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Interviews & Artikel

PUNK UND RELIGION

Die Liebe zur Musik darf nicht den Glauben bedrohen

In Ox Nr. 144 gab es Teil 1 (über Taqwacore) und 2 (mit Nader von HARAM) einer kleinen Reihe zu Punk und Religion. Wir bleiben in dieser Ausgabe beim Islam. Teil 3 beschäftigt sich mit fundamentalislamischen Strömungen im südostasiatischen Raum. Teil 4 ist wieder personenbezogen und lässt Hera Mary zu Wort kommen, eine moderat gläubige Szeneaktivistin aus Jakarta.

Beim letzten Mal bin ich schon kurz mit der Punk-Hijrah-Bewegung auf einen fundamentalistisch religiös motivierten Teil der muslimischen Punks in Indonesien eingegangen. Beeinflusst wurden die Beteiligten durch den amerikanischen Taqwacore, der eigentlich von progressiven gläubigen Muslimen in den USA ausging und mit einerseits stereotypen Islambildern den Westen und andererseits mit aggressiv rebellischem Auftreten die traditionelle muslimische US-Gemeinde provozieren wollte. Einen große Nachklang bei progressiven Muslimen in muslimischen Mehrheitsgesellschaften hat das nicht erzielt. Auch Hera Mary bestätigt das wieder im Interview in diesem Heft. Späten Applaus gab es eher aus einer nicht von den Taqwacores ursprünglich anvisierten Ecke – konservative Punks, die Punkrock zur Plattform missionarischer Tätigkeiten machen und die Nähe zu politisch motivierten muslimischen Hardlinern suchen.

Selektive Loyalität von Aktivist*innen: Punk Muslim und Komunitas Punk Muslim

In diesem Umfeld entstanden in den letzten Jahren Aktivistengruppen wie Punk Muslim in Jakarta und Komunitas Punk Muslim in Surabaya, die beide konservative islamische Verbände mit Solidaritätsaktionen und Öffentlichkeitsarbeit unterstützen. Meine Anfragen für ein Interview blieben unbeantwortet. Inwiefern das an Desinteresse, Abschottung und Sprachbarrieren liegt oder daran, dass der hebräische Vorname Daniel kein gutes Einstiegsticket bei einem solchen Vorhaben ist, bleibt Spekulation. Fakt ist, es gab keine Antwort. Deshalb bleibt dieser Teil 3 recherchelastig. Beide Gruppierungen stellen jedenfalls eine attraktive Brücke zwischen antikonformistischen Jugendlichen und der konservativen Mainstream-Religion dar. Punk Muslim beispielsweise arbeitet mit Straßenkindern zusammen, um sie durch wöchentliche Punkajian – religiöse Lehrveranstaltungen mit Musik – zu stärken, Kunstausstellungen einzurichten, kostenlose islamisch orientierte Punk-Flyer wie ,,Ramadan mit Punk Muslim“ zu veröffentlichen und soziale Wohltätigkeitsorganisationen zu supporten. Spenden werden gesammelt, Wasser und Medikamente gestiftet, technischer Support in Dörfern angeboten. Auf den ersten Blick unterscheidet sie das – abgesehen vom religiösen Bezug – nicht von den Aktivitäten der Hardcore Help Foundation. Auf den zweiten aber doch: Hilfe bekommen Muslime. Und zwar ausschließlich. Dazu kommen politische Aktionen im öffentlichen Raum, in denen öfter mit dem Kunstwort Islamophobie gearbeitet wird. Das dient im Wesentlichen dazu, einen pauschalisierten Vorwurf an den Westen, insbesondere Israel zu konstruieren und ethische beziehungsweise religiöse Konflikte auf Islamophobie zurückzuführen. Gemeint ist hier aber eher Hass auf Muslime oder Geringschätzung ihnen gegenüber. Angst vor Muslimen kommt gar nicht vor. Darum ist der Begriff Islamophobie auch sinnentleert und taugt höchstens als inhaltlich wackeliger Opferdiskurs. Nicht uninteressant deshalb, weil der Begriff auch in Deutschland kursiert, wobei nicht ersichtlich wird, worin der Unterschied zu klassischem Rassismus, kulturellem Chauvinismus oder schlicht streng säkularer oder atheistischer Einstellung besteht.

Im Fokus der Aktionen stehen die Palästinenser und die Rohingya aus Myanmar, die im Narrativ der Gruppen nur deshalb leiden, vertrieben und unterdrückt werden, weil sie Muslime sind. Eine politische Differenzierung gibt es nicht. Israel ist der Unterdrückerstaat und Kindermörder schlechthin und alleinig schuld am Konflikt. Eine historische Sicht, etwa auf die Situation nach dem ersten Weltkrieg mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches, Israels Staatsgründung, die Angriffskriege der arabischen Nachbarstaaten und die militante Hamas, deren Ziel die Vernichtung Israels ist, werden ausgeblendet. Teilweise findet sich dieses Ausblenden auch in der westlichen Linken wieder, insbesondere in der „BDS“-Kampagne („Boycott, Divestment and Sanctions“) gegen Israel. Selbst Judith Butler, Gender-Ikone aus den USA, fabulierte zweitweise davon, dass der Kampf der Palästinenser und der Hamas Teil der Internationalen Linken sei. Fragt sich, inwieweit Anhänger*innen der straff militärisch organisierten Hamas offen für das Konzept des Gender-Mainstreaming und Diversity-Managements sind. Auch separatistische Bestrebungen und der versuchte Staatsstreich bewaffneter Rohingya sowie ihr konzertierter Angriff auf mehrere Polizeistationen und Kasernen in Myanmar im Vorfeld der Vertreibungen durch das Militär bleiben unerwähnt. Damit konstruieren Punk Muslim und Komunitas Punk Muslim in ihren Aktionen ein dichotomes Täter-Opfer-Weltbild. Punkrock wird dabei als Honeypot der islamischen Bekehrung genutzt. Diese Nähe zum religiösen Mainstream konterkariert eigentlich völlig den subversiven Geist von Punkrock. Der Punk-Islam hat sich eher an die kulturellen Gegebenheiten in Indonesien angepasst und ist selbst Teil des Mainstream geworden. Aus Sicht der konservativen religiösen Führer wahrscheinlich ein nützlicher Idiot.

Fundamentalistische Propaganda: Nazis und Islamist*innen in trauter Zweisamkeit

Beide Gruppierungen, Punk Muslim und Komunitas Punk Muslim, bekunden online Sympathien für das sogenannte One Finger Movement (Salam satu jari), das ideologisch noch eine Spur härter zur Sache geht. Der erhobene Zeigefinger, entweder einer Hand oder beider Hände, symbolisiert den Glauben an den einen wahren Gott unter Fundamentalist*innen. Das One Finger Movement ist ein Sammelbecken für verschiedene Arten extremer Musik. Vor Punk und Hardcore dominiert Metal. Die Band TENGKORAK aus Jakarta ist ein kommerziell recht erfolgreicher Vertreter von islamisch orientierten Extrem-Metal-Bands, die konservative islamische Organisationen wie die Front Pembela Islam (Islamic Defenders Front) unterstützen. Eine Gruppe, die Gewalt gegen kulturelle Einrichtungen, Liberale und Mitglieder religiöser Minderheiten angewandt hat und die eine Schlüsselrolle in der Hinwendung zum religiösen Konservatismus in Indonesien ist. Neben Indonesien ist das One Finger Movement verstärkt in Malaysia aktiv. Auch hier wieder das gleiche Schema: traditionell antikonformistische Metal- und Punk-Subkulturen entwickeln sich in die komplett andere Richtung. Man eignet sich westliche Stile und Symbole an und dekontextualisiert diese in fundamentalistische, islamische Propaganda. TENGKORAK sprechen in Interviews offen an, dass ihre inhaltliche Zielsetzung ist, den Fans klarzumachen, dass man Metal als Musik mögen kann, den damit einhergehenden westlichen Lebensstil aber ablehnen soll. Gottgefälliger Metal ohne blasphemische Symbolik eben. Neben religiösem Sendungsbewusstsein ist der Antizionismus ein selbstbenanntes zentrales Element der Agenda des One Finger Movements. Eine Koexistenz in Form einer Zweistaatenregelung mit Israel und Palästina wird abgelehnt, Israel das Existenzrecht abgesprochen. Wie kann man eigentlich die Existenz von etwas negieren, das schon existiert? Das tut man auf Flyern und online so kund. Dazu gesellt sich eine frappierende Offenheit gegenüber Verschwörungstheorien. Das OFM sieht sich nicht nur im Kampf gegen Israel, sondern auch gegen die Freimaurer, Illuminaten und Satanisten.

Die Öffentlichkeitsarbeit des OFM ist gut organisiert. Auf YouTube finden sich etliche Konzertmitschnitte, Lyrics-Videos und Interviews der Protagonist*innen und ein gutsortiertes Onlinemerch (jogjadistromuslim.blogspot.com) gibt es auch, was wohl auch eine gute Einnahmequelle ist. OMF-Aktivist*innen präsentieren sich auf Gruppenfotos neben den obligatorischen Israel- und Palästinafahnen auch mit mit solchen, auf denen das muslimische Glaubensbekenntnis mit gekreuzten Maschinengewehren zu sehen ist oder – weniger subtil – mit Flaggen des so genannten Islamischen Staates (IS). Sind Punk Muslim und Komunitas Punk Muslim eine Art missionierende Sozialprojekte mit Hang zum simplifizierenden Sündenbockfinden, betreibt das One Finger Movement knallharte islamistische Politpropaganda und ist offen militaristisch.

In Singapur hat sich darüber hinaus eine kleine NS-Metal- und Hardcore-Szene entwickelt, die offen mit NS-Symbolen operiert und – wie im Falle der Band PHENOMISTIK – proklamiert, nationalsozialistische Ideale seien nicht das Vorrecht der Weißen, sondern perspektivisch gesehen für alle zweckmäßig. In Malaysia hat diese Idee auch erste Abnehmer*innen gefunden. Darah Dan Maruah Tanah Melayu (Blut und Ehre des Malayischen Landes) nennt sich eine Verbindung, die Nazi-Symbole mit malaiischer Folklore verbindet. Im Gegensatz zu internationalen Musiksubkulturen wie White Power und Rock Against Communism findet Darah Dan Maruah in kleinem, konspirativem Rahmen bei privaten Auftritten statt, deren Standorte geheimgehalten werden. Die Bewegung wird durch ein starkes Kontingent antifaschistischer Skinhead-Gruppen und Unterstützer bekämpft, die den antirassistischen Idealen der globalen Skinhead-Punk-Community folgen.

Konservatives Mainstreaming der Szenen

Insgesamt sind in Indonesien, Malaysia und Singapur die meisten Punkbands und Veranstaltungsorte antirassistisch und multiethnisch eingestellt. Nichtsdestotrotz bezeichnen sich auch diese oben angesprochenen Protagonist*innen als Metalheads oder Punks. Ein historischer Einzelfall ist das nicht, denke man nur an die Unterwanderung der multikulturellen Skinhead-Kultur seitens der britischen National Front. So gesehen sind TENGKORAK so etwas wie die SKREWDRIVER der Islamisten-Szene. Also geht es über den Umweg der Religion zurück zur Politik. Ist das vergleichbar mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung? Betrachtet man die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen Indonesiens in den letzten knapp dreißig Jahren, fällt auf, dass Subkultur und Mainstream sich ähnlich entwickeln. Punkrock erlebte ab Ende der Neunziger Jahre in Indonesien einen Boom. Das politische Klima war gut, nachdem der autoritäre Präsident Suharto 1998 entmachtet wurde und schnelle soziale, wirtschaftliche und politische Veränderungen spürbar waren. Linke und anarchistische Ideen kamen auf den Plan und Punk als Subkultur bot einen Anknüpfungspunkt. Hikmawan Saefullah, ein Subkultur-Forscher aus Bandung, glaubt, dass die Hinwendung des indonesischen Underground zum konservativen Islam eine Folge des Fehlens einer starken linken Präsenz in der lokalen Musikszene sei. Teilweise könnte dieser Mainstreaming-Prozess eine Folge der Beliebtheit der extremen Musik in Indonesien sein.

Punk und Metal sind in Indonesien angekommen. Ihre Hartnäckigkeit hat ihnen ein gewisses Maß an Akzeptanz in der Bevölkerung beschert. In Malaysia hingegen gilt Rock- und Popmusik weitgehend als unerwünscht (haram!) aus Sicht der Parti Islam Se-Malaysia (Pan-Malaysian Islamic Party). Und das obwohl sich dort schon in den frühen Achtziger Jahren eine erste Szene für extreme Musik entwickelt hat. Ab 2001 begann die malaysische Regierung damit, Underground-Gigs zu verbieten und Musiker und Fans zu verhaften. Vorwurf: Verbreitung von Satanismus. Noch 2016 sagte die bekannte Punkband DUM DUM TAK aus Kuala Lumpur ein Interview mit der BBC ab, weil sie staatliche Repressalien befürchtete. Der religiöse Rollback und der wieder erstarkende Einfluss von Religion auf die Politik liefert den Nährboden für ein Mainstreaming von Teilen der Punk-Szene. Ähnlich wie im Zusammenhang mit klassischen Verschwörungstheorien im Punk wird auch hier konservativ Althergebrachtes als subversiv umetikettiert. Eine Mogelpackung! Religion, in diesem Fall der Islam, wird entweder sinnstiftendes Element oder zumindest ein Tabubereich, der selbst in progressiveren Teilen der Szene geachtet und ausgeklammert wird. Der malaysische Fanziner und Metalhead Rammy Azmy bringt das so auf den Punkt: ,,Islam is never against entertainment: God knows that humans socialize and need enjoyment. [...] But as a Muslim, I also have to revise the way I love metal, and I now try my best not to write and compose anything that could harm my faith.“ (Quelle: asia.nikkei.com/Life-Arts/Arts/Punk-and-metal-bands-riff-on-conservative-Islam). Der gemeinsame Nenner von moderat Gläubigen und religiösen Hardliner*innen ist demnach, dass die Liebe zur Musik den Glauben nicht bedrohen darf.

Daniel Schubert

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #145 (August/September 2019)

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