Gitarristen gewechselt haben. Die Songs, die wir für „Growing Pains“ geschrieben haben, sind etwas reifer und wir auch ... hoffentlich, haha.

Ishay Berger, der Gitarrist von USELESS ID, hat das neue Album produziert. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Nir:
Er ist der Beste. Dieser Typ liebt Musik wirklich, vielleicht mehr als jeder andere, den ich kenne. Er nahm unsere Demos und hörte sie sich jeden Tag an, für gut einen Monat oder zwei. Und jeden Tag erreichten uns Sprachnachrichten mit verrückten und erstaunlichen neuen Ideen, um das Songwriting abzurunden – mit Akkordwechseln, Gesangsharmonien, Drumparts und so ziemlich jeder anderen Kleinigkeit, die einen guten Song ausmacht. Als wir dann ins Studio kamen, war die Zusammenarbeit mit ihm einfach inspirierend. Er brannte regelrecht vor guten Ideen für wirklich gute Gitarrenharmonien, Soli, Backgroundgesang und so weiter. Was Kreativität und Spaß betrifft, war es im Grunde genommen das beste Studioerlebnis, das ich je hatte. Auch dank Liron, dem tollen Techniker vom Jaffa Sound Art Studio. Und ich denke, das kann man auf der Platte auch wirklich raushören.

Ihr bezieht in euren Texten auch politisch Stellung, ohne eure Standpunkte voller Pathos vorzutragen. Wie schätzt ihr die aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklung in Israel nach der Knesset-Wahl ein? Es sah ja kurz so aus, als hätte Netanyahu fertig.

Gutzy:
Ich bin kein großer Optimist, aber ich denke, es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Netanyahu sich für den Wahltermin entschieden hat, weil es der für ihn politisch richtige Zeitpunkt war. Vor allem weil er juristisch immer mehr unter Druck geriet und die Kontrolle zu verlieren drohte. Es war ein geschickter Schachzug, so wie er auch sonst ständig erfolgreich mit dem Feuer spielt, nur weil er wirklich mehr als alle anderen gewinnen will. Ich denke, die Linke ist dem Untergang geweiht. Eine realistische Alternative zum Status quo unter Netanyahu – die Apartheid gegen die Westbank und die Blockade des Gazastreifens – ist überhaupt nicht erkennbar. Falls die zionistische Linke doch noch irgendwann erkennen sollte, dass es an der Zeit ist, der arabischen Bevölkerung ernsthafte politische Angebote zu machen – keine bloßen Gesten, sondern eine tatsächliche Beteiligung auf allen Ebenen der israelischen Gesellschaft –, dann glaube ich, dass Netanyahu eines Tages besiegt werden kann. Aber ja, es sieht nicht gut aus, und ich denke, dass sich jetzt nach der Wahl der politische Grundsatz von der Verfasstheit des Staates von „jüdisch und demokratisch“ weiter zu „jüdisch oder demokratisch“ verschieben wird.

Mit welchen Kräften kann man als zionistischer und auch nicht-zionistischer Linker in Israel Politik machen und dem fortschreitenden Rechtstrend und der Entsolidarisierung in der Gesellschaft entgegenwirken?

Nir:
Gute Frage ... das berührt einen sensiblen Punkt, besonders jetzt, da Netanyahu die Wahlen wieder gewonnen hat. Ich denke definitiv, dass es sich hier zuspitzen wird, da der Gegensatz zwischen linken und rechten Israelis immer mehr an Bedeutung gewinnt und zunehmend aggressiver ausgetragen wird. Vor fünf Jahren war es hier noch kein Schimpfwort, „Lefty“, also Linker, genannt zu werden. Heute ist es fast das Schlimmste, was man über eine Person sagen kann, und das ist beängstigend.

Gutzy: Möglicherweise kann die zionistische Linke der nicht-zionistischen Linken Formen sinnvoller Zusammenarbeit und Machtteilung anbieten, so wie jetzt die zionistische Rechte mit den nicht-zionistischen orthodoxen Parteien zusammenarbeitet. Aber kann die zionistische Linke, die inzwischen sogar Angst hat, sich gegen die Besetzung auszusprechen, den Arabern etwas anbieten, was ihnen zuvor noch nie angeboten wurde? Wir werden sehen.

Der Konflikt zwischen Israel und Palästina wird in der deutschen Linken häufig sehr emotional und konfrontativ geführt. Die Leute nehmen oft eine Position bedingungsloser Solidarität mit der einen oder der anderen Seite ein. Stimmen aus Israel und Palästina werden hierbei kaum gehört. Das gilt erst recht, wenn diese zur Selbstreflexion des eigenen Standpunktes Anlass geben. Gutzy, kannst du mir was über linke Perspektiven in Israel auf den Konflikt mit Palästina erzählen? Welche Probleme bestimmen die Diskussion?

Gutzy:
Ich glaube, eine detailliertere Antwort könnte mich dazu bringen, Dinge zu sagen, die ich bedaure, aber ich fordere sowohl Antideutsche als auch Antiimperialisten auf, sich bei der Positionierung in diesem Konflikt zu fragen, wer ihrer Meinung nach ihre tatsächlichen Partner auf der anderen Seite sind. Als radikale Linke sollten sie sich fragen, existieren die Menschen, die sie als Vorkämpfer der israelischen oder palästinensischen Befreiung betrachten, heute tatsächlich? Und wenn dem so sein sollte, sind diese Akteure die einflussreichen, bestimmende Kräfte in ihren nationalen Bewegungen? Wie auch immer, wir sind hier, wer weiß warum, und wir sind absolut bereit, in Freundschaft mit euch verbunden zu sein.

Kommen wir zurück zur Band. Wie sieht euer Touralltag aus? Wie haltet ihr euch fit bei der enormen Präsenz, die ihr allabendlich auf die Bühne bringt?

Sima:
Es ist gleichzeitig aufregend und heftig, fantastisch und strapaziös. Wir haben eine großartige Crew, die uns unterstützt. So können wir unsere Arbeit erledigen und die bestmöglichen Shows spielen. Ich versuche, nachts genug zu schlafen. Ich trinke Wasser und schone meine Stimme vor den Auftritten. Außerdem mache ich ein paar Warm-up-Übungen vor den Shows. Und Spaß haben! Ich gebe mein Bestes, es ruhig angehen lassen zu können.

Salvador Oberhaus

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #144 (Juni/Juli 2019)

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