Interviews & Artikel : BERND BEGEMANN :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

BERND BEGEMANN

Der erste Punk in Bad Salzuflen

Bernd Begemann war für mich immer so etwas wie ein großer Bruder – eine Konstante im Erwachsenendasein. Und da er ja bekanntermaßen der erste Punk in Bad Salzuflen war, wurde er auch in meinem Hardcore-Umfeld immer zumindest akzeptiert. Viele zeitweise recht populäre Künstler der „Hamburger Schule“ beziehen sich auf ihn, was nicht verwundert, denn er ist vielleicht der Beste von ihnen, obwohl er gar nicht so wirklich einer von ihnen ist. Das würde auch erklären, warum er nie so richtig „groß“ wurde, ein neuer Udo Jürgens oder so was, obwohl ihm der anspruchsvolle Schlager nicht ganz fern liegt.

Die wirklichen Künstler kommen bei der Masse bekannterweise nicht so gut an und widerstreben den Mechanismen, die eine entsprechende Vermarktung bedingen. Und so kam ich im Mai zu dem Vergnügen, Bernd Begemann im Solinger Waldmeister gemeinsam neben fünfzig anderen Zuschauer*innen einmal mehr live erleben zu dürfen. Allen, die in den ersten beiden Reihen saßen und mit Schweiß oder Spucke des Künstlers benetzt wurden, war in einigen Momenten die Sorge anzumerken, dass er bei einem der zahlreichen engagierten Perfomance-Einlagen von der wackligen Bühne in die Menge stürzt und gleich mehrere Fans unter sich begräbt. Bernd hat einfach von vielem sehr viel: Leidenschaft, Stimme, Talent, Präsenz und Fülle. Und das alles entlädt sich dann live wie in einem Rausch aus Witz, Melancholie, Melodie und totaler Aufopferung. Es geht um Globalisierung, Gentrifizierung und merkwürdige Momente, die Beziehungen zwischen Menschen beschreiben.

Du bist ja Komponist, Texter, Gitarrist, Sänger und Entertainer. Sind das alles Sachen, die du in gleicher Weise gerne machst? Oder schleppst du das eine vielleicht so ein bisschen mit rum, weil das andere dich total zieht?

Der Entertainer, das ist wie eine Benutzeroberfläche. Aber wenn ich mich frage, wieso ich das so schön finde und als Gnade sehe, mein Leben Liedern widmen und diese singen zu dürfen, dann ist es das Heraufbeschwören von Erinnerungen oder auch von kollektiven Erinnerungen. Die Stärke von Liedern ist, dass sie einen Augenblick für immer entweder nur festhalten oder verherrlichen und beleuchten. Lieder sind die Wendepunkte im Leben, die man herausstellt. Wo man sagt: Das waren die wichtigen Augenblicke. Das ist mein pures Gefühl in diesem Augenblick. Diese Art von Wut oder Begehren oder so etwas. Das halte ich fest, das ist wichtig, das macht mich aus. Und wenn man das nicht hat, wenn man keine Lieder hat, dann verpuffen diese Augenblicke. So ist das zumindest bei mir. Du hast heute diese extrem schizophrene Aufteilung im Musikalltag von Dance-Music, komplett ohne Worte und mittlerweile auch immer mehr ohne Harmonien oder Melodien: Hook an Hook, Sounds, komplett funktional wie so ein Laborexperiment. Und auf der anderen Seite das reine Sentiment, die Singer/Songwriter, nur Gefühl: „Meine Freundin hat mich nicht zurückgerufen, als ich Geburtstag hatte“, oder so was. Meistens supersentimental, verpackt als superpoetisch, meistens selbstmitleidig, meistens anklagend. Das finde ich auch furchtbar. Früher hatten Bands beides. Bands konnten romantisieren, dich aber auch zum Tanzen bringen. Das ist komplett schizophren. Ein paar Musiker, mit denen ich gesprochen habe, empfinden das ähnlich, dass man sich das hat wegnehmen lassen. Man hat den Musikalltag jetzt aufgeteilt in Sentiment und Funktion. Schlechte Sache! Das Gefühl vieler Musiker ist, dass wir uns die Musik haben wegnehmen lassen von Programmierern und Luschis.

Was du da gerade erzählst, hört sich für mich an wie das Gelaber von irgendwelchen alten Jazz-Heinis, die in den Siebziger Jahren gesagt haben: Dieser Punkrock ist ja gar keine Musik, das ist ja nur Krach! Jazzmusik von früher hatte ja zumindest noch einen Background und war revolutionär, Befreiung der schwarzen Klasse, bla, bla ...

Habe ich gar nicht gesagt! Nehmen wir mal das Ox, das lese ich so einmal im Jahr. Auf mich hat das irgendwie einen beruhigenden Effekt. Dass da noch diese Welt ist, die nach völlig anderen Prinzipien funktioniert. Das beruhigt mich, weil mich das aus diesem Karaoke-Zeitalter herausholt, unter dem ich wirklich leide! Ich war mit meiner 13-jährigen Tochter bei einer Band namens PANIC! AT THE DISCO, die wohl mal als Emo-Band angefangen und jetzt einen riesigen Hit haben. Die haben in Hamburg in der Arena gespielt. Ich war beruhigt, dass meine Tochter die gut findet, weil der Typ zumindest mal ein Rocker war und seine Songs wohl selber schreibt. Das ist noch etwas besser als diese stromlinienförmigen Fließbandtypen. Ich war mit ihr auch in dem „Captain Marvel“-Film mit ’ner weiblichen Superheldin, was ich total gut für eine 13-Jährige finde. Der Film spielt ja in den Neunzigern. Und da lief jetzt nur Neunziger-Jahre-Musik, so Grunge. Beim Abspann lief dann von HOLE „Celebrity skin“, so richtig laut. Und meine Tochter war elektrisiert, weil sie so einen Sound gar nicht kennt. Sie hört ja sonst nur so superglatte und total gefällige, gebürstete Elektro-Rap-Beats, die eben die Charts dominieren. Ich musste ihr aber nach dem Film im Auto mit meinem iPod zwanzigmal „Celebrity skin“ vorspielen. Sie meinte: „So was haben wir ja gar nicht.“ Und ich meinte: „Ja, Tochter, ihr habt echt die Arschkarte!“

Ich glaube, dass es in jeder Zeit düstere Gestalten und auch geile Gestalten gibt.

Es gibt aber allgemeine Tendenzen. Zum Beispiel eine Wichtigkeit von Musik, die abgeschafft wurde. Und was wir haben, ist eine Durchmischung. Es ist nicht mehr klar, wer warum Musik macht. Manchmal gibt es echt dunkle, dunkle Zeiten in der Musik. Solche Phasen gab es immer wieder. In den Achtzigern war das teilweise auch so. Was die Leute heute so alles Tolles über die Achtziger behaupten, stimmt überhaupt nicht. Wenn du dir die Charts von damals anhörst, „New York, Rio, Tokyo“ von TRIO RIO und so was: völliger Müll! Alle sind sich darüber einig, dass Rockmusik vorbei ist, genauso wie Swingmusik. Das ist natürlich schwer zu schlucken für Leute, die Rock’n’ Roll, Punkrock oder so etwas in der Art lieben. Oder nennen wir es „das dynamische Spielen von kleinen Ensembles“. Das ist vorbei! Durch was wurde es ersetzt? Welche Möglichkeiten haben sich eröffnet? Für die Musik eigentlich keine. Das Einzige, was sich eröffnet hat, ist, dass jeder Depp ein Performer werden kann, der lieber ein BWL-Studium machen sollte. Früher war es so, dass mit jedem, der Musik machte, irgendetwas nicht gestimmt hat. Die Typen, die heute Musik machen, haben gar nichts! Ich rede von der real existierenden Popmusik. Gerade gibt’s Billie Eilish für Leute wie meine Tochter. Und da bin ich dankbar, dass da zumindest eine halbwegs integere Künstlerin ist.

Stimmt. Aber ich habe mich in den Achtzigern ja auch da durchbeißen müssen und habe mir Samantha Fox angehört und auch „New York, Rio, Tokyo“. Aber ich fand das auch geil.

Ich nicht! Ich wusste, dass das scheiße ist.

Aber es geht doch auch immer darum, sich die guten Sachen herauszupicken. In den Achtzigern gab’s doch auch ganz tolle Sachen!

Es geht nur um interessante Informationen. Es gibt überhaupt keine gute oder schlechte Kunst. Es gibt nur Information und Geräusch. Und du musst die Information vom Geräusch trennen. Und die Sachen, die wirklich gut sind, egal ob jetzt Literatur oder Film: diese Sachen haben eine hohe Informationsdichte. Poesie ist so etwas wie unmittelbare Information. Zeitung ist so etwas wie sehr sachliche Information. Emotionale Information kriegst du durch Poesie oder Musik oder was weiß ich. Ich sage dir: Die einzigen Leute, die heute wirklich etwas zu sagen haben, echt Statements machen, das sind die Gangster-Rapper. Und das sind Scheiß-Statements, weil das alles komplette Idioten sind. Die Punks und die Hippies hatten so viel gemeinsam. Ja, die Punks mochten keine langen Gitarrensoli und glaubten nicht an die alles heilende Kraft der Liebe und so weiter. Aber abgesehen davon waren die Punks und Hippies sich ziemlich einig: anti-konsumistisch, anti-kommerziell, anti Establishment und pro Selbstbestimmung. Die Werte, die die Gangster-Rapper dagegen hochhalten sind Konsumismus, Sexismus, gerne auch mal Antisemitismus, Tribalismus. Das ist doch einer der ganz entscheidenden Kämpfe: Tribalismus versus Humanismus. Ich bin gegen Tribalismus, immer schon. Das ist seit Jahrtausenden diese Idee: „Hey, lass uns ein paar Keulen nehmen, zum Nachbardorf gehen, die alle totschlagen und ihre Sachen nehmen. Wäre das nicht eine Super Idee? Yeah!“ Furchtbar! Und das predigen im Kern ja diese ganzen Gangsta-Typen. Das ist doch nur scheiße. Dafür sollten sie angegriffen werden. Aber das traut sich leider keiner, weil einem dann so etwas passiert wie Sebastian Dalkowski. Oder dieser Frau, die es gewagt hatte zu schreiben, dass sie Enissa Amani nicht lustig findet. Ihre Social-Media-Accounts wurden blockiert. Du darfst niemanden angreifen, der über 100.000 Follower hat, sonst wirst du geschlachtet. Das ist eine viel schlimmere Unterdrückung als sie Helmut Kohl jemals ausüben konnte. Aber um noch mal auf diese Karaoke-Kultur heute zurückzukommen: Diese PANIC! AT THE DISCO spielen eine Coverversion von „Bohemian rhapsody“ und zwar Note für Note genau so wie auf Platte. Und die Leute lieben das und die achten auch total drauf: Oh, dieses verdammte Gitarrensolo ist ja Note für Note wie im Original! Das ist traurig, finde ich. Früher machte man Coverversionen, um sie sich eigen zu machen, um etwas anderes zu sagen. Was mir auch aufgefallen ist: Niemand stellt mehr seine Band vor. Früher haben sogar Typen wie Eric Clapton oder Phil Collins mal ihren Bassisten vorgestellt. Das passiert überhaupt nicht mehr. Die Musiker sind nur noch irgendwelche Drohnen.

Aber glaubst du nicht, dass es in jedem Jahrzehnt und jeder Generation auf der einen Seite einen total blöden Mainstream gibt und auf der anderen Seite Leute, die spannende Sachen machen, die sich sowohl im Mainstream oder Underground aufhalten oder auch vielleicht nur von zwei Leuten gehört werden. Aber die spannenden Sachen gibt’s doch immer! Ich bin da, glaube ich, weniger kulturpessimistisch als du.

Ich bin ja gar nicht kulturpessimistisch. Die Kultur hat sich aber von der Musik wegbewegt. Damals war Musik das Wichtigste und das ist sie jetzt einfach nicht mehr. Es gibt für mich einen ganz offensichtlichen Tod der Musik. Junge Leute sehen Musik nicht mehr als Medium für Aussagen.

Was ist denn an deren Stelle getreten?

Wahrscheinlich YouTube-Videos.

Man könnte doch sagen: Okay, da hat sich eben die Kulturform geändert. Dann ist eben Musik nicht mehr wie bei mir früher das Wichtigste, stattdessen sind das Videos oder Computerspiele oder so was. Das ist nicht mehr meine Welt, ist aber genauso viel wert oder wichtig für diese Generation, wie das meinetwegen Punkrock für mich früher war.

Vielleicht hast du recht, aber in der Phase zwischen 10 und 25 ist die Musik so prägend und wird verteidigt bis zum Lebensende.

Was ist für dich die wichtigste Musik?

Es hat sich bei mir schon etwas geweitet, aber ich war wirklich ein Punkrock-Fan. Ich habe damals darauf gewartet, dass die SEX PISTOLS-Platte herauskam. Ich habe darauf gewartet, dass die dritte RAMONES-Platte rauskam. Aber als von Donna Summer „I feel love“ rauskam, war mir auch klar, dass das völlig fantastisch ist. Das habe ich auch gekauft. Rückblickend macht mich das wirklich stolz, haha! Jetzt ist für mich beispielsweise so ein Lied wie „Need your love so bad“ von Little Willie John aus dem Fünfzigern total wichtig. Du hörst da dein Leben an dir vorbeiziehen. Oder auch nicht ... Das ist, was die Engländer „acquired taste“ nennen. Langsam fing ich an, auch so Lieder von Cole Porter ertragen zu können, bevor ich verstand, wie großartig die sind. Das alles hat mich immer mehr dazu gebracht, das Lied als Ausdrucksform wertzuschätzen. Deshalb schreibe ich auch kein scheiß Buch, weil ich Lieder überlegen finde. Wenn ich herumreise und in eine Stadt komme, will ich singen und nicht irgendetwas von einem Zettel ablesen und eine Diashow machen. Leute können das machen. Ich will das nicht tun. Außer ich bin dazu gezwungen, weil ich irgendwann keine Akkorde mehr greifen kann.

Dann kannst du dir ja Musiker besorgen, die du vorstellen kannst.

Ach nee, mit denen muss man ja immer reden und so.

Headbert

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #145 (August/September 2019)

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