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Interviews & Artikel

PETROL GIRLS

Subversiver Flickenteppich

Gerade ist „Cut & Stitch erschienen, das neue Album der aus Bristol stammenden PETROL GIRLS. Erneut haben diese ein musikalisch mitreißendes Album geschaffen, das aber auch textlich starke Botschaften vermittelt, den Mittelweg geht zwischen persönlichen Inhalten und Kommentaren zu gesellschaftlichen Themen. Sängerin Ren Aldridge beantwortete unsere Fragen.

Patchworking ist ein altes Handwerk. Du schreibst über dein neues Album, dass es ein Flickenteppich aus Sounds, Ideen und Gefühlen ist. Nun, wenn ich mir einen Flickenteppich ansehe, kann ich die Bestandteile identifizieren, im Falle eures neuen Albums brauche ich deine Hilfe.


Patchwork als Handwerk recycelt oft Stoff, und es gibt Teile dieser Platte, die direkt recycelt wurden oder auf frühere Ideen und Songs zurückgreifen. Der Text von „Interlude (Q&A)“ spiegelt das Hauptthema unseres ersten Albums „Talk of Violence“ wieder. Dann ist da noch das X-RAY SPEX-Sample im Song „Big mouth“, das Poly Styrenes kraftvolle Subversion des bekannten Sprichworts „Kinder sollten gesehen und nicht gehört werden“ recycelt und rekontextualisiert, was bis heute Gültigkeit hat. Ich hoffe, dass auch anerkannt wird, was für eine wichtige Persönlichkeit Poly Styrene im Punk war. Ich finde, dass Sampling eine wirklich interessante, klangliche Version der klassischen Cut-and-Paste-Ästhetik des Punk ist. „Cut & Stitch“ verbindet sich auch mit dieser Ästhetik und der typischen Punk-Praxis des Nähens von Patches und des Zerlegens von Kleidung, um sie neu zu gestalten. Ich habe diese Platte als ein Flickenteppich aus verschiedenen Sounds, Ideen und Gefühlen beschrieben. Es vermischt sehr persönliche Erfahrungen, wie z.B. viel unterwegs sein oder der Tod meines Hundes, mit großen politischen Themen wie Klimagerechtigkeit, sowie eher philosophische Ideen wie die Erforschung der politischen Möglichkeiten von Klang. Die Idee des Schneidens und Nähens verbindet sich mit vielen der Themen, die auf dem Album angesprochen werden. Schneiden und Nähen ist ein Prozess, der auf unbestimmte Zeit andauern kann, und dies folgt der Position, die wir auf unserer letzten EP vertraten, dass politische Veränderung ein kontinuierlicher kollektiver Prozess ist. Ich empfinde es als viel hoffnungsvoller und bestärkender, meine eigenen Handlungen als einen winzigen Teil in diesem riesigen, sich ständig entwickelnden Patchwork des Wandels zu verstehen.

Du erwähnst auch, dass das Zeigen von Schwäche ein Problem für dich war/ist. Wie offen kann man sein, wenn man seine sehr persönlichen Gedanken über die Musik mit der ganzen Welt teilt, wo zieht man die Grenze?

Ich habe definitiv Mühe damit, meine Verwundbarkeit zu zeigen, und es bringt mich die ganze Zeit in Schwierigkeiten, denn in jeder Art von Konflikt wird angenommen, dass ich die stärkere Person bin, die keine Hilfe oder Unterstützung braucht, was oft nicht der Fall ist. Ich denke, dass es super wichtig ist, Grenzen zu haben, aber ich bin nicht sehr gut darin, sie zu errichten. Ich neige dazu zu denken, dass ich jedem meine Zeit und Energie schulde, und das ist wahrscheinlich ein wichtiger Grund, warum ich mich in einem ewigen Burn-out-Zustand befinde. Ich denke, es kann unglaublich kathartisch und bestärkend sein, schwierige Erfahrungen öffentlich zu teilen, und es kann eine Möglichkeit sein, sich mit anderen zu verbinden und sich gegenseitig zu stärken, während man sich gemeinsam gegen etwas wehrt. #MeToo ist ein starkes Beispiel dafür. Gleichzeitig denke ich, dass die Musikindustrie den „sich abrackernden Musiker“ sowie die „verletzliche Frau“ fetischisiert, und ich finde es ziemlich schwierig da zu navigieren, weil ich dem auch nicht neue Nahrung geben will. Ich denke, mit dieser Platte experimentiere ich nur damit, mehr Seiten von mir selbst zu zeigen – Seiten, mit denen ich weniger vertraut bin. Ich bin zum Beispiel sehr zurückhaltend in Bezug auf Trauer, und ich war unschlüssig, das Lied über Skye, den Hund meiner Familie, der vor 18 Monaten gestorben ist, auf die Platte zu nehmen. Es gibt offensichtlich viel schlimmere Dinge auf der Welt, als ein Haustier zu verlieren, aber ehrlich gesagt war ich fast ein Jahr lang wirklich am Boden zerstört. In gewisser Weise fühlt es sich unangenehm an, etwas so Persönliches und Unwichtiges in das Gesamtkonzept eines Albums aufzunehmen, das einige große politische Themen behandelt. Gleichzeitig ist Empathie lebendig und radikal, dazu zählt die Liebe zu anderen Lebewesen.

Feminismus ist für dich ein wichtiges Thema. Hast du im Laufe der Jahre eine Veränderung der männlichen Einstellung erlebt, zum Guten oder zum Schlechten?

Ich bin seit etwa 14 Jahren dabei und mit Sicherheit haben sich die Dinge deutlich verändert. Aber was mir wirklich auffällt, wenn ich viel auf Tour bin, ist, dass der Wandel in unterschiedlichem Tempo stattfindet, je nach Ort und Szene. Wir wechseln ziemlich oft die Szene, musikalisch passen wir in eine Szene, die aber immer noch ziemlich macho ist, politisch gesehen sind aber wir Teil einer zukunftsorientierten, queeren feministischen Szene. Etwas, das wir zu bewältigen haben, ist, dass viele Cis-Männer zu unseren Shows kommen, die denken, dass sie das Recht haben, sich zwischen Frauen und nicht-binäre Menschen zu werfen, die wir oft nach vorne zur Bühne einladen, auch wenn diese Leute das nicht wollen. Ich finde es wirklich schwierig, damit umzugehen, denn das passiert sogar bei Songs, die explizit gegen männliche Gewalt sind, aber exakt diese wird offen gezeigt, während wir das Lied spielen. Ich bin wirklich fassungslos, wie viel sich die Männer rausnehmen. Wie schwer ist es, zu tanzen, ohne die Leute zu verärgern oder gar zu verletzen? Ich arbeite noch daran, wie ich am besten damit umgehen soll. Ich denke, dass unsere Szene im Allgemeinen viel besser geworden ist, wenn es um das Thema sexuelle Gewalt geht und darum, Frauen und andere marginalisierte Gruppen auf der Bühne zu sehen. Nichts wird sich ändern, wenn der Raum für Bands reserviert ist, die nur weiße Cis-Typen sind, die über ihre Ex-Freundinnen jammern. Und nichts wird sich ändern, wenn sexuelle Gewalt, Belästigung und Missbrauch nicht als das bezeichnet werden, was sie sind. Gerade Männer in Bands müssen noch viel mehr tun, um etwas gegen diese Scheiße zu unternehmen, was momentan hauptsächlich von den Leuten getan wird, die am schlimmsten davon betroffen sind.

Denkst du, dass unsere Szene im Gegensatz zur „normalen“ Gesellschaft fortschrittlicher ist?

Unsere Szene denkt, dass sie das ist, und kann sehr defensiv sein, wenn jemand darauf hinweist, dass auch bei uns Sachen falsch laufen. Ich denke, dass es noch viel zu tun gibt, um Punk auch einladender für Farbige zu machen, die von Anfang an im Punk präsent waren, aber oft ausgegrenzt wurden. Das Decolonise Fest in London tut viel dafür. Es ist eine unbequeme Frage, aber wenn unsere Szene so antirassistisch ist, warum ist sie dann so weiß? Ich bin einfach vorsichtig dabei, mir zu sehr auf die eigene Schulter zu klopfen. Aber ja, die antikapitalistische und antifaschistische Politik des Punk ist verdammt wichtig, und ich denke, das DIY-Ethos hat ein riesiges radikales Potenzial. DIY befähigt uns, unsere eigene Kultur zu schaffen, und das fließt in unser eigenes Politikverständnis ein. Das macht uns zu aktiven Teilnehmern und nicht zu passiven Konsumenten.

Der Brexit-Irrsinn in UK geht munter weiter. Was sind deine Beobachtungen?

Ich erinnere mich, dass ich im Vorfeld der Brexit-Abstimmung durch Großbritannien gereist bin und wirklich schockiert über die offen rassistischen Pro-Brexit-Plakatkampagnen war, und wie viele es überall gab, zusammen mit all den Union Jacks und England-Flaggen. Ich bin nicht der größte Fan der EU und der Festung Europa, aber die Brexit-Abstimmung wurde durch eine fremdenfeindliche und verlogene Kampagne gewonnen, die die legitimen Anliegen von Teilen der Bevölkerung manipulierte. Viele Menschen haben Leave als Protestabstimmung gegen die neoliberale Elite gewählt, und ich denke, dass der Neoliberalismus viel zu verantworten hat, wenn es um Zerstörung der britischen Gesellschaft geht und diese individualistische Tendenz, nur auf sich selbst zu achten und unseren Sinn für Gemeinschaft aufzulösen. Die extreme Rechte beutet das aus. Die Leave-Kampagne spielte auch mit einem alten imperialistischen Gefühl des Stolzes und einer nationalistischen Stimmung, die ich verdammt abstoßend finde. Wir müssen weltweit zusammenarbeiten, um der sehr realen und dringenden Bedrohung durch den Klimawandel zu begegnen, und uns nicht weiter in diese imaginären Gemeinschaften von Nationalstaaten zerteilen.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #144 (Juni/Juli 2019)

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