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Interviews & Artikel

FRANK TURNER

No country for men

Auf „No Man’s Land“, dem neuen Album des Briten Frank Turner, ist jeder der 13 Tracks einer realen Frau der Weltgeschichte gewidmet. Kurz vor Beginn der dritten Auflage von „Lost Evenings“, Franks eigener Festival-Reihe in Boston, erfolgte die Ankündigung einer speziellen Show ein paar Tage vorher, mit dem Untertitel „Something new, something old“. Und es gab viel neues Material an diesem Abend in Bostons City Winery, er spielte das komplette neue Album als Weltpremiere. Aber ein paar der Songs von „No Man’s Land“ waren in den letzten Jahren bereits bei einigen seiner Soloshows aufgetaucht.

Obwohl du die Lieder für „No Man’s Land“ schon vor einer ganzen Weile geschrieben hast, ist zunächst das Album „Be More Kind“ erschienen. Warum war dir das wichtig?


Lass mich früher anfangen. Nach „Positive Songs For Negative People“ hatte ich Probleme, weiter über mein Leben zu schreiben. Deswegen fing ich mit den Liedern an, über die wir nun sprechen, die nichts mit mir oder meinem Umfeld zu tun haben. Das gefiel mir gut. Es war ein neuer Ansatz und fühlte sich geradezu herausfordernd an. Dann drehte die Welt 2016 völlig durch und ich hatte das Gefühl etwas dazu sagen zu müssen. Es fühlte sich wichtig an „Be More Kind“ zu veröffentlichen, bevor ich mit „No Man’s Land“ weitermachte.

Würdest du sagen, es hatte auch musikalische Gründe, weil du beispielsweise bei „Sister Rosetta“, der ersten Single den Stil der Blues-Sängerin und E-Gitarristin Rosetta Tharpe imitierst? War das so herausfordernd, dass du Zeit brauchtest dafür?

Das kam sicherlich dazu. In „Nica“, gewidmet einer der wichtigsten Förderinnen des Modern Jazz, finden sich zum Beispiel Akkordwechsel, die das Leben von Musikern verändert haben. Das Stück „The hymn of Kassiani“ stammt größtenteils von Kassiani selbst – einer byzantinischen Äbtissin aus dem 9. Jahrhundert, deren Choräle heute noch Teil der orthodoxen Liturgie sind – und ich habe das Gerüst bloß übernommen. Es war auch cool, diese Lieder mit weiblichen Musikern aufzunehmen. Für mich war das eine völlig neue Erfahrung und vielleicht hat es mir darum so viel Spaß gemacht.

Was sagt deine Band SLEEPING SOULS zu dem Album und würdest du „No Man’s Land“ als klassisches Soloalbum bezeichnen?

Es ist eher wie bei Springsteens „Nebraska“, das mir sicherlich als Vorbild diente, nicht musikalisch, sondern im Sinne davon, dass das Album für ihn eine Auszeit von der E STREET BAND war. Die Jungs in meiner Band haben mich aber zu jeder Zeit unterstützt. Es ist interessant zu überlegen, welche Songs wir zukünftig live spielen. Das kommt natürlich auch darauf an, wie die neuen Songs angenommen werden. Wenn „Sister Rosetta“ mein bekanntestes Lied werden sollte, dann werden wir einen Weg finden müssen, das Stück zu spielen.

Wo würdest du dann „No Man’s Land“ in deiner Diskografie einordnen?

Für mich ist das ein ungewöhnliches Album. Ich versuche beim Aufnehmen immer jeweils ein kleines Detail zu verändern, damit es nicht langweilig wird. „Be More Kind“ klang anders, weil ich Sounds benutzte, die man bisher von mir nicht kannte. Ich hoffe, meine Alben besitzen alle etwas Einzigartiges, es wiederholt sich nicht. Es war zum Beispiel cool, einen Song über eine Jazz-Sängerin zu schreiben. Aber mindestens genauso cool fand ich es, eine Jazz-Nummer daraus zu machen.

Normalerweise textest du ja eher autobiografisch. Wie war der Ansatz diesmal?

Es gibt dieses Klischee vom Songschreiben, du liegst auf dem Sofa und plötzlich kommt dir eine Idee, die du notieren kannst, indem du dein Innerstes kanalisierst und alles darauf fokussierst. Diesen Moment kennt jeder Songwriter, aber man kann sich nicht permanent auf solche Eingebungen verlassen. Irgendwann kommst du als Autor an den Punkt, an dem du etwas anders machen musst. Was mir an diesem Album gefällt, ist die formale Herangehensweise. Um ehrlich zu sein, es gab Momente, in denen ich förmlich mechanisch vorging, dieser Teil muss in die erste Strophe, der nächste in die zweite Strophe und wenn ich zum Mittelteil übergehe, muss die Geschichte im Jahr 1953 angekommen sein. Ich hatte acht Zeilen, um ein ganzes Leben zu erzählen. Begrenzungen können sehr inspirierend sein, dadurch bist du manchmal eher noch kreativer.

Mit dieser Erfahrung, wenn ich dir jetzt ein Thema gebe, könntest du darüber einen Song schreiben?

Auf keinen Fall. Das ist aber interessant. Das ganze Konzept des Albums stellte sich Stück für Stück raus. Ich hatte drei oder vier Songs, die sich um Frauen drehten. Auf einmal hatte ich ein Thema, an dem ich mich entlang hangeln konnte. Außerdem gab es die Möglichkeit, weiter aktiv nach Geschichten Ausschau zu halten. Ich bat ein paar Freunde um Vorschläge und bekam lange Listen zurückgeschickt. Ich habe mich mit vielen dieser Ideen beschäftigt, aber konnte aus unterschiedlichsten Gründen keine Lieder daraus machen. Ein Beispiel, das mich noch heute ärgert, ist Amelia Earhart. Sie war die erste Frau, die alleine den Atlantik überflogen hat. Sie führte ein verrücktes Leben, würde heute als Crossdresser gelten. Ich glaube, sie war lesbisch. Auf jeden Fall hatte sie ein sehr interessantes und wildes Leben. Leider fand ich keinen Zugang zu ihr und konnte darum kein Lied über ihr Leben schreiben. Im Gegensatz dazu stieß mich ein Freund auf Kassiani und das Bild von ihr auf dem Bahnsteig, über das ich nun singe, und sofort hatte ich eine Idee, zumindest für den Refrain. Ich kann also nicht einfach ein Lied über etwas schreiben. Es muss eine Verbindung geben, einen Anker.

Würdest dich beziehungsweise du das Album als feministisch bezeichnen?

Ja, schon, aber ich will auch nicht zu viel Zeit damit verbringen darüber nachzudenken, um jedem zu zeigen, was für ein toller Hecht ich bin. Es ist mir wichtig, nicht als Galionsfigur zu gelten, weil ich nicht das Recht habe diese Sache anzuführen. Es gibt eine große historische Ungerechtigkeit, die kollektiv umgestaltet werden muss. Unter diesen Umständen bin ich natürlich ein Feminist. Aber ich bin auch ein Songwriter, der ein Publikum hat, also warum soll ich das nicht nutzen, um auf bestimmte Sachen aufmerksam zu machen. Vielleicht ist das ja für manche Leute interessanter, als noch einen Song über meine Probleme zu hören. Zuallererst ist „No Man’s Land“ aber eine Sammlung von Songs. Natürlich gibt es einen politischen Anstrich und das ist auch gut so, aber es ist ein Musikalbum. Mehr nicht.

Den Song „Silent key“ hast du bereits auf „Positive Songs“ veröffentlicht. War dieses Lied so was wie der Ideengeber für die ganze Sache?

Nee, nicht wirklich, ich hatte bereits eine Handvoll Lieder, die in diese Richtung gingen, aber ich fand, dass „Silent key“ gut passt. RADIOHEAD haben zwei Versionen von „Morning bell“ auf unterschiedlichen Alben veröffentlicht – das kann ich auch, dachte ich. Aber eigentlich ist die jetzige Version des Songs hinsichtlich Instrumentalisierung, Arrangements, Geschwindigkeit die ursprüngliche. Ich mag die Variante auf „Positive Songs “ sehr, aber als dieses Album entstand, wollte ich zurück zum Original.

Dein „Born in the USA“ also!

Genau.

Es gibt insgesamt drei Lieder auf dem Album, unter anderem „Perfect wife“ und das Lied über Mata Hari, die in der ersten Person Singular geschrieben sind.

Das ist offensichtlich ein interessanter Punkt, weil ich mich hier auf dünnes Eis begebe. Um ehrlich zu sein, habe ich darüber sehr viel nachgedacht. Ein Lied aus dieser Perspektive über jemanden anderen zu schreiben, war für mich neues Terrain. Springsteen macht das schon ewig. Ich hingegen hatte darin keinerlei Erfahrung und habe für jedes Lied versucht die richtige Stimme und Erzähltechnik zu finden. Hätte ich jedes Lied in der dritten Person geschrieben, wäre das langweilig für den Hörer. Aber du glaubst nicht, wie viel Zeit ich damit zugebracht habe, mit meiner Verlobten Jess zu besprechen, wie eine Frau sich in den beschriebenen Situationen gefühlt haben könnte, damit ich nichts Wichtiges unter den Tisch fallen lasse, etwas verkehrt wiedergebe oder nicht etwas besinge, was eine Frau so nicht sagen würde. Ich war sehr vorsichtig damit und ich hoffe, das hat geklappt.

Kannst du die gleichen Gefühle in ein Lied über eine fremde Frau stecken, wie in Songs, die von dir und deinem Leben handeln?

Das ist eine interessante Frage. Vor diesem Album habe ich kaum Geschichten aus einer anderen Perspektive als der eigenen geschrieben. Teilweise weil ich glaubte, nicht fiktional schreiben zu können. Es ist aber möglich aus einer anderen Perspektive zu singen und trotzdem die richtigen Gefühle für ein Stück zu entwickeln. Wenn du jetzt mal die Geschlechterfrage außen vor lässt, was die Sache bei diesem Album etwas schwieriger macht. Ich habe mein Bestes versucht, die Charaktere und ihre Geschichten so respektvoll wie möglich zu erzählen.

Ein Lied auf dem Album ist dann doch sehr persönlich, nämlich das über deine Mutter. Nachdem sich einige bittere Kommentare über deinen Vater in deiner Musik finden, fühlte es sich da richtig an, etwas Positives über deine Familie zu singen?

Ich glaube schon. Das war eines von den Liedern, die einfach zu mir kamen. Ich habe viel Zeit damit zugebracht zu überlegen, wie das Album enden kann. Daran kannst du übrigens erkennen, wie alt ich bin. Jedenfalls dachte ich, ein Lied über meine Mum wäre ein guter Abschluss. Das Stück geht wirklich eher in die Richtung meines normalen Songwritings, aber was soll’s. Es ist an manchen Stellen ganz schön hart, denn es gibt ein paar Bemerkungen über meine Kindheit und wie ich aufwuchs. Ich will nicht zu tief ins Detail gehen. Mein Vater war nicht besonders häufig anwesend und ich wuchs mit meiner Mutter und meinen Schwestern in einem weiblich dominierten Haushalt auf. Vielleicht ist das der wahre Grund für das Album. Wer weiß?

Ein weiterer Song ist „Ginny Bingham“, und dank dir muss ich nun nicht mehr an diesen bekloppten Film „World’s End“ denken, wenn ich an der Camden Station aussteige und den gleichnamigen Pub sehe.

Jetzt kannst du an etwas anderes denken. Das ist gut. Du warst schon mal im World’s End oder?

Ein oder zwei Mal, ja. Das ist nicht gerade mein Lieblingsort.

Meiner auch nicht, aber als Teenager habe ich dort oft getrunken. Es gibt ein Schild am Eingang, das die Geschichte von Ginny Bingham erzählt, weil sich im 17. Jahrhundert in diesem Gebäude ihre Kutscherherberge befand. Das war einer der ersten Songs, die ich für das Album geschrieben habe. Eigentlich hatte ich nicht vor, über eine Person zu schreiben, sondern über Camden.

Ich habe gelesen, auf der anderen Straßenseite, gegenüber vom World’s End, gibt es eine ähnliche Geschichte zu erzählen.

Mother Black Cap hieß der Pub, aber das war ein Marketingtrick, weil das World’s End mit der Geschichte über eine Hexe, die dort ihr Unwesen treibt, für Gäste gesorgt hat. Darum haben sich die Leute von Mother Black Cap eine ähnliche Story ausgedacht. Dabei hat Mother Black Cap eigentlich die interessantere Geschichte, weil das früher ein öffentlicher Pub für Homosexuelle war, als das nicht die Regel war. Aber das ist eine andere Geschichte.

Welcher ist dein Lieblingspub in Camden?

The Monarch – weil er von Freunden geführt wird. Es gibt natürlich überall in London tolle Pubs. The Spaniards Inn in Hampstead ist ein irrer Pub, den ich sehr empfehlen kann.

Können wir bald mit einer Tour rechnen?

Das diskutieren wir gerade. Es gibt Pläne für eine Tour in Großbritannien, aber es sieht nicht so aus, als ob wir damit nach Europa kommen. Es wird eine normale Show mit den SLEEPING SOULS, mit einem Mittelteil, in dem ich die Stücke solo spiele. Es kommt aber darauf an, wie das Album läuft, sollte es erfolgreich werden, können wir uns einer Tour kaum entziehen. Vielleicht stellen wir dann eine etwas andere Band zusammen, mit den Musikerinnen, die auch auf dem Album spielen, wenn sie denn Zeit haben, viele spielen in anderen Bands oder haben einen Job – und wenn ich mir das leisten kann.

Aber mit deiner Festival-Reihe „Lost Evenings IV“ kommst du 2020 auch nach Berlin. Gibt es schon Neuigkeiten, die du uns verraten kannst?

Ja, im Mai, in der Arena, einer neuen Location. Zuerst einmal macht es mich wirklich fertig, dass es offenbar Leute gibt, die glauben, wir könnten in dem größeren Venue keinen guten Sound hinbekommen. Das ist mir nicht egal und ich nehme die Sorgen ernst, aber ich verspreche euch, wir werden den Sound so perfekt hinbekommen, wie es nur irgendwie geht. Wir machen uns diesbezüglich viele Gedanken. Ansonsten werden weitere Ankündigungen kommen so schnell es geht. Etwas kann ich aber schon sagen, es soll kein Festival nur mit amerikanischen und britischen Bands werden. Ich nehme das als Chance für mich wahr, mehr über die deutsche Musikszene zu erfahren, und will diese dann auch in Berlin repräsentiert sehen.

Lars Reimers

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #145 (August/September 2019)

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