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Interviews & Artikel

TITUS ANDRONICUS

Heartland Oi!

Es gibt Bands, die wertschätzt man seit Jahren, hat sie ewig auf seiner Interview-Liste, es wird aber nie was daraus. TITUS ANDRONICUS, die von Patrick Stickles 2005 in New Jersey gegründete Band, ist so ein Fall. Fünf Alben veröffentlichte er mit unterschiedlichen Musikern seit 2008, im Juni kam mit „An Obelisk“ das sechste hinzu, das ich nun endlich zum Anlass nahm, Patrick ein paar Fragen zu schicken, woraufhin er mich mit enorm eloquenten Antworten beglückte.

Patrick, ich habe gerade noch mal meine Rezension zu eurem ersten Album „The Airing Of Grievances“ gelesen. Damals habe ich mich gefragt, warum so viele junge Bands ihre Liebe zu Bruce Springsteen zu entdecken schienen. Lag ich damit völlig daneben in eurem Fall?


Ich kann nicht leugnen, dass ich in meiner Jugend viel Bruce Springsteen gehört habe, und diesen Einfluss spürt man besonders auf unseren ersten beiden Platten. Ich habe aberr das Gefühl, dass sein Einfluss auf das Werk von TITUS ANDRONICUS weitgehend überbewertet wurde. Aber weil TITUS ANDRONICUS wie Bruce aus New Jersey stammen, einem Bundesstaat, über dem in Sachen Rockmusik Bruce’ langer Schatten liegt. Auf TITUS ANDRONICUS-Platten spielt auch das Klavier immer eine große Rolle und viele assoziieren dieses Instrument gleich mit Bruce Springsteen – ich finde das albern und man übersieht so den Einfluss von Künstlern wie Billy Joel, Little Richard oder Elvis Costello, um nur drei zu nennen. Wirklich, wenn Bruce etwas zu der Art von „Rock“ beigetragen hat, den wir zu spielen versuchen, dann dass er uns gezeigt hat, wie man es schafft, die Alltäglichkeit des Lebens des einfachen Menschen in einer mitreißenden, leinwandtauglichen Größe darzustellen, und wie er den Einzelnen in all seiner fehlerbehafteten Menschlichkeit wertschätzt.

In eurem Kontext stieß ich auf die in Deutschland unbekannte Genre-Bezeichnung „Heartland Rock“, zu dem unter anderem Bruce Springsteen, Tom Petty und Bob Seger gezählt werden. Einige möchten dieses Label auch TITUS ANDRONICUS verpassen. Richtig, falsch oder egal?

Für mich ist „Heartland Rock“ das unprätentiöse Gegengift für Bands wie zum Beispiel LED ZEPPELIN. Bands und Musiker, die sich als Abgesandte einer mystischen Welt präsentieren, die weit entfernt über uns schwebt wie Art Rock’n’Roll-Olymp. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber wenn ich sehe, wie Robert Plant aus einem Privatjet aussteigt und sich in seinem rüschen- und goldbesetzten Gewand auf einen weißen Hengst setzt, denke ich nicht sofort: Dieser Mensch teilt meine täglichen Sorgen und Befürchtungen. Natürlich werden die erwähnten Herren Springsteen, Petty und Seger diese Ängste an den meisten Tagen auch nicht teilen. Bruce hat selbst zugegeben, sein Auftreten sei das „eines reichen Mannes im Hemd eines armen Mannes“. Glücklicherweise brauche ich mir über so was keine Sorgen zu machen, denn ich bin im Vergleich zu vielen anderen Rockmusikern ziemlich arm. Vom „Heartland Rock“ könntest du, wenn du wolltest, eine gerade Linie ziehen zum anderen wichtigen musikalischen Einfluss unserer neuen Platte „An Obelisk“, nämlich zum englischen Punkrock der zweiten Welle oder eben Oi!. Beide Genres versuchten auf ihre Weise, die Kraft und die Möglichkeiten des Rock zurückzugewinnen, um die Anliegen des gewöhnlichen Menschen „auf der Straße“ zu veranschaulichen. Natürlich blieb dies oft eine Illusion, insbesondere für die von dir erwähnte erste Liga der „Heartland-Rocker“, deren Probleme längst nichts mehr zu tun haben mit denen von uns Normalsterblichen, um die es bei mir geht.

Da dies das erste Interview mit dir im Ox ist, bitte einen kurzen Überblick über die Höhen und Tiefen der 14-jährigen Bandgeschichte.

TITUS ANDRONICUS wurden im Frühjahr 2005 gegründet, letztlich als Versuch, meine Jugend zu verlängern. Es begann damit, dass ich und einige Freunde aus Highschool-Zeiten es in einer Garage krachen ließen und im Grunde genommen ein komplettes Chaos anrichteten, sowohl akustisch als auch wörtlich. Im Sommer spielten wir schon unsere erste Show und nahmen unsere erste EP auf, die wir später auf CD vertrieben. Von dort an gab es immer wieder kleine Ziele, die jeweils auf vorherige „Errungenschaften“ aufbauten, so wie sie eben kamen. Nachdem wir eine CD veröffentlicht hatten, fragten wir uns, ob wir nicht eine 7“ veröffentlichen könnten – nachdem wir dann eine 7“ veröffentlicht hatten, fragten wir uns, ob wir auch eine 12“-LP veröffentlichen könnten. Nachdem wir auf eine siebentägige Tour gegangen waren, fragten wir uns, ob wir auf eine Tour gehen könnten, die einen Monat dauerte. Nachdem wir eine 12“-LP herausgebracht hatten, fragten wir uns, ob wir eine zweite rausbringen könnten und so weiter und weiter ... In manchen Zeiten fühlten wir uns wie Könige, in anderen Augenblicken waren wir völlig niedergeschlagen. Es gab mindestens drei konkrete Momente, in denen es absolut gerechtfertigt gewesen wäre, mich für einen vorzeitigen Ruhestand im Rock’n’Roll-Geschäft zu entscheiden. Es gab genauso viele Momente oder noch mehr, die mich in meinem Glaube an meine Mission bestärkten. Heute wie damals messe ich den Erfolg an einzelnen Tagen. Jeder neue Tag, an dem ich aufwache und meinen künstlerischen Ambitionen nachgehen kann, ist eine Belohnung und ich werde weitermachen, solange mir die Unterstützung des Publikums das erlaubt.

Liege ich falsch, wenn ich sage, dass TITUS ANDRONICUS deine Band ist? Es gibt eine ziemlich lange Liste von ehemaligen Bandmitgliedern.

Ich habe immer versucht, TITUS ANDRONICUS als „anständige“ Band zu leiten, in dem Sinne, dass ich nicht wahllos Leute entlassen und schnell ersetzt habe. Tatsächlich habe ich noch nie einen der anderen Musiker rausgeworfen. Manche waren einfach ausgebrannt und haben selbst entschieden aufzuhören. Ich lege auch Wert darauf, Vollzeit-Mitglieder anzuheuern, anstatt eine rotierende Besetzung von Teilzeit- oder Tourmusikern zu haben, die ich nach Lust und Laune abholen und entsorgen kann. Ich wollte immer, dass man sich bei TITUS ANDRONICUS möglichst wie ein Club- oder Gang-Mitglied fühlt, so wie es bei Rockbands üblich ist. Das basiert auch immer auf der Grundlage echter persönlicher Beziehungen untereinander, die über die Musik hinausgehen. Mit den derzeitigen Mitgliedern von TITUS ANDRONICUS bin ich seit Ewigkeiten eng befreundet, lange bevor wir jemals so intensiv zusammen Musik gemacht haben. Gleichzeitig ist es keine Demokratie und ich habe noch immer das letzte Wort in künstlerischen wie geschäftlichen Angelegenheiten. Ich versuche, alle Mitglieder mit Respekt zu behandeln und ich greife gerne auf ihr Fachwissen in bestimmten Angelegenheiten zurück, aber letztendlich gilt „the buck stops here“, ich trage die Verantwortung, wie wir in Amerika sagen. Das alles in der richtigen Balance zu halten, ist nicht einfach. Aber seit über drei Jahren hat keiner mehr TITUS ANDRONICUS verlassen, also bin ich wohl auf einem ziemlich guten Weg und hoffe, dass es so bleibt. Irgendwann wird wahrscheinlich wieder jemand aufhören und ich muss sehen, wie es weitergeht, wie schon so oft in der Vergangenheit. Die Alternative wäre, mein Lebenswerk aufzugeben – und das ist keine Option.

Die Deutschen sind mit Shakespeare nicht so vertraut wie Menschen im englischsprachigen Raum. Kannst du uns also erklären, was der zwanzigjährige Patrick im Sinn hatte, als er den Titel von „Shakespeares blutigstem und gewalttätigstem Werk“, so Wikipedia, als Namen für seine Band wählte?

Das Schauspiel „Titus Andronicus“ ist einzigartig unter den Werken Shakespeares. Dank ihm hat das Stück einen hohen Rang im literarischen Kanon, denn Shakespeare ist dem Ideal der „hohen Kunst“ wohl sehr nah gekommen. Gleichzeitig ist es, wie du sagst, „blutig und gewalttätig“, wodurch es in eine Kategorie mit Werken wie „Texas Chainsaw Massacre“ und anderen Slasher-Streifen fällt, die allgemein als „Low Art“ angesehen werden. Diese Gemeinsamkeit zwischen „High Art“ und „Low Art“ am Beispiel von „Titus Andronicus“ ist die Art von Platzierung, von der ich glaubte, dass eine große Rockband danach streben sollte, sie für sich zu beanspruchen. Ja, wir wollen hart rocken und uns an dem semistumpfsinnigen, heidnischen Ritual beteiligen, das Rockmusik ist – aber es gibt auch eine Botschaft an die Kunst, eine literarische Agenda am Arbeitsplatz, in den Texten und übergreifenden Konzepten der Platten. Ich wollte, dass TITUS ANDRONICUS hinsichtlich der Kopf- und Bauch-Impulse dem Theaterstück „Titus Andronicus“ ebenbürtig ist.

Du warst zwanzig, als du die Band gegründet hast, also gerade raus aus der Highschool. Wenn dieses Interview erscheint, bist du 34. Bedauerst du rückblickend, dass du dieses Leben gewählt hast und keine „normale“ Karriere? Was hätte diese Karriere sein können? Und tust du noch etwas anderes, als Musiker zu sein?

Ich bedaure das jedes Mal, wenn ich mir mein Bankkonto ansehe. Ich mache mir Sorgen, wann immer ich in die Zukunft blicke, weil ich weiß, dass da keine Rente auf mich wartet, weil ich weiß, dass ich keine Gewerkschaft, kein Sicherheitsnetz, keine echte Arbeitsplatzsicherheit habe. Ich lebe und sterbe durch die Unterstützung meines Publikums, und wenn sie sich dafür entscheiden, diese Unterstützung zurückzuziehen, werde ich in großen Schwierigkeiten geraten. Hätte ich einen anderen Karriereweg eingeschlagen, hätte ich vielleicht diese Sorgen nicht in dem Maße, wie ich sie jetzt habe, aber ich stelle mir vor, dass ich auch unter einem Mangel an Erfüllung und persönlicher Handlungsmacht leiden würde. Der Job des Rockmusikers ist der einzige, den ich in den letzten elf Jahren ausgeübt habe, und in dieser Zeit hatte ich keinen anderen Chef als mich selbst, niemand hat mir gesagt, was ich tun soll oder was nicht. Das ist für mich vorerst wertvoller als eine Krankenversicherung.

Genau wie FUCKED UP hast du 2015 ein Album als „Rock-Oper“ veröffentlicht, nämlich „The Most Lamentable Tragedy“. Du beschriebst es einst als „komplizierte Metapher über manische Depressionen, die Elemente von Philosophie, Psychologie und Science-Fiction durch die Misere der inneren Dämonen eines gestörten Protagonisten verschmelzen lässt“. Wie viel von dir steckt in einem TA-Album, wo ist für dich die Grenze zwischen Fiktion und Tatsache?

Ich möchte klarstellen, dass ich, obwohl mir dieses Zitat oft zugeschrieben wird, dies nie wirklich gesagt habe. Das sind die Worte eines Journalisten des „Daily Missoulan“, einer Lokalzeitung aus Missoula, Montana, dem ich zum ersten Mal meine Pläne für eine Rock-Oper offenbarte. Obwohl ich das so nie gesagt habe, ist dies eine passende Einschätzung der Ziele dieses Albums. Der „Science-Fiction“-Blickwinkel manifestierte sich letztlich nicht so sehr – der Erzähler zeigt sich ohne all diesen Kram als ausreichend illusioniert. Auf den ersten drei TITUS ANDRONICUS-Alben bin ich der Erzähler, und du solltest meine Worte so wahrnehmen, als ob du und ich persönlich miteinander sprechen würden und ich dir mehr oder weniger persönliche Details meines Lebens offenbare. Das vierte Album, die Rock-Oper, ist nicht so. Sie ist ein fiktives Werk und die Texte sind die Worte des Erzählers, einer fiktiven Figur, nicht die Worte von mir, Patrick Stickles. Unsere neue Platte „An Obelisk“ ist auch so, ein fiktives Werk, das einen anderen Erzähler als mich selbst nutzt. Aber wie die Rock-Oper haben der Erzähler und ich viel gemeinsam, er ist im Grunde genommen ein Gefäß für meine Emotionen und Erfahrungen. Ich denke, wir sind uns alle einig, dass ein Schriftsteller nur darin kompetent ist, über seine eigenen Erfahrungen zu schreiben – ich bin nicht anders. Ich mag es, einen Erzähler zu benutzen, weil es mir erlaubt, die Falle zu vermeiden, dass der Zuhörer glaubt, dass ich mich selbst aufwerte und jedes meiner Worte so präsentiere, als wären es zwingende Anweisungen, wie du dein Leben leben solltest. Ich möchte, dass der Zuhörer das Gefühl hat, dass er sieht, wie sich der Erzähler entwickelt und wächst. Die Emotionen und die Perspektive des Erzählers dürfen nicht statisch sein, sonst wird niemand etwas lernen. Es wäre reine Unterhaltung, eine weitere Ablenkung vom Terror des Alltags in unserer modernen Gesellschaft. Das Leben ist eine Abfolge von Momenten, und die Emotionen, die wir in jedem dieser Momente erleben, sind bedeutsam. Bei einem Song wie „(I blame) society“ vom neuen Album zum Beispiel liegt der Erzähler nicht gerade „falsch“, wenn er seine verdammenden Anschuldigungen gegen das System vorbringt, aber er ist auch unwissend über seine Mitwirkung daran. Er hat ein gewisses Verständnis für die Welt um ihn herum, aber er hat noch viel zu lernen, und im Laufe des Albums wird er genau das tun. „Dimed Out“, aus der Rock-Oper, ist genauso. Obwohl es die Hymne eines Wahnsinnigen ist, die es feiert, die ganze Nacht aufzubleiben und Drogen zu nehmen, wird der Erzähler einen hohen Preis dafür zahlen müssen, dass er diesen Impulsen frönt. Das werden die Zuhörer verstehen, wenn sie das Album als eine einzige, zusammenhängende Aussage betrachten. Der Kontext zählt, und bevor wir verstehen, was eine Person dazu bringt, die ganze Nacht wach zu bleiben und Drogen zu nehmen, werden wir nicht in der Lage sein, dieses Problem zu lösen.

Auf dem letzten Album „A Productive Cough“ gab es diesen wunderbaren Song „Crass Tattoo“. Kannst du uns sagen, was dieses Tattoo für dich bedeutet?

Als ich mir diese Tätowierung stechen ließ, war ich 24 Jahre alt und hatte gerade erst von der legendären britischen Anarcho-Punk-Band CRASS aus dem wunderbaren Buch von George Berger „The Story of Crass“ erfahren. Indem ich ihr Logo dauerhaft an meinem Körper angebracht habe, versuchte ich, mich täglich an die Werte zu erinnern, die in dem großartigen Buch und in der Arbeit dieser großartigen Band beschrieben sind. Für mich laufen sie auf ihren berühmten Satz „There is no authority but yourself“ hinaus. Systeme der externen Autorität sind willkürlich und etabliert, um die alltägliche Person zu unterwerfen und zu entmachten. Als Punk liegt es in meiner Verantwortung, dies zu erkennen und die Verantwortung zu übernehmen, meine eigenen Werte und Glaubenssysteme ständig neu zu bewerten. Beim Song „Crass Tattoo“ schaue ich mir die Tinte fast zehn Jahre nach dem Datum des Stechens an und frage mich, ob ich die Kraft habe, die mir von meinem jüngeren Selbst aufgetragene Mission weiterzuführen. Die Last des Versuchs, ein menschenwürdiges Leben in der Gesellschaft – insbesondere in unserem kapitalistischen Patriarchat nach amerikanischem Vorbild – zu führen, wird mit jedem Jahr schwerer und schwerer. Es wird immer verlockender, „sich untreu zu werden“, in der Hoffnung, ein Leben zu erreichen, das „komfortabler“ ist, das weniger von Sorge und Leid erfüllt ist. Indem ich so tätowieren ließ, wollte ich es meinem späteren Selbst erschweren, in diese Falle zu tappen. Heute schaue ich mir die Tätowierung an und versuche mich daran zu erinnern, wie es sich anfühlt, diese Person zu sein, die so voller Vertrauen, so trotzig und unerschrocken war. Diese Person lebt noch in mir und ich muss sie ehren, auch wenn ich alt und nachgiebig werde.

„An Obelisk“ wurde von Bob Mould produziert. Was hat er für das Album getan?

Zum einen hat Bob Mould die Grundlage für das geschaffen, was wir Alternative Rock nennen könnten, das Genre, in dem TITUS ANDRONICUS arbeiten. Grundsätzlich ist jede Musik, die eine eingängige Melodie auf eine verzerrte Gitarre legt, um eine subversive Agenda voranzubringen, Bob Mould und seinem Lebenswerk verpflichtet. Bob Mould hat eine Vorlage für eine lange Karriere voller Leidenschaft und Integrität vorgelegt, wie ich es auch zu tun beabsichtige. Über vierzig Jahre lang hat er getan, was er wollte, wann er wollte, nur seinem eigenen hohen Qualitätsstandard verpflichtet, und das hat ihm das Vertrauen und die Loyalität seines Publikums eingebracht. Diese Unterstützung wiederum ermöglicht es ihm, seinen Arbeit fortzusetzen und weiter auszubauen. Das macht ihn zu einem mächtigen Vorbild für einen Typen wie mich. Mit der Produktion von TITUS ANDRONICUS konnte Bob Mould uns im Grunde genommen in ein System einbinden, das er über die Jahre als Produzent seiner eigenen Platten hinweg perfektioniert hat. Ebenso wie die gelegentlichen Aufnahmen für andere Künstler, wie zum Beispiel SOUL ASYLUM. Platten machen – insbesondere gitarrenorientierte, aggressive Punk-Platten –, ist einfach etwas, von dem dieser Mann etwas versteht. TITUS ANDRONICUS wissen nicht, wie man Platten macht – wir wissen, wie man sich betrinkt und entspannt, was nichts ist, was man als Mensch mit irgendeiner Art von Selbstachtung in Anwesenheit eines Mannes wie Bob Mould tut. Es war diese Kombination aus Bob Moulds hart erarbeiteter Expertise und unserer eigenen Angst, ihn zu enttäuschen und uns damit zu blamieren, die die Methodik bestimmte, mit der wir „An Obelisk“ gearbeitet haben. Weil Bob Mould das Gewicht seines eigenen Rufs erkennt und wusste, dass uns das auch bewusst war, musste er damit nicht herumwerfen, als wäre er eine Art große Nummer. So konnte er uns mit viel Respekt und Hochachtung behandeln, ohne etwas an der Identität der Band ändern zu wollen. Die Dinge, die er uns anbot, waren Disziplin, Struktur und Inspiration.

Ihr habt konsequenterweise einen Obelisken auf dem Cover von „An Obelisk“, ein ziemlich starkes Symbol. Die Ägypter benutzten Obelisken, dann die Römer, in späteren Jahren wurden sie ausgegraben und als Machtsymbole nach Europa gebracht. Einer ist in Kubricks „2001“ zu sehen, und es gibt das Washington Monument, der größte Obelisk der Welt. Was bedeutet der Obelisk für dich?

Ein Obelisk symbolisiert für mich die Gesellschaft. Zum einen ist es ein phallisches Symbol – wir leben in einer patriarchalischen Gesellschaft. Die Struktur eines Obelisken wird schmaler, wenn er sich seinem Höhepunkt nähert, was mich daran erinnert, wie der Kapitalismus Macht, Reichtum und Gerechtigkeit durch seine Zentrifugalkraft im Laufe der Zeit auf eine immer kleinere Basis stellt. Die Pyramide, die wir an der Spitze eines Obelisken sehen, lässt mich an den winzigen Prozentsatz der Bevölkerung, die herrschenden Klasse denken, die in unserem Namen die Entscheidungen trifft, die unser Leben bestimmt.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #145 (August/September 2019)

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