Interviews & Artikel : JONAS ENGELMANN :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

JONAS ENGELMANN

Ventil Verlag

Jonas, nachdem Jens uns in die Geschichte des Ventil Verlags eingeführt und uns einen Einblick in euren Arbeitsabläufe gewährt hat, möchte ich mit dir über das sprechen, was den Ventil Verlag ausmacht: eure Veröffentlichungen. Kannst du mir euer Profil skizzieren?

Man sieht dem Verlag auf dem ersten Blick an, dass er zumindest tendenziell aus einer gewissen subkulturellen Nische kommt. Im Programm haben wir sehr viele Bücher, die sich mit Punk und Hardcore und assoziierten Jugend- und Subkulturen beschäftigen, weil wir alle im Verlag davon in irgendeiner Weise geprägt sind. Bücher zu diesen Themen, also Musikgeschichte, Subkulturen und Popkulturgeschichte, veröffentlichen wir nicht, weil der Markt danach verlangt. Hier fließt Herzblut. So ist letztlich auch dieser Verlag entstanden. Gerade die Idee von Punk, diese DIY-Ästhetik, Dinge einfach selbstbestimmt ausprobieren zu wollen, war ausschlaggebend. Dieser Zugang prägt den Verlag in Arbeitsweise, Selbstverständnis und Publikationsprofil bis heute. Daneben veröffentlichen wir auch Belletristik. Und auch hier schreiben dann Leute, die einen kulturellen Bezug zu dem haben, was den Verlag ausmacht. Es sind zum Beispiel Musiker*innen und Publizisten*innen wie Nagel von MUFF POTTER oder Torsun Burkhardt von EGOTRONIC und Punk-Urgesteine wie Moses Arndt, der einst das Zap-Fanzine prägte. Auf der anderen Seite gibt es bei uns vegetarische und vegane Kochbücher, die aber auch nicht veröffentlicht werden, weil vegan zu sein gerade hip und trendy ist. Es ist aus unserem kulturellen Hintergrund allmählich erwachsen. Und an dieser Entwicklung ist das Ox ja auch nicht ganz unbeteiligt. Schließlich waren es die Ox-Kochbücher, die im Verlag den Grundstein gelegt haben für das vegane Profil, das uns eben auch prägt. Und diese Buchreihe gibt es inzwischen auch schon seit zwanzig Jahren, so lange wie es den Verlag jetzt gibt. Auch in dieser Hinsicht wurde der Verlag aus einer DIY- und Punk-Attitüde heraus geboren.

Wen und was veröffentlicht ihr? Wo liegen eure inhaltlichen Schwerpunkte? Und was sind eure Anliegen? Warum macht ihr euch die ganze Mühe mit dem Verlag?

Die meisten Menschen, deren Bücher wir veröffentlichen, kennen wir persönlich. Das gilt zumindest für die deutschsprachigen Autor*innen. Es sind Menschen, die einen ähnlichen Zugang zu den Dingen haben, die uns beschäftigen, wie wir. Es sind Menschen, mit denen wir viele Ideale und Überzeugungen teilen. Bei alldem wollen wir keine Instanz der Punk-Geschichtsschreibung sein. Zu unseren Herangehensweisen gehören auch wissenschaftliche Zugänge, aber wir sehen uns nicht als eine Art wissenschaftliches Institut, das die Subkulturen, die uns prägen, systematisch erforscht. Wir wollen uns auf eine produktive Art politisch mit Jugend(sub)kulturen auseinandersetzen. Uns interessiert das emanzipatorische Potenzial dieser Pop- und Subkulturen. Das wollen wir herausarbeiten und veröffentlichen. Etwa was kann Punk – um bei dem Beispiel zu bleiben – uns heute noch sagen? Es gibt gute Gründe, obwohl Punk inzwischen vierzig Jahre alt ist, sich immer noch mit dessen Ästhetik und politischen Anliegen auseinanderzusetzen. Die Idee kann immer noch auf produktive Weise befragt werden. Unsere Veröffentlichungen sind ein Versuch, bestimmte Ideale lebendig zu halten und sich über die Bücher damit auseinanderzusetzen. Das ist letztlich auch der Grund, warum wir den Verlag machen. Auch wenn wir inzwischen alle die vierzig überschritten haben. Es ist es das, was uns immer noch umtreibt, weil wir es tief verinnerlicht haben. Wir versuchen bei dem Verlag das zu realisieren, was wir für uns aus Punk geschlussfolgert haben.

Sehe ich das richtig, ihr betrachtet euch als Teil eines Netzwerkes, das man als die organisierte Punk-Szene in der Republik beschreiben könnte?

Ja, unser Anliegen ist es schon, als Plattform zu funktionieren und damit eine Netzwerkfunktion zu erfüllen. Aber wir würden uns nie anmaßen, uns zum Ankerpunkt der ja doch sehr ausdifferenzierten organisierten Punk-Szene in Deutschland zu erheben. Dafür ist die Szene zu divers und wir können auch nicht alle neuen Entwicklungen mit nachvollziehen. Wir haben uns im Laufe der Jahre auch als Persönlichkeiten weiterentwickelt und fokussieren nicht mehr nur auf Punk. Wir nehmen also nicht mehr jede neue junge Punkband wahr. Aber wir versuchen schon, Networking zu betreiben. Nimm zum Beispiel das „Damaged Goods“-Buch, das als Gegengeschichtsschreibung zur Punk-Geschichte gelesen werden kann, gleichzeitig aber als Beitrag der Geschichtsschreibung. Hier kommen Autor*innen verschiedener Punk-Generationen zusammen und bringen ihre Perspektiven und Bezüge ein. Gleichzeitig schafft das Buch Vernetzung, wenn man sich alleine anschaut, wie viele Lesungen dazu stattgefunden haben, wie es diskutiert wird. Es ist ein schöner Nebeneffekt, dass der Verlag auch als Teil eines Netzwerkes wahrgenommen werden kann.

Du sagst, Wissenschaft zu betreiben, ist nicht euer Anspruch. Zumindest mit einem Anspruch in Debatten zu intervenieren, veröffentlicht ihr aber schon. Wenn ich mir aktuellen Streitschriften wie „Our Piece of Punk“ oder auch die „Homopunk History“ anschaue, dann sind das doch sowohl alternative Zugänge zur Punk-Geschichte als auch Debattenbeiträge, die du an anderen Orten eben nicht findest. Apropos: Was den Ventil Verlag meines Erachtens besonders macht, ist der multiperspektivische, oft ungewöhnliche und deshalb spannende Blick auf die Geschichte und Gegenwart von Punk in seiner Diversität. Hier denke ich besonders an „We are ugly but we have the music“, Untertitel: „Eine ungewöhnliche Spurensuche in Sachen jüdischer Erfahrung und Subkultur“ von 2012. Ziemlich zu Anfang lasst ihr Steven Lee Beeber zu Wort kommen, der die These vertritt, dass es ohne die Shoah keinen Punk gegeben hätte. Inwiefern liegen deiner Meinung nach, die Wurzeln des Punks in der jüngeren jüdischen Geschichte begründet?

In dieser Verkürzung, diesem Beeber-Zitat, erschließt sich die Wahrheit nicht auf Anhieb. Der Blick von Steven Lee Beeber auf Punk rührt daher, dass er zufällig irgendwann bemerkt hat, dass die erste Generation amerikanischer Punks, besonders in New York, die dann Bands gegründet hat, wie die RAMONES oder SUICIDE, dass eben diese frühen Protagonisten einen jüdischen Hintergrund hatten. Und er sich gefragt hat, warum? Die Verkürzung „kein Holocaust, kein Punk“, die Lee Beeber auch benutzt, das würde ich so nicht unterschreiben. Aber dass Punk in seiner Ästhetik ein Ort geworden ist, wo sich diese erste Generation von Aktiven, die aus jüdischen Familien kamen, wohl gefühlt haben, das ist etwas, das man aus der jüdischen Geschichte herleiten kann. Punk war ja auf verschiedene Weise ein Angriff auf die Gesellschaft und deren Geschichtsschreibung und auf Funktionsweisen überlieferter kollektiver Erinnerung. Punk war eine Bewegung, die mit allem brechen wollte, mit der Gesellschaft, mit der Musikgeschichtsschreibung; eine Bewegung, die sich selbst bewusst an den Rand der Gesellschaft gestellt hat: Außenseiter, die mit alldem nichts mehr zu tun haben wollten. Und das ist ein spannender Aspekt, wenn man bedenkt, dass diese erste Generation von Punks, eine ganz bestimmte Generation war. Es war nämlich die erste Generation, die nach 1945 geboren war, nach Ende des Zweiten Weltkrieges, nach der Shoah. Es war die erste Generation, die keinen unmittelbaren Bezug aus eigenem Erleben dazu hatte, außer natürlich, dass sie durch ihre Familien dahingehend geprägt wurden und sich damit konfrontiert sahen. Es war auch die erste Nachkriegsgeneration, die sich mit verschiedenen Formen von institutioneller, staatlicher Erinnerungspolitik auseinanderzusetzen hatte, die ja damals erst so richtig begann. Viele haben sich hier nicht vertreten und aufgehoben gefühlt, weil die jeweilige familiäre Betroffenheit jener Protagonist*innen nach individuellen Repräsentationen des Erinnerns verlangte. Die eigene Auseinandersetzung mit den Brüchen der jüdischen Familiengeschichten, die eigene Auseinandersetzung mit den Abgründen ihrer Biografien, das spiegelt sich in der Ästhetik des Punk wider. Punk war ja letztlich auch eine Bewegung, die auf die Gesellschaft und alles, was dort schieflief – auf die ganzen Abgründe – reagierte und sich davon abgrenzte. Dieses Sich-Abgrenzen war ein ganz wichtiger Punkt für viele jüdische Jugendliche in jener Zeit und deswegen war Punk eine Bewegung, in der diese Jugendlichen sich aufgehoben gefühlt haben. Punk war eine Bewegung, die sich bewusst als Gegenerzählung zur bürgerlichen Gesellschaft und deren Erinnerungskultur inszenierte. Gleichzeitig war Punk Provokation und der Versuch, gesellschaftliche Tabus zu brechen. Dazu gehörte das Spiel mit nationalsozialistischen Symbolen. Die Aneignung dieser Symbolik kann als emanzipatorischer Akt gedeutet werden, als ein Versuch, diese Symbole umzudeuten, sie den Nazis wegzunehmen. Diese Geste muss man nicht teilen, man muss sie vielleicht sogar kritisieren, wenn sie ins Extrem getrieben wird, wenn zum Beispiel zehn Jahre später deutsche Dorf-Punks mit Hakenkreuz-Shirts rumlaufen, ist das was anderes, ist das mit einer anderen Bedeutung aufgeladen. Aber in den frühen Siebziger Jahren ging es den jüdischen Punks auch darum, sich das zu nehmen, was einen bedroht hat, und daraus etwas anderes zu machen. Und darauf spielt wohl auch Steven Lee Beeber an, wenn er sagt, dass es ohne den Holocaust solche Formen von Provokation und Abgrenzungsstrategien nicht hätte geben können. Wenn ich Lee Beeber richtig verstehe, hätte es ohne den Nationalsozialismus vielleicht auch gar keine Notwendigkeit gegeben, so radikal mit der Gesellschaft und der Geschichtsschreibung zu brechen. Der Zivilisationsbruch von Auschwitz wiederholt sich, wenn man Lee Beeber folgt, als dessen kulturbrechende Anti-These vierzig Jahre später in einer ganz eigenen Ästhetik des Andersseins. Insofern lautet meine Antwort auf deine Frage nach den jüdischen Wurzeln des Punks entschieden jein. Es gibt einen Zusammenhang von jüdischer Geschichte und Punk, der aber gewiss nicht in erster Linie im Holocaust zu suchen ist.

Die Top Five deiner persönlichen Bestsellerliste eurer Veröffentlichungen lautet ...?

Das ist eine gemeine Frage, weil natürlich alle beleidigt sein werden, die ich nicht nenne. Aber weil meine Auswahl biografisch geprägt ist, muss ich mich ja auch nicht rechtfertigen, haha. Auf Platz eins steht das erste Buch von Martin Büsser, „If the kids are united“. Das Buch, das um 1995 erschienen sein muss, war meine erste Berührung mit dem Verlag. Ich war Jugendlicher und Martin hatte das Buch im Vorprogramm eines Konzertes von THE NOTWIST vorgestellt, die damals im Jugendzentrum in Bingen gespielt haben. Das war mein erstes Buch, kein wissenschaftliches, aber ein klug geschriebenes, das ich zu dem gelesen habe, was mich umtrieb: nämlich Punk. Das Buch war für mich in dem Moment sehr wichtig. Außerdem ist Martin später ein enger Freund geworden und er ist es auch bis zu seinem frühen Tod 2010 geblieben. Kein anderes Buch ist auf Platz eins meiner persönlichen Bestsellerliste denkbar. Alle anderen Bücher würde ich als gleichrangig bewerten. Mich bewegen mehr die Theorie-Sachen. Zum Beispiel der erste „testcard“-Band, den ich um das Jahr 2000 gelesen haben, zum Thema Gender. Sehr schön zu lesen ist auch das Theorie-Buch von Frank A. Schneider mit dem schönen Titel „Deutschpop halt’s Maul!“, eine Polemik gegen den seit spätestens 2006 unverkrampften Umgang deutscher Pop-Acts wie zum Beispiel TOMTE mit Nationalismus und Patriotismus. Eines der frühen Bücher von Linus Volkmann, um jetzt auch mal einen literarischen Titel zu nennen, hat mir auch sehr gut gefallen. Ein letzter Titel, jetzt komme ich ins Schwimmen ... Ich bin ein großer Fan der Auseinandersetzungen von Alexander Pehlemann mit den osteuropäischen Subkulturen. Ich glaube, das wäre wahrscheinlich nie veröffentlicht worden, hätten wir das nicht veröffentlicht. Und das ist etwas, was ich so schön finde an dem Verlag, dass wir Nischen besetzen können. Würden wir die Bücher nicht rausbringen, wie zum Beispiel die „Homopunk History“ und Bücher über Punk in Israel, dann gäbe es sie sehr wahrscheinlich nicht. Es würde hierzulande auch niemand etwas über rumänischen Punk vor 1989 wissen. So kann man’s nachlesen. Das ist doch toll!

Auf welche Veröffentlichungen dürfen wir uns in diesem Jahr noch freuen?

Wir haben 2019 noch einiges vor. Wir werden verschiedene unserer Schwerpunkte behandeln. Es wird zwei neue Bücher aus dem Bereich Feminismus geben, eines von Sookee, das sie gemeinsam schreibt mit Gazal Sadeghi, einer Queer-Aktivistin aus Wien. Es heißt „Awesome HipHop Humans“ und handelt von queer-feministischen HipHop im deutschsprachigen Raum. Wir bringen ferner ein Buch von Simon Reynolds heraus, inzwischen auch ein Haus-Autor von uns, das er gemeinsam mit seiner Frau Joy Press verfasst hat. In „Sex Revolts“ geht es vor allem um die Konstruktion von Frauenbildern in der Geschichte des Rock. Dann wird es ein Buch geben, das ohne uns wahrscheinlich auch nicht existieren würde, nämlich über die südostasiatischen Subkulturszenen HipHop, Punk, Hardcore und Metal. Diana Ringelsiep und Felix Bundschuh haben sich einige Monate in den südostasiatischen Subkulturen umgeschaut und präsentieren im gerade erschienenen „A Global Mess“ ihre Eindrücke. Dann kommt noch das Erstlingswerk von Knarf Rellöm, einem Hamburger Musiker, ein kleiner Sammelband mit seinen Texten mit dem Titel „Wir müssen die Vergangenheit endlich Hitler uns lassen“. Außerdem wird Yok Quetschenpaua seine Autobiografie bei uns veröffentlichen. Im Herbst wird es dann zwar nicht die direkte Fortsetzung von „Damaged Goods“ geben, die lässt noch ein wenig auf sich warten, aber es wird eine Anthologie der 100 wichtigsten Alben der feministischen Musikgeschichte geben von der Leipziger Autorin Juliane Streich.

Salvador Oberhaus

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #145 (August/September 2019)

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