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Interviews & Artikel

PUNK UND RELIGION

Muhammad was a punk rocker

Punk und Religion? Passt für mich gar nicht zusammen! Hinterfragen von Autoritäten, Individualismus statt Kollektivismus, Geschlechtergleichheit. Schwul? Kein Problem! Laut? Gerne! No Gods, No Masters eben. Menschen, die aus ihrem Glauben etwas Gutes ziehen und das ohne Sendungsbewusstsein an andere weitergeben? Okay! Aber ein gesundes Misstrauen gegenüber Religion habe ich mir bewahrt, insbesondere, wenn sie zu sehr nach außen gekehrt wird. Religion prägt Kultur, sicher. Aber wir hatten vor 350 Jahren dieses schöne Ding namens Aufklärung, bei der man die besten Dinge von Religion eingebunden hat in das Konzept des Humanismus. Das reicht, für mich jedenfalls!

Punk und Religion also. Schon länger beschäftigte es mich zu verstehen, wie das für andere klargeht. Die letzte Motivation, die es brauchte, war nun der Wunsch des langjährigen Ox-Lesers Jens Stuhldreier, mal mehr über Muslime im Punk zu erfahren. Deshalb raus aus der Komfortzone und rein in die Materie! Ausflüge von Punks in religiöse Gefilde gab es ja schon einige, christlicher Hardcore und zum Beispiel Krishnacore. Kennt man, wird zumindest in Europa oft kritisch beäugt bis verlacht und wurde auch schon ausführlich dokumentiert. Bei den Muslimen weiß man irgendwie weniger. Es liegt wohl daran, dass hier das Feld so unübersichtlich ist. Auch Muslime machen Punk. Kulturmuslime, die nicht wirklich praktizieren und ihren Glauben eher offen sehen oder gläubige Muslime? Aus westlichen oder muslimischen Gesellschaften? Eine richtiger Zusammenschluss muslimischer Punks hat zumindest in westlichen Ländern nicht stattgefunden, es gibt keine vernetzte Szene wie etwa im Afro Punk oder Krishnacore. Ausnahme ist der in den frühen Nuller Jahren kurz aufgekommene sogenannte Taqwacore, der im Westen jedoch schnell versandet ist und in konservativen muslimischen Ländern entweder ignoriert oder wie in Indonesien eher ins religiös-fundamentalistische Gegenteil umgeschlagen ist.

Teil 1 dieses kleinen Versuchs, sich dem Thema Muslime im Punk zu nähern, ist deshalb ein Rückblick auf die Entstehung und Rezeption von Taqwacore. In Teil 2 soll ein Protagonist aus der Szene zu Wort kommen. Nader ist der Sänger der New Yorker Punkband HARAM (arabisch für „Verbot“), der strenggläubig aufwuchs, aber heute eine sehr differenzierte Sichtweise auf die Themen Migration, Religion und Subkultur hat – und mit seiner Band sehr geile Musik macht. Weitere Sachen sind in Planung.

Taqwacore

What the fuck is a Muslim punk?


Punkrocker mit muslimischen Wurzeln sind vor der Jahrtausendwende in den USA eher selten, aber existent. Zumindest was einen sichtbaren Bezug der Protagonist*innen zum Islam angeht. Als Beispiel können die FEARLESS IRANIANS FROM HELL genannt werden, deren Album „Die For Allah“ ein Semi-Oldschool-Hardcore-Klassiker geworden ist. So etwas wie eine vernetzte Bewegung von (bekennenden) Muslimen findet sich in den frühen Nuller Jahren in den USA – Taqwacore. Den Anstoß gibt zunächst ein Buch. Michael Muhammad Knight, ein amerikanischer Konvertit, schreibt 2002 den Roman „The Taqwacores“ und erzählt die Geschichte einer muslimischen Punk-WG in Buffalo, NY. Taqwacore ist ein Kunstwort und leitet sich ab von „taqwa“, ein islamisches Konzept, das die Furcht vor und die Liebe zu Allah ausdrückt. Der Islam als Glaube steht im Vordergrund, wird jedoch in seinen traditionellen Ansichten abgelehnt. Die Figuren im Roman leben ihre eigene Interpretation des Korans: „Punk islam means you are the authority, you are your Allah“ (M. M. Knight). Die Story ist rein fiktiv. Knight versucht darin, die Ambivalenz seiner westlichen subkulturellen und seiner selbst gewählten religiösen Prägung festzuhalten. Riot Grrrls in Burkas und schwule Punks leben ihr eigenes kleines „kids of the black hole“, beten aber regelmäßig und inbrünstig und erweisen dem Propheten damit ihre Ehre. Die Ablehnung traditioneller religiöser Institutionen und Autoritäten bei gleichzeitiger Überhöhung des Propheten macht die ProtagonistInnen zu einer Art Jesus Freaks für Muslime.

Die Reaktionen auf das Buch sind gewaltig. Knight trifft in den USA den Nerv vieler junger Muslime mit Hang zur Rebellion und Punkrock. Einige Kids schreiben ihm Briefe und fragen, wo sie diese Leute treffen können, sind so euphorisch, dass sie die Fiktionalität des Stoffes komplett ausblenden. Der DIY-Gedanke setzt ein: Was nicht ist, muss man selber machen. Verschiedene Bands gründen sich in der Folgezeit unter dem selbstgewählten Label Taqwacore. THE KOMINAS, VOTE HEZBOLLAH, AL-THAWRA und DIACRITICAL aus den USA und die kanadischen SECRET TRIAL FIVE vernetzen sich und gehen in in einem umgebauten Schulbus zusammen mit Michael Knight auf Tour in den USA und in Pakistan. Musikalisch geht es querbeet von D-Beat/Crust bis Pop-Punk, was den Charme des frühen Stadiums einer neuen Bewegung ausmacht. Das ganze Szenario erinnert an die erste gemeinsame Tour und Doku „Another State Of Mind“ von YOUTH BRIGADE und SOCIAL DISTORTION.

2009 erscheint auch ein Dokumentarfilm mit dem Titel „Taqwacore“ des pakistanisch-kanadischen Regisseurs Omar Majeed, der die Bands zwischen 2007 und 2009 begleitet. Zudem veröffentlicht Kim Badawi einen Bildband von der Tour. Bereits in der Doku deutet sich an, dass die Rezeption in der westlichen und islamischen Welt sehr unterschiedlich ausfällt. In den USA wird Taqwacore ein kleiner Medienhype. Gewittert wird ein freshes Bindeglied zwischen Orient und Okzident, Religion und Politik. Taqwacore wird zum Label, was bekanntlich immer der erste Schritt zur Verwässerung einer Idee ist. Außerdem stürzt sich die Wissenschaft auf Taqwacore und nimmt durch eine ziemlich frühe Akademisierung der Subkultur den Wind aus den Segeln. Des Soziologen Paradies ist der Tod der Straßenkredibilität.

Die konservative US-Öffentlichkeit reagiert angesichts betender Bartträger und arabischer Symboliken in Kombination mit dem gängigen Punkrock-Habitus naturgemäß eher verschreckt bis alarmiert. Angelehnt an „Anarchy in the UK“ von den SEX PISTOLS weckt der KOMINAS-Song „Sharia law“ in the USA mit der Zeile „I am the islamist, I am the anti-christ“ konservative Urängste vor Überfremdung — selbst wenn er in leichtem Singsang zu Doo-wop-Sound vorgetragen wird. Die bis heute aktiven KOMINAS machen später auch das Spielchen mit und treten später häufiger in akademischen Veranstaltungen auf. SECRET TRIAL FIVE grenzen sich im Zuge des Hypes um Taqwacore und Michael Knight recht schnell ab und ziehen im Song „We’re not Taqwacore“ für sich einen klaren Schlussstrich.

What the fuck is a Muslim punk? / Rather hang with Taliban than dick around with drunks / Muhammad wasn’t white / And neither is this fight / And we weren’t birthed by Michael Knight / We’re not Taqwacore / We’re not Taqwacore / So leave us alone, leave us alone / Don’t need you to say we’re good / Don’t need you to say we suck / Don’t need no documentary / To say that we don’t give a fuck. (SECRET TRIAL FIVE „We’re not Taqwacore“)

Ähnlich sieht es in der traditionellen muslimischen Community in den USA und Pakistan aus. Auf der Islam Convention in Chicago, einem religiösen Großereignis ähnlich den Kirchentagen hierzulande, werden bei einem Open-Mic-Abend SECRET TRIAL FIVE vom Veranstalter von der Bühne geholt, weil ein singendes Mädchen in der Öffentlichkeit nicht gestattet ist (Schlagzeug wäre okay gewesen!). Ein Großteil der Imame ruft zu Zensur und Boykott des Buches von Michael Knight und der Bands auf. Textzeilen wie „Muhammad was a Punk Rocker“ oder „I want to fuck you during Ramadan“ beziehungsweise Fotos burkatragender Mädchen mit E-Gitarre und ausgestrecktem Mittelfinger sind den Konservativen schwer vermittelbar. In diesem Kontext funktioniert die angestrebte Provokation der Bands also ziemlich gut. Auf dem pakistanischen Teil der Tour, bei dem SECRET TRIAL FIVE nicht mehr dabei sind, wird auf diese sehr direkte Form der visuellen und inhaltlichen Provokation direkt verzichtet. Zumindest wird sie im Film nicht sichtbar. Es ist auch mehr ein Road Trip als eine Tour, Knight und einige Bandmitglieder nutzen private Kontakte, um ein paar improvisierte Auftritte zu spielen. Außerdem werden diese als Rock-Shows beworben, die Begriffe Punk oder Taqwacore werden gar nicht benutzt.

Pakistan ist heute einer der fundamentalistischsten muslimischen Staaten weltweit. Homosexualität und Apostasie, also die Abwendung vom Islam, sind strafbar, westliche Einflüsse ungern gesehen. Dementsprechend scheint das Publikum eher aus Kindern westlich geprägter und im westlichen Ausland Studierter zu sein. Jedenfalls sprechen die interviewten Zuschauer*innen allesamt ein exzellentes Englisch. Kontakt zu einer genuin pakistanischen Punk-Szene gibt es nicht. Beispielhaft dafür ist eine kurze Meinungsverschiedenheit zwischen einem lokalen Veranstalter, der Knight als erfreuliche Neuigkeit erzählt, dass nur Mitglieder von „guten Familien“ auf die Shows kämen, und damit offenkundig Familien mit westlicher Prägung meint, die einen kulturellen Bezug zu Rockmusik haben. Knight echauffiert sich daraufhin, dass er selber nicht aus einer guten Familie käme und lieber vor Leuten von der Straße spielen würde. Die Pakistan-Episode schließt mit religiös-spirituellen Erfahrungen insbesondere Knights, der in die von Saudis finanzierte Moschee geht, die er bei seinem ersten Aufenthalt in Pakistan längere Zeit besucht hat.

Darin offenbart sich die ganze Halbherzigkeit der Sache. Taqwacore ist kein wirklicher Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen, sondern zwischen Muslimen mit sehr unterschiedlichen Ansichten über den Islam. Die inhaltliche Reibung und Provokation funktioniert scheinbar nur in den Kontexten, in denen sie kulturell und politisch zugelassen wird. Symbole, Motive und Sprache des Taqwacore richten sich einerseits gegen die westliche Dekadenz und eine Ablehnung des Islams, andererseits gegen dessen religiöse Dogmen. Die amerikanische Gesellschaft war bereit für diese Art der Provokation, hat sie quasi zu Tode analysiert und zu einem Bindestrich-Substitut von Punk gemacht. In den USA ist Taqwacore zumindest Ausdruck einer Suche nach Identität entfremdeter muslimischer Jugendlicher, die zwischen den Themen ,,Krieg gegen den Terror“ und dem Fundamentalismus der eigenen Religion einen Zweifrontenkrieg führen. Um ein Motor der Gegenkultur innerhalb muslimischer Communities zu werden, ist dem Taqwacore zu früh die Luft ausgegangen beziehungsweise es wurde von Anfang an nicht tief genug eingeatmet. Beides führt zu dem Ergebnis, dass im Endeffekt der religiöse Bezug im Taqwacore zu einer Koketterie verblasst, die – wenn überhaupt – in der westlichen Mehrheitsgesellschaft zu einem Aufreger mit kleinem Nachhall geworden ist. Das Potenzial einer echten Gegenkultur entfaltet sich nicht, zumindest nicht in dieser Form des Taqwacore. Michael Knight wollte den Mittelfinger in beide Richtungen zeigen, die amerikanische und die muslimische.

Letztendlich ging es aber von Anfang an mehr um eine größere Akzeptanz für Muslime in der nicht muslimischen Mehrheitsgesellschaft als um eine größere Akzeptanz von Selbstbestimmung und Subkultur in muslimischen Mehrheitsgesellschaften. Wobei das letztere auch das dickere Brett zu bohren ist. Interessanter wäre ein Einblick in die Begegnung mit dem US-Taqwacore in gemäßigteren muslimischen Ländern wie Algerien oder der Türkei vor Erdogan gewesen, in denen bereits (säkulare) Punk-Szenen bestehen. Die Pakistanreise ist ein Beispiel dafür, dass in sehr traditionellen muslimischen Gesellschaften die Möglichkeiten der Kritik an Spiritualität, Politik und Sexualität eng abgesteckt sind. Taqwacore bleibt optimistisch gesehen nur ein kleiner Anstoß dafür, dass der konservative Islam sich mit einer sich ausbreitenden Vielfalt auseinandersetzen und mit der Tatsache abfinden muss, dass subjektive Interpretationen von Religion bei jungen Leuten de facto existieren.

Aus Taqwacore wird Fatwacore

Taqwacore in den USA hat sich nach einem kurzen Spektakel schnell wieder erledigt. Die Bands springen vom Zug ab, die Medien und der Wissenschaftsapparat zu schnell auf. Einen großen Widerhall in der Punk-Szene in (säkularen) muslimischen Ländern gibt es nicht. Vermutlich ist die religiöse Identitätsstiftung der Taqwacore den dortigen Punks suspekt, die sich eher in einer ständigen Abgrenzung zur muslimischen Mehrheitsgesellschaft befinden und sich als politisch links und weltlich sehen. Unbeabsichtigter Nährboden scheint sich in den letzten Jahren zunehmend in Südostasien zu finden. In Indonesien beispielsweise als bevölkerungsreichstem muslimischen Land hat sich über die Jahre eine große Punk-Szene mit DIY-Ethik entwickelt. In westlichen Medien bekam diese eine zeitlang Aufmerksamkeit durch Berichte über Umerziehungslager der Regierung für jugendliche Punks, die auf diese Weise wieder auf Spur gebracht werden sollten. Einen guten Eindruck der Szene bekommt man durch die sehenswerte Doku „Punk im Dschungel“, in der die deutsche D-Beat-Band CLUSTER BOMB UNIT auf Tour begleitet wird.

Einen schönen Überblick über die Entwicklung der indonesischen Punk-Szene gibt auch die Abhandlung „One Punk’s Travel Guide to Indonesia“ von Kevin Dunn, das als PDF bei Razorcake zu haben ist. Ein Teil der aktuellen indonesischen Punk-Szene besinnt sich auf traditionelle Werte und den muslimischen Glauben und trägt diese Inhalte sendungsbewusst in die Subkultur hinein. Die indonesische Band PUNK HIJRAH beruft sich auf Knights Buch, hat dem antiautoritären Punk abgeschworen und bezeichnet sich als Band wiedergeborener Muslime. Der Stil wird als Fatwacore beschrieben. Fatwas sind durch einen Mufti (Rechtsgelehrten) erstellte Rechtsgutachten zu religiös-rechtlichen Themen und Fragen des alltäglichen Lebens, um das jeder Muslim bitten kann, auch online. Die Antworten sollen mit den Aussagen des Korans, der islamischen Überlieferung oder des islamischen Gesetzes (der Scharia) vereinbar sein. Fatwas können aber auch Aufforderungen zum Mord sein. Bekannte Fälle dafür sind der indisch-britischer Schriftsteller Salman Rushdie oder der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad.

Bandmitglied Ahmed Zaki ist zudem einer der Gründer der Punk Muslim Action, die gemeinsame Gebete bei Konzerten fördert und Geld für Entfernungen von Tattoos für Punks sammelt. Ziel ist es, böse Geister aus dem Körper zu vertreiben, von Drogen weg — und damit Allah näherzukommen. Laut Zaki sind Tattoos eine Sünde, in denen der Teufel wohnt. Einmal davon befreit, können auch ehemalige Anarchisten wieder den Islam annehmen und ein gottgefälliges Leben führen. Bislang gebe es knapp 50.000 Registrierungen für diese kostenlosen Tattoo-Entfernungen. Daher müssten für die Reise zur sauberen Seele die dringendsten Fälle ausgesucht werden. Im Anschluss an die Laserbehandlung wird noch die so genannte Ruqyah-Zeremonie durchgeführt. Eine Art Exorzismus, bei der dem zu Erlösenden ein Plastikbeutel über den Mund gestülpt wird, der böse Geister aufnehmen soll. Eine islamwissenschaftliche Abhandlung dazu von Muhammad Rokib gibt es online als PDF. Auf Bildern tragen Supporter der Punk Muslim Action auch gerne mal Shirts mit der Aufschrift „All Zionists Are Bastards“ und bezeichnen Demokratie als haram (verboten). Ikonische Punkrock-Logos wie das von BAD RELIGION sind kein Problem. Inhaltlich wird die Kritik an westlicher Dekadenz und der US-Außenpolitik begrüßt und ein durchgestrichenes Kreuz macht Sinn, weil das Christentum der einzig wahren Religion, dem Islam, unterlegen ist — von wegen Ungläubige (Kuffar) und so. Die generelle Kritik solcher Bands an jeglicher Religion wird ausgeblendet. Das nennt man wohl gelungenes Dekontextualisieren!

Punk als Multiplikator fundamentalen Glaubens? Punk als reaktionäre Jugendkultur? Glaube als Rebellion findet bei uns auch statt, nur eher in Form eines Pop-Islam, der insbesondere im deutschen HipHop transportiert wird. Wenn sogar deine Lehrer Punk hören, kannst du mit Iro und Nietenjacke nicht mehr wirklich schocken. Mit konservativen Moralvorstellungen schon eher: keine Drogen, kein Sex vor der Ehe, regelmäßig beten. Da wird im Pop-Islam der YouTube-Imam zum Star oder der Pop-Star zum Lebensberater. Der Brite Sami Yusuf verkauft weltweit millionenfach Schnulzen mit islamischen Inhalten. Deutschrapper kokettieren entweder als Bussinessmove oder aus Überzeugung damit. Letztendlich bleibt den meisten von uns auf den Bereich Islam nur die Außenperspektive, weshalb jetzt wieder der gute alte Grundsatz beherzigt wird – sprich nicht über Menschen, sondern mit ihnen. Deshalb gibt es in Teil 2 die Sicht auf Punk und Religion aus der Perspektive von Nader, dem Frontmann der US-Band HARAM.

Daniel Schubert

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #144 (Juni/Juli 2019)

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