Interviews & Artikel : NEUROOT :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

NEUROOT

Macht kaput

NEUROOT sind eine der alten Punkbands aus Arnhem im deutsch-niederländischen Grenzland, wo fast jede Stadt in den Achtziger Jahren einen coolen DIY-Club für Punk-Shows hatte, wie zum Beispiel Groningen, Hengelo, Winterswijk, Nijmegen oder Venlo. In Arnhem gab es das Goudvishal-Squat, wo die Leute von NEUROOT die Konzerte organisierten. Ende der Achtziger lösten sie sich auf, spielten aber in anderen Bands weiter. Seit rund zehn Jahren gibt es NEUROOT wieder, sie spielen wieder Konzerte, nahmen neue Platten auf und waren sowohl Ende 2018 als auch im Frühjahr 2019 zweimal auf Tour in China, Japan und Taiwan. Höchste Zeit also, im Ox mal über NEUROOT zu berichten, dazu spreche ich mit Bassist und Sänger Marcel Stol.

Wie ging es Anfang der Achtziger mit NEUROOT los?


Ich war 1977 mit 13 Jahren zum Punk geworden und wollte immer eine Band gründen. Die erste hieß dann RADIATION und wir probten damals in meinem Zimmer zu Hause auf dem Dachboden. Wir wohnten in einer kleinen Stadt in der Nähe von Arnhem namens Doesburg. Wir hatten nur eine Bassgitarre und eine Gitarre, aber kein Schlagzeug. Nach einer Weile entschied ich mich dazu, die Band in NEUROOT umzubenennen, und bald kam auch ein Schlagzeuger hinzu. Damals spielte ich Bass, Wouter Gitarre, H.P. war unser Drummer und Leon Schaar unser Sänger. Wir hatten ein paar Songs, die später auf der „Macht kaput“-Kassette erschienen, und spielten ein paar Konzerte in Arnhem und Umgebung. Schaar war ein wirklich guter und cooler Sänger, aber irgendwie konnte er keine Texte auswendig lernen. Deshalb mussten wir ihn leider rausschmeißen und Wouter wechselte ans Mikro. Dafür kam Edwin, der Gitarre in einer New-Wave-Band spielte, aber unbedingt bei NEUROOT mitspielen wollte, wegen des Hardcore-Konzepts und -Sounds. Mit diesem Line-up haben wir dann eine komplette Setlist zusammenbekommen, da Edwin auch Songs beisteuerte. 1982 wurden dann unser erstes Tape „Macht kaput wass euch kaput macht“ im Studio vom Limbabwe Label aus Venlo aufgenommen und veröffentlicht. Von da an begannen wir, viele Konzerte in Holland, Belgien und Deutschland zu spielen.

Wie sah Anfang der Achtziger Jahre die Punkrock-Szene bei euch aus?

Aus Arnhem kamen die SPEEDTWINS, eine legendäre 77er-Punkrock-Band, die ein paar Singles und ein Album veröffentlicht hatten. Für uns Kleinstadt-Boys aus Doesburg war Arnhem eine Großstadt und die hatte damals schon seit 1977 eine echte Punkrock-Szene. Vor allem in der Stokvishal, einem Rock-Club im Zentrum der Stadt, fanden viele Gigs von Bands statt, die wir sehen wollten. Die SEX PISTOLS spielten dort, SIOUXSIE & THE BANSHEES, THE DAMNED, STIFF LITTLE FINGERS, UK SUBS und so weiter. Ich besuchte dort im Oktober 1978 meinen ersten Punk-Gig überhaupt und sah The CLASH.

Ich weiß, dass du als Hausbesetzer in Arnhem aktiv warst. Ihr habt dort viele Shows und andere Aktionen veranstaltet. Kannst du uns einen Einblick geben, worum es bei diesem Squat ging und was dir solche Orte bedeuteten?

Nach einer Weile wurde die Stokvishal in Arnhem abgerissen und die Punkrock-Bewegung von 1977 implodierte und es folgte die zweite Welle von Bands, die viel mehr Hardcore waren und in Bezug auf die Musik wesentlich brutaler, schneller und heftiger klangen. Wir beschlossen, ein eigenes Haus zu besetzen, wo wir Auftritte organisieren konnten und so weiter. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Punk-Bewegung nicht nur vom Aussehen und Sound her verändert, sondern auch in ihrer Herangehensweise in Bezug auf fast alles, was sich vor allem in den Bereichen Do It Yourself und Politik bemerkbar machte. Wir besetzten zweimal Häuser in der gleichen Straße, weil das ursprüngliche Squat einem Neubau weichen musste. Ich hatte viele Kontakte durch NEUROOT und es entstand eine Art Netzwerk von Bands, die auf Tour gingen, ein echtes „Network of Friends“, so wie ja auch dein Buch heißt. Ich habe zwischen 1984 und 1989/90 viele Shows im Goudvishal-Squat organisiert. Wir haben es Goudvishal genannt zur Erinnerung an die abgerissene Stokvishal. Im Nachhinein erscheinen diese Jahre als „Goldenes Zeitalter des europäischen Hardcore-Punk“ – und in vielerlei Hinsicht war es das auch. Wir haben eben alles selbst gemacht, wir haben Häuser besetzt, die wir zum Wohnen als auch für Konzerte nutzten, Tourneen und Auftritte organisiert, Fanzines herausgegeben, illegale Radiostationen gegründet, uns um den Druck und Vertrieb von Postern gekümmert und für Shows die eigene Werbung entworfen, wir haben Platten aufgenommen und vertrieben und so weiter und so fort. Wir haben viel gelernt in dieser Zeit.

Lass uns über eure Texte reden. Was waren die Themen, mit denen ihr euch damals beschäftigt habt, was war euch wichtig?

Die Texte sprechen weitgehend für sich. Die Themen reichen von unserer Anti-Haltung gegenüber der Monarchie über die Polizei bis hin zu Kapitalismus, Konformität, Demokratie, Pressefreiheit, Privatsphäre, Krieg, Faschismus, etc. Alles, was uns auf die eine oder andere Weise beeinflusst hat und worüber wir schreiben wollten.

Einige eurer Songs wurden auf Deutsch gesungen, wie „Macht kaputt“ oder „(Wir sind) Die Ratten vom Müll“. Habt ihr das mit einer besonderen Absicht getan?

Sicher, wir sind damals mit der deutschen und englischen Sprache aufgewachsen. Und einige Texte konnten wir auf Deutsch besser formulieren als auf Englisch. Wir haben uns jedoch nie vorgenommen, explizit auf Niederländisch zu singen.

Welche Bedeutung hatte das Konzept „Do It Yourself“ für euch?

Alles selbst zu machen, ist die einzige Art und Weise, die uns zur Verfügung steht und für uns der einzige Weg, um ehrlich zu sein. Sicherlich bekommen wir Hilfe von kleinen Labels und so, wofür wir sehr dankbar sind, aber die sind auch DIY, also passiert alles in einem geschlossenen Kreislauf.

Habt ihr während eures Bandbestehens in den Achtziger Jahren eigentlich viele Konzerte gespielt? Seid ihr auch auf Tour gegangen?

Wir hatten viele Auftritte in Holland, Belgien, Deutschland und Dänemark. Man könnte es auch als Mini-Touren bezeichnen. 1988 gab es dank der Hilfe von Ben vom Raising Hell Fanzine und Lee von NAPALM DEATH auch eine UK-Tour. Wir hätten vermutlich noch viel mehr Konzerte spielen können, aber wir wurden immer wieder durch den Umstand gehindert, dass wir phasenweise ohne Schlagzeuger dastanden. Das war damals für uns echt ärgerlich. Das versuchen wir jetzt wiedergutzumachen, haha!

Was war der Grund, warum ihr euch Ende der Achtziger Jahre aufgelöst habt?

Die gerade erwähnte UK-Tour war zu viel für uns gewesen, was zurückzuführen war auf reichlich internen Druck und einen Streit zwischen Wouter und Edwin. Dazu trug außerdem bei, dass unser Schlagzeuger Jaco kurz vor der Abreise beschlossen hatte, die Band zu verlassen. Die erneute Aussicht auf eine weitere Zeit ohne Schlagzeuger war selbst für mich zu viel. Nach der Tour fuhren wir nach Hause und im Van beschlossen wir, dass es das war.

Habt ihr danach noch in anderen Bands gespielt?

Edwin hat in einer Reihe von Bands Gitarre gespielt, wobei ich mich aber nicht mehr an die Namen erinnere. Wouter spielte auch noch in ein oder zwei Bands, bis er den Rock’n’Roll aufgab, um ein wiedergeborener Christ zu werden. Von H.P. weiß ich es leider nichts. Ich selbst hatte eine Band namens MOTHER gegründet, mit der wir viele Konzerte in Holland und Deutschland gespielt haben und mit URGE aus Hannover auf einer Deutschlandtournee gegangen sind.

Seit ein paar Jahren gibt es NEUROOT wieder. Was hat dazu geführt, dass ihr erneut zusammengekommen seid, und wer ist dabei? Was ist mit den ehemaligen Bandmitgliedern passiert?

Edwin und ich haben NEUROOT für einen einmaligen Beitrag zum niederländischen Sampler „Punk’s Not Deaf“ reformiert. Dazu gehörte noch ein Konzert zur Veröffentlichung des Samplers im Paradiso Club in Amsterdam. Uns gefiel die Energie des Live-Auftritts und so haben wir einfach weitergemacht. Wouter, unser ehemaliger Sänger, wollte aber wegen seiner neuen „christlichen Überzeugung“ nicht mehr mitmachen. Und unsere alten Trommler kamen sowieso nicht in Frage. Mit unserem aktuellen Schlagzeuger Ares hatten wir zuvor schon mal gespielt und das passte perfekt.

Anfang 2018 habt ihr mit „Obuy And Die“ eure erste neue Mini-LP veröffentlicht. Wie siehst du eure neuen Songs? Ich nehme an, ihr wollt nicht immer nur die alten Songs live auf der Bühne spielen.

Die „Obuy And Die“-Session sind noch mit Edwin an der Gitarre entstanden. Die eine Hälfte der Songs ist von ihm und die andere Hälfte wurde von mir geschrieben. Wir sind sehr zufrieden mit der Spannbreite, die das Album enthält. Auch live sind die Songs ein echter Genuss, denn sie sind gut und neu und unterscheiden sich ein wenig von den alten Sachen. Mit unserem neuen Gitarristen Frank und mir als Leadsänger hören sich sowohl die neuen Songs als auch die Interpretationen der alten Sachen viel frischer und knackiger an. Wir verstehen uns als eine neue Version von NEUROOT. Neue Songs zu machen, ist wirklich ein Riesenspaß und sehr aufregend.

Die Texte auf „Obuy And Die“ sind immer noch sehr aussagekräftig und an sozialen respektive politischen Themen orientiert. Welche Relevanz haben Texte heute noch für euch?

Die Texte der alten Songs sind großteils auch noch sehr relevant, obwohl sich mein Schreibstil mit der Zeit etwas verändert hat. Seit ich den Leadgesang übernommen habe, ist mir bewusst geworden dass ich es wirklich mag, alles herauszuschreien. Das wirkt kathartisch auf mich und gibt mir die Gelegenheit, meiner Frustration freien Lauf zu lassen.

Das Cover der „Obuy And Die“-LP war ungewöhnlich. Kannst du erklären, was du mit der Collage ausdrücken wolltest?

Ich habe sowohl für die Konzerte im Goudvishal-Squat in Arnhem in den Achtziger Jahren immer das Layout für die Konzertplakate gemacht als auch das ganze NEUROOT-Zeug entworfen. Ich mag Fotomontagen sehr gerne. Ich wollte die kapitalistische Konsumgesellschaft visualisieren und das, was sie letztlich hervorbringt. Ich denke, das Cover hat es gut eingefangen. Die Platte heißt „Obuy And Die“, denn solange wir der kapitalistischen Konsumgesellschaft gehorchen und weiterhin den ganzen nutzlosen Wegwerfscheiß kaufen, wird unsere Umwelt irgendwann im Arsch sein und wir dann auch.

Anfang 2018 verließ der alte Gitarrist Edwin die Band, was irgendwie einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen hat. Irgendein Kommentar dazu?

Edwin hat die Band letztes Jahr kurz vor unserer ersten Chinatour verlassen. Danach passierten noch einige unschöne Dinge.

Wer ist der neue Gitarrist von NEUROOT? Hat er zuvor in anderen Bands gespielt?

Das ist Frank, ein wirklich versierter Musiker, der viele neue Einflüsse und neue Fähigkeiten mitbringt. Er ist sehr gut im Rock-, Metal- und Punk-Bereich, aber auch im Bluesrock. Ares, Frank und ich haben früher viel zusammen gespielt. Irgendwann Anfang der Neunziger Jahre haben Frank und ich viel mit Danny, früher bei PANDEMONIUM und GORE, gejammt, dann mit meiner neuen Band MOTHER und Danny mit Dee Dee Ramone und CASPAR BRÖTZMANN. Frank und ich begannen später nach MOTHER, wieder mit Ares zu spielen, den Frank von der Schule her kannte.

Ihr seid letztes und dieses Jahr in China auf Tournee gewesen. Wie ist es dazu gekommen?

Unser langjähriger Freund Yob lebte früher in Peking und wir scherzten irgendwie herum und meinten, wir sollten mal in seiner Heimatstadt spielen. Er kannte einige Leute, die dort Gigs für uns klarmachen konnten. Schließlich haben wir es sogar geschafft und eine kleine Tour mit sieben Gigs durch Nordchina gemacht. Und dieses Frühjahr haben wir dazu noch ein paar Konzerte in Japan und Taiwan gespielt.

Wie war es, in China zu spielen?

Das war ein großartiges Erlebnis! Dort gibt es ein sehr junges und begeistertes Publikum, das kein Wort Englisch spricht. Nicht viele ausländische Bands besuchen China, daher waren wir für sie etwas Besonderes. Die schiere Größe des Landes hat uns überwältigt. Die Menschenmassen in den Städten, die Städte selbst, alles. Die kleinste Stadt, in der wir gespielt haben, hatte knapp 10 Millionen Einwohner. Täglich waren wir etwa fünf bis sechs Stunden zwischen den Städten unterwegs mit den Hochgeschwindigkeitszügen, die uns mit einer Geschwindigkeit von über 300 km pro Stunde über 1.000 bis 1.500 km weit brachten. Das waren fantastische Gigs für uns. Das Hochgeschwindigkeitsschienennetz, die Entfernungen, die Städte, die Menschen, das Essen – das war alles toll für uns.

Was steht für das Jahr 2019 als Nächstes an? Sind irgendwelche weiteren Shows oder Touren für dieses Jahr geplant?

Wie erwähnt haben wir dieses Jahr bereits wieder in China gespielt, aber auch in Taiwan und Japan. Anfang August werden wir auf dem Punk-Festival Pula Monteparadiso in Kroatien spielen, kombiniert mit einer Minitour durch Mitteleuropa und Städte wie Wien, Prag, Dresden und Leipzig. Im Oktober spielen wir ein paar Shows in Holland zusammen mit DOOM aus Großbritannien. Außerdem ist gerade unsere neue 7“ „Nazi-frei!“ mit vier Tracks erschienen, als Beilage zur neuen Ausgabe des Artcore Fanzines. Zudem ist aus Anlass unserer Asientour eine Diskografie als Doppel-CD auf einem japanischen Label erscheinen. Außerdem wird unsere 1987 erschienene LP „Plead Insanity“ von Agipunk Records in Italien wiederveröffentlicht.

Noch mal kurz zu eurer neuen 7“. Was war für dich der Anlass, mit, „Nazi-frei!“ und „No pasaran“ zwei Songs gegen Nazis zu veröffentlichen?

Die gesellschaftlichen Entwicklungen in Europa und der Welt tendieren seit einer Weile extrem gefährlich nach rechts. Ich halte es aktuell für eine reale Gefahr. Ich singe immer über die Dinge, die mich betreffen, erschrecken und wütend machen. Die Nazis haben davon gesprochen, dass sie Europa und die Welt „judenfrei“ machen wollten. Wir wollen, dass die Welt „nazifrei“ wird. Bei „No pasaran“ geht es um den populistischen faschistischen Mist, der sich um uns herum abspielt. Aus meiner Sicht geht es überhaupt nicht um Toleranz gegenüber ethnischen Gruppen, sondern um Null-Toleranz gegenüber Faschisten und Populisten. Sie akzeptieren eindeutig niemanden außer ihrer eigenen „Art“ oder noch schlimmer ihrer eigenen „Rasse“. Aber es gibt nur eine Rasse und das ist die menschliche Rasse.

Helge Schreiber

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #145 (August/September 2019)

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