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Interviews & Artikel

STATUES ON FIRE

Angry older men

Populisten und Verschwörungstheoretiker an der Macht, Einsatz des Militärs im Inneren, politische Morde. Dieses Szenario ist nicht neu in Brasilien, der Heimat von STATUES ON FIRE, seit der letzten Wahl vor gut einem halben Jahr und dem Sieg Bolsonaros aber in einer neuen Qualität präsent. Das dritte Album von STATUES ON FIRE, „Living In Darkness“, richtet den inhaltlichen Schwerpunkt klar auf die aktuellen politischen Veränderungen. Es ist ein technisch versiertes und extrem kämpferisches Stück Hardcore-Punk in der Schnittmenge PROPAGANDHI, DAG NASTY und MUNICIPAL WASTE. Mit den Vorgängerbands NITROMINDS und MUSICA DIABLO war das Quartett jahrelang international unterwegs. Aus den angry young men sind im Laufe der Jahre anscheinend angry older men geworden. Sänger und Gitarrist Andre hat jedenfalls noch eine Menge Wut im Bauch und erklärt, wie er als Musiker mit Macht und Ohnmacht in reaktionären Zeiten umgeht.

Andre, es scheint, als seien STATUES ON FIRE so etwas wie der ewige Insidertipp aus Brasilien. Wie siehst du das?


Die Band wächst, das ist die Hauptsache. Nachdem wir lange mit den NITROMINDS und MUSICA DIABLO erfolgreich unterwegs waren, steht ein schneller hoher Bekanntheitsgrad für uns auch nicht im Vordergrund. Es fühlt sich gut an, dass mehr und mehr Leute auch STATUES ON FIRE mögen. Wir unterscheiden uns ziemlich von anderen brasilianischen Bands. Wir sind rifflastiger, manche sagen auch metallischer, was ich nicht so empfinde. Wir sind eine Punkband mit viel Melodie und catchy Refrains.

Wie viel Zeit investiert ihr in die Band?

Nicht so viel, wie wir gerne würden, alle sind berufstätig: Wir proben zwei Stunden pro Woche, dazu kommen sechs Stunden trinken, haha. Alles in allem ist die Band trotzdem ein Vollzeitjob. Wir machen das Booking, die Internetpromo, üben die Songs zu Hause. So gesehen ist die Band allgegenwärtig.

Sieben Jahre Bandgeschichte plus drittes Album: gleich zwei kritische Situationen im Leben einer Band, oder nicht?

Druck gibt es zu jedem Zeitpunkt. Wir sind Freunde, daher fällt das nicht so ins Gewicht. Vor gut einem Jahr ist unser alter Gitarrist Andre Curci ausgestiegen, und da die Europatour anstand, brauchten wir schnell einen Ersatz mit ähnlichen Fähigkeiten. Und natürlich für das neue Album. „Living In Darkness“ entstand in nur sieben Monaten. Wir waren überzeugt davon, das Vorgängeralbum noch einmal toppen zu können. Das hat dann zeitlich etwas Druck erzeugt. Ich denke jedoch, dass wir unser Ziel erreicht haben.

Bezieht sich euer Bandname auf ein bestimmtes Monument, oder ist er symbolisch gemeint im Sinne zerstörter Dogmen und Traditionen?

Genau, es geht um Dogmen und glorifizierte Bilder, die zerstört werden sollen. Die Statue von Franco in Spanien zum Beispiel und die Freiheitsstatue in den USA. Für wessen Freiheit soll die eigentlich stehen?

Das Cover eurer Platte erinnert auch an die Schlussszene des Films „Planet der Affen“ mit der im Sand versunkenen Freiheitsstatue. Kultur zerstört durch menschliche Ignoranz?

Ja, genau, das Cover bezieht sich deshalb auch auf den Bandnamen. Wohin geht es mit der Menschheit? Gehen wir drauf oder überleben wir? Momentan drehen wir uns zu sehr um uns selbst und zu wenig um Politik, Krieg, Hunger, die Umwelt. Das Motiv haben wir tatsächlich zufällig im Internet gefunden und uns die Erlaubnis zur Veröffentlichung vom Fotografen besorgt. Krass ist, dass wir über den genaueren Ursprung des Bildes nichts sagen dürfen, weil er sonst in seiner Heimat Probleme bekommen wird. Die Verschmutzung des Strandes sollte nicht dokumentiert werden, insbesondere im Hinblick auf die religiöse Bedeutung der kaputten Masken, die darauf zu sehen sind.

Begreift ihr die Band eher als Ventil für den Alltag oder politischen Aktivismus?

Beides! Musik ist überall in meinem Leben, schon seit meiner Kindheit. Wenn du etwas zu sagen hast, ist ein Song der beste Weg. Songtexte bewegen die Leute, meistens auf unterschiedliche Art und Weise. Wenn einer meiner Texte dazu beiträgt, dass jemand differenzierter über die Welt nachdenkt, in der er lebt, ist das für mich das größte Kompliment.

Wenn du früher mit heute vergleichst, hat sich dein politisches Bewusstsein verändert?

Nicht grundlegend. Ich wuchs in den Siebziger Jahren in einer Diktatur auf, in der es verboten war, Politik zu studieren. So etwas prägt deinen Charakter und deine Haltung gegenüber Politik. Momentan erleben wir in Brasilien eine Art Revival der Siebziger Jahre, in denen die Menschen nicht wagten, ihre Meinung offen äußern, aus Angst vor Repressalien. Gut, eingesperrt wird man heute nicht mehr, aber es ist verdammt gruselig einen Präsidenten zu haben, der Folter für okay hält und Bürgerrechte lächerlich macht.

Der Titel des Albums „Living In Darkness“ lässt mich sofort an den gleichnamigen Klassiker von AGENT ORANGE denken. Absicht?

AGENT ORANGE sind bis heute eine meiner Lieblingsbands. Es gibt auch einen Titeltrack dazu. Ich denke, in jedem von uns steckt ein depressiver Teil, insbesondere in Zeiten wie diesen. Ich habe dadurch einige Menschen in meinem Umfeld verloren, die damit, respektive mit sich, nicht klar kamen. Darüber zu singen, hilft mir dabei, das zu verarbeiten. Man muss darüber sprechen.

In mehreren Zeilen beziehst du dich auf Gott. Würdest du dich als religiös bezeichnen?

Eher bildlich. Im engeren Sinne religiös bin ich nicht. Der Song „Letter to you“ zum Beispiel ist mir sehr wichtig, weil er von der Beziehung zu meiner Mutter handelt. Diese Art von Mutter, die dich wegen Kleinigkeiten bestraft, dich mit anderen vergleicht, runterputzt und fertigmacht. Es gibt wahrscheinlich viele Menschen, die das kennen. Der Inhalt ist übertragbar. Ähnlich ist es bei „All was gone with you“. Er handelt vom verstorbenen Großvater unseres Drummers Alex. Er hat für Alex als Vaterfigur und Vorbild eine wichtige Rolle gespielt, deshalb war es mir wichtig, darüber einen Text zu schreiben. Jeder, der einen wichtigen Menschen verloren hat, kann das auf sich übertragen.

Im Song „Failure misunderstand“ singst du darüber, dass die Medien einen blind machen wollen. Über welche Medien informierst du dich und was macht ein gutes Medium heutzutage für dich aus?

Vor vielen Jahren habe ich einen Abschluss in Psychologie mit dem Schwerpunkt Menschliches Verhalten gemacht. Dieser Bereich plus Philosophie und Soziologie haben mich immer interessiert. Medien werden von größeren Unternehmen kontrolliert. Unternehmen haben ein konkretes Profitinteresse. Daher besteht das Problem oft in der Art der Veröffentlichung beziehungsweise der Präsentation von Nachrichten. Du siehst zehn Sekunden etwas über den Krieg in Syrien und danach kommt etwas Seichtes wie die Geburt eines Pandababys im Zoo. Das dauert dann eine Viertelstunde. Medien lenken damit deine Aufmerksamkeit in ihrem Sinne, und wenn sie staatlich gesponsert sind, natürlich auch im staatlichen Sinne. Banken möchten dich pleite sehen, weil sie an deinen Schulden gut verdienen, das ist das Konzept von Visa und Mastercard. Die Pharmaforschung will dich nicht heilen, für sie ist es profitabler, dich in einer Dauerschleife von Krankheiten zu halten, damit du ihre Medikamente brauchst. Wahrscheinlich gibt es für etliche Krankheiten schon passende Mittel, die aber erst auf den Markt kommen, wenn sie wirtschaftlich profitabel genug sind. Die Regierung sähe dich lieber tot, wenn du kein profitables Mitglied der Gesellschaft bist und genug Steuern bezahlst. Letztendlich muss man sich immer im Klaren darüber sein, wer die Nachrichten produziert, die man sieht. Es wird so viel Schwachsinn über Facebook, Instagram oder WhatsApp verbreitet. Sieh nur mal, wie der Bücherhandel Jahr für Jahr abnimmt. Die Leute werden fauler und unkritischer. Dann passiert so etwas wie Bolsonaro oder Trump.

Oder Schlimmeres ... Der Song „Marielle“ handelt von Marielle Franco, einer brasilianischen Kommunalpolitikerin, die letztes Jahr ermordet wurde.

Der Song war uns in mehrfacher Hinsicht ein Anliegen. Erstens muss man den Mund aufmachen, wenn Leute getötet werden, die eine Meinung haben, die der des Präsidenten widerspricht. Zweitens war sie ein Vorbild, eine Kämpferin für Menschenrechte. Sie stand ein gegen die Mächtigen, gegen Ungerechtigkeit und für eine Verbesserung der katastrophalen Lebensumstände der Armen. Sie war für Schwulenrechte. Sie ist korrupten und mächtigen Politiker*innen auf die Füße getreten. Leider ist ihr das zum Verhängnis geworden. Wir müssen daraus lernen, nicht den Mund zu halten. Niemand wird sie zum Schweigen bringen, ihre Message ist überall. Sie zeigt, wie heruntergekommen unser politisches System ist. Marielle wurde getötet, aber Millionen von Menschen tragen ihre Message weiter.

Spürst du als Durchschnittsbürger schon konkrete Einschränkungen deiner Rechte unter der neuen Regierung?

Zum Glück noch nicht. Aber es wird zunehmend seltsam. Der Kongress erwägt, Demonstrationen zu verbieten und Demonstrierende sofort festnehmen zu lassen. Was soll der Scheiß? Ich hoffe, dass dieser Vorschlag nicht angenommen wird. Und unser Song „Marielle“ wurde anfangs für einen Tag bei Facebook gesperrt. Jemand hatte ihn als unangemessenen Inhalt gemeldet. Das konnte man aber wieder rückgängig machen. Big brother is watching you!

Rechte Politiker*innen benutzten das Militär, um gegen die organisierte Kriminalität vorzugehen. Klingt nach einer ziemlich hoffnungslosen Situation für den Durchschnittsbürger.

Das hat speziell in Rio de Janeiro stattgefunden, nicht landesweit. Es war ein totaler Witz. Milliarden wurden ausgegeben, ohne eine spürbare positive Veränderungen für die Bevölkerung zu erzielen. Korrupte Politiker*innen und die korrupten Teile der Polizei kontrollieren die organisierte Kriminalität. Der Einsatz der Armee war reine Propaganda, um Stärke zu demonstrieren und Stimmen bei der Wahl zu bekommen. Die Armee kennt sich mit innerer Sicherheit überhaupt nicht aus. Das wissen die Politik und die Polizei ganz genau. Was für ein armseliger Witz! Es macht uns krank, es ist zum Kotzen. Wir haben einen Minister, der glaubt, die Erde sei eine Scheibe. Ein anderer bezeichnet den Holocaust in Deutschland als kommunistische Lüge und Hitler als Linksextremisten. Der nächste meint, es gäbe keine globale Erwärmung. Jesus sei die Antwort auf alle Probleme. Diese Leute sind gerade mal fünf Monate im Amt. Ich glaube nicht, dass wir das weitere vier Jahre lang ertragen können, ohne dass die Bevölkerung in irgendeiner Form aufbegehren wird.

Was wäre das beste Szenario, dass du dir für die nächsten zehn Jahre in Brasilien vorstellen kannst?

Wir müssen dieses Krebsgeschwür Bolsonaro und seine absurden Minister loswerden, alle korrupten Kongressmitglieder verhaften lassen und Neuwahlen ausrufen. Außerdem muss der ehemalige Präsident Lula aus dem Gefängnis entlassen werden. Er wurde unschuldig eingesperrt, die Korruptionsvorwürfe gegen ihn waren von der Justiz konstruiert, um Bolsonaro bei der Wahl vor einem aussichtsreichen Gegenkandidaten zu schützen.

Daniel Schubert

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #144 (Juni/Juli 2019)

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